Gerhard von Rads Kommentar und Predigtmeditation zu 1Mose 50,15-21 (ATD und GPM): „Man hört und liest nicht selten geistliche Biographien, die sich unterfangen, Gottes Wege und Pläne bis in Einzelheiten hinein rückschauend in dem betreffenden Lebensgang aufzuzeigen. Aber es ist zu fragen, ob damit nicht die Kompetenz unseres Glaubens über­schritten wird.“

Kommentar zu 1Mose/Genesis 50,15-21

Von Gerhard Rad

15 Als nun die Brüder Josephs sahen, daß ihr Vater gestorben war, da sprachen sie: „Wie? wenn sich nun Joseph gegen uns feindselig stellen wird und uns all das Böse, das wir ihm angetan haben, vergilt?“ 18 So entboten sie dem Joseph dies: „Dein Vater hat vor seinem Tode Auftrag gegeben: 17 So sollt ihr zu Joseph sprechen: Ach vergib doch deinen Brüdern ihre Missetat und ihre Sünde, daß sie so Böses an dir getan haben! So vergib nun doch den Knechten des Gottes deines Vaters ihre Missetat.“ Joseph aber weinte, als sie so zu ihm sprachen. 18 Dann gingen auch seine Brüder hin, fielen vor ihm nieder und sprachen: „Hier! Wir wollen deine Knechte sein!“ 19 Aber Joseph sprach zu ihnen: „Fürch­tet euch nicht! 20 Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott gedachte es zum Guten zu wenden, um das zu vollführen, was jetzt am Tage ist, nämlich viele Menschen am Leben zu erhalten. 21 So fürchtet euch nun nicht, ich will euch und eure Kinder versorgen.“ Und er tröstete sie und redete ihnen freundlich zu.

Der Tod des Vaters hat – psychologisch sehr lebenswahr – bei den Brüdern eine große Sorge wach werden lassen. Vielleicht hat Joseph nichts vergessen und nur auf diesen Augenblick gewartet (vgl. Kap. 27,41). Damit führt die Erzählung am Ende auf das zurück, was ja zwischen Joseph und seinen Brüdern noch nicht erledigt ist, nämlich die Schuldfrage; und sie zeigt, daß das Gewissen der Brüder all die Jahre hindurch nicht zur Ruhe gekommen ist. In zwei Szenen wird diese schwere Sache in Angriff genommen und zur Sprache gebracht. In der ersten wagen sich die Brüder gar nicht vor Josephs Angesicht, sondern lassen ihm Botschaft zu­kommen. Josephs Antwort darauf ist nur sein Weinen, das gewiß noch manches offen läßt, aber doch jenen den Mut gibt, ihm nunmehr persönlich gegenüberzu­treten. Daß die Berufung auf eine diesbezügliche Weisung Jakobs als eine Lüge der Brüder aufgefaßt werden solle (V. 17), ist zwar eine alte, aber gewiß ganz irrige Annahme. Wichtig aber ist ihr Hinweis auf die Gemeinsamkeit ihres Glaubens. Eine wirkliche Vergebung ist keine rein innermenschliche Angelegenheit, sondern sie reicht tief hinein in das Verhältnis der Menschen zu Gott. Das wird nun in der zweiten Szene noch viel deutlicher. Bei dem Niederfallen der Brüder vor Joseph soll man gewiß noch einmal an die Träume Josephs denken (vgl. Kap. 44,14). So greift das Ende auf den Anfang zurück (Gunkel). Josephs Antwort auf die Selbstauslieferung der Brüder enthält zwei gewichtige Sätze: in dem einen bestimmt er sein Verhältnis zu Gott, in dem anderen das seiner Brüder zu Gott. Es kommt nun viel darauf an, daß man die verwunderte Frage Josephs nicht im Sinne einer allgemeinen frommen Wahrheit versteht, also einer demütigen Nicht­zuständigkeitserklärung; als habe in dieser Sache nicht er zu richten, sondern allein Gott, was ja für die Brüder ein schlechter Trost wäre, wenn Joseph die Sache mit diesem Satz nur auf eine höhere Instanz abschieben wollte. Vielmehr dies ist Josephs Meinung: Hier, d. h. in der wunderbaren Führung der ganzen Geschichte, hat ja Gott schon selbst gesprochen; er hat auch die Schuld, das Böse der Brüder, in sein Heilshandeln mit einbezogen, er hat ihnen das „große Entrinnen“ (45,7) gewährt und sie damit gerechtfertigt. Würde sie Joseph jetzt verurteilen, so würde er einen negativen Spruch neben denjenigen stellen, den Gott schon ge­sprochen hat, und sich damit „an Stelle Gottes“ setzen. Der Satz von dem bösen Planen der Brüder und dem guten Planen Gottes eröffnet nun das innerste Ge­heimnis der Josephsgeschichte; er ist in jeder Beziehung neben der ähnlichen Stelle in Kap. 45,5-7 der Höhepunkt des Ganzen. Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, hat Gott alle Fäden in den Händen gehabt. Jedoch diese Führung Gottes wird nur behauptet; es wird nichts Näheres darüber gesagt, in welcher Weise denn Gott auch das Böse der Menschen in sein rettendes Handeln einbezogen hat. Die beiden Sätze „Ihr gedachtet es …“ und „Gott gedachte es …“ stehen sich letztlich doch auch wieder sehr spröde gegenüber. Alles, was Joseph sagt, hat etwas sehr Nüchternes; es wird nichts von dem Geschehenen im Überschwang guter Gefühle verschleiert. Man kann hier sogar von einer aus­gesprochen lehrhaften Tendenz der Erzählung sprechen, wenn man nur bedenkt, daß nicht zeitlose Wahrheiten ausgesprochen werden sollen, sondern daß Stellung genommen wird zu einem ganz konkreten, einmaligen Geschehen. Daß der Elohist in solcher Weise das sittliche und das theologische Problem des Ganzen aufgerollt hat, daß der Jahwist es offensichtlich unterlassen hat, das darf man nicht dem höheren sittlichen Niveau des ersteren zuschreiben; hier liegen vielmehr ziemlich verschiedene Auffassungen von der Aufgabe vor, die sich beide Erzähler gestellt haben.

