Georg Simmels Exkurs über den Fremden in seiner Soziologie (1908): „Der Fremde ist ein Element der Gruppe selbst, nicht anders als die Armen und die mannigfachen »inneren Feinde« — ein Element, dessen immanente und Gliedstellung zugleich ein Außerhalb und Gegenüber einschließt.“

Exkurs über den Fremden

Von Georg Simmel

Wenn das Wandern als die Gelöstheit von jedem gegebenen Raumpunkt der begriffliche Gegensatz zu der Fixiertheit an einem solchen ist, so stellt die soziologische Form des »Frem­den« doch gewissermassen die Einheit beider Bestimmungen dar — freilich auch hier offen­barend, daß das Verhältnis zum Raum nur einer­seits die Bedingung, andrerseits das Symbol der Verhältnisse zu Menschen ist. Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt — sozusagen der potenziell Wandernde, der, ob­gleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz über­wunden hat. Er ist innerhalb eines bestimmten räumlichen Umkreises — oder eines, dessen Grenzbestimmtheit der räumlichen analog ist — fixiert, aber seine Position in diesem ist dadurch wesentlich bestimmt, daß er nicht von vornherein in ihn gehört, daß er Qualitäten, die aus ihm nicht stammen und stammen können, in ihn hineinträgt. Die Einheit von Nähe und Entferntheit, die jegliches Verhältnis zwischen Menschen enthält, ist hier zu einer, am kürze­sten so zu formulierenden Konstellation gelangt: die Distanz innerhalb des Verhältnisses bedeutet, daß der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, daß der Ferne nah ist. Denn das Fremd­sein ist natürlich eine ganz positive Beziehung, eine be-[686]sondere Wechselwirkungsform; die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd — dies wenigstens nicht in dem soziolo­gisch in Betracht kommenden Sinne des Wortes —, sondern sie existieren überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah. Der Fremde ist ein Element der Gruppe selbst, nicht anders als die Armen und die mannigfachen »inneren Feinde« — ein Element, dessen immanente und Gliedstellung zugleich ein Außerhalb und Gegenüber einschließt. Die Art nun, wie repellierende und distan­zierende Momente hier eine Form des Miteinander und der wechsel­wirkenden Einheit bilden, mag durch folgende — keineswegs als erschöpfend ge­meinte — Bestimmungen angedeutet werden.

In der ganzen Geschichte der Wirtschaft erscheint der Fremde allenthalben als Händler, bzw. der Händler als Fremder. Solange im Wesentlichen Wirtschaft für den Eigenbedarf herrscht oder ein räumlich enger Kreis seine Produkte austauscht, bedarf es inner­halb seiner keines Zwischenhändlers; ein Händler kommt mir für diejenigen Produkte in Frage, die ganz außer­halb des Kreises erzeugt werden. Insofern nicht etwa Personen in die Fremde wandern, um diese Erforderlichkeiten einzukaufen — in welchem Falle sie dann in diesem andern Gebiete eben die »fremden« Kauf­leute sind — muß der Händler ein Fremder sein, für einen andern ist keine Existenzgelegenheit. Diese Position des Fremden ver­schärft sich für das Bewußtsein, wenn er, statt den Ort seiner Tätigkeit wieder zu verlassen, sich an ihm fixiert. Denn in unzäh­ligen Fällen wird ihm auch dies nur möglich sein, wenn er vom Zwischen­handel leben kann. Ein irgendwie geschlossener Wirtschaftskreis, mit auf geteiltem Grund und Boden und Hand­werken, die der Nachfrage genügen, wird nun auch dem Händler eine Existenz gewähren; denn allein der Handel ermöglicht unbegrenzte Kombi­nationen, in ihm findet die Intelligenz noch immer Erweiterungen und Neuerschließungen, die dem Urproduzenten mit seiner gerin­geren Beweglichkeit, seinem Angewiesensein auf einen mir langsam ver­mehrbaren Kunden­kreis, schwer gelingen. Der Handel kann immer noch mehr Menschen aufnehmen, als die pri­märe Produktion, und er ist darum das indizierte Gebiet für den Fremden, der gewissermaßen als Supernumerarius in einen Kreis dringt, in dem eigent­lich die wirtschaftlichen Positionen schon besetzt sind. Das klassische Beispiel gibt die Geschichte der europäischen Juden. Der Fremde [687] ist eben seiner Natur nach kein Bodenbesitzer, wobei Boden nicht nur in dem physi­schen Sinne verstanden wird, sondern auch in dem übertragenen einer Lebenssubstanz, die, wenn nicht an einer räumlichen, so an einer ideellen Stelle des gesellschaftlichen Um­kreises fixiert ist. Auch in den intimeren Verhältnissen von Person zu Person mag der Fremde alle möglichen Attraktionen und Be­deutsamkeiten entfalten; aber er ist, so lange er eben als Fremder empfunden wird, in dem Andern kein »Bodenbesitzer«. Nun gibt jene Angewiesen­heit auf den Zwischenhandel und vielfach, wie in einer Sublimierung hiervon, auf das reine Geldgeschäft, dem Fremden den spezifischen Charakter der Beweglichkeit; in dieser, indem sie innerhalb einer umgrenzten Gruppe stattfindet, lebt jene Synthese von Nähe und Ferne, die die formale Position des Fremden aus­macht: denn der schlechthin Bewegliche kommt gele­gentlich mit jedem einzelnen Element in Berührung, ist aber mit keinem einzelnen durch die verwandtschaftlichen, lokalen, beruflichen Fixiertheiten organisch verbunden.

