„Parergon“. Karl Barth über sich selbst (1938 und 1948): „Ich konnte mich auf keinem der genannten Gebiete einfach an eine gegebene Kirchenlehre und theologische Tradition anschließen, sondern mußte von der von mir für richtig gehaltenen Mitte (dem alt- und neutestamentlichen Zeugnis von der Person und dem Werk Jesu Christi) aus Alles neu durchdenken und entfalten. So stand ich tatsächlich Jahr für Jahr vor neuen und sehr aufregenden Fragen und in Untersuchungen, in deren Verlauf und Zusammenhang ich einen weiten Weg zu gehen hatte.“

„Parergon“. Karl Barth über sich selbst[1]

Von Karl Barth

Veränderung 1928-1938

Der Herausgeber von „The Christian Century“ hat mit größtem Nachdruck den Wunsch aus­gesprochen, daß die Beiträge zu diesem Thema möglichst per­sönlich und „autobio­graphisch“ gehalten werden möchten, warum sollte ich diesem Wunsch nicht entsprechen? Habe ich mich nicht oft genug mit mehr oder weniger Glück bemüht, wissenschaftlich, syste­matisch streng und überzeugend zu schreiben — auch wohl erbaulich, auch wohl erwecklich, auch wohl polemisch? warum nicht auch einmal „autobiographisch“, da ich eben Weihnachtsferien und also etwas Zeit für ein solches Parergon habe? Nur daß ich freilich nie­mandem, der mich in jenen anderen Sprachen nicht verstanden hat, versprechen kann, daß er mich nun in dieser Sprache verstehen wird!

Über die Veränderung in my thinking about religion in den letzten zehn Jahren soll ich Aus­kunft geben? Nun, mein Denken hat sich jedenfalls darin [269] nicht verändert, daß sein Ge­genstand, seine Duelle und sein Maßstab, so weit das in meiner Absicht liegen kann, nach wie vor gerade nicht die sogen. Reli­gion, sondern das die christliche Kirche, Theologie, predigt und Mission be­gründende, erhaltende und weiterführende Wort Gottes ist, das in der heiligen Schrift zum Menschen: zu dem Menschen aller Zeiten, Länder, Lebensbedingungen und Al­tersstufen redet, das Wort Gottes, das Gottes Ge­heimnis in seinem Verhältnis zum Menschen und nicht, wie es die Vokabel „Religion“ zu sagen scheint, das Geheimnis des Menschen in seinem Verhältnis zu Gott ist. In dieser Sache müssen mich auch meine amerika­nischen Leser und Freunde gänzlich unverändert finden und werden sie mich, wie ich hoffe, bis an mein Lebensende unerbittlich unverändert finden. — Aber was man heute von mir zu hören, u. zw. „autobiographisch“ zu hören wünscht, das ist etwas über die mir widerfahrene Veränderung.

Nun, dann muß ich doch wohl das Selbstverständlichste, das ich mit Allen, die hier Beiträge liefern, gemeinsam habe, zuerst nennen, weil es „autobiogra­phisch“ bestimmt das wichtigste ist: ich bin seit 1928 zehn Jahre älter geworden — älter um die Jahre, die zwischen meinem 42. und 52. Lebensjahr liegen. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß dies im Leben der meisten Men­schen — so war es jedenfalls in meinem Leben — ungefähr dies bedeutet: Man war als Zweiundvierzigjähriger hinsichtlich der Hauptlinien seines Denkens und Handelns im Großen und Ganzen mit sich selbst ins Reine gekommen. Man hatte sich den Zeitgenossen, so weit sie sich dafür interessierten, bekannt und, so weit es möglich war, verständlich gemacht. Man war in ihren Augen im Guten oder Bösen eine bestimmte Figur geworden, war man nun „ein ge­machter Mann“? Nein, nun fing das Leben merkwürdiger­weise eigentlich erst an. Denn nun kam ja erst die innere und äußere Prüfung und Bewährung der bezogenen Stellung: in der nun erst möglichen Begründung ihrer Voraus­setzungen, in der nun erst möglichen Entfaltung ihrer Konsequenzen, in der nun erst scharf und grundsätzlich werdenden Auseinandersetzung mit anderen Möglichkeiten und Figuren, in der nun erst drü­ckend werdenden Übernahme von allerlei praktischen Verantwortlichkeiten. Denn unterdes­sen sah man die Reihen der älteren Zeitgenossen, die man vorher noch gewissermaßen schüt­zend vor sich hatte, sich lichten — meine letzten noch lebenden theologischen Lehrer sind in diesen zehn Jahren gestorben und im letzten Herbst meine Mutter — und schon hörte man hinter sich die Schritte und Schrittlein von vielen Jün­geren — schon sehe ich mich selber als Vater von zwei Theologen und immer­hin als Großvater von zwei kleinen Damen, die auch schon allerhand zu sagen haben — und das Alles bedeutet: man gehört jetzt zu der Genera­tion, die für den Charakter und das Schicksal unserer Zeit vorläufig verantwortlich zu zeich­nen, die jedenfalls die Sache — der auf diesem, der auf jenem Gebiet und jeder in seinem Kreise — vorläufig zu machen hat. Insofern fing erst jetzt das eigent-[270]liche Leben an. Ich kann mich denn auch nicht erinnern, in den früheren Jahrzehnten meines Lebens so bewußt und doch auch — obwohl es sehr schwere Jahre waren — so gerne gelebt zu haben. Man hat alle Hände voll zu tun, man wirkt ungewollt fortwährend auch als Beispiel und Vorbild und weiß also nur zu gut, wozu man da ist. Man weiß, daß es jetzt ums Ganze geht. Daß das Alter naher gerückt ist und damit doch auch das, was nach den: Alter — und vielleicht doch plötz­lich schon vorher — da sein wird, kann, solange man seine Zeit und Aufgabe noch hat, doch nur dies bedeuten, daß man alle Konturen der Dinge und Menschen viel schärfer sieht, die Probleme und Nöte der eigenen Haltung und Leistung wie die der Umwelt viel lebhafter em­pfindet, daß man zu besonnener Eile, zu einer gewissen milden, aber zähen Nachdrück­lichkeit der Arbeit und der Rede aufgerufen ist. Es wird und ist jetzt alles sehr ernst. Es muß sich jetzt entscheiden, ob man, indem man dieses kurze Leben geschenkt bekam, einen Auftrag hatte, ob man ihn in und trotz seiner eigenen großen Dummheit und Verkehrtheit verstanden und ob man ihn in und trotz seiner eigenen großen Untreue als Beweis der freien Gnade Gottes dank­bar entgegen­genommen hat. — Dies ist meine Veränderung 1928-1938, sofern sie durch die natürliche Veränderung meines Lebensalters bedingt ist. Sie hat sich sehr un­merklich vollzo­gen; aber nun sie vollzogen ist, scheint sie mir sehr radikal und scheint sie mir sogar wichtiger als alles Andere zu sein. — Aber ich möchte nun aus einige Besonderheiten zu reden kom­men.

