Karl Barth, Not und Verheißung der christlichen Verkündigung (1922): „Wenn am Sonntag morgen die Glocken ertönen, um Gemeinde und Pfarrer zur Kirche zu rufen, dann besteht da offenbar die Erwartung eines großen, bedeutungsvollen, ja entscheidenden Geschehens.“

Not und Verheißung der christlichen Verkündigung (1922)

Von Karl Barth

Die freundliche Einladung, die Herr Generalsuperintendent D. Jacobi zur heutigen Tagung an mich hat ergehen lassen, enthielt die Aufforderung, Ihnen eine «Einführung in das Verständ­nis meiner Theologie» zu bieten. Es macht mich immer ein wenig verlegen, so ernsthaft von «meiner Theologie» reden zu hören. Nicht etwa darum, weil ich meinte, was ich treibe, sei etwas Anderes, Besseres als eben schlecht und recht Theologie. Die Kinderkrankheit, mich der Theologie zu schämen, meine ich einigermaßen überstanden zu haben. Einige von Ihnen kennen sie vielleicht auch und haben sie vielleicht auch schon überstanden. Wohl aber darum, weil ich mich etwas betroffen fragen muß, in was denn eigentlich meine Theologie bestehen möchte, wo denn nun die Kathedrale oder Festung sein könnte, die diesen Namen verdiente und in deren Verständnis ich Sie — an Hand eines Grundrisses etwa — «einführen» könnte. Ich habe genug darunter zu seufzen, daß es so ist, aber ich muß Ihnen offen gestehen, daß das, was ich «meine Theologie» allenfalls nennen kann, wenn ich genau zusehe, schließlich in einem einzigen Punkt besteht, und das ist nicht, wie man es von einer rechten Theologie als Mindestes verlangen dürfte, ein Standpunkt, sondern ein mathematischer Punkt, auf dem man also nicht stehen kann, ein Gesichtspunkt bloß. Alles übrige, was zu einer rechten Theologie gehört, ist bei mir ganz in den Anfängen, und ich weiß nicht, ob ich je darüber hinauskommen werde, ja ob ich es nur wünschen soll, darüber hinauszukommen. Ich maße mir also wirklich nicht an, dem, was die großen ehrwürdigen Schöpfer theologischer Programme und Systeme geleistet haben und noch leisten, etwas Ebenbürtiges oder auch nur Kommensurables zur Seite zu stellen. Fassen Sie meinen Beitrag zur theologischen Diskussion und auch das, was ich heute sagen möchte, nicht als ein Konkurrenzunternehmen zur positiven, |100| liberalen, Ritschl’schen oder religionsgeschichtlichen Theologie auf, sondern als eine Art Randbemer­kung und Glosse, die sich mit jenen allen in ihrer Weise verträgt und auch nicht verträgt, die aber nach meiner eigenen Überzeugung ihren Sinn in dem Augenblick verliert, wo sie mehr als das sein, wo sie Raum ausfüllend als neue Theologie neben die andern treten wollte. Sofern Thurneysen, Gogarten und ich wirklich im bekannten Sinn des Worts «Schule ma­chen» sollten, sind wir erledigt. Meine Meinung ist wirklich die, es möchte jedermann in seiner Schule und bei seinen Meistern bleiben, nur vielleicht als Korrektiv, als das «bißchen Zimt» zur Speise, um mit Kierkegaard zu reden, sich gefallen lassen, was allenfalls in jener Randbemerkung Erhebliches enthalten ist. «Meine Theologie» verhält sich zu den andern richtiggehenden Theologien etwa so wie die Brüdergemeinde zu den andern richtiggehenden Konfessionen und Kirchengemeinschaften; sie will jedenfalls auch keinen neuen eigenen Tropus bilden. Aber nun muß ich schon die zweite Bitte aussprechen, es mir auch nicht als Hochmut und Einbildung auszulegen, wenn ich mich so weigere, in die Reihe gestellt zu werden. Ich weiß ja, daß man nicht in der Luft stehen kann, sondern, ob man will oder nicht und wäre es auch nur mit einem Fuß, immer irgendwo auf der Erde steht. Ich weiß, daß ich nicht der erste und nicht der einzige bin, dem eine theologia viatorum quer hindurch durch die vorhandenen theologischen Möglichkeiten zur Linken, zur Rechten und in der Mitte, alle verstehend, alle umfassend und alle überwindend als das Ziel seiner Sehnsucht vorschwebt. Wer möchte heute nicht irgendwie «über den Richtungen» stehen? Ich weiß auch das, daß es noch keinem von diesen wirklichen oder vermeintlichen theologi viatores — wenn die Götter ihn nicht so sehr liebten, um ihn früh sterben zu lassen — gelungen ist, seinen Lauf zu vollen­den, ohne daß er eben doch, wenn auch nicht eine Kathedrale oder Festung, so doch ein Zi­geunerzelt irgendwo errichtet hätte, das dann, ob es ihm recht war oder nicht, statt als Glosse als Text, als eine neue Theologie aufgefaßt worden ist. Kierkegaard selber, diesem verwegen­sten Springer auf dem Schachbrett, ist es nicht anders ergangen. So werden «wir» es uns wohl gefallen lassen müssen, daß in den Augen Vieler auch jetzt nichts weiter geschieht, als daß eine etwas wunderliche weitere Theologie auf den Plan getreten ist, geistigen Raum ausfül­lend, historische Breite gewinnend, fragwürdig genug neben ihren alten und neuen, so viel stattlicheren Nachbarn, wahr-|101|scheinlich so etwas wie mystischer oder auch biblizistischer Neu-Supranaturalismus, um nicht zu sagen Neu-Marcionitismus. Wir können nicht verhin­dern, daß es so aussieht, wir können nur, wenn es sich darum handeln sollte, das, was man da sieht, verstehen zu wollen, versichern, daß wir nicht von der Absicht und Vorbereitung eines solchen Schul- und Systembaus herkommen, sondern — nun eben von der «Not und Verhei­ßung der christlichen Verkündigung», von der ich heute zu Ihnen sprechen möchte.

Darf ich Ihnen das etwas erklären? Es gehört zur Sache. Ich war 12 Jahre Pfarrer wie Sie alle und hatte meine Theologie, nicht die meinige natürlich, sondern die meines unvergessenen Lehrers Wilhelm Herrmann, aufgepfropft auf die mit meiner Heimat gegebene und mehr unbewußt als bewußt übernommene reformierte Richtung, die ich ja heute auch von Amts wegen zu vertreten habe und gerne vertrete. Unabhängig von diesen meinen theologischen Denkgewohnheiten bin ich dann durch allerlei Umstände immer stärker auf das spezifische Pfarrerproblem der Predigt gestoßen worden, suchte mich, wie Sie das ja sicher alle kennen, zurecht zu finden zwischen der Problematik des Menschenlebens auf der einen und dem Inhalt der Bibel auf der andern Seite. Zu den Menschen, in den unerhörten Widerspruch ihres Le­bens hinein sollte ich ja als Pfarrer reden, aber reden von der nicht minder unerhörten Bots­chaft der Bibel, die diesem Widerspruch des Lebens als ein neues Rätsel gegenübersteht. Oft genug sind mir diese beiden Größen, das Leben und die Bibel, vorgekommen (und kommen mir noch vor!) wie Skylla und Charybdis: Wenn das das Woher? und Wohin? der christlichen Verkündigung ist, wer soll, wer kann da Pfarrer sein und predigen? Ich bin überzeugt, Sie alle kennen diese Lage und diese Plage. Viele von Ihnen kennen sie vielleicht schweigend viel tiefer, stärker und lebendiger als ich, und ihnen habe ich eigentlich heute nichts Wesentliches zu sagen, sie sind in meine Theologie schon eingeführt. Während sie schwiegen, habe ich geredet. Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit. Ich überschätze den Wert der Möglichkeit, das Reden zu wählen, nicht, habe mir auch schon gewünscht, geschwiegen zu haben. Aber es war nun einmal so: die bekannte Situation des Pfarrers am Samstag an seinem Schreibtisch, am Sonntag auf der Kanzel verdichtete sich bei mir zu jener Randbemerkung zu aller Theologie, zuletzt in der voluminösen Form eines ganzen Römerbriefkommentars, und ähnlich ist es meinen Freunden |102| ergangen. Nicht als ob ich etwa einen Ausweg gefunden hätte aus jener kritischen Situation, gerade das nicht, wohl aber wurde mir eben diese kritische Situation selbst zur Erläuterung des Wesens aller Theologie. Was kann Theologie anderes sein als der Ausdruck dieser auswegslosen Lage und Frage des Pfarrers, die möglichst wahrhaftige Beschreibung des Gedränges, in das der Mensch kommt, wenn er an diese Aufgabe sich her­anwagt, ein Ruf also aus großer Not und großer Hoffnung auf Errettung? Was kann sie ande­res tun zur Erfüllung ihrer kulturellen Aufgabe sowohl — und Theologie hat eine solche — wie ihrer pädagogischen, den ahnungslos-ahnungsvollen Jünglingen gegenüber, die beschlos­sen haben, «Pfarrer zu studieren«, wie man bei uns sagt — was kann sie anderes tun, als sich bei der Bearbeitung ihrer traditionellen historischen, systematischen und praktischen Stoffe dieses ihres innersten wahrhaftigsten Wesens immer wieder bewußt zu werden? Oder welche Situation ist etwa für den Beruf, auf den sie vorbereiten will, bezeichnender als diese? Aber wie kommt es nun, daß man dem theologischen Betrieb so wenig anmerkt davon, daß er auf diesen Beruf, der in diese Situation führt, vorbereitet? Wie kam es nur, mußte ich mich fragen, daß das schon mit der Existenz des Pfarrers gesetzte Frage- und Ausrufezeichen in der Theo­logie, die ich kannte, sozusagen gar keine Rolle spielte, so daß ich, als ich Pfarrer wurde, von der Wahrheit überfallen werden mußte wie von einem gewappneten Mann? War denn meine Frage wirklich nur meine Frage, und wußten denn etwa andre den Ausweg, den ich nicht fand? Ich sah sie wohl Auswege gehen, aber solche, die ich als Auswege nicht anerkennen konnte. Aber warum suchten dann die mir bekannten Theologien jene Situation, wenn sie sie überhaupt berührten, als erträglich und überwindbar darzustellen, statt sie vor allem einmal zu begreifen, ihr ins Gesicht zu sehen und — dabei vielleicht zu entdecken, daß der Theologie eigenster Gegenstand sich gerade in dieser Situation in ihrer ganzen Unerträglichkeit und Unüberwindbarkeit manifestiert? Sollte es sich nicht lohnen, fragte ich mich weiter, sich zu überzeugen, was für ein Licht alle Theologie gerade von hier aus empfängt? Wäre es der Theologie nicht zu ihrem eigenen Heil besser, sie wollte am Ende nichts anderes sein als das Wissen um die not- und verheißungsvolle Lage und Frage des christlichen Verkündigers? Müßte sich nicht alles Weitere von selbst aus diesem Wissen ergeben? Bedrängt von |103| dieser Frage — und ich frage nochmals: ist das bloß meine zufällige Frage? — habe ich mich seinerzeit an die Arbeit am Römerbrief gemacht, die anfänglich nur ein Versuch sein sollte, mich mit mir selbst zu verständigen. Natürlich steht nun sehr viel scheinbar ganz anderes in dem Buch: neutestamentliche Theologie, Dogmatik, Ethik, Philosophie. Aber am besten verstehen Sie es dann, wenn Sie aus allem immer wieder den Pfarrer heraushören, mit seiner Frage: was heißt predigen?, und — nicht: wie macht man das?, sondern: wie kann man das? Das andre, was darinsteht, ist schon Reflex, nicht selber das Licht, auf das ich mich hingewie­sen sah und hinweisen möchte. Und so kam es denn zu dem, was sich jetzt als «meine Theo­logie», sagen wir einmal als «Theologie des Korrektivs» schon ein wenig breit machen will.

