Hans-Joachim Iwand, Du sollst nicht töten. Predigt über Matthäus 5,21f (1950): „‚Wer zu seinem Bruder sagt: Racha, der ist des Rats schuldig‘. Racha heißt soviel wie Dummkopf, hohler, leerer Tropf. In Wahrheit ist damit die Wand gemeint, die wir aufrichten zwischen Gebildeten und Ungebildeten, zwischen Urteilsfähigen und Unmündigen, zwischen Griechen und Barbaren, zwischen Akademikern und Nichtakademikern.

Du sollst nicht töten. Predigt über Matthäus 5,21f

Von Hans-Joachim Iwand

Es wird wenig Zeiten in der Menschheitsgeschichte gegeben haben, die sich von diesem Ge­bot, seinem Ernst und seiner Wahrheit, so unmittelbar getroffen wußten als wir: „du sollst nicht töten“! wir brauchen es kaum noch dazu gesagt zu bekommen, wer der ist, der so zu uns redet. Denn wir wissen es heute besser denn je, daß Gott ein Gott des Lebens und der Teu­fel ein Menschenmörder ist von Anbeginn, wir haben es begriffen oder könnten es jedenfalls durch den Anschauungsunterricht, den wir erteilt und empfangen haben, wissen, daß diese beiden nicht Hand in Hand arbeiten, daß es hier vielmehr Entscheidungen gibt, über die kein Philosophieren hinweghilft. Aber vielleicht ist uns noch einiges mehr aufgegangen oder wir stehen nahe davor, daß Gott uns die Augen öffnet für eine zwar sehr alte, aber für uns doch neue und entscheidende Einsicht. Nämlich dafür, daß Gottes Gebot und alles menschliche Leben, ja alles Leben in der Welt, aufs engste miteinander Zusammenhängen, daß Gottes Gebot nur um des Lebens willen da ist. Darum heißt es auch am Anfang der Bibel, daß die Erde „wüst und leer“ war, bevor das Wort Gottes über ihr kund wurde. Und weiter lesen wir dort von diesem Sein der Dinge, abgesehen von Gottes Wort und Gebot: „es war finster in der Tiefe“, das heißt doch wohl, Abgründe und undurchdringliches Dunkel, die kein geschaffener Ver­stand durchdringen und erleuchten kann, tun sich vor uns auf. Aber dann kommt das Entsetzlichste und Schlimmste: „der Geist Gottes schwebte über den Wassern“. Da ist keine Hoffnung, daß sein Geist und diese Wirklich­keit sich berühren. Zwischen Oben und Unten läuft eine absolute Grenze. Das ist die Welt ohne Gottes Wort. Das ist sie und wird sie wieder sein, wenn sie sich selbst überlassen ist. Das machen wir aus ihr, wenn wir meinen, sie ohne sein Gebot und seine Verheißung verstehen, regieren, bewahren, in ihr leben und wirken zu können. Denn mit diesen drei schrecklichen Sätzen vom Anfang sind ja auch die entscheiden­den Worte über das Ende gesagt, wird es nicht auch da wieder heißen: wüst und leer? Sehen wir nicht be­reits, wie die Wüste wächst mitten in dem, was wir Kultur und Zivilisation nen­nen? Und tun sich die Abgründe nicht wieder auf, über denen dunkle Finsternis lagert, sodaß die Menschen von der Sinnlosigkeit des Daseins überfallen werden, sobald sie versuchen, zu denken, zu verstehen, mit ihrem Geist in dieses Dickicht einzudringen? Die Existenz als sol­che bat eine unergründliche Tiefe, es gibt Abgründe hier, in denen furchtbare Stürme toben, die das Licht, mit dem wir sonst durch das Dasein wandern, das so hilfreiche, klare Vernunft­licht einfach auslöschen und seinen Träger, dem klugen, gebildeten, einsichtigen Menschen einsam und allein der Finsternis preisgeben, wenn man heute ein wenig Blick hat für die Vor­gänge im der Philosophie und Psychologie, dann könnte man schon etwas wahr­nehmen von der wachsenden Finsternis über den Abgründen des Lebens,. Und doch ist das alles nicht das Schlimmste, was wir aus diesen wertem vom Anfang und dementsprechend auch vom Ende aller Dinge entnehmen können. Das Schlimmste liegt in dem Satz: Der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Auch das könnte wieder eintreten und vielleicht stehen wir bereits mitten drin in dieser sinkenden Nacht. Der Geist Gottes und die Wirklichkeit, in der wir leben, fallen auseinander, wir wagen schon lange nicht mehr, zu sagen und zu glauben, was doch sogar die Heiden nicht preisgegeben haben: in ihm leben, weben und sind wir. Ein ganzes Heer von Theologen ist bereit, über den herzufallen, der das zu bekennen wagt. Sogar das berühmte Kapitel der Apostelgeschichte, in dem dieser Satz Gnade gefunden hat, wird nicht verschont. Ahnen wir wohl, daß wir damit all das preisgeben, was Weihnachten, Ostern und Pfingsten für uns, für die Menschen, für die Welt bedeuten?