Wenn ich auf meine Auszeichnungen aus diesen letzten zehn Jahren blicke, so fällt mir äußer­lich vor allem dies auf, daß ich eigentlich erst in dieser Zeit in etwas größerem Maßstabe et­was von der Welt oder doch von Europa gesehen habe. Bis 1926 war meine persönliche Be­kanntschaft auf die Schweiz, auf größere Teile von Deutschland und auf Holland beschränkt. Erst 1929 sah ich Italien und dann in den folgenden Jahren nur einmal, zum Teil öfter. Eng­land und Schottland, Dänemark, Frankreich, Österreich (damals noch frei!), die Tschechos­lowakei, Ungarn und Siebenbürgen. Ich weiß heute nicht mehr, wie es kam, daß ich vorher meinte, in meinem Studierzimmer und in dessen nächster Umgebung so viel zu lernen und zu tun zu haben, um nach der Ferne keinen Drang zu empfinden. Es mußte wohl so sein. Jeden­falls weiß ich heute auch das nicht mehr: wie ich sein könnte, ohne daß alle jene fernen Orte, ihre Geschichte und ihre Gegenwart und ihre Menschen mehr oder weniger deutlich zu mir gesprochen haben, ohne vor allem Frankreich und England jetzt irgend wie ebenso wie die Schweiz und Deutschland in mir zu haben, ohne auch bei meiner theologischen Arbeit dau­ernd in der einen Kirche an die vielen Kirchen denken zu muffen, in denen ich so viel Echo und Mitarbeit finden durste und damit auch gewisse Mitverantwortlichkeiten zu übernehmen hatte. So habe ich in diesen zehn Jahren gewissermaßen auf eigene Faust meine „ökumenische Be­wegung“ vollzogen und bin froh darüber, es getan zu haben. Ich sehe erst jetzt an Anderen, daß es einen Unterschied der Haltung, der Aufmerksamkeit und des Einsatzes ausmacht, ob man das tut oder — in irgendeinem Nationalismus bzw. Provinzialismus besangen — nicht tut. Daß ich es tat, hat jedenfalls für mich nicht bedeutet, daß ich an dem Einen Notwendigen, wie ich es vorher in meiner Klause kennengelernt hatte, irgendetwas abzustreichen oder abzu­schwä­chen für nötig befunden hätte. Es bedeutete aber für mich den Ernst und die Freude der Verpflichtung, es als das für alle Kirchen in der einen Kirche Eine Notwendige verstehen und, soweit das meine Aufgabe sein kann, vertreten zu lernen. — Es ist mir nicht verborgen, daß der Radius meiner persönlichen Be­kanntschaft mit dem übrigen Globus nach modernen und besonders wohl auch amerikanischen Begriffen ein höchst bescheidener ist. warum ich trotz freund­licher Einladungen noch nie nach Amerika gekommen bin? Ich habe vorläufig [271] ernstliche Gründe, die mich zurückhalten, aber ich habe innerhalb der mir ge­wahrten vier­tausend Worte nicht den Raum, sie hier zu erklären. Ich bin ja auch noch nie nach Japan und nach Neu-Seeland gefahren, obwohl ich auch dort und anderwärts Freunde habe, die meine Bücher lesen und die mich durch ihre Briese und Mitteilungen, manchmal auch durch ihre Be­suche über das, was dort ist und geschieht, aus dem Laufenden halten, wer weiß, was noch aus mich warten mag? Aber ich habe mich bis jetzt durch die Regel leiten lasten, nur bei einer gewissen mir erkennbaren und einleuchtenden Notwendigkeit aus Reisen zu gehen und werde es auch wohl weiter so halten, wer mich zu sehen und zu hören wünscht, muß mir sehr deut­lich machen können, was er dabei für Absichten hat. Für den Augenblick finde ich es schon sehr schön und nützlich, wenigstens so weit, wie geschehen, über meinen engeren Lebenskreis hinaus­gekommen zu sein.

Eine schmerzliche Veränderung, die in die vergangenen zehn Jahre fällt, besteht darin, daß ich eine ganze Anzahl von Nebenmännern, Mitarbeitern und Freunden, die ich 1928 noch hatte, seither verloren habe: nicht durch den Tod, aber dadurch, daß sie und ich allmählich oder plötzlich nicht mehr aus einem Geist und in einem Sinn miteinander arbeiten konnten, daß wir sehr bestimmt auf verschiedene Wege gerieten, auf denen gehend wir uns heute im besten Fal­le nur noch von ferne grüßen können. Ich kann mich nicht beklagen, weil ich genug alte Freunde behalten und auch neue, z. T. sehr gute Freunde in derselben Zeit finden durfte. Es ist mir aber in diesem Jahrzehnt sehr deutlich vor Augen gestellt worden, daß meiner Lebens­ar­beit eine gewisse sammelnde Kraft zu fehlen, ja daß ihre geradezu eine gewissermaßen explo­sive oder jeden­falls zentrifugale Wirkung eigen zu sein scheint. Man hatte sich in dem Jahr­zehnt nach dem Weltkrieg in dem, was man meinte, wollte und wirkte, in gewissen gemein­samen Gegensätzen und auch in gewissen allgemeinen Positionen gefunden und geglaubt, sich gegenseitig Vertrauen und Unterstützung schenken zu dürfen. Aber als die Sonne höher stieg — das geschah in dem Jahrzehnt, auf das wir hier zurückblicken —, da lösten sich die Gemeinschaften, die keine ge­wesen waren, in Dunst auf . . . Hier sah ich auch unter den Jüngeren einen still zurückbleiben, dort einen lärmend, ich weiß nicht wohin, enteilen. Und da­bei mußte es wohl auch so sein, daß ich meinerseits mehr oder weniger lebhafte Beschwer­den zu hören bekam: als ob ich dem ursprünglich gemeinsamen Ansatz nicht treu geblieben sei und also nicht gehalten habe, was ich einst versprochen — während ich doch nur eben auf dem damals angetretenen Weg, wie es bei einem weg so sein muß, weitergegangen zu sein, die Gründe, den Sinn, die Konsequenzen jenes einst gemeinsamen Ansatzes besser ans Licht gestellt zu haben meine, wer hat nun recht? Es hätte wohl keinen Sinn, darüber streiten zu wollen, wenn einige 1928 noch der Meinung sein konnten, daß man es in der sogen. „dialekti­schen Theologie“ („Barthianisme!“) mit einer „Schule“ zu tun habe, zu der man als Anhänger oder Gegner summarisch Stellung beziehen könne, kann es heute keinen der verantwortlich Mitredenden erspart bleiben, die auf diesem Felde unterdessen in ihrer Verschiedenheit sicht­bar gewordenen Möglichkeiten als solche zu prüfen, sich also von meinen ehemaligen Neben­männern und von mir je einzeln nach seiner eigenen Entscheidung fragen zu lassen. Es ist uns gewiß allen leid, daß wir es unseren Zeitgenossen — und besonders unseren auf möglichst einfache und rasche Information bedachten amerikanischen Zeitgenossen — nicht leichter machen können.

Indem ich mir nun darüber Rechenschaft zu geben suche, inwiefern ich selbst in meiner Ar­beit mich in diesen zehn Jahren tatsächlich verändert habe, so erscheint es mir möglich, die Sache auf die Formel zu bringen: ich war etwa zu gleichen Teilen — in Wirklichkeit natürlich gleichzeitig — mit der Ver-[272]tiefung und mit der Anwendung der zuvor in den Haupt­zü­gen gewon­nenen Erkenntnis beschäftigt.