Ich sage Ihnen das alles nicht, um Sie mit meiner Biographie zu behelligen, sondern um Ihnen zu zeigen, inwiefern meine Absicht, wenigstens primär, nicht eine neue Theologie, sondern eine sozusagen von außen an die Theologie herankommende Beleuchtung ist, und zwar eine Beleuchtung gerade von dorther, wo Sie, vielleicht nicht als Theologen, aber sicher als Pfarrer ohnehin stehen. Es scheint mir, es könne gar nicht anders sein, als daß wir uns heute verste­hen, wenn Sie mir zunächst einmal dies Eine abnehmen, daß ich im Grunde, wohlverstanden, wenn Sie den Humor haben, über einiges Zufällige freundlich hinwegzusehen, nicht mit einer neuen erstaunlichen Theologie bewaffnet daherkomme, sondern, welches auch Ihre Theologie sein möge, einfach mit Verständnis und Teilnahme für Ihre Lage als Pfarrer neben Sie treten möchte. Fassen Sie es darum richtig auf, wenn ich heute mehr als Pfarrer zu Kollegen, denn als Professor zu Ihnen rede. Nach der Lage der Sache ist zweifellos das die sinngemäße Aus­führung des mir gewordenen Auftrags. Habe ich nicht nur einen Gesichtspunkt, sondern etwa auch einen Standpunkt, so ist es einfach der wohlbekannte des Mannes auf der Kanzel, vor sich die geheimnisvolle Bibel und die geheimnisvollen Köpfe seiner mehr oder weniger zahl­reichen Zuhörer — ja was ist nun geheimnisvoller? Auf alle Fälle: Was nun? Wenn es mir gelingen sollte, Ihnen dies «Was nun?» in seinem ganzen Gehalt wieder einmal akut in Erin­nerung zu rufen, so habe ich Sie nicht nur für meinen Standpunkt, der ja ohnehin der Ihrige ist, sondern auch für meinen Gesichtspunkt gewonnen, was Sie auch von meiner Theologie halten mögen, |104|

Wenn am Sonntag morgen die Glocken ertönen, um Gemeinde und Pfarrer zur Kirche zu rufen, dann besteht da offenbar die Erwartung eines großen, bedeutungsvollen, ja entschei­denden Geschehens. Wie stark diese Erwartung in den etwa beteiligten Menschen lebt, ja ob da überhaupt Menschen sind, die sie bewußterweise hegen, darauf kommt jetzt gar nichts an. Die Erwartung besteht, sie liegt in der ganzen Situation. Da ist eine uralte ehrwürdige Insti­tu­tion, oft und schwer angegriffen von außen und noch öfter und schwerer kompromittiert von innen, aber von unverwüstlicher Lebens- oder sagen wir Daseinskraft, wandlungsfähig und beharrlich zugleich, altertümlich und in der Regel auch modern (was jeweilen gerade modern heißt), obwohl sie beides nicht gerne Wort haben will, den schwersten intellektuellen, politi­schen, sozialen und sogar religiösen Erschütterungen bis jetzt siegreich gewachsen — und wie sollte sie es nicht auch in Zukunft sein? Ihr Vorhandensein begründet auf einen Anspruch, der in groteskem Widerspruch zu stehen scheint mit den Tatsachen und dessen Berechtigung und Möglichkeit doch eigentlich nur ganz Wenige und wenig Beachtliche etwa laut und unzwei­deutig und restlos zu leugnen wagen. Da ist ein Gebäude, dessen Bauart schon, auch abgese­hen von den Symbolen, Bildern und Geräten, mit denen es geschmückt ist, in der Sprache alter oder neuer Architektenkunst verrät, daß es als Schauplatz außerordentlicher Dinge ge­dacht ist. Da sind Menschen, nur 2-3 vielleicht, wie es ja hierzulande vorkommen soll, aber vielleicht auch einige Hundert, die, von einem merkwürdigen Instinkt oder Willen getrieben, diesem Gebäude zuströmen, wo sie — was suchen? Befriedigung einer alten Gewohnheit? Ja, aber woher diese alte Gewohnheit? Unterhaltung und Belehrung? Eine sehr merkwürdige Unterhaltung und Belehrung auf alle Fälle! Erbauung? Ja, so sagt man, aber was heißt Erbau­ung? Wissen sie es etwa? Oder wissen sie sonst, warum sie da sind? Jedenfalls sie sind da — und wenn es nur ein altes Mütterchen wäre —, und ihr Dasein schon weist hin auf ein Gesche­hen, das sie erwarten oder doch zu erwarten scheinen, das hier mindestens, wenn denn alles tot und ausgestorben sein sollte, früher einmal erwartet worden ist. Und da ist vor allem ein Mann, auf dem die Erwartung des da scheinbar bevorstehenden Geschehens in ganz beson­de­rer Weise zu ruhen, zu lasten scheint, nicht nur weil er die Technik dieses Geschehens studiert hat und beherrschen sollte, nicht nur weil er von der Gesellschaft besoldet und |105| angestellt oder doch fast widerspruchslos geduldet ist in der Funktion, deren Sinn offenbar dieses Ge­schehen wäre — nein, da ist nicht nur Mechanik, da ist Freiheit im Spiel, er selbst hat ja die­sen Beruf ergriffen, Gott weiß aus was für Verständnissen und Mißverständnissen heraus, aber doch so, daß es seine kurze, seine einzige Lebenszeit nun ganz und gar mit der Erwar­tung jenes Geschehens verknüpft hat. Und dieser Mann wird nun vor der Gemeinde und für die Gemeinde beten, wohlverstanden: beten — zu Gott! Er wird die Bibel öffnen und Worte voll unendlicher Tragweite daraus zur Verlesung bringen, Worte, die alle auf Gott sich bezie­hen. Und dann wird er auf die Kanzel steigen und — welches Wagnis auf alle Fälle! — pre­digen, d. h. aus seinem Kopf und Herzen etwas hinzufügen zu dem, was aus der Bibel verle­sen ist, «biblische» Gedanken der Eine nach bestem Wissen und Gewissen, kühn oder auch matt an der Bibel vorbeiflatternde Gedanken der Andere: es hat ja der eine eine «positive», der andere eine «liberale» Predigt gestern vorbereitet, aber verschlägt es so viel, wenn man den Gegenstand bedenkt? Von Gott scheint ja hier auf alle Fälle, nolens volens vielleicht, die Rede sein zu sollen. Und dann wird er die Gemeinde singen lassen, altertümliche Gesänge voll schwerer, unheimlicher Gedankenfracht, seltsame gespenstische Zeugen der Leiden, Kämpfe und Triumphe der längst entschlafenen Väter, alle an den Rand eines unermeßlichen Geschehens führend, alle, ob Pfarrer und Gemeinde verstehen, was sie singen, oder nicht, voll Erinnerung an Gott, immer wieder an Gott. «Gott ist gegenwärtig!« Ja, Gott ist gegenwärtig. Die ganze Situation zeugt, ruft, schreit ja offenbar davon, und wenn sie, vom Pfarrer oder von der Gemeinde aus gesehen, noch so fragwürdig, kümmerlich und trostlos wäre, ja dann viel­leicht gerade am meisten, mehr noch als da, wo Fülle und — menschlich geredet — gutes Gelingen das Problem der Situation halb oder ganz verdecken.