Denn Weihnachten heißt doch, daß Gottes Geist in einem Menschen gleich wie wir Wohnung nahm, und Ostern heißt doch, daß derselbe Geist eben in diesem Menschen alle Schuld aufge­hoben und wiederum in diesem selben Menschen allen die Verheißung des Lebens wieder geschenkt hat, und Pfingsten schließlich heißt, daß dies alles nicht nur ein Schauspiel, ein geschichtliches Ereignis, ein Drama geblieben ist, bei dem wir Zuschauer sind und das immer wieder aufs neue von guten und schlechten Dichtern in Worte gefaßt wird, sondern daß eben dieser Geist Gottes weiter bei uns und in uns wohnt und uns alle in den Lebens- und Gnaden­bund einbezieht, der zwischen Gott und diesem einen Menschen, der zwischen Gort und Jesus Christus uns allen zum Heil geschloffen und für uns ausge­schlossen ist. Nein, der Geist Gottes ist von ihm her nicht so gemeint, daß er über den Wassern schwebte, in denen wir ringen und untergehen, son­dern so, daß wir durch ihn und in ihm unsere feste Burg haben, daß wir in seiner Kraft wandeln und von ihm die Reinheit des Herzens empfan­gen, die zu einem rechten Wandel gehört.

Aber geschieht das da, wo es heute geschehen müßte? Oder kündigt sich nicht eben doch in predigten und Reden, in dem sogenannten christ­lichen und kirchlichen Schrifttum, das heute die Öffentlichkeit erfüllt, etwas an von diesem Abendschatten des Geistes, der uns im Dunkel stehen läßt. Berührt hier wirklich noch der Geist die Erde, aus der wir leben, leiden, sterben und verzweifeln? was denken wir wohl, wenn wir uns den Krebsgang ansehen, den die Pro­klamationen der Weltkirchen seit den Tagen vom Amsterdam in den öffentlichen Fragen vollziehen? Sind wir nicht eben dabei, wieder einmal vor den Realitäten zu kapitulieren und all die Narren auszulachen, die meinten, es müsse und könne eben doch einen Wandel in der Welt von heute geben, einen Sprung nach vorn, einen Griff nach dem gerade in den Entsetz­lichkeiten des Krieges uns so nahegekommenen Gottesreich? Sollen denn die Spötter nun doch wieder recht behalten, die sich die Erde und Gott den Himmel reservieren? Sol­len diese gerade in der Kirche, in der Theorie ihrer Theologen und der Verkündigung ihrer Prediger recht bekommen? Der Geist Gottes in einer idealen, hoch über der Wirklichkeit gespannten Sphäre, und darunter strömen die Wasser der steigenden Flut; in ihren Wellen die kämpfen­den, leidenden, untergehenden Menschen. Vielleicht ein Teil von ihnen noch in der glückli­chen Lage, sich auf die Höhe zu retten, und bemüht, Dämme zu ziehen, die die Flut aufhalten sollen. In ihrem Herzen derselbe Wahn und dieselbe Angst: wir sind allein, der Geist Gottes ist fern, wir, unser Geist, unser Denken und planen allein kann uns retten. Mag sein, daß das alles nicht wahr ist, daß von Gott und seiner gnädigen Nähe zu uns her ge­sehen sich alles wie Gespenster der Nacht auflösen ließe, mag sein, daß es Gesichte der Angst sind, aber wer will uns unterscheiden lehren zwischen Traum und Wirklichkeit? Ist das nicht gerade unsere Not, daß wir nicht erwachen, nicht erwachen zum Hören und Sehen dessen, was Gott tut und kann und will, nicht erwachen zu seinem Reich und seiner Herrschaft, nicht erwachen dazu, daß das Himmelreich nahe herbeigekommen ist und es nur einer Bewegung bedürfte, der Bewegung der Umkehr in die andere Richtung, um alles neu, ganz neu, vielleicht auch ganz leicht und frei und einfach zu machen? was ist in solcher Lage Traum und was ist Wirk­lichkeit? Wirk­lichkeit ist eigentlich nur in einem, in Jesus Christus, und wir alle leben in unserer gefährli­chen Traumwelt, bevor sein Ruf uns nicht geweckt und seine Hand uns nicht aus diesem Totenreich heraus­geholt hat.