Quelle: Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose – Genesis übersetzt und erklärt, ATD 2/4, Göttingen 91972, S. 352.355-356.

Hier der Text als pdf.

Predigtmeditation zu 1.Mose 50,20

Von Gerhard von Rad

In unverkennbarem Unterschied von den Abrahams- und Jakobsgeschichten zeichnet sich die Josephsgeschichte literarisch durch eine viel größere Einheitlichkeit aus. Wenn sich auch bei ihr allerlei Vorstufen hinter ihrer Jetztgestalt vermuten lassen, so muß sie doch als eine Ereignisfolge von viel größerer innerer Einheitlichkeit verstanden werden. Hier hat nicht jedes Kapitel seinen eigenen kerygmatischen scopus; in theologischer Hin­sicht fällt vielmehr auf, wie selten und sparsam die Geschichte von Gott redet, und diese ganz wenigen Stellen — es handelt sich eigentlich nur um 45,5 ff. und 50,20 — sind dann schlech­terdings die Ausgangspunkte und die Zielpunkte für die Aus­legung des großen Ganzen.

So schildert die Josephsgeschichte in einer in der Bibel auf­fallenden epischen Breite das Wesen und Treiben von Menschen. Durch lange Kapitel hindurch sehen wir nichts anderes, wie diese Menschen sind, wie sie miteinander umgehen und wie sie deshalb aneinander leiden müssen. In diesem Bruder­zwist und dieser eigensinnigen Bevorzugung von Lieblings­söhnen liegen deutlich auch die Schatten der Jakobsgeschichte über dem Geschehen. Joseph allerdings ist „die edelste Gestalt der Genesis“ (Procksch). Aber da das Bild auch von ihm zu Be­ginn der Erzählung nicht ganz makellos ist, wird man in ge­wissem Sinn von einer erfolgten Läuterung sprechen dürfen.

Und nun verwickelt sich das Geschehen zu immer neuen Konflikten! Wohl meint man da und dort eine vergeltende Hand zu sehen — in der Erhöhung Josephs, in der Demütigung der Brüder usw., — aber das bleibt doch mehr eine anonyme, unpersönliche Nemesis im Gang des Geschehens, wie sie auch von der griechischen Antike gerne angedeutet wurde. Erst am Schluß (wenn wir von dem darauf vorbereitenden Wort 45,5 absehen), also erst nach dem Tod des alten Vaters, führt die noch einmal aufgebrochene Schuldfrage (50,15) zu einer Lö­sung und Lüftung des Geheimnisses. Unser Textwort ist das eigentliche Deutewort der ganzen Josephsgeschichte. Es reißt die Schleier, die bisher über allen Geschehnissen lagen, weg, und es zeigt, wie Gott es war, der alles zum Guten gelenkt hat; er hat da, wo es kein Mensch sehen konnte, alle Fäden in Händen gehalten. Aber wie? Ein Wunder war nicht geschehen, ein Raum für ein besonderes göttliches Handeln war nicht ausge­spart; vielmehr war die Kausalkette des menschlichen Handelns lückenlos geschlossen. Das aber soll man mit Staunen und An­betung vernehmen, wie Gott in all das verbissene menschliche Handeln, ja in die bösen Gedanken der menschlichen Herzen sein Heilshandeln hineingeflochten hat. Das Böse hat Gottes Pläne nicht nur nicht aufhalten können, es ist vielmehr deren Verwirklichung dienstbar geworden. Luther wie Calvin be­tonen sehr stark, daß darin nun keine Rechtfertigung des Bösen enthalten sei. Andererseits darf man die Akte aber auch nicht derart zerlegen, daß Gott der Bosheit der Menschen die Zügel gelockert hätte, um dann später davon Gebrauch zu machen (neque … Deus … fraena hominum malitiae laxavit, ut hac occasione postea utereter. Calvin).