Aber was bedeutet diese Situation? Was ist das für ein Geschehen, auf das die Erwartung, die sich in ihm widerspiegelt, hinweist? Was heißt «Gott ist gegenwärtig!« in diesem Zusammen­hang? Offenbar nicht ganz dasselbe, wie wenn wir auf einen blühenden Kirschbaum, auf Beethovens neunte Symphonie, auf den Staat oder auch auf unser und anderer ehrliches Tage­werk |106| solche Rede anzuwenden uns erlauben. Warum sonst die überflüssige Zurüstung? Warum das Besondere gerade dieser Situation, wenn hier nicht hingezielt wäre auf ein beson­deres, spezifisches, kühner gemeintes: «Gott ist gegenwärtig!»? Ist’s nicht so: Wenn die Men­schen sich in diese Situation begeben, also in die Kirche kommen, dann haben sie, ob sie es wissen oder nicht, Kirschbaum, Symphonie, Staat, Tagewerk und noch einiges andre hinter sich als irgendwie erschöpfte Möglichkeiten. Die Antwort: Gott ist gegenwärtig, die in allen diesen Möglichkeiten zweifellos irgendwie gegeben ist, der Wahrheitsgehalt dieser Dinge, ihr Zeugnis von einem Sinn des Lebens, ist offenbar selbst wieder fraglich geworden, die großen Rätsel des Daseins: die unergründliche Stummheit der uns umgebenden sog. Natur, die Zufäl­ligkeit und Dunkelheit alles dessen, was einzeln und in der Zeit ist, das Leid, das Schicksal der Völker und Individuen, das radikale Böse, der Tod, sie sind wieder da und reden, reden lauter als alles das, was uns versichern möchte, Gott sei gegenwärtig. Nein, die Frage läßt sich nicht mehr unterdrücken, sie wird brennend heiß: Ob’s denn auch wahr ist? Wahr die Ahnung von einer Einheit des Zerstreuten, von einem ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht, von einer Gerechtigkeit nicht irgendwo hinter den Sternen, sondern in dem Geschehen, das nun einmal unser Leben ist, von einem Himmel über der Erde: über der Erde ja, aber über der Erde? Wahr die Rede von der Liebe und Güte eines Gottes, der mehr wäre als eines jener freundlichen Götzlein, deren Herkunft so leicht zu durchschauen ist, deren Herrschaft so wenig lang währt? Ob’s wahr ist?, wollen die Menschen vernehmen, erkennen, wissen, und darum greifen sie, nicht wissend, was sie tun, nach der unerhörten Möglichkeit zu beten, die Bibel aufzuschlagen, von Gott zu reden, zu hören und zu singen. Darum kommen sie zu uns, begeben sich in die ganze groteske Situation des Sonntagmorgens, die ja nur der potenzierte Ausdruck dieser Möglichkeit ist. Wohlverstanden: vernehmen, erkennen, wissen wollen sie, also nicht nur Behauptungen und Beteuerungen hören, und wenn sie noch so innig und begei­stert wären. Und vernehmen, erkennen, wissen wollen sie, ob’s wahr ist, also nicht irgend etwas anderes, das wie die Katze um diesen heißen Brei herumgeht. Lassen wir uns nicht dadurch irre machen, daß uns dieses Begehren selten oder nie in dieser Dringlichkeit offen entgegen tritt. Das schreien die Menschen natürlich nicht einfach heraus |107| und am wenig­sten uns Pfarrern in die Ohren. Aber lassen wir uns nicht täuschen durch dieses ihr Schwei­gen, — Blut und Tränen, tiefste Verzweiflung und höchstes Hoffen, leidenschaftliches Ver­lan­gen, das, nein den zu fassen, der die Welt überwindet, weil er ihr Schöpfer und Erlöser ist, der Anfang und das Ende, der Herr der Welt, leidenschaftliches Verlangen, sich das Wort sagen zu lassen, das Wort, das Gnade im Gericht verheißt, Leben im Tode, Jenseits im Dies­seits, Gottes Wort — das ist’s, was hinter unsern Kirchgängern steht, mag uns das, was sie begehren, in der sog. Wirklichkeit noch so schläfrig, noch so bürgerlich, noch so gewöhnlich vorkommen. Es ist wirklich nicht ratsam, sich an das vorletzte und vorvorletzte Begehren der Menschen zu halten, und sie werden uns keinen Dank wissen, wenn wir es tun. Sie erwarten von uns, daß wir sie besser verstehen, als sie sich selber verstehen, ernster nehmen, als sie sich selbst nehmen. Nicht dann sind wir lieblos, wenn wir tief hineingreifen in die Wunde, mit der sie zu uns kommen, sondern dann, wenn wir sie bloß betippen, als wüßten wir nicht, wa­rum sie zu uns kommen. Nicht dann geben wir uns einer Illusion hin, wenn wir annehmen, daß sie von den letzten schwersten Fragen herkommen, sondern dann, wenn wir meinen, sie könnten sich, wenn sie zu uns kommen, wirklich mit vorletzten, leichteren Antworten abspei­sen lassen. O ja, sie tun es natürlich vorläufig; sie sind gerührt, erfreut, befriedigt, auch wenn sie das, was sie eigentlich suchen, nicht finden, sondern (in religiösen, christlichen, positiv-christlichen Formen vielleicht) das, was sie im Grunde besser auch anderswo finden könnten. Der Katholizismus ist das gewaltige Beispiel dafür, wie es allenfalls gelingen kann, die Men­schen hinzuhalten, einzulullen, ihr eigentliches Begehren vergessen zu lassen durch Darbie­tung einer glücklich gewählten letzten Vorläufigkeit. Aber täuschen wir uns nicht: wir sind nicht katholisch und unsre Gemeinden auch nicht, wir befinden uns in einem fortgeschrittenen Stadium der Situation, in dem uns die Verabreichung auch der bestgewählten Narkotika trotz aller rückläufigen Erscheinungen nur noch teilweise, nur noch kurzfristig gelingen kann. Glaubt es ihnen nicht, den Gutmütigen, die uns versichern, daß wir unsre Sache gut gemacht haben, auch dann, wenn unsre ganze Kunst darin bestanden hat, dem Sinn der Situation aus­zuweichen! Hört nicht auf sie, die Ängstlichen, die uns jammernd davor warnen, die Situation doch ja nicht etwa ernst werden zu lassen, doch ja nicht von unserm gewohnten Blind- zum Scharf-|108|schießen überzugehen! Es ist nicht die Stimme der Kirche Gottes, die aus ihnen redet! Der ernste Sinn der Situation bei uns ist der, daß die Menschen das Wort zu hören begehren, will sagen: die Antwort auf die Frage, ob’s wahr ist, von der sie, ob sie es wissen oder nicht, bewegt sind. Die Situation am Sonntag morgen ist im wörtlichsten Sinn end-ge­schichtlich, eschatologisch, auch von den Menschen aus betrachtet, von der Bibel vorläufig noch ganz abgesehen; d. h. wenn diese Situation eintritt, dann ist die Geschichte, die übrige Geschichte zu Ende, und ein letztes Begehren des Menschen nach einem letzten Geschehen wird nun maßgebend. Verstehen wir dieses letzte Begehren nicht, nehmen wir die Menschen nicht ernst in der Bedrängnis ihrer Existenz, die sie zu uns geführt hat (ich wiederhole es: ern­ster, als sie sich selbst nehmen!), dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie in ihrer Mehr­zahl, ohne zu Kirchenfeinden zu werden, allmählich lernen, die Kirche links liegen-, uns mit jenen Gutmütigen und Ängstlichen allein zurückzulassen. Ist es etwa nur psychologisch be­dingt, wenn immer wieder gerade auch aufgewecktere Pfarrers- und Theologensöhne zu diesem Heer der stillen Flüchtlinge stoßen, oder sollte es nicht auch daher kommen, daß sie aus der Nähe wissen: was man eigentlich sucht, das wird man bei uns schwerlich finden? Habe ich nicht wenigstens teilweise recht, wenn ich sage: Die Menschen sind eben enttäuscht von uns, und zwar die Gebildeten und die Ungebildeten, und zwar in ihrem Tiefsten ent­täuscht; allzu oft sind sie, vielleicht schon seit Jahrhunderten, abgespeist worden, allzu oft ist, gerade in der wohlgemeinten Absicht, ihnen entgegenzukommen, an ihnen vorbeigeredet worden? Wäre es, statt aus vermeintlicher Menschenliebe auf immer neue Abspeisungen der Enttäuschten zu sinnen, nicht besser, einmal zu überlegen, ob sie nicht darauf warten, in der Kirche ganz einfach ernster genommen, besser verstanden zu werden in ihrer großen unstill­baren Lebensunruhe, als es ihnen in der Regel (im Gegensatz zur methodistischen, kommuni­stischen oder anthroposophischen Versammlung etwa) gerade hier widerfährt? Wunderlich genug, wie sie immer noch dadurch, daß sie sich von uns wenigstens taufen, konfirmieren, trauen und beerdigen lassen, zeigen, daß die Erwartung, die sie auf uns setzen, nicht ganz erloschen ist. Wunderlich genug, daß es immer noch sog. kirchliche Gemeinden und Gegen­den gibt. Es wäre uns vielleicht besser, es gäbe sie nicht, damit wir endlich merkten, was die Glocke geschlagen hat. Wir |109| sollten uns aber durch die Langmut Gottes, die uns Pfarrern vielfach noch in der Langmut, vielleicht auch bloß in der Schläfrigkeit unsres Publikums ent­gegentritt, nicht abhalten lassen von der Buße, die durchaus auch im Blick auf die Menschen heute das erste Gebot der Stunde sein könnte.

