Heinrich Wenigers Artikel über Friedrich Mildenbergers Emeritierung von 1994: „Nicht mehr die Universitas von Vernunft und Of­fenbarung, Staat und Kirchenlei­tung prägen den neuen Weg des Denkens, sondern die kategori­sche Beschei­denheit von Weisheit und Evangelium.“

Er beschritt völlig neue Wege. Friedrich Mildenberger feiert den 65. Geburtstag

Von Heinrich Weniger

Erlangen. Friedrich Mildenberger wird am 28. Februar 65 Jahre alt. Kollegen, Schüler und Freunde haben im Erlanger Gemeindehaus am Bohlenplatz ab 11 Uhr Gelegen­heit zur Gratu­lation und Verab­schiedung in den Ruhestand. Mit einer öffentlichen Vorlesung am Freitag, 25. Februar um 10 Uhr im Kollegienhaus endet die akademi­sche Lehrtätigkeit Prof. Dr. Fried­rich Mildenbergers.

Die nüchterne Feststellung der Emeritierung fällt, gemessen an 43 theologischen Berufsjahren – 25 davon allein am Erlanger Institut für Systematische Theologie –, ebenso leicht, wie sie angesichts der akademischen Zeitgenossen­schaft evangelischer Theologie schwerfallen muß.

Als einer der Wenigen, der die alte humanistische Tradition und Bildung des Tübinger Stifts mit all seinen großen Vorgängern ebenso verkörperte wie das ganz andere, am leibhaft erfah­renen Umbruch Nazideutschlands geschulte Den­ken Karl Barths und Rudolf Bult­manns, hat Friedrich Mildenber­ger einen für die Erlanger Theolo­gie und die bayerisch-lutherische Kirche völlig neuen Weg beschrit­ten.

Für diesen Weg war nicht nur die »Grenzüberschreitung« der in den 60er Jahren klar abge­steckten theologischen Landschaften und Positionen von Tübingen nach Er­langen bezeich­nend, sondern auch die der theologischen Diszi­plinen: Der promovierte Alttestamentler kam über die Biblische Theologie zur Systematik. Die zu­letzt erschienene »Biblische Dog­matik« zeigt, daß er diesem Weg treu geblieben ist.

In den 70er Jahren der Studen­tenbewegung hatte sich das kirchen- und hochschulpolitische Klima auch in Bayern verändert. Ein paar Sommer lang prägten die »roten« Nachfolger auf den Lehr­stühlen Althaus’, Elerts und Künneths in seltener Geschlossenheit den Ruf einer Erlanger Theologie, die in Zeiten nuklearer Hochrü­stung und ökologischer Krisen die politi­sche Weisheit des Evange­liums zur Geltung brachte.

Die Krise des modernen Menschseins im »abstrakten Dua­lismus von Natur und Geist« be­stimmt auch Mildenbergers »Ge­schichte der deutschen evangeli­schen Theologie«. Es ist immer zu­gleich die kritische Bestimmung der eigenen theologischen Zunft und Existenz, die dieses Denken spannend und sympathisch macht.

Der Aufsatzband »Zeitgemäßes zur Unzeit« steht dafür ebenso für die Erneuerung einer guten alten Erlanger Tradition: die kirchliche Bestimmtheit der Theologie. Die zeigt sich nicht nur in der umfas­senden Bearbeitung der Lutheri­schen Bekenntnisschriften und des Kirchenrechts, sondern auch im Engagement für die Kirchenge­meinden und ihre Pfarrer, denen sich Milden­berger – selbst elf Jah­re im Pfarramt – besonders ver­pflichtet wußte. Die späte Freund­schaft mit Karl Steinbauer und das für ihn veranstaltete Kolloquium der Theologischen Fakultät war einer der Höhepunkte dieser Be­ziehung. Grenzüberschreitend auch hier: die »Kleine Predigt­leh­re«.

So leicht der Dank an den Leh­rer, Prediger und Seelsorger Fried­rich Mildenberger sich auch aus­spricht – die Emeritierung der aka­demischen Zeitgenossenschaft macht es schwer für alle, die sich an ihr orientierten. Nicht mehr die Universitas von Vernunft und Of­fenbarung, Staat und Kirchenlei­tung prägen den neuen Weg des Denkens, sondern die kategori­sche Beschei­denheit von Weisheit und Evangelium. Nicht allein Kompetenz im wissen­schaftlichen Fall, sondern die weisheitliche Kompetenz von Menschen in ihrer Zeit und Betrof­fenheit gilt es wahrzunehmen und einzuüben.

So sehr die dreibändige »Bibli­sche Dogmatik« als Lehrstück eines grenzüberschreitenden Dia­logs der theologischen Diszipli­nen, Kontinente und Konfessio­nen gelten darf – die Zeitgenossen­schaft Friedrich Mildenbergs war allemal der beste Lehrer. Kollegen und Schüler haben nun Zeit, den Weg fortzusetzen. Mit den beiden Festschriften für Friedrich Mil­denber­ger ist ein hoffnungsvoller Anfang gemacht.

Der Autor war lange Jahre Assistent von Mildenberger und ist heute Pfar­rer an St. Lorenz/Nürnberg.

Evangelisches Sonntagsblatt, 20. Februar 1994, Ausgabe Erlangen, Seite 2.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s