Diese etwas seltsame Einleitung war nötig, wenn wir an der einen, besonderen Stelle unseren Posten beziehen, an der diese Ferne zwischen dem Geist Gottes und den Fluten, in denen wir unterzugehen drohen, am vitalsten und gefährlichsten empfunden wird, an der die Wasser der Tiefe in das Schiff der Kirche einströmen und es ganz zum Sinken bringen: bei der Frage von Krieg und Frieden! Bei der Frage, die gerade in diesen Tagen wieder neu und beängstigend über uns alle hereinbricht, nachdem wir eben noch im Überschwang der Freude gemeint hat­ten, daß das Leid und der Schrecken der vergangenen Jahre genügt hätten, um die Herzen der Menschen und Völker zu erweichen und ihr Denken zu wandeln. Auf einmal ist der alte, böse Zauberspruch wieder da: Si vis pacem, para bellum! Und auch das andere ist wieder da, was eben noch durch die Er­eignisse selbst widerlegt zu sein schien: die Rede vom gerechten Krieg — als ob wir heute noch feststellen könnten, was ein gerechter Krieg ist — und das Freund-Feind-Denken ist wieder da, das eine ideologische Mauer durch die Menschheit legt und je­den, der jenseits der Mauer lebt, rechtlos macht, der fatale Glaube an den Rüstungsvorsprung, die Machtergreifung des Militärs über alles wissenschaftliche, technische und geistige Tun und Schaffen der Menschen, und dahinter der Schatten der Gewalt, der sich schon wieder über das eben so vergewaltigte, geistige Leben der Menschen legt. Gewiß, ein paar besonders schuldig gewordene Menschen von früher sind nicht mehr da, aber ihre Ideen und die Kämp­fe, die einen Moment verschwunden schienen, geben weiter, weiter gebt auch noch etwas anderes, was wir am wenigsten geglaubt hatten, weiter gebt eben jenes über den Dingen schwebende, sie von hinterher verklarende, glorifizierende, recht­fertigende Gerede der Kirche, das uns in den vergangenen Jahren so zum Ekel geworden ist. Denn die Kirche müßte doch die Stelle sein, wo dieser böse und sinnlose Spuk zerstieben könnte, den die blin­den Blindenführer mit ihren Völkern treiben. Hier könnte der Blitz aufflammen, der die Welt vom Aufgang bis zum Niedergang, der Orient und Okzident in das Helle und durchsichtige Licht der Rettung und Erkenntnis stellt. Hier könnte die Sprache gesprochen werden, die alle Welt eint im Hören auf Gottes Taten, die neue Sprache, die der Geist redet, von dem man nicht weiß, woher er kommt und wohin er geht, der weder ein Geist von Washington noch von Moskau, weder der Geist des Kapitalismus noch der des Kom­munismus ist — überhaupt ein in seiner Art unseren Konflikten gegen­über grundsätzlich neutraler Geist, der unsere Entschei­dungen relativiert, weil er die wabre und rettende Entscheidung ist. Ein Geist, der unsere Richtersprüche kassiert, weil er mit einem neuen, die streitenden Parteien einenden Spruch den Frieden bringt. Ihn sollten wir doch erwarten dür­fen, wo immer der Name Christi genannt wird, wo in seinem Namen die Mühseligen und Beladenen gerufen werden, um die Friedens­botschaft zu hören. Aber auch hier schon wieder dasselbe. Auch in die Kirchen und ihre Ver­kündigung hinein drängt sich die politische Leidenschaft verfeindeter Menschen und in Ak­ten, Proklamationen und Rückversicherungen bezeu­gen sie, daß auch sie befallen sind von der Angst um ihre Selbsterhaltung.