Aber das ist nur die eine Seite der Situation am Sonntag morgen, und die andre ist noch be­langreicher. Sie besteht äußerlich darin, daß da die Bibel aufgeschlagen wird, wenigstens in unsern protestantischen Kirchen. — Es lohnt sich wohl, hier einen Augenblick stehen zu bleiben und uns klar zu machen, welch unermeßlich Gefährliches damit geschehen ist, daß die Reformatoren es gewagt haben, als Grund und Ziel der Kirche das in der Heiligen Schrift ausgesprochene Wort Gottes zu proklamieren. Wer darüber noch nie geseufzt hat, der hat nicht das Recht, reformationsfroh darüber zu jubilieren. Denn damit haben uns die Reforma­toren auch von der andern Seite den Riegel vorgeschoben, so daß wir mit gutem Gewissen mit vorläufigen Darbietungen uns nicht mehr zufrieden geben können, wie sich unsre Gemeinden im Grunde auch nicht damit zufrieden geben. Wie unvergleichlich viel gesicherter, kontinuier­licher und zuversichtlicher geht die andre Kirche ihren Weg, die dieses gefährliche Prinzip des Wortes wohlweislich unentdeckt gelassen hat! Und wir haben durchaus keinen Anlaß, über diese bekannte katholische Sicherheit ohne weiteres die Nase zu rümpfen. Ich denke an das, was mir einst ein Benediktiner aus dem Elsaß aus der Kriegszeit erzählte: Er hat eines Abends als Singmeister seines Klosters eben mit seinen Confratres das Magnifikat intoniert, da durchschlägt plötzlich eine französische Granate das Dach und explodiert mitten im Schiff der Kirche. Aber der Qualm verzieht sich, und das Magnifikat wird fortgesetzt. Man darf wohl fragen, ob die protestantische Predigt auch fortgesetzt worden wäre? Haben wir nicht alle, wenn uns unsre Aufgabe als verbi divini ministri, wie wir Reformierten sagen, wieder einmal bedrängte und bedrückte, etwa ein stilles Heimweh empfunden nach den «schönen Gottes­diensten» des Katholizismus und der beneidenswerten Rolle des Priesters am Altar, der, das Sanktissimum hoch erhebend vor allem Volk mit der ganzen Bedeutungsfülle und Kraft, die das dingliche Symbol immer voraus hat vor dem |110| Symbol des Menschenwortes als sol­chem, die doppelte Gnade des Opfertodes und der Inkarnation des Gottessohnes nicht nur verkündigt in Worten, sondern sich vollziehen läßt unter seinen Händen, ein «creator crea­toris»? «Le prêtre un autre Jésus Christ!», wie ich einmal bei einer Primiz-Feier wörtlich habe verkünden hören. Wenn wir das auch könnten! Ja, auch dort wird nebenbei die Bibel ausge­legt. Aber wie belanglos, wie wenig sorgenerregend ist die Aufgabe der Predigt, wie ist dort auch das dürftigste Predigtlein zum vornherein gedeckt und gerettet durch den Abglanz des eucharistischen Wunders, in dem es geschieht. Um dieses Wunders willen kommen ja doch die Menschen tatsächlich allein zur Kirche. Wie anschaulich, einleuchtend, geordnet und möglich ist der Weg von Gott zum Menschen, vom Menschen zu Gott, den der katholische Pfarrer von diesem Zentrum aus täglich zu gehen und den andern zu weisen hat. Wie glänzend ist dort das Problem gelöst, die Menschen bei tiefstem Verständnis für das, was sie in der Kirche suchen, mit einer letzten enormen Vorläufigkeit hinzuhalten, bei scheinbar größter Erschütterung das Gleichgewicht der Seelen und der Welt tatsächlich nicht zu erschüttern und dabei doch den Anschein zu erwecken, als ob nun das letzte erlösende Wort gesprochen sei. Wer von uns hätte die Stirne, den kerygmatischen Gehalt und Erfolg des katholischen Altar­sakraments unter Hinweis auf etwas Besseres, das wir etwa hätten, in Abrede stellen zu wollen? Wir sind uns doch klar darüber, daß das Bessere, das die Reformation genau an die Stelle der abgeschafften Messe gestellt wissen wollte — unsre Wortverkündigung sein müßte. Denn verbum visibile, gegenständlich verdeutlichte Wortverkündigung ist auch das, was bei uns als Sakrament übrig geblieben ist. Alles hat uns die Reformation genommen und grausam allein die Bibel uns gelassen. Wollen wir das Rad nicht rückwärts drehen, um eine Viertels- oder Achtelsdrehung wenigstens? Ist es nur gewachsene Feinfühligkeit und Duldsamkeit oder nicht auch geschwundene Exusia, wenn wir es heute unterlassen, die päpstliche Messe mit der tapfern Frage 80 des Heidelberger Katechismus eine «Verleugnung des einigen Opfers und Leidens Jesu Christi und eine vermaledeite Abgötterei» zu nennen? Allzu deutlich verraten ja die bekannten Bestrebungen, die schmale, furchtbar schmale Basis der protestantisch-christ­li­chen Verkündigung zu verbreitern, das Heimweh, dem sich viele von uns in nur zu verständ­licher Weichmütigkeit überlassen haben. Könnte man, um nur eines zu erwähnen, offener |111| beweisen, wohin die Reise geht, als durch den doch geradezu humoristischen Vorschlag, die in der Kirche des Wortes schmerzlich empfundene Lücke auszufüllen durch das sog. «Sakrament des — Schweigens»? Ist der tiefe Eindruck, den das schwüle Buch von Heiler über das Gebet unter uns erzielt hat, nicht denkwürdiger als das Buch selbst? Was soll man davon halten, wenn man ernste Männer unter Zurückgehen noch hinter den Katholizismus sogar die Einführung des kirchlichen Tanzes ernsthaft in Erwägung ziehen hört? O die Verle­genheit, aus der das alles stammt, ist nur zu begreiflich. Es ist eine harte Sache, daß die Refor­mation uns hier einen Riegel vorgeschoben hat, den wir nicht so leicht zurückschieben wer­den, daß unsre Situation nach einer Vergangenheit von 400 Jahren auch nach dieser Richtung gegeben ist und durch die verschiedenen Weihrauchdämpfe, die man heute wieder aufsteigen lassen möchte, wohl verdunkelt, aber nicht mehr grundsätzlich verändert werden kann, daß die Grenzen, die vom Lande Jahves in das Land Baals hinüberführen, uns wenn auch, wie figura zeigt, nicht hermetisch, so doch immerhin wirksam verschlossen sind, daß die Verkün­digung des biblischen Gotteswortes uns nun einmal mit dem ganzen Schwergewicht einer geschichtlichen Realität zugewiesen ist und nicht mehr ganz wird abgeschüttelt werden kön­nen. Es ist eine harte Sache, statt in dem heiteren Schein des Mittelalters, wie er etwa vom Schluß von Goethes Faust, zweiter Teil, ausgeht, in dem düstern Schatten der Reformation stehen zu müssen, und wäre es auch nur als das Epigonengeschlecht, das wir sind. Ja gerade so hart wie die andre Sache, von der wir vorhin sprachen: daß unsre Zuhörer und Nichtmehr-Zuhörer durchaus mit der Erwartung des Wortes, der Antwort auf die Frage: Ob’s wahr ist? uns und unsrer Kirche gegenüberstehen. Skylla und Charybdis, die sich gegenseitig anschauen und zwischen denen wir uns zurechtzufinden haben!