Ein andrer Ausdruck für diese Konstellation liegt in der Ob­jektivität des Fremden. Weil er nicht von der Wurzel her für die singulären Bestandteile oder die einseitigen Tendenzen der Gruppe festgelegt ist, steht er allen diesen mit der besonderen Attitüde des »Objektiven« gegenüber, die nicht etwa einen bloßen Abstand und Unbeteiligtheit bedeutet, sondern ein besonderes Gebilde aus Ferne und Nähe, Gleichgiltigkeit und Engagiertheit ist. Ich verweise auf die Auseinandersetzung — im Kapitel »Über- und Unterordnung« — über die dominie­renden Stellungen des Gruppenfremden, als deren Typus die Praxis jener italienischen Städte erschien, ihre Richter von auswärts zu berufen, weil kein Eingeborener von der Be­fangenheit in Familieninteressen und Parteiungen frei war. Mit der Objektivität des Fremden hängt auch die vorhin berührte Er­scheinung zusammen, die freilich hauptsächlich, aber doch nicht aus­schließlich, dem weiterziehenden gilt: daß ihm oft die über­raschendsten Offenheiten und Konfessionen, bis zu dem Charakter der Beichte, entgegengebracht werden, die man jedem Nahestehen­den sorgfältig vorenthält. Objektivität ist keineswegs Nicht-Teil­nahme, — denn diese steht überhaupt jenseits von subjektivem und objektivem Verhalten — sondern eine positiv-besondre Art der Teil­nahme — wie Objektivität einer theoretischen Beobachtung durch-[688]aus nicht bedeutet, daß der Geist eine passive tabula rasa wäre, in die die Dinge ihre Qualitäten einschrieben, sondern die volle Tätig­keit des nach seinen eigenen Gesetzen wirkenden Geistes, nur so, daß er die zufälligen Verschiebungen und Akzentuierungen aus­geschaltet hat, deren individuell-subjektive Verschiedenheiten ganz verschiedene Bilder von dem gleichen Gegenstand liefern würden. Man kann Objektivität auch als Freiheit bezeich­nen: der objektive Mensch ist durch keinerlei Festgelegtheiten gebunden, die ihm seine Auf­nahme, sein Verständnis, seine Abwägung des Gegebenen prä­judizieren könnten. Diese Frei­heit, die den Fremden auch das Nahverhältnis wie aus der Vogelperspektive erleben und be­handeln läßt, enthält freilich allerhand gefährliche Möglichkeiten. Von jeher wird bei Auf­ständen aller Art von der angegriffenen Partei behauptet, es hätte eine Aufreizung von außen her, durch fremde Sendlinge und Hetzer stattgefunden. Soweit das zutrifft, ist es eine Exag­gerierung der spezifischen Rolle des Fremden: er ist der Freiere, praktisch und theoretisch, er übersieht die Verhältnisse vorurteilsloser, mißt sie an allgemeineren, objektiveren Idealen und ist in seiner Aktion nicht durch Gewöhnung, Pietät, Antezedentien gebunden[1].