Die Vertiefung war diese: Ich hatte mich in diesen Jahren von den letzten Resten einer philo­sophischen bzw. anthropologischen (in Amerika sagt man wohl: „humanistischen“ oder „na­turalistischen“) Begründung und Erklä­rung der christlichen Lehre zu lösen. Das eigentliche Dokument dieses Abschieds ist nicht etwa die vielgelesene kleine Schrift („Nein;“) gegen Brunner von 1934, sondern das 1931 erschienene Buch über den Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, das ich von allen meinen Büchern mit der größten Liebe ge­schrieben zu haben meine und das in Amerika wohl gar nicht und auch in Europa von allen meinen Bü­chern am wenigsten gelesen worden ist. Das posi­tive Neue war dieses: ich hatte in diesen Jahren zu lernen, daß die christliche Lehre ausschließlich und folgerichtig und in allen ihren Aussagen direkt oder indirekt Lehre von Jesus Christus als von dem uns gesagten lebendigen Wort Gottes sein muß, um ihren Namen zu verdienen und um die christliche Kirche in der Welt zu erbauen, wie sie als christliche Kirche erbaut sein will. Blicke ich von da aus zurück aus meine früheren Stadien, so kann ich mich jetzt wohl fragen, wie es möglich war, daß ich das nicht schon viel früher gelernt und entsprechend gesagt habe, wie ist doch der Mensch so langsam, gerade wenn es um die wichtigsten Dinge geht! Man wird, um den Sinn und die Tragweite der damit eingetretenen Veränderung zu sehen und zu verstehen, die beiden 1932 und 1938 erschienenen ersten Bände meiner „Kirchlichen Dogmatik“ einiger­maßen studieren müssen. (Ihr wollt nicht so viel lesen? Ich mute es niemandem zu, das zu tun; doch kann ich nicht sagen, daß ich es richtig finde, wenn Leute über etwas reden, das sie nicht ordentlich studiert haben.) Meine neue Aufgabe war, alles vorher Gesagte noch einmal ganz anders, nämlich jetzt als eine Theologie der Gnade Gottes in Jesus Christus durchzudenken und aus­zuspre­chen. Ich kann nicht verschweigen, daß ich in der Bearbeitung dieser Aufgabe — ich möchte sie als christologische Konzentration bezeichnen — zu einer in erhöhtem Sinne kriti­schen Auseinandersetzung mit der kirchlichen Tradi­tion, auch mit den Reformatoren, auch mit Calvin geführt worden bin. Und ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich in dieser Kon­zentration alles viel klarer, unzweideutiger, einfacher und bekenntnismäßiger und zugleich doch auch viel freier, aufgeschlossener und umfassender sagen konnte als vorher, wo ich — weniger durch die kirchliche Tradition als durch die Eierschalen einer philo­sophischen Syste­matik — mindestens teilweise gehemmt war. — Ich weiß, daß diese Veränderung Vielen gar nicht gefallen hat. Man hat mir vorgeworfen, ich hätte mich nun gänzlich hinter eine „chinesi­sche Mauer“ zurückgezogen und sei infolgedessen „äußerst uninteressant“ (dieses Urteil kam aus Amerika!) ge­worden. Zu dieser letzten Feststellung kann ich kaum etwas sagen, wohl aber muß ich sagen, daß die Sache mit der chinesischen Mauer jedenfalls von mir aus gesehen sehr rätselhaft ist. Denn merkwürdigerweise war es so, daß ich gerade in diesem Jahrzehnt und al­so im Zuge dieser Veränderung Zeit und Lust gefunden habe, mich viel mehr als früher auch mit der allgemeinen Geistes­geschichte zu beschäftigen, auf zwei Italienreisen das klassische Altertum zu mir reden zu lassen, wie es das vorher nie getan hatte, ein neues Verhältnis z. B. zu Goethe zu gewinnen, zahlreiche Romane — darunter viele von den ausgezeich­neten Her­vorbringungen der neueren englischen Kriminal-Romanliteratur — zu lesen, ein schlech­ter, aber passionierter Reiter zu werden usw.! Nie zuvor meine ich so fröhlich in der wirklichen Welt gelebt zu haben wie gerade in der Zeit, die für meine Theologie jene Vielen so mön­chisch erscheinende Konzentration mit sich brachte. Ich weiß nicht, welche Diagnose die Psychologen mir daraufhin zuwenden werden. Und ich muß fast fürchten, daß ernste Christen es [273] daraufhin in Zweifel ziehen werden, ob meine Veränderung in dieser Zeit tat­sächlich in einer „Vertiefung“ bestanden habe. Aber wie dem auch sei und wie man es auch deuten möge: die Gefahr einer abstrakten Weltverneinung, der mich einige offenbar verfallen sehen, ist heute wohl weniger als je meine Sorge, sondern ich muß es als Tatsache registrieren, daß ich m diesen letzten zehn Jahren zugleich sehr viel kirchlicher und sehr viel weltlicher gewor­den bin.