Aber wir müssen uns mit der Seite der Situation, die durch das auf Kanzel und Altar aufge­schlagene Bibelbuch bezeichnet ist, noch etwas näher befassen. Was macht es uns denn so schwer, auf dem Boden des reformatorischen Schriftprinzips zu verharren? Nun nur keine Kleinlichkeiten zur Antwort! Nicht das Alter, die Ferne und Fremdheit der Bibel (etwa die Fremdheit ihrer «Weltanschau-|112|ung») machen es uns so schwer. Auch nicht die verlo­ckende Konkurrenz, die der Bibel durch Goethe und Schiller, durch Buddha und Nietzsche bereitet sind. In der Regel auch nicht das allzu reichliche Fließen der eigenen Inspiration, die sich durch die biblischen Gedankenbahnen etwa beengt fühlen würde. Nein, die Bibel ist uns unheimlich, weil sie eine neue große (größere!) spannungsvolle Erwartung in die kirchliche Situation hineinträgt von der andern Seite. Bringt die Gemeinde primär in die Kirche die große Frage des Menschenlebens und sucht darauf Antwort, so bringt die Bibel umgekehrt primär eine Antwort, und was sie dazu sucht, das ist die Frage nach dieser Antwort, fragende Menschen, die diese Antwort als solche, eben als Antwort auf die entsprechende Frage verste­hen, suchen und finden wollen. Auch die Linie, auf der sich die Gedankenwelt der Bibel be­wegt, läuft offenbar dort durch, wo eine ganze Reihe großer und wertvoller Möglichkeiten in Frage gestellt sind durch das Übergewicht der negativen Faktoren in der Lebensrechnung, also eben dort, wo wir auf des Menschen Seite die Frage: ob’s denn wahr ist? entstehen sehen. Die Bibel überspringt mit unheimlicher Einseitigkeit alle die Stufen des Menschenlebens, wo die­se Krisis etwa noch nicht akut ist, wo der Mensch etwa noch in ungebrochener Naivität bei Kirschbaum, Symphonie, Staat, Tagewerk sich der Gegenwart Gottes trösten kann. Sie inter­essiert sich mit unheimlicher Dringlichkeit erst für die Stufe — ist es die höchste oder die tiefste? —, wo der Zweifel über ihn gekommen ist. Auch Lob und Dank und Jubel und Ge­wißheit finden in der Bibel nicht diesseits, sondern jenseits der Linie statt, wo der Mensch ein Suchender, Bittender, Anklopfender geworden ist, wo eben jene hilfesuchende letzte Verle­genheit über ihn gekommen ist, die ihn, sagen wir einmal: in die Kirche führt. Achten Sie darauf — um nur ein zentrales Beispiel zu nennen —, wo die Linie der Bibel die menschliche Lebenslinie in den Psalmen schneidet, da haben wir die Antwort doch ganz unzweideutig: in Schuldbewußtsein, Krankheit, Bedrängnis durch den persönlichen und durch den Volksfeind, in Ferne von Gott und göttlichen Dingen, in Zweifel und Verzweiflung, in Vergänglichkeit und Sterben. So stellt sich die Bibel zunächst ganz einfach neben den zum Bewußtsein seiner Lage erwachten Menschen und fragt mit ihm — denken Sie an den 42. Psalm, denken Sie an Hiob —, ob’s denn wahr ist, wahr, daß es in dem Allem einen Sinn, ein Ziel und einen Gott |113| gibt, nachdem diese Gewißheit sonst überall schwankend geworden ist.

Aber in zwei Punkten unterscheidet sich nun die Bibel von dem Bewußtsein jenes erwachen­den Menschen. Erstens darin, daß sie seiner Frage erst ihre wirkliche Schärfe und Bedeutung gibt: und das in einer Weise, die doch wohl auch den Erschrockensten, Gedemütigtsten, Ver­zweifelndsten noch einmal an den Rand eines Abgrunds führt, von dem er nichts ahnte; in einer Weise, daß Freud und Leid, Gutes und Böses, Licht und Finsternis, Ja und Nein, wie wir sie als die Widersprüche unsres Daseins kennen, auf einmal ganz nahe aneinanderrücken und sogar unsre heißeste, brennendste Frage, die uns schließlich flehende Hände zu Gott erheben läßt, erblassen und verstummen muß, in einer Weise, daß wir merken müssen: all unser Fra­gen war erst Vorbereitung und Übung, und nun erst fragt es sich, ob wir im Ernst fragen, ob wir nach Gott fragen wollen. Wenn der Dulder Hiob sein Leid klagt, dann meint er offenbar ein Leid, das, menschlich gesprochen, kein Ende hat. Wenn Paulus von der Sünde redet, dann meint er damit nicht die Puppensünden, mit denen wir uns plagen, sondern die Sünde Adams, in der wir erzeugt und mit der wir geboren sind, die Sünde, die wir, solange die Zeit währt, nicht ablegen werden. Wenn die Johannesschriften zu sagen wissen von der Finsternis dieser Welt, dann ist das nicht bloß eine von jenen Dunkelheiten, in denen und neben denen es doch noch allerlei freundliche Lichtlein gibt für jeden, der nicht als ganz rabiater Pessimist sich gebärden will, sondern von der Finsternis ist da die Rede, angesichts derer die Frage, ob einer mehr Optimist oder Pessimist sein will, ganz gegenstandslos wird. Und wenn Jesus Christus am Kreuze stirbt, dann fragt er nicht bloß: ob’s denn auch wahr ist?, sondern: «mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?». Man hat gemeint, Jesus entschuldigen zu müssen mit der schwer zu begründenden Ausrede, das sei doch noch nicht der Ausdruck wirklicher Verzweiflung, und hat ganz übersehen: das ist nicht weniger, sondern mehr als Zweifel und Verzweiflung, das ist derelictio, Verloren- und Verlassenheit, wie unsre alten Dogmatiker noch gewußt haben. Leiden heißt in der Bibel: an Gott leiden. Sündigen: an Gott sündigen. Zweifeln: an Gott zweifeln. Vergehen: an Gott vergehen. Anders ausgedrückt: Aus der schmerzlichen Einsicht in die Grenzen der Menschheit, die der Mensch im Zusammenhang mit seinen auf- und absteigenden Lebenserfahrungen mehr oder weniger deutlich gewinnen kann, |114| wird in der Bibel die Botschaft vom Kreuz als der Ordnung des heiligen Gottes, unter die der Mensch jetzt und hier ein- für allemal gestellt ist. Das Kreuz ist die Forderung Gottes, daß wir nach ihm, nach Gott fragen und lebenslänglich, auch wenn alle andern Fragen lösbar wären, dieser Frage uns nicht mehr entwinden und entziehen sollen. Deutlich und immer deutlicher ringt sich in der ganzen Bibel Alten und Neuen Testamentes diese Botschaft ans Licht und wird unzweideutig und unmißverständlich in Jesus Christus. Sie sucht Men­schen, die nach Gott fragen können und wollen, die in der Lage sind, ihre kleinen Fragen — und welche werden da nicht klein? — aufgehen zu lassen in der großen Frage, sich unter das Kreuz und d. h. sich vor Gott zu stellen. «Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und bela­den seid!» Wozu? «Nehmet auf euch mein Joch!». Das versteht sich nicht von selbst, auch nicht bei den erwachtesten, suchendsten Menschen, daß sie so sehr Mühselige und Beladene sind, daß sie sein Joch, Christi Joch auf sich nehmen. Das haben wir nie begriffen, und wenn wir es schon tausendmal begriffen hätten.

Der zweite entscheidende Punkt ist der, daß die menschlichen Lebensfragen auch in ihrer höchsten Form bloß Fragen sind, denen die gesuchte Antwort als ein Zweites, Anderes, das erst dazukommen muß, gegenübersteht. So dagegen, wie die Bibel die menschliche Lebens­frage faßt, übersetzt in die Frage nach Gott, unter die wir gestellt sind, kann man von «Frage» gar nicht reden und hören, ohne schon von Antwort zu hören. Wer sagen kann, da, wo die Bibel uns hinführe, sei schließlich nur ein großes Nein zu hören, ein großes Loch zu sehen, der beweist damit nur, daß er dahin noch nicht geführt worden ist. Dieses Nein ist eben Ja. Dieses Gericht ist Gnade. Diese Verurteilung ist Vergebung. Dieser Tod ist Leben. Diese Hölle ist Himmel. Dieser furchtbare Gott ist der liebende Vater, der den verlorenen Sohn in seine Arme zieht. Der Gekreuzigte ist der Auferstandene. Und das Wort vom Kreuz als sol­ches ist das Wort vom ewigen Leben. Kein Zweites, Anderes braucht zur Frage hinzuzutreten. Die Frage ist die Antwort. Die Wahrheit und Wirklichkeit, die Begründetheit dieser Umkeh­rung, die der Sinn der ganzen Bibel ist? Ich weiß keine andere als die Realität des lebendigen Gottes, dessen, der ist, der er ist, des sich selbst Begründenden. Die Bibel verzichtet auf alle Begründetheiten Gottes. Sie bezeugt Offenbarung. Wir sahen seine Herrlichkeit, und so sahen wir sie: als die Antwort in der Frage. Wie kann man die Antwort |115| anders vernehmen, erkennen, wissen als eben so? Aber die Antwort ist das Primäre. Es wäre keine Frage, wenn nicht die Antwort wäre. Nur damit sie dem Menschen wirklich Antwort sein kann, muß sie ihm als Frage begegnen. Gott ist die Fülle des Ja; nur damit wir ihn als Gott verstehen, müs­sen wir hindurch durch sein Nein. Die enge Pforte führt zum Leben; nur weil sie diese Pforte ist, muß sie so eng sein. «Ich will euch erquicken!». Und «mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht». Nur damit dies an uns wahr werde, müssen wir das Joch und die Last auf uns neh­men. «So ihr mich von ganzem Herzen suchet, will ich mich von euch finden lassen!, spricht der Herr»  Nur der Herr kann so sprechen, kann Suchen und Finden, Frage und Antwort in eins setzen. Die Bibel aber bezeugt, daß er so spricht.

