Karl Barth über die Heimat in seiner Kirchlichen Dogmatik: „Wo Gottes Gebot laut und vernommen wird, da erweisen sich auch die Begriffe Heimat, Vaterland, Volk, ohne daß sie ihren ursprünglichen Sinn verlieren müßten, als erweiterungsfähig. Wer im Gehorsam lebt, der kann, ohne untreu zu werden, auch in der Fremde zuhause sein.“

Über die Heimat

Von Karl Barth

Es ist klar, daß das Problem der Nahen und Fernen weiter auch das Problem des gemeinsam oder nicht gemeinsam bewohnten Raumes ist. «Nah» und «fern» sind ja ursprünglich gerade räumliche Begriffe. Das eigene Volk eines Menschen sind die, in deren Mitte er selbst hier in der Heimat und nicht dort, inmitten eines anderen Volkes, in der Fremde ist. Die Heimat ist der nahe Raum, von dem aus er in die Ferne blickt und auch wohl in die Ferne zieht, wobei es doch dabei bleibt, daß er von ihm aus sieht, aus ihm herkommt: aus ihm und eben damit aus dem Volk, das dort mit ihm zuhause ist. Er sieht und denkt und kommt von den Ber­gen zum fernen Meer, aus der Ebene ins ferne Mittelland oder umgekehrt, d. h. aber: aus der hiesigen Landschaft, Luft, Umgebung, Lebensgestalt hin­über, hinunter oder hinauf in die der Anderen. Insofern ist er je hier zu Hause, je dort in der Fremde: und das Alles zusammen mit denen, die in der gleichen Blickrichtung sehen, denken, gehen, und die nun eben sein Volk sind: das Volk derer, in denen er sein eigenes Bedingtsein und Dransein mehr oder weniger wiederer­kennt. Sein naher Raum ist nun einmal, durch seine geographische Gestalt, sein äußeres und inneres Klima ausgezeich­net, sein Vaterland, das heißt das Land, in dem vor ihm sein Vater war und in dem er selbst dessen Sohn wurde und so das Land seines Volkes, und dieses mit seinen mehr oder weniger deutlichen Grenzen, über die er hinwegsehen, denen er sich nähern, die er auch gelegentlich oder sogar endgültig überschreiten kann und die doch unsichtbar auch dann mit ihm gehen.

Es bedarf des Gebotes Gottes an sich nicht, um dem Menschen diesen Ort oder vielmehr diese Richtung von Ort zu Ort zu geben. Aber Gottes Gebot meint und betrifft eben den Menschen, der — als Glied dieses und nicht jenes Volkes — so im Raume, so von hier nach dort in Be­wegung ist. Er wäre ja ein mathematischer Punkt und nicht dieser lebendige Mensch, wenn er nicht da und da seinen nahen Raum, seine Heimat, sein Vaterland, sein Volk und von daher mit den Anderen seines Volkes zusammen seinen besonderen Blickpunkt, seine besondere Herkunft und Einstellung hätte. Und nicht unter Auslöschung oder Ignorierung, sondern in höch­ster Anerkennung und Beachtung dieser seiner besonderen Bestimmung und so als dieser lebendige Mensch wird er zum Lobe Gottes und zur Liebe zu seinem Nächsten angefordert, wird er zum Gehorsam gerufen. Genau als der «Landsmann», der er ist, soll er sich dienstlich brauchen lassen. Wieder ist wohl zu bedenken: nicht dieser und jener Raum, nicht das Meer oder das Gebirge, nicht dieses oder jenes äußere oder innere Klima, diese oder jene Lebensge­stalt, und also: nicht dieses oder jenes da oder dort beheimatete Volk ist heilig, wie ja auch kein Mensch an sich heilig ist. Gott allein ist heilig. Wenn aber des heiligen Gottes Gebot einen Menschen meint und trifft und zum Gehorsam aufruft, dann kommt es zu einer Heili­gung dieses Menschen und damit auch seiner besonderen räumlichen Bestimmtheit, seiner heimatlichen, vaterländischen, volks­mäßigen Blickrichtung, Herkunft und Einstellung. Das Alles wird dann nicht verworfen, sondern auf- und an- und mitgenommen. Es gehört dann, wie seine eigene Sprache so auch seine besondere Verbindung mit diesem und jenem Längen- und Breitengrad, mit dieser Landschaft und jenem Klima, seine Verpflichtung der damit ge­gebenen Lebensgestalt gegenüber zu dem, was dem Charakter seines besonderen Gehor­sams nicht fehlen darf.