Mitten in diese Situation hinein sollen wir nun den scheinbar aussichts­losen Versuch machen, vom Frieden zu reden. Nicht nur vom inneren, sondern gerade auch von dem äußeren Frieden. Nicht nur vom Nicht-Hassen, sondern gerade auch vom Nicht-Töten, nicht nur von einer kirch­lich-christlichen Insel der Friedfertigkeit, sondern so, daß alle Welt be­greift, daß hier ihre große, göttliche Verheißung liegt. Gerade unsere Epoche, die Schrecknisse gesehen hat, wie sie das menschliche Auge seit langem nicht sah, Zeichen, die an das Ende aller Dinge gemah­nen, könnte als eine besonders schuldige und darin doch wieder besonders gesegnete Epoche der Wendung und Umkehr am nächsten sein! „Alle Rüstung derer, die sich mit Ungestüm rüsten, und die blutigen Kleider werden verbrannt und mit Feuer verzehrt werden. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ist auf seiner Schulter“. Meinen wir nicht, daß es für uns noch etwas zu lernen gäbe, zu hoffen, zu glauben, daß sich eine neue Richtung und Wendung ankündigte in all dem, was doch nicht ohne Gottes Zulas­sung und willen über uns gekommen ist? Könnte man nicht aufgerufen sein, daraus etwas Neues zu lernen, über Jesus und den Frieden! Darüber, daß in Jesus Christus das Leben der Menschen und das Zusammenleben der Nationen einen neuen, besseren und wohltätigeren Sinn bekommt, als der, den wir ihm gegeben haben, wenn wir zum Bru­dermord aufrufen, warum sollte nicht hier gerade der Punkt liegen, an dem wir heute zur Wendung aufgerufen sind? Zur Revision unserer ge­wohnten, altväterischen Urteile, die zu einem Notstand geführt haben, der nicht länger zu tragen ist.

„Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten, wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein“. Mehr haben auch wir nicht gewußt, als das grausige Morden vor fünf Jahren zu Ende ging, wir begnügten uns mit unseren hergebrachten Normen und Gesetzen, mit dem, was zu den Alten gesagt war. Als Söhne unserer Väter haben wir zu Gericht geses­sen — nicht weit von hier ist es ja geschehen — nach den Maßen und Satzungen, die wir von ihnen empfangen hatten, um die Welt noch einmal in Ordnung zu bringen. So haben wir es überall getan, nicht nur beim fünften Gebot, auch beim zweiten und dritten, auch beim sech­sten und siebenten! wir greifen zurück, wir glauben, wir hätten den An­schluß nach rückwärts verloren und haben Angst vor dem Schritt nach vorn, vor dem Schritt ins Niemandsland. Die Welt von gestern wollen wir wiederhaben — das beseelt die Herzen und erfüllt die Köpfe der über­lebenden. Und auch Jesus muß in diese Welt von gestern gehören. Gerade Er. Er soll ihr Garant sein. Er darf nicht weiterwandern, er muß, wenn er dies tun sollte, in unsere Gewalt genommen werden, unter die Aufsicht weltlicher und kirchlicher Würdenträger, damit er nicht gegen uns auf­trete. Er soll die Bestätigung, die höchstinstanzliche Garantie dafür sein, daß heute noch gilt, was früher galt! „wer tötet, der ist des Gerichts schuldig“. Das ist nun einmal die letztgültige Auslegung des Gebotes und daran haben wir uns gehalten. Das ist christliche Weltordnung. Aber wer ist der Richter? wer ist dort Richter, wo alle Hände blutig geworden sind? wo Mord um Mord getauscht wurde, wo die Erde ringsherum zum Friedhof wurde, wo Frauen und Kinder, Alte und Kranke gemordet wurden, ohne daß der, der Feuer und Eisen über sie fallen ließ, seine Opfer sah, noch kannte, noch haßte, wer kann hier Richter sein? Muß nicht, wenn wir in dieser Sache aneinander Richter spielen, das Spiel unent­rinnbar weitergehen? Heute gilt dies als todeswürdig, morgen jenes: Das Wort: „Du sollst nicht töten“ hat schon recht, es ist Gottes Wort, mit dem er das geschaffene Leben schützt. Gott prokla­miert in diesem Ge­bot, daß ihm der Mensch gehört, den er geschaffen, den er erlöst und er­worben hat mit seinem Blut und seinem Leiden — aber wer kann Richter sein in seiner Sache, wo alle aneinander schuldig wurden und alle den Ruhm verloren haben, den sie vor Gott haben müßten! Das sind die Fra­gen, die heute unter uns aufbrechen, da der Krieg die Mensch­heit als ganze in sich einbezogen und alle unter dasselbe Gericht und dieselbe Not gestellt hat.