Das ist’s also, was die andre Seite der kirchlichen Situation ausmacht. Sagte ich’s recht? Es ist die noch größere Erwartung, die durch die Bibel in diese Situation hineingetragen wird. Dies ist die Erwartung: Wo sind die Menschen, die in der Frage der Bibel ihre eigene Frage wieder­erkennen und dann in dieser Frage Gottes Antwort: endgültig, erlösend, neuschaffend, bele­bend, beseligend, Zeit und alles, was in der Zeit ist, in das Licht der Ewigkeit rückend, Hoff­nung und Gehorsam erzeugend? Wo sind die Menschen, die Augen haben zu sehen, was kein Auge gesehen, Ohren zu hören, was kein Ohr gehört, Herzen zu fassen, was in keines Men­schen Herz gekommen ist? Die Menschen, die den Heiligen Geist empfangen wollen und können als Unterpfand dessen, was immer noch nicht erschienen, auch den Kindern Gottes, gerade den Kindern Gottes noch nicht erschienen ist? Die Menschen, die glauben wollen und können in ihrer Not auf Verheißung? Gott erwartet, Gott sucht solche Menschen. Nicht unser Leben, unsre Angelegenheiten, Bedürfnisse und Wünsche sind’s, die in der Bibel in Frage stehen, sondern so steht’s, daß der Herr Arbeiter sucht in seinen Weinberg. Klein und unbe­deutend wahrhaftig ist die Erwartung, die von der Gemeinde in die kirchliche Situation hin­eingetragen wird, und wenn wir sie noch so tief verstehen, neben der Erwartung, die ebenso stumm wie jene, aber noch ganz anders real von der Seite der aufgeschlagenen Bibel aus besteht. Oder vielmehr: Ist das Erwachen der Menschen, das diese Situation kennzeichnet, groß und bedeutend, dann im Lichte dessen, was Gott da erwartet. Darum ist das menschliche Erwarten ernstzunehmen, kann nicht ernst genug |116| genommen werden, weil es eine Ab­schattung ist des großen Erwartens, mit dem Gott hier zuerst auf dem Plan ist. Das ist eine unheimliche Situation, wer wollte das verkennen? Wohl begreiflich, daß wir ihr ausweichen möchten. Aber wir werden nicht wider den Stachel löcken können: gerade nach der Seite, von woher das Unheimliche in diese Situation ursprünglich kommt, gerade nach der Seite der Bibel sind wir, ich wiederhole es, durch das, was vor 400 Jahren über die Christenheit gekom­men ist, festgelegt.

Das Geschehen, auf das diese Erwartung von beiden Seiten gerichtet ist, ist die christliche Verkündigung. Und der Mann, der bei diesem Geschehen zwar nicht im Mittelpunkt, wohl aber an vorderster, exponiertester Stelle steht, ist der christliche Verkündiger, der Pfarrer. Er ist doch, von den Menschen aus gesehen, die am Sonntag in die Kirche kommen oder auch nicht kommen, jedenfalls der Erste, der ihnen Antwort geben, und er ist, von der Bibel aus gesehen, der Erste, der bereit sein müßte, sich unter Gottes Frage, in das Fragen nach Gott hineinzustellen, ohne das Gottes Antwort für uns nicht wahr werden kann. Würde er das tun: antworten auf das, was die Menschen fragen, aber antworten als ein selber von Gott gefragter Mensch, ja dann dürfte man wohl sagen, daß er — Gottes Wort redet, das die Menschen bei ihm suchen und das Gott ihm zu reden aufgetragen hat. Denn als wirklich von Gott gefragter und nach Gott fragender Mensch würde er ja Gottes Antwort wissen und so den Menschen Antwort geben können, diesen Menschen, die ja mit ihrer Frage gerade auf Gottes Antwort warten, auch wenn sie es nicht wissen. Ja wenn das der Fall wäre, gäbe es dann ein bedeu­tungsvolleres, entscheidenderes Geschehen als die christliche Verkündigung? Verständlich wäre auf einmal die ganze kirchliche Situation, wenn sie der Rahmen dieses Geschehens wäre, gerechtfertigt die Existenz des Pfarrers, wenn er dieses Geschehens Diener sein sollte, sinnvoll gerade das Tun, das im Protestantismus den Mittelpunkt seines Amtes bilden soll: die Predigt als Schriftauslegung, wenn sie eben Verkündigung des Wortes Gottes sein sollte. Es ist ja fast eine Banalität, wenn ich jetzt sage: Es gibt nichts Wichtigeres, Dringenderes, Not­wendigeres, Hilfreicheres, Erlösenderes und Heilvolleres, es gibt vom Himmel wie von der |117| Erde aus gesehen nichts der wirklichen Lage Entsprechenderes als das Reden und Hören des Wortes Gottes in seiner richtenden und aufrichtenden Wahrheitsmacht, in seinem alles entwurzelnden und alles versöhnenden Ernst, in seiner Leuchtkraft hinein in die Zeit und ihre Wirren und darüber hinaus in die Klarheit der Ewigkeit und immer Beides zugleich und das Eine durch das Andre und im Andern, das Wort, der Logos des lebendigen Gottes. Fragen wir uns selbst und denken wir dabei an Jesus Christus, ob der Wille Gottes nicht drängt und ob die Verfassung des Menschen, des heutigen Menschen hier in Deutschland 1922 nicht schreit nach diesem Geschehen? Noch einmal: Was wäre unsere christliche Verkündigung, wenn sie dieses Geschehen wäre! Und daß sie das ist, das ist die Verheißung, die sie hat: nehmen wir unsre Situation als Pfarrer ernst, dann können wir gar nicht anders als diese Verheißung be­jahen. Sie ist mit dem Ernstnehmen unsrer Situation zwischen Gemeinde und Bibel gegeben. Ernstnehmen kann hier nichts anderes sein, als Gottes Verheißung, die hinter dieser merkwür­digen Situation steht, ergreifen und glauben, auf sie vertrauen und ihr gehorsam werden.

Aber hier müssen wir innehalten. Das ist die Verheißung der christlichen Verkündigung: daß wir Gottes Wort reden. Verheißung ist nicht Erfüllung. Verheißung bedeutet, daß Erfüllung uns versprochen ist. Verheißung hebt die Notwendigkeit zu glauben nicht auf, sondern be­gründet sie. Verheißung ist des Menschen Teil, Erfüllung ist Gottes Teil. Daß, was Gottes ist, auch des Menschen ist, das kann nur geglaubt werden. «Wir haben solchen Schatz in irdenen Gefäßen». Keine Verwechslungen zwischen Gottes und des Menschen Teil, zwischen dem Schatz und den irdenen Gefäßen! Warum passiert diese Verwechslung niemandem so leicht wie uns Theologen und unvorsichtigen Philosophen etwa, gerade uns, die es besser wissen sollten? Es ist doch wohl klar: auch daß wir Gottes Wort reden, können wir nur glauben. Got­tes Wort auf eines Menschen Lippen, das ist nicht möglich, das kommt nicht vor, das kann man nicht ins Auge fassen und nicht ins Werk setzen. Gottes Tun ist doch wohl das Gesche­hen, auf das sich die Erwartung vom Himmel wie von der Erde aus richtet. Etwas anderes kann den wartenden Menschen nicht genügen und etwas anderes kann Gottes Wille nicht sein, als daß er selbst der ist, der es schafft. Gottes Wort ist also und will und muß sein und bleiben Gottes Wort. Der Schein, als ob es anders wäre, verkehrt die Sache in ihr |118| Gegenteil, und wenn es der glänzendste, der christlichste, der biblischste Schein wäre. Vorweggenommene Erfüllung raubt uns auch die Verheißung.