Endlich gewinnt die Proportion von Nähe und Entferntheit, die dem Fremden den Charakter der Objektivität gibt, noch einen praktischen Ausdruck in dem abstrakteren Wesen des Ver­hält­nisses zu ihm, d. h. darin, daß man mit dem Fremden nur ge­wisse allgemeinere Qualitäten gemein hat, während sich das Verhältnis zu den organischer Verbundenen auf der Gleichheit von spezifischen Differenzen gegen das bloß Allgemeine aufbaut. Nach diesem Schema voll­ziehen sich überhaupt, in mannigfachen An­ordnungen, alle irgendwie persönli­chen Verhält­nisse. Über sie ent­scheidet nicht nur, daß bestimmte Gemeinsamkeiten zwischen den Ele­men­ten bestehen, neben individuellen Differenzen, die die Be­ziehung entweder be­einflussen oder sich jenseits ihrer halten. [689] Jenes Gemeinsame selbst —vielmehr wird in seiner Wirkung auf das Verhältnis dadurch wesentlich bestimmt, ob es nur zwischen den Elementen eben dieses besteht und so, nach innen zwar allgemein, nach außen aber spezifisch und unver­gleichlich ist — oder ob es für die Empfindung der Elemente selbst ihnen mir ge­meinsam ist, weil es überhaupt einer Gruppe oder einem Typus oder der Mensch­heit gemein­sam ist. In dem letzteren Fall tritt, proportional der Weite des den gleichen Charakter tragen­den Kreises, eine Verdünnung der Wirksamkeit des Gemeinsamen ein, es funktioniert zwar als ein­heitliche Basis der Elemente, aber es weist nicht grade diese Elemente aufeinander hineben diese Gleichheit könnte ein jedes auch mit allen möglichen andern vergemeinsamen. Auch dies ist ersichtlich eine Art, in der ein Verhältnis gleichzeitig Nähe und Ferne ein­schließt: in dem Maße, in dem die Gleichheitsmomente allgemeines Wesen haben, wird der Wärme der Be­ziehung, die sie stiften, ein Element von Kühle, ein Gefühl von der Zufälligkeit grade dieser Beziehung beigesetzt, die verbindenden Kräfte haben den spezifischen, zentripe­talen Charak­ter verloren. Diese Konstellation nun scheint mir in dem Verhältnis zu dem Fremden ein außerordentliches prinzipielles Übergewicht über die individuellen, mir der in Frage stehen­den Beziehung eigenen Gemeinsamkeiten der Elemente zu besitzen. Der Fremde ist uns nah, insofern wir Gleichheiten nationaler oder sozialer, berußmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden. In die­sem Sinne kommt leicht auch in die engsten Verhältnisse ein Zug von Fremdheit. Erotische Beziehungen weisen in dem Stadium der ersten Leidenschaft jenen Generalisierungsgedanken sehr entschieden ab: eine Liebe wie diese habe es überhaupt noch nicht gegeben, weder mit der geliebten Person noch mit unsrer Empfindung für sie sei irgend etwas zu vergleichen. Eine Entfremdung pflegt — ob als Ursache, ob als Folge, ist schwer entscheidbar — in dem Augenblick einzusetzen, in dem der Beziehung ihr Einzigkeitsgefühl entschwindet; ein Skep­tizismus gegen ihren Wert an sich und für uns knüpft sich grade an den Gedanken, daß man schließlich mit ihr nur ein allgemein menschliches Geschick vollzöge, ein tausendmal dage­wesenes Erlebnis erlebte, und daß, wenn man nicht [690] zufällig eben dieser Person begegnet wäre, irgend eine andre die gleiche Bedeutung für uns gewonnen hätte. Und irgend etwas davon mag keinem, noch so nahen Verhältnis fehlen, weil das Zweien Gemein­same vielleicht niemals bloß ihnen gemeinsam ist, sondern einem allgemeinen Begriff zuge­hört, der noch viel andres einschließt, viele Möglichkeiten des Gleichen; so wenig sie sich verwirklichen mögen, so oft wir sie vergessen mögen, hier und da drängen sie sich doch wie Schatten zwischen die Menschen, wie ein jedem bezeichnenden Worte enthuschender Nebel, der erst wie zu fester Körperlichkeit gerinnen müßte, um Eifersucht zu heißen.