Darum müßte es eigentlich so sein, daß wir Jesu „Ich aber sage euch“ — im Blick auf das Töten und Richten — besser verstünden als je, „Der Herr allein ist Richter“. Jesu „Ich aber sage euch“ bedeutet also keineswegs eine Vertiefung, eine gesinnungsmäßige Vergeistigung des Gebotes, eine Humanisierung dieses ganzen Handels, sondern es bedeutet zuerst und zu­nächst, daß Er, Jesus, aus einer anderen, ganz anderen Rich­tung auf uns zukommt, als wir ihn erwarten. Nicht von den „Alten“ her, nicht aus dem Gestern. Er tritt mit einem Aber auf und grenzt sich mit diesem Aber ab gegenüber dem, was bisher zu uns gesagt ist. Er wird und kann dem Ganzen ein neues Gesicht geben, denn er ist ja das Wort des Lebens selbst. Ich aber — das heißt: seid ihr denn gewillt, euch Herumreißen zu lassen, mich nicht von Gestern her zu ver­nehmen, sondern als den, der kommt, als den, dem ihr entgegengeht, der der Richter ist der Lebenden und der Toten. Seid ihr gewillt, auf mein Wort hin die Hand an den Pflug zu legen und nicht zurückzuschauen, seid ihr gewillt, die Toten ihre Toten begraben zu lassen (mit all dem, was schon wieder auf den Totenackern der Welt unter dem Zeichen der Pietät an Ungutem und Rückwärtsgewandtem angerichtet wird), und hinzugehen, um Boten der Gottes­herrschaft zu sein? Seid ihr gewillt, mich als Herrn einer neuen Welt zu hören und so mir nachzufolgen? Das Ich, das hier redet, ist der Lebendige, der Herr im Hause, vor dem alle anderen, Propheten und Apostel, Kirchenväter und Reformatoren, nur Diener sind. So tritt Jesus mitten unter uns. Die Art und Weise, wie er uns begegnet, leidet keinen Wandel. Er ist derselbe, derselbe in seiner Fremdheit und in seiner Nähe, gestern und heute.