Die Anwendung, die ich zu machen hatte, hängt mit dem Namen Hitler aufs engste zusam­men. Ich saß 1928 um diese Zeit an diesem gleichen Schreibtisch in einem kleinen mir gehö­rigen Hause in Münster in Westfalen: ein preußischer Professor und, nach sieben Jahren, die ich damals in Deutsch­land zugebracht, beinahe schon im Begriff, so etwas wie ein „guter Deutscher“ zu werden, wieder sieben Jahre später aber, 1935, war ich, inzwischen von Mün­ster nach Bonn übergesiedelt, mitten aus meiner dortigen schönen Unter­richtsarbeit heraus abgesetzt und entlassen und befinde mich heute wie ein aus dem Sturme vorläufig geretteter Schiffer — ich hätte es mir damals nicht träumen lassen — hier in meiner Vaterstadt Basel. Zwischen damals und heute kam es nun allerdings zu einer erheblichen Veränderung meiner Haltung und Betätigung: nicht hinsichtlich des Sinnes und der Richtung meiner Erkenntnisse, wohl aber hinsichtlich ihrer Anwendung. Und diese Veränderung verdanke ich dem „Führer“! — Was geschah? Es geschah zunächst — das muß man sich bei dem Ganzen vor Augen hal­ten — eine riesenhafte Offenbarung der menschlichen Lüge und Brutalität auf der einen und der menschlichen Dummheit und Angst auf der anderen Seite. Und es geschah sodann dies, daß die deutsche Kirche, der ich als Mitglied und Lehrer angehörte, im Sommer des Jahres 1933 angesichts des Erfolgs des Nationalsozialismus und unter der suggestiven Macht seiner Ideen hinsichtlich ihrer Lehre und Ordnung in die größte Gefahr geriet, einer aus Christentum und Deutschtum wunderlich ge­mischten neuen Häresie, der Herrschaft der sogen. „Deutschen Christen“, zu verfallen. Es geschah weiter dies, daß ich die Vertreter der anderen (liberalen, pietistischen, konfessionellen, biblizistischen) theologischen Schulen und Rich­tungen in Deutschland, die vorher auf Ethik, Heiligung, christliches Leben, praktische Entscheidung usw. im Gegensatz zu mir so großes Gewicht gelegt hatten, jene Häresie z. T. offen bejahen, z. T. ihr gegenüber eine merkwürdig neutrale und tolerante Haltung einnehmen sah. Und es geschah weiter, daß ich, da so viele zustimmten und niemand ernsthaft protestierte, selber nicht gut schweigen konnte, sondern es unternehmen mußte, der gefährdeten Kirche das Nöti­ge zuzurufen. Das war nun wohl das, was man in Amerika eine experience nennt und als sol­che so hoch schätzt. Aber wie war es mit dieser experience? Ich hatte doch in jenem ersten Heft „Theologische Existenz heute“ im Juni 1933 nichts Neues zu sagen, sondern nur eben das, was zu sagen ich mich immer bemüht hatte: Daß wir neben Gott keine anderen Götter haben können, daß der heilige Geist der Schrift genügt, um die Kirche in alle Wahrheit zu leiten, daß die Gnade Jesu Christi genügt zur Vergebung unserer Sünden und zur Ord­nung unseres Lebens. Nur daß ich eben dies nun auf einmal in einer Situation zu sagen hatte, in der eben dies nicht mehr den Charakter einer akademischen Theorie haben konnte, sondern, ohne daß ich es wollte und dazu machte, den Charakter eines Aufrufs, einer Herausforderung, einer Kampfparole, eines Bekenntnisses bekommen mußte. Nicht ich habe mich verändert: es ver­änderte sich aber gewaltig der Raum und die Resonanz des Raumes, in dem ich zu reden hat­te. Die konsequente Wiederholung jener Lehre wurde gerade in ihrer gleichzeitig vollzogenen Vertiefung in diesem neuen Raum von selbst zur Praxis, zur Entscheidung, zur Handlung. So stand ich eines Tages zu meiner eigenen Überraschung zunächst mitten in der Kirchenpolitik, in der Mitarbeit an den [274] Beratungen und Entschließungen der seit 1934 sich sammelnden „Bekennenden Kirche“. Ich habe diese Mitarbeit freiwillig (und nicht immer nach den Wün­schen meiner deutschen Freunde) auch von der Schweiz aus fortgesetzt und ge­denke es fer­nerhin zu tun. Um was ging und geht es? Sehr einfach darum, daran festzuhalten und das ganz neu zu verstehen und zu praktizieren, daß Gott über allen Göttern ist und daß die Kirche in Volk und Gesellschaft und gegen­über dem Staat auf alle Fälle ihre eigene, durch die heilige Schrift bestimmte Aufgabe, Verkündigung und Ordnung hat. Aber es konnte nicht anders sein — obwohl viele in der Bekennenden Kirche dies bis heute nicht einsehen und wahrhaben wol­len —, als daß eben dies im Raume des Nationalsozialismus nicht nur eine „religiöse“, nicht nur eine kirchenpolitische, sondern ipso facto auch eine politische Entscheidung bedeutet: die Entscheidung gegen einen Staat, der als totaler Staat eine andere Aufgabe, Verkündigung und Ordnung als seine eigene, einen anderen Gott als sich selbst nicht anerkennen kann und der darum, je mehr er sich entfaltete, um so mehr auch zur Unterdrückung der Kirche als solcher, um so mehr auch zur Beseitigung alles menschlichen Rechtes und aller menschlichen Freiheit auf allen Gebieten übergehen mußte. Hinter der in die Kirche eingedrungenen Häresie stand von Anfang an und trat dann bald heraus als der viel gefährlichere Gegner: der anfangs auch von so vielen Christen als Befreier und Erretter begrüßte Hitler, der Nationalsozialismus selbst und als solcher. Es trug der theologisch-kirchliche Konflikt den politischen in sich, und es mußte so kommen, daß er tatsächlich mehr und mehr als politi­scher Konflikt offenbar wurde, weil ich das mir selbst und Anderen nicht ver­bergen, weil ich meine Vorlesung in Bonn nicht gut mit dem Hitlergruß be­ginnen, und weil ich einen unbedingten Eid auf den Führer, wie ich ihn als Beamter schwören sollte, nicht gut schwören konnte, darum habe ich meine Stellung im Dienst dieses Staates verlieren und Deutschland verlassen müssen. Unter­dessen hat sich das antichristliche und damit antihumane Wesen des Nationalsozialismus noch viel deutlicher offenbart, gleichzeitig aber auch sein Einfluß und seine Macht im übrigen Eu­ropa unheimlich verstärkt. Die Lüge und die Brutalität, aber auch die Dummheit und die Angst wachsen und sind längst über die Grenzen Deutschlands hinausgewachsen. Und Europa versteht die Gefahr nicht, in der es steht, warum nicht? weil es das erste Gebot nicht versteht, weil es nicht sieht, daß der Nationalsozialismus die bewußte, prin­zipielle und systematische Übertretung eben des ersten Gebotes bedeutet. Und weil es nicht sieht, daß diese Übertretung als Sünde gegen Gott das verderben der Völker nach sich zieht. So kam es von selbst, daß ich auch in der Schweiz um der Erhaltung der rechten Kirche und des rechten Staates willen in meinem Gegensatz zum Nationalsozialismus verharren mußte, weshalb ich denn auch in Deutschland als eine Art „Staatsfeind Nr. 1“ gelten und alle meine Schriften auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt sehen muß. Ein Brief, den ich während der tschechoslowakischen Krisis an den Prager Professor Hromadka gerichtet und in welchem ich geschrieben hatte, daß an der böhmischen Grenze nicht nur die Freiheit Europas, sondern auch die der christlichen Kirche zu verteidigen sei, hat mir Äußerungen des Zornes oder auch der ängstlichen Zu­rück­haltung aus vielen Ländern und natürlich besonders auch aus Deutschland eingetragen. Ich hoffe, daß wir nicht zu spät und nicht zu schmerzlich aus dem Schlaf erwachen müssen, dem sich mit vielen anderen auch die christlichen Kreise in den europäischen Ländern immer noch hingeben zu dürfen meinen. Man hat sich über die „Veränderung“ meiner Haltung, auch so­fern sie in diesen Zusam­menhang gehört, sehr verwundert: zuerst darüber, daß ich kirchenpo­litisch, dann noch viel mehr darüber, daß ich nun auch noch direkt politisch zu werden be­gann. Daß es mir früher und jetzt nicht immer gelungen ist, mich für alle [275] verständlich auszudrücken, das ist ein Stück von der Schuld, die ich, wenn ich mich von so viel Ärger und Verwirrung umgeben sehe, gewiß vor allem mir selber zuzuschreiben habe. Ich möchte aber doch sagen dürfen, daß, wer mich vorher wirklich gekannt hat, sich auch jetzt so sehr nicht verwundern dürfte. Ich denke, daß die Majestät Gottes, der eschatologische Charakter der ganzen christlichen Botschaft, die predigt des reinen Evangeliums als die alleinige Aufgabe der christlichen Kirche die Gedanken sind, die nach wie vor den Mittel­punkt meiner theolo­gischen Lehre bilden. Es existierte aber der abstrakte tran­szendente Gott, der sich des wirk­lichen Menschen nicht annimmt („Gott ist Alles, der Mensch ist nichts!“), es existierte eine abstrakt eschatologische Erwartung ohne Gegenwartsbedeutung und es existierte die ebenso abstrakt nur mit diesem transzendenten Gott beschäftigte, von Staat und Gesellschaft durch einen Ab­grund getrennte Kirche nicht in meinem Kopf, sondern nur in den Köpfen mancher meiner Leser, und besonders solcher, die Rezensionen und ganze Bücher über mich geschrie­ben haben. Ich habe insbesondere jene verhängnisvolle lutherische Lehre, nach welcher dem Leben des Staates eine von der Verkündi­gung des Evangeliums unabhängige, von ihr nicht zu berührende Eigengesetz­lichkeit zukommen würde, nie gut geheißen, handelt es sich bei der bei mir vor­gefallenen „Veränderung“ um etwas Anderes als darum, daß die praktische Rele­vanz, der Kampf- und Bekenntnischarakter einer theologischen Lehre, die eben jenen Mittel­punkt hatte und noch hat, Vielen oder den Meisten erst jetzt, auf dem Hintergrund der eben durch den Nationalsozialismus gestalteten Zeit sichtbar geworden ist? Ich habe nicht nur zum Vergnügen einen leeren Bogen gespannt, wie ich es nach Vieler Meinung zu tun schien, ich habe nun offen­bar auch einen Pfeil auf der Sehne gehabt und habe geschossen. Es wäre gut, wenn einige im Blick auf das, was jetzt geschehen ist, endlich verstehen würden, wie es schon vorher gemeint war! Bin ich nun plötzlich ein Aktivist, ein gläu­biger Demokrat, eine Art Kreuzzugsprediger geworden? Und war ich etwa vorher ein entscheidungs- und talentloser Quietist? Was soll das Alles? Matth. 11,16-19! Hitler wird gewiß irgendeinmal (vielleicht schon bald) nicht mehr da sein, und dann wird auch meine Stellung und Funktion den gewis­sen grellen Widerspruchs- und Widerstandscharakter, den sie heute haben muß, nicht mehr oder jedenfalls so wie heute, nicht mehr haben müssen, werde ich dann meinen freundlichen und unfreundlichen Beurteilern irgend eine andere Überraschung bereiten müssen? Oder wird es mir dann möglich sein, ihnen nachträglich auch das einleuchtender zu machen, was ihnen hinsichtlich dessen, was ich gestern tat und heute tue, so unverständlich erscheint? Ich weiß es nicht. Ich bin so oder so der Hoffnung, daß es mir auch morgen, unter vielleicht nochmals sehr ver­änderten Umständen, gegeben sein möchte, unbeweglich aber auch beweglich, beweg­lich aber auch unbeweglich zu sein. Aber ich bin froh, zur Vorlage eines Zukunftsbildes (1938-48) hier nicht aufgefordert zu sein. Die „autobiographi­sche Antwort“ auf die gestellte Frage meine ich gegeben und also das gewünschte Parergon geleistet zu haben.

Basel, im Dezember 1938.                                                                                        Karl Barth.

*

Veränderung 1938-1948

I.