Vielleicht ist das in manchen Fällen die generellere, mindestens die unüberwindlichere Fremdheit, als die durch Differenzen und Unbegreiflichkeiten gegebene: daß zwar eine Gleichheit, Harmonie, Nähe besteht, aber mit dem Gefühle, daß diese eigentlich kein Allein­besitz eben dieses Verhältnisses ist, sondern ein Allgemeineres, das potenziell zwischen uns und unbestimmt vielen Andern gilt und deshalb jenem allein realisierten Verhältnis keine innere und ausschlief sende Notwendigkeit zukommen läßt. — Andrerseits gibt es eine Art von »Fremdheit«, bei der grade die Gemeinsamkeit auf dem Boden eines Allgemeineren, die Parteien Umfassenden, aus­geschlossen ist: hierfür ist etwa das Verhältnis der Griechen zum bárbaros typisch, all die Fälle, in denen dem Andern grade die generellen Eigenschaften, die man als eigentlich und bloß mensch­lich empfindet, abgesprochen werden. Allein hier hat der Fremde keinen positiven Sinn, die Beziehung zu ihm ist Nicht-Beziehung, er ist nicht das, als was er hier in Frage steht: ein Glied der Gruppe selbst.

Als solches vielmehr ist er zugleich nah und fern, wie es in der Fundamentierung der Bezie­hung auf eine nur allgemein menschliche Gleichheit liegt. Zwischen jenen beiden Elementen aber erhebt sich eine besondere Spannung, indem das Bewußtsein, nur das überhaupt Allge­meine gemein zu haben, doch grade das, was nicht gemeinsam ist, zu besondrer Betonung bringt. Dies ist aber im Falle des Land-, Stadt-, Rassefremden etc. auch wieder nichts Indi­viduelles, sondern eine fremde Herkunft, die vielen Fremden gemeinsam ist oder sein könnte. Darum werden die Fremden auch eigentlich nicht als Individuen, sondern als die Fremden eines be­stimmten Typus überhaupt empfunden, das Moment der Ferne ist [691] ihnen gegen­über nicht weniger generell als das der Nähe. Diese Form liegt z. B. einem so speziellen Fall wie der mittelalterlichen Judensteuer, wie sie in Frankfurt, aber auch sonst gefordert wurde, zu Grunde. Während die von den christlichen Bürgern gezahlte Beede nach dem jedesmaligen Stande des Vermögens wechselte, war die Steuer für jeden einzelnen Juden ein für allemal festgesetzt. Diese Fixiertheit beruhte darauf, daß der Jude seine soziale Posi­tion als Jude hatte, nicht als Träger bestimmter sachlicher Inhalte. In Steuersachen war jeder andre Bürger Besit­zer eines bestimmten Vermögens und seine Steuer konnte den Wandlungen dieses folgen. Der Jude aber war als Steuerzahler in erster Linie Jude und da­durch erhielt seine steuerliche Posi­tion ein invariables Element; am stärksten tritt dies natürlich hervor, sobald sogar diese indivi­duellen Bestimmungen, deren Individualität durch die starre Un­abänderlichkeit begrenzt war, fallen, und die Fremden eine durch­gehend gleiche Kopfsteuer bezahlen. Mit all seiner unor­ganischen Angefügtheit ist der Fremde doch ein organisches Glied der Gruppe, deren einheit­liches Leben die besondere Bedingtheit dieses Elementes einschließt; nur daß wir die eigenar­tige Einheit dieser Stellung nicht anders zu bezeichnen wissen, als daß sie aus gewissen Maßen von Nähe und gewissen von Ferne zusammengesetzt ist, die, in irgendwelchen Quan­ten jedes Verhältnis charakterisierend, in einer besonderen Proportion und gegenseitigen Spannung das spezi­fische, formale Verhältnis zum »Fremden« ergeben.

Quelle: Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin: Duncker & Humblot, 11908, S. 685-691.


[1] Wo jenes aber seitens der Angegriffenen fälschlich behauptet wird, entstammt es der Tendenz der Höherstehen­den, die Tieferen, die bisher in einem einheitlichen, engeren Verhältnis zu ihnen gestanden haben, doch noch zu exkulpieren. Denn indem sie die Fiktion aufbringen: die Rebellen wären eigentlich garnicht schuldig, sie wären nur auf gehetzt, die Rebellion ginge garnicht von ihnen aus — ex­kulpieren sie sich selbst, negieren sie von vorn­herein jeden realen Grund des Aufstandes.

Hier der Text als pdf.

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