Unter dieses: Ich aber sage euch — stellt er nun ein Dreifaches. Erstens: „wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig“. In einem urchristlichen Brief heißt es noch schärfer, wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger! Damit nimmt uns Jesus die gesell­schaftliche Maske vom Gesicht und wir sehen, daß wir eigentlich eine mühsam zusam­men­gehaltene Bande von Mördern sind. In dem Spiegel, den er uns vor­hält, können wir entde­cken, daß der unter uns aufbrechende Mord garnicht so Seltsames, Ungereimtes und Bestia­lisches ist, wie wir das gemeinhin annehmen. Der Haß hat ihn vorbereitet, der Haß ist ja der Wunsch, der andere möchte nicht mit mir in ein-und-derselben Welt leben. Der Haß macht die eine Welt zu eng für zwei Menschen, sodaß sie anfangen, einander zu fürchten, wenn sie sich begegnen. Der Haß läßt mich des Glaubens leben, daß wir, der andere und ich, um dieselbe Planke kämpfen und nur einer sich Hinaufschwingen kann. Haß heißt: Entweder — Oder! Entweder er oder ich! Der Haß entdeckt darum auch der Sünden Menge beim anderen, er deckt die Fehler auf, die der andere begeht, das gehört zu seiner Entrechtung, wie die Liebe der Sünde Menge deckt, so öffnet der Haß sogar die Gräber der Toten und läßt das Gewesene nicht zur Ruhe kommen. Er erzieht alle, die er befällt, zu Hinterlist und Rache, er läßt sie warten, bis die Stunde kommt, Böses mit Bösem zu vergelten, wie lange kann der Mensch warten, bis der Haß, der so lange unbefrie­digt in ihm hauste, das Blut trinkt, nach dem er lechzt, und die Beute bekommt, nach der ihn hungert. Dahinein, in diese tiefen dunklen Schachte der Finsternis, in denen der Mord vorbereitet wird, in denen er tausend­mal zuvor gedacht und ausgekostet ist, läßt Jesus sein Licht fallen. Hier schon, vor der Tat, wird der Täter entdeckt. Auf einmal stehen wir da wie Kain, nachdem er Abel erschlagen hatte. Auf einmal können wir uns alle sehen, als hätten wir schon getan, was wir, wenn wir es getan haben, so gern ungeschehen machen möchten! Oder wer möchte nicht gern das un­geschehen machen, was in diesen Jahren geschehen ist, an Juden, Russen und Polen, an Deutschen und Franzosen, an Weißen und Farbigen, an allen Menschenbrüdern, die in Krieg und Kerkern einander so Böses taten — wer kann seinen Bruder Abel vor sich liegen sehen, ohne zu be­greifen, daß dieser Schlag auch ihn, den Täter, selbst zeichnete? Jesus aber sagt: Noch ist Zeit. Zeit, den Kampf aufzunehmen gegen die Aus­saat des Haffes, Zeit, die Masken schöner Worte und falscher Gesten abzutun und uns alle zu vereinen in der einen Frage, wer kann unser Richter sein, sodaß wir aufhören, einander zu Haffen, und anfangen, einan­der zu lieben. Die Herren dieser Welt lehren uns Haß, sie Haffen einander, und wir werden durch sie zum Haß erzogen. Nur so glauben sie ihrer Herrschaft sicher zu sein, wer rettet uns vor ihnen, wer lehrt uns den Balken im eigenen Auge zu sehen? wer macht uns tapfer, in die Schlacht zu ziehen, um die Saat des Haffes auszurotten, damit Wort und Tat der Versöhnung wachsen und Frucht bringen kann? wer lehrt uns, das Böse mit Gutem überwinden und daran zu glauben, daß die Erde nicht wüst und leer und ein Tummelplatz der Teufel ist, sondern dazu bestimmt, Gottes Sieg zu sehen und die Taten seines Geistes zu erfahren? Das also ist das erste, was Jesus tut, wenn er den Richterstuhl besteigt: er richtet und rettet zugleich, er macht uns Mut, das Un­kraut an der Wurzel aus­zureißen. Er ist nicht umsonst unser Versöhner! Er ist nicht umsonst unser Friede!