Wenn der Mensch sich zwischen dem 52. und dem 62. Lebensjahr bewegt, wie ich es in die­sen Jahren getan habe, dann hat er allen Anlaß, Augen und Ohren noch einmal mit besonderer Aufmerksamkeit aufzutun, seine Zeit und Kraft [276] noch einmal besonders gut anzuwenden, seine Ziele noch einmal mit besonderer Genauigkeit ins Auge zu fassen. Jung ist man ja in diesen Jahren entschieden nicht mehr. Aber noch sind die Forderungen des Lebens und des Berufs ungefähr dieselben, wie sie auch an die Jüngeren gestellt werden: stark genug, um dem Altersübel der rückschauenden Selbstbetrachtung wenigstens teilweise den Riegel zu schie­ben. Gerade wenn man nicht mehr eben jung ist, wird ja die Notwendigkeit dringlicher, zu gewissen Abschlüssen zu kommen: mit sich selbst, mit den Mitmenschen, mit seinen eigenen Aufgaben — und gerade darum noch einmal ganz neu offen zu werden. Einige vermeidliche Torheiten sollten jetzt noch abgelegt, einige unnötige Zerwürfnisse sollten jetzt noch liquidiert werden. Einige Spannungen und Krämpfe, in denen man vielleicht gelebt, sollten sich jetzt noch lösen und einige bescheidene Ernten sollten jetzt noch in die Scheunen gebracht werden dürfen. Denn die Sonne hat ihren Zenith überschritten, der Abend naht und so gilt es, zu „wir­ken, solange es Tag ist“.

Gott weiß, ob und wie ich diesem Gebot in dieser ihm so besonders angemesse­nen Zeit mei­nes Lebens nachgekommen bin. Gehört habe ich es, und so sind diese zehn Jahre für mich jedenfalls innerlich eher noch reicher und bewegter gewor­den als die Vorangehenden. Natür­lich: man kann nicht mehr alles, was man einst konnte; man wird schneller müde, man merkt überhaupt mehr von seinen Grenzen. Aber die große Inanspruchnahme von außen, die diese Zeit für mich mit sich brachte, sorgte von selbst dafür, daß ich nicht allzu viel über das Alles trauern konnte. Und was ich eben zuletzt nannte: daß man in diesem Alter seiner eigenen Grenzen deutlicher bewußt wird, das gehörte sicher auch zu den guten Veränderungen meines Daseins in diesen zehn Jahren. Es hat z. B. mit sich gebracht, daß ich zu meinem eigenen Er­staunen und zu dem derer, die mich früher kannten, unverkennbar milder, um nicht zu sagen: friedfertiger gewor­den bin, bereitwilliger zu der Einsicht, daß man sich schließlich auch mit seinen Widersachern im selben Boot befindet, bereitwilliger auch dazu, mich gelegent­lich zu Unrecht angreifen zu lassen, ohne zur Verteidigung zu schreiten und so auch unlustiger zu Angriffen gegen Andere. Das Jasagen wurde mir überhaupt wichtiger als das freilich auch wichtige Neinsagen und in der Theologie die Botschaft von Gottes Gnade dringlicher als die freilich auch nicht zu unter­drückende Botschaft von Gottes Gesetz, Zorn, Anklage und Ge­richt. Schwäche­erscheinungen? Vielleicht! Aber einerseits kann ich, wenn es durchaus sein muß, auch heute noch um mich schlagen. Und andererseits meine ich zu bemerken, daß ich in dieser anderen, vielleicht mit meinem Lebensalter zusammenhängen­den Form eher mehr als weniger geschafft habe und ausrichten konnte, als in der Kampflust früherer Jahre.

Ich habe einige besondere Gründe, Gott dankbar zu sein. Einmal die Tat­sache, daß ich immer noch ein im Ganzen gesunder Mann sein durfte. Auch eine vorübergehende Erkrankung (für medizinische Leser: Hernia spigelii), die zu einer Operation führte, steht mir eigentlich nur als eine interessante Erfahrung und erwünschte Erholung in Erinnerung. Ich weiß, daß es nicht Allen so leicht gemacht ist, und werde mich nie darüber beklagen dürfen, daß ich nicht lange genug bei zureichenden Kräften sein durfte. Dazu kommt, daß ich eine eher wachsende als abnehmende Schar von treuen, teilnehmenden und anregenden alten und jungen Freunden um mich sehe und daß ich insbesondere in meinen erwachsenen Söhnen — was auch nicht jedem Vater geschenkt ist — meine besten Kameraden habe. Und auch das war eine gute Sache, daß die Zahl meiner Enkel in dieser Zeit von zwei auf acht angewachsen ist. Dazu kommt, daß et­was in mir, was gewiß nicht meine Tugend, sondern ein reines Natur-Geschenk ist, so unruhig blieb, daß es mich wenigstens bis jetzt immer wieder aufrief, Erkennt­nisse zu gewinnen, ge­wisse Linien zu halten, entschlossen Stellung zu nehmen [277] und Parteinahmen zu vollzie­hen, das mir aber auch gebot, in dem allem nur unterwegs zu sein und also die Freiheit nicht preiszugeben, mich weiterfuhren und dabei auch überraschen zu lassen: ohne die Angst, dabei je und je auch Anderen überraschend zu werden. Ich will gewiß nicht verhehlen, daß mir diese Unruhe auch viel Mühe gemacht hat und noch macht. Ich habe Andere, die ich längst in ir­gend einem Hafen angekommen und geborgen sah, darum gelegent­lich aufrichtig beneiden können, wiederum könnte ich nicht ableugnen, daß diese Unruhe mir und meiner Arbeit gera­de in diesem Jahrzehnt aufs höchste zugute gekommen ist.

Daß dieses Jahrzehnt mich gerade das in besonderer Weise lernen ließ: zu bemerken, wieviel Lob der Mensch ganz einfach Gott seinem Schöpfer schuldig ist, das halte ich für einen Ge­winn, um deswillen ich den naheliegen­den Wunsch, noch jünger sein zu dürfen, ohne ihn unterdrücken zu können, doch gerne zurückstelle.

II.

Ich komme zur äußeren Gestalt meines Lebens in diesen zehn Jahren. — Die sieben ersten dieser Jahre waren dadurch charakterisiert, daß ich sie — nachdem mich das vorangehende Jahrzehnt durch viele Länder geführt hatte — mit Ausnahme einiger letzter Fahrten nach Frankreich, Holland und Dänemark im Jahr 1939 — ganz und gar nur in meinem schweize­ri­schen Vaterland zugebracht habe. Ich habe meine Heimat in dieser Zeit mit Vorträgen und auf Konferen­zen aller Art und auch sonst fleißig durchzogen und besser kennen gelernt als je zu­vor. Aber seine Grenzen waren auch die meinigen; denn jenseits seiner Gren­zen wäre es mir damals, als Hitler und Mussolini uns von allen Seiten um­gaben, sicher schlecht ergangen. Das große Unheil, das man 1938 erst kommen sehen mußte, war ja im Jahr darauf über Europa und die Welt hereingebro­chen. Die aufgelaufene Rechnung mußte bezahlt werden und leider sind wir in anderer Weise auch noch 1948, indem jene Gefahr längst hinter uns liegt, noch immer damit beschäftigt. Für meine nächstliegende und wichtigste Pflicht hielt ich die: an meinem Teil dafür zu sorgen, daß wenigstens an einer Stelle inmitten des irrsinnig geworde­nen Europas, nämlich auf unserer schweizerischen Insel und speziell in dieser unserer Grenz­stadt Basel — von der aus man zu­gleich in das triumphierende und später so schwer leidende Deutschland und in das unterdrückte und später sich erhebende Frankreich hinübersah — or­dent­lich und „als wäre nichts geschehen“ Theologie getrieben werde. Und ich war wie nie zuvor froh, gerade durch diese auf alle Fälle haltbare, dauernde und verheißungsvolle Sache in Anspruch genommen zu sein. Aber es war klar, daß das nicht bedeuten konnte, daß ich mich dem ganzen bedrängenden Zeitgeschehen fernhalten durfte, wie hat man die Bewegungen auf den Kriegsschauplätzen und, so weit sie erkennbar waren, im Inneren der anderen Länder auch hier begleitet! Wie hat man gebangt und gehofft und gewartet! Und wie hat man in unse­rer Schweiz selbst alle Hände voll zu tun gehabt!