Und wenn es ihm nun ernst ist damit, dem Gebot Gottes, so wie es ihn angeht, ganz und also mit Einschluß dieser seiner räumlichen Be­stimmtheit, gehorsam zu werden, dann ergibt sich daraus zweifellos auch eine entsprechende Liebes- und Treuepflicht dieser gegenüber. Er wird dann freudig und dankbar sein, was er ist. Er muß es dann recht sein wol­len, wie er dann seine Sprache recht reden wollen muß. Was hier «recht» ist, wird er freilich nicht einer abstrakten Idee von «Blut und Boden», nicht einem im Gemüt seines Volkes und auch in seinem eigenen Gemüt wahr­scheinlich spukenden «Volksnomos», einer von sentimentalen oder auch bösar­tigen Narren ersonnenen, auf eigenen Füßen gehenden Raum-, Hei­mat- und Vaterlands­theo­logie und der ihr entsprechenden Ethik entneh­men dürfen. «Recht» ist ja ganz allein das, was Gottes Gebot von ihm will. Eben dieses allein «Rechte» wird aber für ihn notwendig auch eine ganz bestimmte Bejahung von Heimat, Vaterland und Volk in sich schließen. Er wird nämlich entdecken, daß Gott ihn selbst und die Menschen seines Volkes nicht zufällig, son­dern sinnvoll, nicht umsonst, sondern planvoll gerade in ihrer Bestimmung, Blickrichtung, Herkunft und Einstellung in seinen Dienst ruft. Eben von daher wird er zwar kritisch, aber positiv kritisch, sorgfältig, liebevoll mit dem allem umgehen. Er wird sich bewußt und ehrlich zu dieser seiner Bestimmtheit und also zu seiner Talschaft oder was dann ihr Bereich sein mag, bekennen — gerade weil sie ihm im Lichte des Gebotes, dem er gehorsam sein möchte, keine bloße Natur- oder Schicksalsfügung sein, gerade weil sie keine religiöse Gewalt über ihn haben, gerade weil sie ihm nur im Zusammenhang seiner Heiligung durch Gottes Gebot wichtig werden kann, eben in diesem Zusammenhang aber tatsächlich wichtig und also auch würdig und lieb werden muß.