Und hier muß nun von der furchtbaren Gefahr der kirchlichen Situation geredet werden. Ist sie nicht ganz dazu angetan, jenen Schein zu erwecken: hier haben Menschen es darauf abgese­hen und — wer weiß? — schon erreicht, Gottes Wort auf ihre Lippen zu nehmen als ihr eige­nes Wort? Wohlverstanden: um so bedenklicher wird dieser Schein, um so bedrohlicher die Lage, je mehr Gelingen, Erfolg und Erfüllung etwa damit verbunden ist. Um so mehr, je voller unsre Kirchen, je gesegneter und befriedigender unsre Tätigkeit etwa ist. Was heißt Segen? Was heißt Befriedigung im Pfarramt? Machen uns die Propheten und Apostel, um von Jesus Christus nicht zu reden, etwa den Eindruck von Leuten, denen es gelungen ist, daß sie nachher auf ein gesegnetes, befriedigendes Leben zurückblicken konnten? Wie seltsam, wenn wir soviel besser daran sind als sie! Was kann das bedeuten? Das bedeutet auf alle Fälle, daß wir einmal gründlich erschrecken sollten. Was tust du, du Mensch, mit Gottes Wort auf dei­nen Lippen? Wie kommst du zu dieser Rolle des Mittlers zwischen Himmel und Erde? Wer hat dich befugt, sich dahin zu stellen und religiöse Stimmung zu erzeugen? Und nun gar noch mit Erfolg und Gelingen? Was kann das anderes bedeuten als höchste Überhebung, höchsten Titanismus und — weniger klassisch, aber um so deutlicher: höchsten Kitsch! Man über­schreitet die Grenze der Humanität nicht ungestraft, und man bricht nicht ungestraft ein in die Gerechtsame Gottes! Gehört aber nicht Beides unvermeidlich zum Beruf des Pfarrers? Ist nicht die ganze kirchliche Situation eine namenlose Überhebung des Menschen, schlimmer als das, was sein Übermut auf andern Gebieten sich leistet? Ich würde antworten: Bei Gott ist es möglich, daß dem nicht so ist, daß wir als Pfarrer und in der kirchlichen Situation gerettet sind wie ein Brand vor dem Feuer. Bei den Menschen aber ist das unmöglich. Soviel wir wissen, können wir nur sagen: Wo kann ernstlicher vom Zorne Gottes die Rede sein als über uns Pfar­rern? Oder sollten wir nichts davon wissen, wie sehr gerade wir unter dem Gericht stehen; nicht irgendwie geistig, religiös oder sonst harmlos meine ich das, sondern höchst real: Mose und Jesaja, Jeremia und Jona haben |119| wahrhaftig gewußt, warum sie sich in diese Situation des Predigers nicht begeben wollten. Kirche ist eigentlich eine Unmöglichkeit. Pfarrer kann man eigentlich nicht sein. Predigen, ja wer darf, wer kann denn das, wenn er weiß, um was es da geht? Ist uns die kritische Lage der Kirche etwa immer noch nicht drastisch genug vor Augen gestellt? Wann werden wir sie zu deuten wissen? In welchem von den vielen Einwän­den, die heute gegen die Kirche und gegen das Christentum von den Gebildeten und Ungebil­deten unter ihren Verächtern erhoben werden, steckte nicht letztlich der Einwand, den wir selber gegen uns erheben müßten, wenn wir uns dessen genauer bewußt wären, was wir als Pfarrer wagen? Wäre es nicht besser, uns jene Einwände, ob sie nungerecht oder ungerecht, gescheit oder dumm seien, einfach einmal ein wenig gefallen zu lassen, in der Einsicht, daß etwas dran ist, wie David die Steinwürfe Simeis des Sohnes Geras, statt uns sofort mit dem Rüstzeug unsrer ebenso subtilen wie in ihrem Wert fragwürdigen Apologetik dagegen zur Wehr zu setzen? Wäre es nicht ratsamer, gewisse Stürme, die über uns kommen wollen, einmal ruhig ihre reinigende Kraft an uns auswirken zu lassen, statt ihnen sofort mit einem kirchlichen Gegensturm entgegenzutreten? Wäre es uns nicht besser, statt pastoral-theolo­gischer Zeitschriften und dgl. z.B. Feuerbach zu lesen, und zwar ohne zu versuchen, den Kopf sofort wieder aus der Schlinge zu ziehen? Wenn Gott uns, das Wunder ist ja möglich bei ihm, erwählt hat und rechtfertigen will als Pfarrer und in der kirchlichen Situation, dann jedenfalls allein da, im Gericht über uns selbst, im Gericht über die Kirche, im Gericht über unser Pfar­rertum. Denn erst hier können wir ja die Verheißung ergreifen, erst hier glauben. Erst damit, daß wir nicht nur als Menschen im allgemeinen — das wäre allzu bequem, denn nie­mand ist ein Mensch im allgemeinen —, sondern gerade als Geistliche, gerade in unsrer Mitt­lerstellung die Frage, die große schlechthin demütigende, ja tödliche Frage Gottes an alles, was Fleisch heißt, auf uns nehmen, gerade dadurch erst kommen wir in die Lage, «Geistliche» zu sein, d. h. Gottes Antwort zu vernehmen und dann auch den Menschen Antwort zu geben auf ihre Frage. Erst dadurch, daß unsre Verkündigung aus realer Not kommt, wird aus unserm Amt Sendung. Und Sendung allein kann unsre Verkündigung legitimieren. Es liegt Sinn darin, daß der Hohepriester am großen Versöhnungstag nach Lev. 16 zuerst einen Farren darbringen, schlachten und opfern |120| mußte zum Sündopfer, «daß er sich und sein Haus versöhne», und danach den Bock als Sündopfer für das Volk. Wäre es nicht ratsam, diesen Farren nun einmal darzubringen und unterdessen wenigstens den Bock noch leben zu lassen? Weigerten wir uns etwa dessen, daß das Gericht anheben muß beim Hause Gottes, weigerten wir uns, uns und unser Amt und unsre Kirche dahin zu stellen, wo alles Fleisch stehen muß, sollte das nicht das Erste sein, mit dem wir immer wieder anfangen, an das wir immer wieder zuerst denken, das unsrer Arbeit am Studiertisch und unsrem Reden auf der Kanzel vorangehen muß, wollten wir uns der gründlichen Desillusionierung, die das bedeutet, heimlich oder offen, mit weltlicher oder christlicher Begründung entziehen, sollten wir eine Anklage gegen die Welt, gegen die unchristlichen Weltanschauungen, die unreligiöse Masse und wie das alles heißt, schleudern, die nicht zuerst mit ihrer vollen Wucht uns selbst getroffen hat, so getroffen, daß uns zum Reden gegen die da draußen zunächst einfach der Atem ausgeht, sollten wir von der Sünde, der Sünde des Eritis sicut Dii reden, ohne zuvor zu uns selbst gesagt zu haben: Du bist der Mann, du mehr als alle andern! — wie sollten wir dann nicht bleiben müssen unter dem Gericht, aus dem uns das Wort Gottes mit allem Fleisch freilich herausreißen und erretten will? Diese Weigerung würde ja bedeuten, daß wir uns nicht begnügen lassen wollen an der Verheißung, daß wir nicht glauben wollen. Wie sollte es dann für uns selbst zu einem Hören und Reden und für unsre Gemeinden zu einem Vernehmen, Erkennen, Wirken des Wortes Gottes kommen? Wie sollten wir dann glaubwürdig sein? Vergebung der Sünden, Auferste­hung des Fleisches und ein ewiges Leben wirklich und nicht nur in Worten verkündigen können? Glaubwürdig werden wir nur durch das Wissen um unsre Unglaubwürdigkeit! Über­zeugendes Reden von Gott, das gibt es ja nur da, wo die christliche Verkündigung selbst mitten drin steht in der Not, unter dem Kreuz, in dem Fragen, nach dem Gott allererst fragt, um antworten zu können. Aus dieser Not dürfen wir nicht heraus wollen. Das war es, was der junge Luther dem katholischen Mittelalter vorgeworfen hat, daß es aus dieser Not heraus wollte. Jede Seite fast in seiner Psalmen- und in seiner Römerbrieferklärung redet von dem Entsetzen, das ihn erfaßte, als er die Entdeckung machte: was die Scholastiker und Mystiker trieben, das war ja, wie er es in der Heidelberger Disputation von 1518 nannte: «theologia |121| gloriae», ein naives religiöses Stimmung-Machenwollen, eine Flucht vor dem Fragen, nach dem Gott fragt, um seine Antwort geben zu können. Hier hat er den Spaten eingesetzt und seine Theologie, die reformatorische, auf deren Boden wir angeblich stehen, definiert als «theologia crucis», die von dort aus entworfen ist, wo der Mensch auch sein Höchstes und Bestes, gerade das, preisgegeben und unter das Gericht gestellt hat und so die Verheißung ergreift, auf Glauben, allein auf Glauben hin, weil er selber ergriffen ist von der grundlosen, nur in sich selber begründeten Barmherzigkeit Gottes, weil Christus der Gekreuzigte in seiner derelictio der Träger der Verheißung ist. «Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst, zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide». Wie sollen das die Menschen hören aus der christlichen Verkündigung der Kirche, wenn die Kirche selber es vielleicht noch gar nicht gehört hat?