Ich bin in diesen Jahren schweizerischer geworden als ich es je gewesen war und von mir selbst erwartet hätte. Es war ja klar, daß unsere Bedrohung und auch unsere Versuchung durch die uns umgebende Welt der Diktatoren in all diesen Jahren nicht gering sein konnte. Und auch bei uns waren nicht Alle und war nicht Alles bereit zu dem inneren und äußeren widerstand, der zu leisten war. wir hatten ja nicht nur für uns selbst zu viel zu verlieren — wir hatten auch für ein künftiges Europa zu viel zu hüten und zu bewahren, als daß man auch nur einen Augenblick hätte zweifeln dürfen: dieser widerstand mußte geleistet werden. Die Situa­tion war einfach, aber auch schwer — schwer, aber auch einfach und klar (man denkt heute oft fast mit einer gewissen Sehnsucht [278] daran zurück!): wir hatten uns, in uns selbst zu­sammengerollt wie ein Igel, in jedem Sinn, unter allen Umstanden und mit allen Mitteln zu behaupten. Es galt einfach geduldig und mutig zu sein und immer wieder zu werden. So fand man mich in dieser Zeit als Mitglied einer Art Geheimorganisation für die innere Abwehr im Fall einer Invasion. So war ich als Mitglied einer „Hilfswerks für die Bekennende Kirche in Deutschland“ einer der Mitarbeiter des rührigen Pfarrers Paul Vogt, der die ausländischen, insbesonders die jüdi­schen Flüchtlinge mit einer unendlichen und doch in vielen Fällen er­folgreichen Mühe betreut hat. So habe ich aber auch auf eigene Faust gegen Hitler und für die schweizerische Freiheit geredet und geschrieben, so gut ich es vermochte und so weit mir die Polizei und Zensur unserer vorsichtigen Regierung dazu den Atem ließen. So bin ich aber mit 54 Jahren auch noch ziemlich regelrecht Soldat geworden — kein allzu tüchtiger und gefährli­cher Kämpfer wahrschein­lich, aber immerhin bewaffneter und exerzierter Soldat, und habe als solcher am Rhein, auf dem Jura und anderswo Wache gestanden und nach Hitlers hölli­schen Scharen Ausschau gehalten. Die Sache hatte den schönen Nebenerfolg, daß ich mit den Män­nern meines Volkes, mit denen ich da Tag und Nacht zu­sammenlebte, in eine schlichte Nähe kam, wie ich sie so noch nie gefunden hatte. Und gerne, sehr gerne habe ich diesen meinen Kameraden, von denen 95 Prozent keine Kirchgänger waren, gelegentlich auch gepredigt und dabei noch einmal ganz neu gelernt, wie eine wirklich auf den Mann gezielte Predigt eigent­lich beschaffen sein müßte. „Bewachungskompanie V“! Es gibt wenig Erinnerungen in mei­nem Leben, die ich so ungern missen möchte wie diese. — So viel von jenen Jahren der Einschließung und der Defensive.

III.

Dann ist der Krieg zu Ende und ist die Türe zur übrigen Welt wieder auf­gegangen. Sie bedeutete für mich vor allem die Türe nach Deutschland, wo ich ja früher so lange, so gerne und so beteiligt gelebt, wo ich so viele liebe Freunde und auch so viel zähe Gegner zurück­gelassen hatte. Deutschland, mit dem ich mich in der Zeit der nötigen Abwehr gegen Alles, was von dort kam, nur um so intimer beschäftigt hatte.

Ich hatte schon während des letzten Kriegsjahres einen neuen Kurs genom­men und reiste in den ersten Monaten des Jahres 1945 mit einem Vortrag durch die ganze Schweiz, in welchem ich zunächst meinen Landsleuten klar zu machen versuchte, daß angesichts der unvermeidlich nahenden deutschen Niederlage die Frage brennender werde als alle anderen: wie wir unseren unglücklichen Nach­barn nun vielleicht erst recht gute und hilfreiche Freunde werden und sein könnten? Ich rechnete dabei damit, daß auch die siegreichen Völker und ihre Regierungen nach so viel Versicherungen ihres höheren Rechtes eine in diesem Sinn vernünftige Politik Deutschland gegenüber wählen und befolgen würden. In dieser Erwartung habe ich mich allerdings gründlich getäuscht. Unerwartet traf mich aber auch die Tatsache, daß die meisten Deutschen (bis hin zu den deutschen Flüchtlingen hier in der Schweiz) diesen Vortrag und Alles, was ich nachher weiter im selben Sinn gesagt und geschrieben habe, gerade nicht als das Wort eines Freundes verstehen wollten, sondern mit mehr oder weni­ger heftigen Gebär­den ablehnten. Der Grund war der, daß ich beiläufig die Meinung vertreten hatte, der ich noch heute bin: die innere Remedur des deutschen Wesens dürfe sich nicht nur auf die krasse Ver­derbnis der Hitlerzeit erstrecken, sondern müsse bis auf deren Wurzeln in der Zeit Bismarcks, ja Friedrichs des Großen zurückgehen. Über diesen Ratschlag wollten und wollen in allem Elend der deutschen Nachkriegszeit nun doch nur die wenigsten mit sich reden lassen. Immer­hin ist der nötige Wechsel in der Gesinnung den ge-[279]­schlagenen Deutschen gegenüber hier in der Schweiz, für den ich damals ein­treten wollte, tatsächlich in weitem Umfang einge­treten.

Daß es freilich nicht so leicht ist, den Deutschen — und der Menschheit über­haupt — tat­sächlich zu helfen, mußte ich dann auch weiterhin erkennen. So z. B. als ich im Frühling und Sommer 1945 mit der „Bewegung Freies Deutschland“ in nahe Berührung trat, in der ich übrigens auch zum ersten Mal bemerkenswerte kommunistische Menschen und — in etwas weniger erfreu­licher Weise — kommunistische Methoden aus der Nähe kennen lernte. Im Herbst desselben Jahres konnte ich unter der geschickten Betreuung einer amerikanischen Spezialorganisation eine ausgiebige erste Reise durch Deutsch­land unternehmen, auf der ich in Frankfurt a. Main der Rekonstituierung des „Bruderrates der Bekennenden Kirche“ und nachher in Treysa an derjenigen der offiziellen „Evangelischen Kirche in Deutschland“ teil­genommen habe. Ich fand diese Kirche — abgesehen davon, daß die „Deutschen Christen“ von 1933 nun natürlich verschwunden oder untergetaucht oder (einige wenige) auch ehrlich bekehrt waren — zu meinem Erstaunen ungefähr in derselben Struktur, Grup­pierung und herrschenden Tendenz wieder, in der ich sie 1933 in ihr Verderben hatte eilen sehen. Noch waren die nach vorwärts Drängenden, die zwischen 1933 und 1945 wirklich widerstanden hatten, die die Lehren dieser Zeit nun aber auch verwirklichen wollten (Niemöller einer der Besten unter ihnen!), vorhanden und am Werk, aber auch noch in derselben Minderheit ab­seits von den eigentlich herrschenden und entscheidenden Kreisen und Instanzen. Noch stieß ich auf das alte Interesse an dem formalen, ordnungsmäßigen Bestand der „Landeskirchen“: nicht eben verbessert durch das Interesse an allerlei neuen Wunderlichkeiten, an einem ver­stärkten Konfessionalismus und Klerikalismus vor allem, und daneben an einem in allen Spielarten florierenden Liturgismus. Noch fand ich das Alles viel stärker als etwa die Frage nach der Erneuerung der christlichen Botschaft aus ihren Quellen und ihrer Anwendung auf die nun entstandene neue Lage. Noch schien die Sache der Kirche immer wieder die Sache irgendwelcher führenden Personen und Personenkreise und durchaus nicht die der Gemeinden zu sein. Von der einfachen Sorge um den besten weg, dem schwer heimgesuchten deutschen Volk das Evangelium zu verkündigen, habe ich gerade damals, als die Eindrücke des Gesche­henen noch frisch und Vieles noch offen war, was heute wieder verschlossen ist, nur wenig bemerkt. Ein neues Wort und ein neuer Glaube war offensichtlich wohl vielen treuen und ent­schie­denen Einzelnen da und dort, war der Kirche im Ganzen aber nicht geschenkt worden: weder in den Bedrückungen des Hitlerregimes, noch in dem Grauen der Bombennächte, noch in der Demütigung der deutschen Niederlage. Ent­sprechendes galt und gilt wohl auch von den Kirchen der meisten anderen Län­der. Mir wurde deutlicher, als es mir vorher war, daß die Menschheit — auch die christliche Menschheit und gerade sie! — ein zähes Leben hat und nicht so schnell zur Buße zu rufen ist.