Das Zweite aber ist vielleicht für manche unter uns noch viel seltsamer, wenn Jesus nämlich den vor das oberste Gericht im Lande gestellt sehen möchte, der seinem Bruder die Urteilsfä­higkeit abspricht, „wer zu seinem Bruder sagt: Racha, der ist des Rats schuldig“. Racha heißt soviel wie Dummkopf, hohler, leerer Tropf. In Wahrheit ist damit die Wand ge­meint, die wir aufrichten zwischen Gebildeten und Ungebildeten, zwischen Urteilsfähigen und Unmündigen, zwischen Griechen und Barbaren, zwi­schen Akademikern und Nichtakademikern. Nicht wahr, wir wissen, was diese Wand bedeutet, wie sie zur Quelle des Mißverstehens, der Ver­achtung, der Grausamkeit und Gemeinheit werden kann und geworden ist. Es ist nicht von ungefähr, daß die Christen, solange sie sich nicht dem Schema dieser Welt angepaßt hatten, Vorkämpfer der Bildung waren. Daß sie immer wieder den Kampf ausgenommen haben gegen die von den herrschenden Ständen geförderte und unterstützte Unbildung. Sie stimm­ten eben nicht ein in den fatalen Satz des „Odi profanum vulgus“, sie kannten keine Massen, auf die man herabzu­sehen hat, und kein Bildungs­privileg, das besonderen Schichten zukommt. Hier, so meint Jesus, sollte der oberste Rat eingreifen. Jeder, der so über seinen Nächsten redet, macht sich im tiefsten Sinne schuldig am Töten! Denn tatsächlich besteht ja für ihn der Mitmensch, den er als Dummkopf ausscheidet, nicht. Er besteht für ihn nur als Herdentier, das es zu führen oder besser: zu verführen und auszunutzen gilt. Er besteht nur als ein Wesen, das in billigstem Autori­tätsglauben erhalten werden muß. Wenn unsere Geschichte, die euro­päische wie die der Kolonial-Länder, reden könnte, wenn die Erniedrigten stand er über uns als unser Lehrer, der Weisheit bringt für alle, und seine Jünger aussendet, allen Völkern die Lehre zu bringen, wenn er und Beleidigten ihren Mund auftun, wenn sie das silence aux pauvres brechen würden, meint ihr nicht, daß sie uns fragen würden, warum wir — wie der reiche Mann an seinem Tische — die Bildungs- und Kulturgüter für einen bestimmten Stand reserviert haben, warum die Kirche das noch gedeckt und diese böse, brudermörderische Ordnung heilig gesprochen hat. was würden wir wohl für Augen machen, wenn uns plötzlich aufginge, daß Jesus Christus — der Richter — eben bei denen stünde, die für die Freiheit, die persönliche Verantwortlich­keit jedes Menschen als eines ver­nünftigen, mündigen Wesens gestritten, gelitten und gezeugt haben. Ge­rade bei solchen, die vielleicht seinen Namen dabei garnicht genannt haben. Bei solchen, die ihn in den Armen und Ausgestoßenen besucht und befrei: haben, die es noch ein­mal, am letzten Gerichtstage hören werden: Ich bin gefangen gewesen — gefangen in meiner geistigen Primitivität und Dumpfheit — und ihr habt mich besucht! Ihr habt in mir den Bruder gesehen, der mit euch gemeinsam auf gleicher Ebene reden, beraten, urtei­len und auch ein wenig helfen und Gutes tun möchte. Ihr habt mir die Voraussetzung der freien bürgerlichen Gemeinschaft gegeben, ihr habt den Makel der Dummheit von mir genommen.

Damit legt Jesus die andere, die zweite Mauer nieder, die wir zwischen Mensch und Mensch gezogen haben, die Abtrennung der Gebildeten vom gewöhnlichen Volk, wir werden uns fragen müssen, ob Jesus uns nicht hier einen aussichtsvollen Weg weist, um der Gesellschaft, in der wir leben, ein neues, frohgemutes und friedliches Dasein zu geben, warum denn sonst ist die Bibel in die Sprachen der Völker übersetzt, warum erfreut sich das Gesangbuch so großer Liebe? Warum fängt sogar die katholische Kirche an, den Gläubigen in ihrer Mutter­sprache die Tiefe ihres Kultes und Gebetes zugänglich zu machen? Die Bibel hat es an sich, daß sie den Riß, der zwischen Gebildeten und Ungebildeten entsteht, schließt. Darum war es eine böse und gemeine Sache, wenn unsere Väter und Großväter sich eine Religion der Ge­bildeten machten und das Volk auch noch darin ab­sonderten, als wären das Dummköpfe, die das Althergebrachte zu glauben haben. Das Gericht über all diesen Dingen ist voll im Gange. Es wird uns wenig nützen, wenn wir Kanonen und Maschinengewehre vor unsere Bildungsre­servate und bourgoisen Privilegien stellen, auch diese Positionen werden fallen. „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten, was der Mensch sät, das wird er ernten“.