Eine solche fast programmatisch-theologische Aussage über Gottes Verhältnis zum Bösen zwingt den Prediger zu einer klaren Stellungnahme und deutlichen Abgrenzung gegenüber Irrlehren. Die Meinung, daß das Böse in irgendeiner Form doch wieder geheimnisvoll dem Guten dienstbar werden müsse, ja, daß es geradezu selbst schöpferisch zum Guten hin sei, — diese Relativierung des Bösen ist ja alt. Sie wird dem Prediger nun freilich weniger in der klassischen Form des Idealismus ent­gegentreten, der den Sündenfall als die glücklichste Stunde der Menschheit preisen konnte, weil in ihm erst dem Menschen die Möglichkeit und die Voraussetzung für eine Entscheidung zum Guten gegeben sei (Schiller). Näher tritt sie ihm schon in der Meinung, auch das Böse gehöre unveräußerlich zum Leben, denn dem erst werde das Leben reich und völlig, der auch durch die Tiefen der Schuld gegangen sei. (Vgl. Dehmels Gedicht von den drei Ringen!) Noch viel verbreiteter aber ist die gedanken­lose und gottlose Rede, die der Mensch bei Widerwärtigkeiten vernehmen läßt: „Wer weiß, wozu das gut ist.“ Als ob es das gäbe, so etwas wie eine innerweltliche Gesetzmäßigkeit, daß aus Bösem wieder Gutes werden müsse, so etwas wie eine heimliche schöpferische Kraft des Bösen zum Guten hin! Hier handelt es sich offenbar um ein altes nunmehr völlig säkulari­siertes christliches Glaubenselement, und es ist das als eine „Wahrheit“ vom modernen Menschen usurpiert, was doch immer nur als ein Wunder von Gottes Hand genommen wer­den kann.

Aus großer Sünde ist Heil nur gekommen, nämlich als Chri­stus ans Kreuz geschlagen wurde, und unser Text könnte als das große Deutewort über die Geschichte vom Leiden und der Auferstehung Christi geschrieben werden. So ist die Josephs­geschichte nichts anderes als ein Hinweis, eine Vorbereitung auf das Wunder, das Gott in Christus geschenkt hat. Liegt nicht auch in der strengen Exklusivität der Gegenüberstellung „Ihr — Gott“ ein Hinweis auf Christus; denn wer außer ihm dürfte das Wort in solcher Einseitigkeit sprechen. Es müßte doch jeder andere auch sich selbst miteinschließen. So hat Calvin sicher recht: dies Wort gebe auch dem, der es spreche, Anlaß, in sein eigenes Herz hinabzusteigen (ut … arcanis Dei judiciis admonitus in se ipsum descendat, seque ad officium hortetur). Ohne Frage wirkt die Erkenntnis von 50,20 auch im Sinne unserer Erzählung für Joseph beugend und Gehorsam erzwingend. „Bin ich an Gottes Statt?“ (Luther wahrscheinlich nicht zutreffend: „ich bin unter Gott“) heißt: Nachdem Gott in der Sache ge­sprochen und entschieden hat, darf Joseph seinen (möglicher­weise immer noch dunklen) Gefühlen keinen Raum mehr ge­ben. Wieviel mehr müßte das, nachdem Gott in Christus ge­sprochen und entschieden hat, für alle unsere Konflikte gelten! Aber dabei behält das Wort eine strenge Klarheit, und es ver­schleiert das Böse nicht in falsch verstandener Versöhnlichkeit, und es gibt ihm auch keine Gloriole.

1.Mose 50,20 ist das Wort einer Rückschau. Man hört und liest nicht selten geistliche Biographien, die sich unterfangen, Gottes Wege und Pläne bis in Einzelheiten hinein rückschauend in dem betreffenden Lebensgang aufzuzeigen. Aber es ist zu fragen, ob damit nicht die Kompetenz unseres Glaubens über­schritten wird, ob unser Leben uns wirklich jetzt schon in seiner Einheit, wie es von Gott gefügt ist, offenbar werden kann. Un­ser Leben ist doch noch mit Christus verborgen in Gott. Wenn aber Christus, unser Leben sich offenbaren wird, dann werden auch wir offenbar werden mit ihm (Kol.3,3). Wir sahen es ja: Ganz am Ende der Josephsgeschichte fallen die Schleier von den heillos ineinander verschlungenen Ereignissen und Wegen. So wird auch uns erst am Ende in der Klarheit des neuen Lebens eine Überschau geschenkt werden. Bis dahin kann es nur in dem strengen Sinn des Wortes geglaubt werden, daß „denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Röm. 8,28).

Quelle: Gerhard von Rad, Predigtmeditationen, Göttingen 1973, 36-39.

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