Nun, ich ließ mich, wie es sich gehört, nicht abschrecken und bin dann noch mehrfach gründ­lich in Deutschland gewesen, so vor allem — begleitet von meiner getreuen Helferin Char­lotte von Kirschbaum — in den Sommer­semestern 1946 und 1947 als Gastprofessor an mei­ner alten Universität Bonn. Ich habe dort einen lebendigen und verheißungsvollen Kontakt mit der neuen, aus Kriegsdienst und Gefangenschaft zurückgekehrten theologischen Jugend Deutschlands finden und habe von dort aus in sehr vielen deutschen Städten (bis hin nach Berlin und Dresden) sprechen, alte Beziehungen aufnehmen und neue anknüpfen dürfen. Ich kann unmöglich daran zweifeln, daß das deutsche Volk und die Kirche in Deutschland noch ihre Zukunft und vielleicht einmal eine sehr besondere Zukunft haben werden. Ich frage mich aber, ob [280] die Hilfe von außen dort nicht zunächst ihre sehr bestimmten Grenzen hat. Mir persönlich hat sich das Problem des deutschen Neuaufbaus als so groß und als von der Um­welt wie von den Deutschen selbst her so kompliziert dargestellt, daß ich mich vor die Alter­native gestellt sah: entweder endgültig nach Deutschland zurückzukehren und die mir noch verbleibende Zeit und Kraft ganz und ausschließlich den deutschen Fragen und Aufgaben zuzuwenden oder nun doch wieder an meine eigentliche Arbeit, die Fortsetzung und vielleicht Voll­endung der „Kirchlichen Dogmatik“ zu gehen und meine direkte Mitwirkung an den Dingen in Deutschland wie die allfällig auch in anderen Ländern ge­forderte auf einzelne Gelegenheiten zu beschränken. Ich meinte mich für das Zweite entscheiden zu sollen.

IV.

So hatte ich in diesem Jahr 1948 zunächst die Freiheit, eine Einladung der Reformierten Kir­che in Ungarn anzunehmen, wo ich von früher her gute Freunde habe. Sie sind heute durch die politische Umwälzung und durch die Einbeziehung ihres Landes in den Ostblock in eine schwierige Lage geraten und wollten meine Meinung darüber hören, wie sie sich mit dem neuen kom­munistischen Regime auseinanderzusetzen hätten. Meine eigentliche Aufgabe bestand freilich in Vorträgen und Aussprachen über das, was von der Natur und Aufgabe der Kirche immer und überall zu sagen ist. Eben dabei verstän­digte ich mich aber mit meinen dortigen Freunden darüber, daß ihre Situation und ihr besonderes Problem nicht einfach nach dem Vorbild des Verhältnisses der westeuropäischen Kirchen zum Nationalsozialismus be­handelt werden dürfe, sondern vom Evangelium her und im Blick auf die besondere ungari­sche Ver­gangenheit und Geschichte selbständig zu beurteilen sei. wir meinten zu sehen, daß der Protest gegen die offenkundigen Gefahren und Schäden des kommu­nistischen Systems für die Kirche nun gerade nicht die vordringlichste Aufgabe sei. Ich verstand und billigte die mir dort vorgetragene Ansicht, nach der eine mit größtem inneren und äußeren Ernst in Angriff zu nehmende Evangelisation des verirrten und verwirrten ungarischen Volkes die Frucht des Glaubens und der Buße sei, die zunächst gerade von der Kirche erwartet sei. Es war diese Stellungnahme, die man mir, nachdem meine Verhandlungen in Ungarn selbst einen durchaus friedlichen und freudigen Charakter gehabt hatten, in meiner Heimat und vielleicht auch an­derswo überaus übel genommen hat. Sie hat mir merkwürdigerweise gerade in den Wochen vor und nach der Amster­damer Konferenz eine Fülle von Zeitungsangriffen eingetragen, in denen der Vorwurf, ich verkenne die neue Gestalt der totalitären Weltgefahr, bald von dem noch kräftigeren überholt wurde, daß ich mich nun „ganz eindeutig und unmißverständlich zum russischen Kommunismus und Bolschewismus bekannt habe.“ Ich kann darüber nur lachen, bin aber allerdings der Meinung, daß der Kom­munismus jedenfalls nur durch eine „bessere Gerechtigkeit“ der westlichen Welt und nicht durch die allzu billigen Negationen, in denen sich die westliche Angst jetzt Luft macht, abzuwehren sein wird. Und ich halte aller­dings dafür, daß der von den ungarischen Reformierten eingeschlagene positive Weg der Glorie vorzuziehen ist, die sie sich als Bannerträgerin des sogenannten „christlichen Abend­landes“ allenfalls erwerben könnte. Zu diesem „christlichen Abendland“ kann ich mich eben auch nicht bekennen, sondern denke, daß der christliche Ort über dem heutigen Gegensatz von Ost und West zu suchen ist. wir werden ja sehen, wer auf die Länge recht behalten wird. Und im schlimmsten Fall werde ich es mir gefallen lassen, Unrecht gehabt zu haben, indem ich diesmal nun gerade nicht sofort zum Kampf aufrufen wollte! [281]