Stehen wir auf dem Boden der theologia crucis? Das scheint mir die Schicksalsfrage zu sein, die heute, wo wir, was Kreuz ist, zu merken wahrhaftig Anlaß hätten, an unsre protestanti­schen Kirchen gestellt ist. Wir brauchen heute ernste Pfarrer. Jawohl, aber dieser Ernst muß der Sache der Kirche und in keinem Sinne der Kirche selbst gelten. Der sehr menschliche Pfarrerernst, der der Kirche gilt, ist dem beinahe göttlichen Ernst der heutigen Lage nicht mehr gewachsen. Wir brauchen tüchtige Pfarrer. Ja, aber nicht geschäftstüchtige. Die Ver­waltung des Wortes ist kein Geschäft, und wenn es noch so glänzend ginge. Die Tüchtigkeit wird sich zu erweisen haben in Situationen, in die in Geschäften nur Untüchtige zu kommen pflegen: in Erfolg- und Wirkungslosigkeit, in schwerster Isolierung, in negativen Abschlüssen vielleicht bis zum Lebensende. Wir brauchen fromme Pfarrer. Ja, wenn Frömmigkeit Gehor­sam bedeutet gegen den Ruf: Folge du mir nach!, der uns vielleicht aus all dem, was man zur Rechten und zur Linken Frömmigkeit nennt, herausführt. Doch überlegen Sie sich selbst, was Ernst, Tüchtigkeit, Frömmigkeit auf dem Boden der theologia crucis etwa bedeuten möchte? Wollen wir dort stehen, dann müssen wir jedenfalls allem resolut den Abschied geben, was auf der Linie des katholischen Altarsakraments liegt, dieses genialsten Symbols einer Kirchenherrlichkeit, die sich dem Gericht entziehen zu können |122| meint und sich gerade der Gnade entzieht, die sich an der Verheißung nicht begnügen lassen, sondern Erfüllung haben, genießen, erleben — ja eben erleben will, als ob der Weg zum Erleben der Erfüllung nicht durch das Sterben aller menschlichen Herrlichkeit und zuerst aller kirchlichen ginge! Wir sollen unter keinen Umständen und in keinem Sinn creatores creatoris sein wollen. Nicht zu erzeugen haben wir Gott, sondern ihn zu bezeugen. In dieser Silbe liegt der Unterschied. Was in der Linie des Altarsakraments liegt, das ist Flucht vor der Not der christlichen Verkündi­gung und darum Flucht auch vor ihrer Verheißung. Täuschen wir uns nicht, sehr vieles liegt in dieser Linie, was noch lange nicht katholisch aussieht, sondern sehr evangelisch und vor al­lem auch sehr modern. Ich überlasse es Ihnen, zu überlegen, ob sie sich nicht ausziehen läßt tief hinein in unsre gewohntesten homiletischen und seelsorgerlichen Darbietungen, in unsre traditionellen kirchlichen Formen und noch viel mehr in die neueren und neuesten Bestrebun­gen gerade auf dem Gebiet der kirchlichen Formen, aber auch tief, sehr tief hinein in die systematischen und historischen Darstellungen unsrer Theologie aller Richtungen. Sie läuft überall da durch, wo ein Haben auftritt, das nicht auch ein Nicht-Haben wäre, ein Eilen ohne Warten, ein Geben ohne Nehmen, ein Besitzen ohne Entbehren, ein Wissen ohne Nicht-Wissen, ein Rechthaben ohne Unrechthaben, ein Sitzen ohne Aufstehen, eine Gegenwart des Himmelreichs, wo gar keine «Armen im Geist» sind. Auf dieser Linie kann es zu keiner Gewißheit, zu keinem Sieg kommen. Denn der Gott, von dem Gewißheit und Sieg kommt, wohnt in einem Lichte, da niemand zu kann, und als solcher will er erkannt und angebetet sein. Das ist die Krisis der christlichen Verkündigung. Wohlverstanden: ich möchte damit, daß ich von dieser fatalen Linie rede, keinen direkten Vorwurf richten nach irgendeiner Seite. Die Sache eignet sich schlecht zum Vorwürfemachen. Ich verkenne nicht, daß vieles aus der Not und darum mit der Verheißung der christlichen Verkündigung geredet und getan sein kann, was auf den ersten Blick jener fatalen Linie unheimlich nahe zu liegen scheint. Mag denn alles, was in Sachen der christlichen Verkündigung zur Rechten und zur Linken, bei den Volkskirchlern und bei den Hochkirchlern, von den Alten und von den Jungen heute geredet und getan wird, seinen Lauf nehmen. Fiat, fiat! «Eines schickt sich nicht für alle. Sehe jeder wo er bleibe, sehe jeder wie er’s treibe, und wer steht, daß er nicht falle.» Nicht darum kann es sich |123| handeln, diesem oder jenem eine neue Position oder auch nur eine Negation pole­misch gegenüberzustellen. Wohl aber darum, Besinnung eintreten zu lassen über das, was da geredet und getan wird, Besinnung auf das Eine, Notwendige, Unentrinnbare, dem unsre Kir­chen, dem wir Pfarrer und Theologen vor allem heute mehr als je tatsächlich gegenüberste­hen; Besinnung heißt Erinnerung an den Sinn unsres Redens und Tuns. Vielleicht daß bei solcher Besinnung dies und das nicht mehr gesagt und getan oder anders gesagt und getan werden wird als bis dahin. Vielleicht daß nur in neuer Meinung dasselbe gesagt und getan zu werden braucht wie bis dahin. Besinnung bedeutet grundsätzlich weder Position noch Nega­tion, sondern eben nur — eine Randbemerkung, «ein bißchen Zimt». Besinnung braucht uns jedenfalls nicht voneinander zu trennen, auch wenn ihre theoretischen und praktischen Ergeb­nisse nicht bei uns allen dieselben sein sollten. Ich halte dafür, daß es grundsätzlich möglich sein müßte, sich über diese Besinnung sogar mit einem katholischen Theologen zu verstän­digen, endlich und zuletzt sogar über das Altarsakrament und ohne es ihm durchaus nehmen zu wollen. Die Not und Verheißung der christlichen Verkündigung, göttliches Gericht und göttliche Rechtfertigung wird wohl letzten Endes auch hinter der Kirche des Tridentinums stehen. Es steckt genug Katholisches in uns Protestanten, daß wir annehmen müssen, das reformatorische Anliegen könne auch da drüben nicht einfach tot sein. Oder was berechtigte uns zu dieser Annahme? Um so weniger können wir uns untereinander etwa mit dieser An­nahme gegenübertreten. Aber auch nicht mit der Annahme, als ob uns das reformatorische Anliegen etwa selbstverständlich sei. Es ist uns nicht selbstverständlich. Man kann über die Frage, ob wir es kennen, ob es in uns wach ist, nicht zur Tagesordnung übergehen. Es muß heute, morgen, immer wieder in uns erwachen. Reformation ist wahrhaftig heute nicht minder möglich und notwendig als vor 400 Jahren. Reformation findet statt, wo Besinnung stattfin­det. Wenn Ihnen heute die Sehnsucht nach Reformation vielleicht mehr als bittere Sorge entgegengetreten ist denn als etwas anderes, so bedenken Sie, daß es nicht anders sein darf. Seufzen: «Veni creator Spiritus!» ist nun einmal nach Röm. 8 hoffnungsvoller als triumphie­ren, wie wenn man ihn schon hätte. Sie sind in «meine Theologie» eingeführt, wenn Sie die­sen Seufzer gehört haben. Haben Sie ihn gehört und verstanden, verstanden vielleicht besser, als Ihnen heb ist, dann werden Sie es |124| auch verstehen, wenn ich schließen möchte mit einem Bekenntnis der Hoffnung. Es sind einige Sätze aus Calvins Erklärung von Micha 4, 6 («Zur selbigen Zeit, spricht der Herr, will ich die Lahmen versammeln und die Verstoßenen zuhauf bringen und die ich geplagt habe»). «Obwohl die Kirche», sagt Calvin dazu, «zur Zeit kaum zu unterscheiden ist von einem toten oder doch invaliden Manne, so darf man doch nicht verzweifeln; denn auf einmal richtet der Herr die Seinigen auf, wie wenn er Tote aus dem Grabe erweckte. Das ist wohl zu beachten; denn wenn die Kirche nicht leuchtet, halten wir sie schnell für erloschen und erledigt. Aber so wird die Kirche in der Welt erhalten, daß sie auf einmal vom Tode aufsteht, ja am Ende geschieht diese ihre Erhaltung jeden Tag unter vielen solchen Wundern. Halten wir fest: Das Leben der Kirche ist nicht ohne Auferstehung, noch mehr: nicht ohne viele Auferstehungen. Tenendum est, ecclesiae vitam non esse absque resurrectione, imo absque multis resurrectionibus.»

Vortrag für einen Pfarrertag, gehalten am 25. Juli 1922 in Schulpforta bei Kösen/Naumburg.

Quelle: Karl Barth, Das Wort Gottes und die Theologie. Gesammelte Vorträge, München: Chr. Kaiser Verlag 21929, S. 99-124.

Hier der Text als pdf.

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