Aber nun müssen wir dieselbe Wendung wie vorhin hinsichtlich der eigenen Sprache auch hinsichtlich des eigenen Raumes machen, von dem gerade im Gehorsam gegen Gottes Gebot ein Jeder allen Ernstes herkom­men soll. Wieder kommt schlechterdings alles darauf an, daß das Sein im eigenen Volk dem Sein unter Gottes Gebot untergeordnet wird und bleibt. Es kann nie Selbstzweck sein. Es wird dienstlich gebraucht, das ist das Letzte, was auch von ihm zu sagen ist. Nur der ist hier also echt gebunden, der eben hier auch ganz frei ist. Wieder ist es einem Jeden mehr oder weniger vor die Füße gelegt, hier auch ganz frei zu sein. Um Blick­richtung, Herkunft und Einstellung handelt es sich ja, wenn wir von Heimat, Vaterland und Volk reden, und also von dem Ansatz und An­fang einer Bewegung. Es geht darum, diesem Ansatz und Anfang treu zu sein. Man kann ihm aber nur treu sein, indem man diese Bewe­gung vollzieht und wieder nicht, indem man den Ort, wo sie anheben müßte, zum Gefängnis und zum Bunker ausbaut. Die Bewegung als solche führt aber den Menschen unweigerlich aus der Enge in die Weite, vom eigenen Volk zu den anderen, die auch Menschenvölker sind. Es liegt in der Natur auch des engsten und in seiner Enge vielleicht schönsten Tales, daß es nach unten offen ist. Es liegt in der Natur der Grenze — und wenn sie durch einen Ozean gebildet wäre — daß sie nicht nur ein Diesseits, son­dern auch ein Jenseits hat. Und es liegt in der Natur auch des selbstbewußtesten, in diesem Tal, innerhalb dieser Grenzen wohnenden Volkes, Nach­barvölker zu haben und selber Nachbarvolk zu sein. Begegnen sich Berg und Tal nicht, so begegnen sich doch die Menschen, um bei diesem Anlaß zu entdecken, daß eben in ihnen sich schließlich auch Berg und Tal irgendwo begegnen und kaum erkennbar ineinander übergehen. Wie denn bekanntlich auch Nord und Süd und sogar Ost und West sehr relative Begriffe und nur künstlich zu hypostasieren und gänzlich zu trennen sind. Und wenn es nun das Gebot Gottes von einem Menschen haben will, daß er sich von jenem Ansatz und Anfang aus tatsächlich in Bewegung setze und also aus der Enge in die Weite strebe? Irgend eine Scheu wird er dabei immer zu überwinden haben und irgend ein Heimweh wird ihn dabei sicher begleiten. Seinem Ansatz und Anfang soll er dabei auch sicher treu bleiben. Daß er ein Allerweltsmensch werde, wird gerade Gottes Gebot bestimmt von niemandem fordern: ganz abgesehen davon, daß das auch noch niemand fertiggebracht hat. Aber daran ist auch kein Zweifel: wo Gottes Gebot laut und vernommen wird, da erweisen sich auch die Begriffe Hei­mat, Vaterland, Volk, ohne daß sie ihren ursprünglichen Sinn verlieren müßten, als erweite­rungsfähig. Wer im Gehorsam lebt, der kann, ohne untreu zu werden, auch in der Fremde zuhause sein. Nicht überall, wo es ihm gut geht, wohl aber überall da, wo er zum Tun des Guten auf­gerufen ist, wird er auch sein Vaterland wieder finden. Wird es nicht wirk­lich dasselbe sein, das ihm, wenn er im Gehorsam stand, schon zuvor im rechten und guten Sinn Vaterland war ? Und wenn er nicht selbst in die Fremde geht, so wird sie ihm doch von weitem auch in seiner Heimat nicht nur als Fremde, sondern eben als nicht wegzudenkende Nachbarschaft gegenwärtig, im Bewußtsein und verpflichtend sein. Und wenn er dem Auslän­der und seiner Art auch mitten im eigenen Volk und Land begeg­nen sollte, so wird er ihn wie jeden Inländer an der Frage messen: ob er im Gehorsam gegen Gottes Gebot mit ihm einig gehen kann? Im übrigen aber wird er nur davon bewegt sein, die inneren Kräfte seines eige­nen Volkes und Landes so zu stärken, daß es viel Ausland — vielleicht auch viele Ausländer, die in ihm ihrerseits eine zweite Heimat suchen — nicht nur ertragen, sondern sich zu eigen und in seinem eigenen Leben wie nach außen fruchtbar machen kann. Wogegen, was in einem Lande der «Über­fremdung» nicht aus innerer Kraft als das tatsächlich Bessere widerstehen kann, sondern verfällt, auch nicht wert sein dürfte, mit äußerlichen Mit­teln gegen sie vertei­digt zu werden. Es gibt in jedem Lande der Einhei­mischen und einheimischer Überlieferungen und Gepflogenheiten genug, für die eine gründliche Beeinflussung und Überholung durch fremde Men­schen und ihre Art höchster Gewinn wären. Kurz: man kann den Begriff des Volkes auch unter dem Gesichtspunkt seiner räumlichen Begrenztheit nur dynamisch und nicht statisch verstehen. Das eigene Volk in seinem Raum kann und darf keine Wand sein, sondern nur eine Türe. Mag sie weit oder weniger weit geöffnet und wohl auch einmal zuge­macht werden, sie darf jedenfalls nie verriegelt, geschweige denn zugemauert werden. Wer wirklich in seinem Volk, unter den ihm Nahen ist, der ist eben damit im Durchgang auch zu den Fernen, zu den anderen Völkern.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik III-4, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag 1951, S. 328-331.

Hier der Text als pdf.

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