Meine andere in diesem Jahr unternommene Fahrt in die Ferne war bedingt durch meine Teil­nahme am World Council of Churches in Amsterdam. Ich habe mich früher nicht oder kaum an der „Ökumenischen Bewegung“ beteiligt, hatte sogar allerhand gegen sie einzuwenden, wie mir denn alle „Bewegungen“ als solche immer etwas suspekt waren und noch sind. Aber in diesem Fall muß ich wohl im gewöhnlichen Sinn der Worte bekennen: My mind has chan­ged. Es kam dazu sehr einfach in der Weise, daß man mich eines Tages zu theo­logischer Mitarbeit aufforderte, und dann im besonderen für das Gelingen der Amsterdamer Konferenz in so hervorgehobener Art mitverantwortlich machte und daß ich diese Mitarbeit und Mitver­antwortung bei näherem Zu­sehen nicht nur interessant, sondern auch wichtig finden mußte. Vor allem unter diesem Gesichtspunkt denke ich nun auch gern an Amsterdam zurück. Es war schon nötig und lohnend, seine eigene Arbeit einmal gewissermaßen in Klammer zu setzen und sich in der strengen und verpflichtenden Weise, wie es in Amster­dam geschehen ist, mit den Vertretern ganz anderer kirchlicher Bekenntnisse an einen Tisch zu setzen, nicht in der Absicht, ein neues Dogma zu formulieren, nicht in der Absicht, Kompromisse zu schließen, wohl aber in der bescheidenen, aber soliden Absicht, sich über das, worin man in der Chri­stenheit einig und nicht einig ist, in Rede und Gegenrede klar zu werden. Das ist es, was sich in Amsterdam, jedenfalls in dem Bereich, den ich überblicken konnte, in der Sek­tion l, zuge­tragen hat, und daß ich da dabei sein und mittun konnte, dafür bin ich dankbar. Die Kommis­sion für The Womens Work in the Church davon zu überzeugen, daß der Apostel Paulus über das Verhältnis von Mann und Frau auch noch einige andere beachtliche Worte gesagt hat außer dem, daß „in Chri­stus weder Mann noch Frau“ ist, ist mir freilich nicht gelungen, ob­wohl ich so freundlich wie möglich dafür zu werben gesucht habe. Und so scheint es, daß ich mir auch mit meiner Stellungnahme zu dem Problem der Nichtbeteiligung der römischen Kir­che am World Council nicht nur Sympathien erworben habe. Ich meinerseits habe gegen den alten ökumenischen Stil, der sich besonders am Anfang über das Ganze ausbreiten wollte, meine alte Abneigung durchaus be­halten. Ich meine ferner zu sehen, daß es zwischen der amerikanischen und un­serer kontinentalen Art christlichen Denkens und Redens noch einmal zu Aus­einandersetzungen kommen könnte, die wichtiger und vielleicht auch gefährlicher wer­den könnten als die zwischen den verschiedenen Kirchen. Aber wieviel Ande­res war einfach ermutigend: die Anwesenheit und Mitwirkung der „jungen Kirchen“ und der „Jugend“ über­haupt, die Einmütigkeit, in der diese Ver­sammlung trotz deutlich vorhandener Differenzen aller Art (im Unterschied zu gewissen anderen Weltversammlungen) beraten und schließlich beschlossen hat, die von fast allen Seiten aufrichtige Bemühung um jenen christlichen Ort ober­halb des Ost-West-Konfliktes, der gute Tenor der Schlußbotschaft — dazu die vielen fruchtbaren oder doch belehrenden Begegnungen mit Einzelnen und Gruppen, die so nun eben doch nur bei solchem Anlaß möglich waren. So bin ich froh, mich nicht verhärtet, sondern für diese neue Erfahrung offen gehalten zu haben. Zu einem eigentlichen Kirchenmann oder gar Kirchenführer eigne ich mich nicht und dazu wird mich auch niemand machen wollen. Aber in der freien Stellung eines ökumenischen „oon8u1tant“, die ich in Amsterdam haben durfte, will ich mich, soweit ich kann, gerne auch für die Zukunft bereit halten. — Kurz nach Am­sterdam bin ich dann wieder — seit zehn Jahren zum ersten Mal — unter den französischen Theologen gewesen, in deren Mitte ich mich beson­ders wohl fühle, habe Port Royal gesehen, das Grab Napoleons aufgesucht und die Welt noch einmal vom Eifelturm aus betrachtet. On revient toujours a ses premiers amours. Oder jedenfalls: souvent. [282]

VI.

Nichtsdestoweniger bin ich froh, mich nun wieder an meinem eigentlichen Ort, nämlich in meinem Studierzimmer in Basel zu befinden, wichtiger als alles Andere war mir ja doch die Bewegung, die ich auch in dieser Zeit hier zu vollziehen hatte. Vier weitere Bande meiner „Kirchlichen Dogmatik“ könn­ten in diesen zehn Jahren im Zusammenhang mit meinen Vorlesungen an der Basler Universität fertig gestellt und veröffentlicht werden: die Lehre von Gott (II, 1 1940), die Lehre von der Praedestination (II, 2 1942), die Lehre von der Schöpfung (III, 1 1945), die Anthropologie (III, 2, 1946). Da amerikanische Leser sich für Zahlen inter­essieren, will ich verraten, daß es sich um Bände von 762, 696, 466 und 600 großen Drucksei­ten handelt. Ich konnte mich auf keinem der genannten Gebiete einfach an eine gegebene Kir­chenlehre und theologische Tradition anschließen, sondern mußte von der von mir für richtig gehaltenen Mitte (dem alt- und neutestamentlichen Zeugnis von der Person und dem Werk Jesu Christi) aus Alles neu durchdenken und entfalten. So stand ich tatsächlich Jahr für Jahr vor neuen und sehr aufregenden Fragen und in Untersuchungen, in deren Verlauf und Zusam­menhang ich einen weiten Weg zu gehen hatte. Ich staune nachträglich selbst, daß es mir äußerlich und innerlich möglich ge­macht war, dieser so viel Sammlung erfordernden Arbeit durch Alles hindurch nachzugehen. Und ich habe Anlaß, auch dafür dankbar zu sein, daß das so sein durfte. Hier, in der Fortbewegung auf diesem Erkenntnisweg ging es für mich um die wichtigste unter den „Veränderungen“, die ich in dieser Zeit durch­gemacht habe. Eben darum halte ich mich für die Zukunft in dieser Richtung für mehr verpflichtet als in jeder anderen. Größte Gebiete des christlichen Be­kenntnisses liegen ja noch unbearbeitet vor mir. Unüber­treffliches zu produ­zieren bilde ich mir auch hier nicht ein. Doch halte ich es für keine An­maßung, wenn ich meine, daß es nicht nur-für mich, sondern auch für die Zeitgenoffen in Kir­che und Welt, denen ich mich verpflichtet weiß, richtig und wichtig sei, wenn irgendwo in aller Relativität auch das getan wird, was ich hier versuche, und wenn ich darum die Konfe­renzen, die predigten, die Vortragsreisen usw. — nicht ausschließlich, aber in der Hauptsache und wo ich irgendwie entbehrlich bin, anderen überlasse, die nun eben dazu besser begabt und gerüstet sind, und denen ich dabei vielleicht mit meiner Arbeit indirekt hilfreich sein kann, wobei es mir nicht verborgen ist, daß man in Amerika und anderswo schon beim Ge­danken an so umfangreiche und dazu noch deutsch geschriebene Bücher ein wenig erschrocken ist.

Ich schließe mit einem Lieblingswort meines zweiten Sohnes, der jetzt in Borneo die eingebo­renen Pfarrer in die Theologie einzuführen bemüht ist. „Ein Jeder tut, was er kann“. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren getan, was ich konnte, und möchte es auch in Zukunft so halten dürfen.

Basel, im Oktober 1948.                                                                                           Karl Barth.

Quelle: Evangelische Theologie 8 (1948/1949), S. 268-272.


[1] Karl Barth ist zweimal, 1938 und 1948, vom Herausgeber von „The Christian Century“ dringend aufgefordert worden, in Kürze die Frage nach den in den je vorangegangenen zehn Jahren erfolgten Veränderungen seiner Ein­stellung und seiner Ansichten zu beantworten. Im Hinblick auf die in den letzten Jahren gerade in Deutsch­land von mancher Seite aus gegen ihn erhobenen Vorwürfe, daß er z. B. seinem mit dem „Römerbrief“ angetre­tenen weg un­treu geworden sei, sich seiner „politischen Wendung“ zuliebe sogar auf die analogia entis einge­lassen habe usw., im Hinblick aber auch darauf, daß Karl Barths energische Beteiligung an der Arbeit der Ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam vor kurzem nicht wenige dazu veranlaßt hat, ihr Urteil über ihn mehr oder minder gründlich zu revi­dieren, freuen wir uns, diese beiden Aufsätze erstmals im deutschen Wortlaut veröffentlichen zu dürfen. 1938 war dies nicht möglich, 1948 wird es manchen anstößig sein. Karl Barth hat nur zögernd seine Einwilligung erteilt. Den­noch meinen die Herausgeber der „Evang. Theo­logie“ das „Risiko“ etwaiger Mißdeutungen und tiefsinniger, womöglich psychologischer oder charaktero­logi­scher Interpretationen der Aussagen Karl Barths über sich selbst und insbe­sondere ihrer Veröffentlichung auf sich nehmen zu sollen. Im Zusammenhang mit den beiden Aufsätzen wird auch die in der Festschrift für Karl Barth zusammengestellte Bibliographie für die seither verstrichene Zeit weitergeführt. Sie wird manchen will­kommen sein, wird manche voreilige Beurteiler daran mahnen, daß man doch sehr viel werde erst zur Kenntnis nehmen müssen, ehe man seinen Spruch sagt, wird vor allem die Selbstdarstellung und den Beitrag von H. Berk­hof nützlich ergänzen. (E. Wolf)

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s