Bernhard M. Lambert, Discretio: „Die discretio ist die Tugend, die das besondere Kennzeichen des ‚geistlichen‘ Menschen ausmacht, durch die er zur klugen Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Wahr und Falsch, Echt und Unecht fähig ist.“

Discretio

Von Bernhard M. Lambert

Die „discretio“ (vom lat. discernere: trennen, sichten, auseinanderlegen, unterscheiden) ist die Tugend, die das besondere Kennzeichen des „geistlichen“ (pneumatikós) Menschen ausmacht, durch die er zur klugen Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Wahr und Falsch, Echt und Unecht fähig ist. In der Vulgata ist discretio die normale Übersetzung von „diakrisis“. Im Alten Testament gibt es z. B. den bekannten Traum des Königs Salomo, in dem er Gott nicht um langes Leben oder Reichtum bat, sondern um „ein hörendes Herz“ und um „discretio, da­mit er das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9.11). Die Gabe der Unter­scheidung der Geister ist ein Echo der paulinischen Aufzählung der verschiedenen Charismata (1 Kor 12,4-10). Obwohl die älteren Mönchsregeln nicht immer frei sind von Vorschriften, die dem Geist der discretio widersprechen, wird das feine Unterscheidungsvermögen, die weise Abschätzungsgabe doch als eine wichtige Haltung empfunden. Der Mönchsvater Anto­nius sagt z. B.: „Es gibt solche, die ihren Leib mit Bußübungen aufgerieben haben. Da sie aber die Unterscheidungsgabe nicht hatten, haben sie sich von Gott weit entfernt“ (Antonius 8). Bei Cassian wird die discretio schon mit Klugheit und Maß verbunden (Conl. I, 23,2; II, 3,4). Sie ist die Voraussetzung der weisen Maßhaltung, das Unterscheidungsvermögen beim Maßgeben und Maßsetzen, die Rücksicht auf den Menschen und seine Veranlagung, das bedächtige Maßnehmen. Mit der discretio wird also oft die Mäßigung verbunden, aber als praktische Folge des Unterscheidungsvermögens, der Einsicht in der konkreten Situation, in den schlichten Gegebenheiten und in der jeweiligen Bedürftigkeit des einzelnen. Der hl. Benedikt, dessen Regel Papst Gregor d. Gr. „regulam discretione praecipuam – einzigartig in weiser Mäßigung“ nannte (Dial. II, 36), nennt die [239] maßvolle Unterscheidung denn auch mit Recht „mater virtutum – Mutter aller Tugenden“ (Reg. 64,19).

Im Spätmittelalter wird die alte Tradition der discretio, der Unterscheidung der Geister durch die Mystiker lebendig gehalten. Zu Beginn der Neuzeit wird Ignatius von Loyola in seinen „Regeln zur Unterscheidung der Geister“ (Exerzitienbuch) neue Nuancen hinzufügen.

LITERATUR: H. Lang, Die benediktinische „Discretio“, in: Einsicht und Glaube, hrsg. von J. Ratzinger / H. Fries (Freiburg 1962) 193-199; G. Switek, Discretio spirituum. Ein Beitrag zur Geschichte der Spiritualität, in: ThPh 47 (1972) 36-76; E. von Se¬verus, Zucht und Maß in der Regel Benedikts von Montecassino, in: EuA 57 (1981) 47-50; P. Miquel, La discretion, in: La vie monastique selon saint Benoit (Paris 1979) 78-94.

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, 238f.

Hier der Text als pdf.

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