Und nun kommt das Dritte und Letzte: „wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr! der ist des hölli­schen Feuers schuldig“. Narr heißt Gottloser! Es ist dasselbe Wort, das wir aus dem Alten Testament kennen, wenn es heißt: die Toren sagen, es ist kein Gott. Ist es nicht so, als ob der Richter mit jedem neuen Urteilsspruch wüchse, als ob sich seine Gestalt wandelte. Als er vom Haß sprach, stand er unter uns als unser Bruder, der uns daran erinnert, daß wir einen Vater haben; als er von der Bildung sprach, jetzt von der Gottlosigkeit redet, steht er vor uns als der, der für uns, da wir gottlos waren, gestorben ist. Und jetzt ist sein Urteil letztgültig, jetzt ver­weist er die Schuldigen nicht mehr an das menschliche, sondern an das göttliche Gericht. Das Schwert, das sie gezogen haben, kehrt er gegen sie selbst, wer mit dieser Kategorie arbeitet, wer diese Mauer aufrichtet, die dritte und schlimmste, wer diesen Gegensatz von Himmel und Hölle mitten unter den irdischen, noch lebenden, noch in der Gnadenzeit Gottes lebenden Menschen aufrichtet, der ist selbst des höllischen Feuers schuldig, wer dieses Feuer anzündet, der verdient, darin verbrannt zu werden. Denn damit wird ja aufgehoben, was Jesus Christus ist und bringt: die Gnade Gottes, die Freiheit und Allgemeingültigkeit dieser Gnade! Damit wird die Grenze neu gezogen, die Jesus aufgehoben hat, die Mauer wieder aufgerichtet, die er weggenommen hat. Damit wird die Freuden­botschaft des Evangeliums, die Gerechtsprechung des Sünders, damit wird das sola gratia, der Trost der Verlorenen und Elenden, liquidiert. Da­mit bekommt nun doch der stolze selbstgerechte Bruder recht in seinem Ur­teil über den, der in die Ferne ging, er bekommt recht gegen den Vater und dessen Barmherzigkeit. Damit bekom­men die Pharisäer recht gegen Gott, der seinen Sohn sandte, damit alle, die an ihn glau­ben, nicht ver­loren sind, sondern das ewige Leben haben, wer weiß, wie tief in diesem schlimm­sten und letzten Fehler wir alle bereits stecken, „wir sind die Frommen, wir die Gerechten — und drüben leben die Gottlosen“! Ob darum die Predigt in unserer evangelischen Kirche nicht mehr klingt, ob der helle Ton der Freude darum von uns gewichen ist, ob wir darum drauf und dran sind, die Reformation zu verraten und uns ihres Evan­geliums zu schämen, weil wir nun auch in diese letzte und schlimmste aller Gruben gefallen sind: daß wir meinen, die ande­ren als die Gottlosen be­zeichnen zu dürfen! wenn das geschieht, dann brennt bereits ein Feuer, das nicht nur auf Erden, sondern im Himmel, nicht nur in der Zeit und der Gesellschaft, son­dern in der Ewigkeit alle Gemeinschaft zerreißt und den Haß lodern läßt, der keine Gnade kennt.

Damit wir von dieser unserer eigenen Gerechtigkeit frei würden, ist Jesus Christus ans Kreuz gegangen. Damit wir Brüder würden und aus dem leben, was er uns gebracht hat, nicht aus dem, was wir sind. Es gibt keine Gottlosen — oder es gibt nur Gottlose. Niemand hat ein Recht, zu töten, indem er vorgibt, er vernichte damit die Gottlosen und rette das Christentum! Jesus Christus steht mitten unter uns als Zeichen der Lang­mut und Geduld Gottes. Es kann sein, daß wir über ihn hinweggehen, weil er gegen uns ist, gegen die Menschen, die neues Morden aneinander vorbereiten und darum die drei Mauern zwischen sich errichten, die des Richtgeistes, der Bildung und der Frömmigkeit. Es könnte sein, daß wir an ihm vorbei unse­ren Weg gehen — aber wir sollten dann wenigstens wissen, was wir damit tun! Wir sollten dann nicht Gott anklagen, wenn die Erde wüst und leer wird, wenn die Abgründe der Finster­nis sich öffnen und der Geist Gottes wieder wie am Anfang über den Wassern brütet.

Gehalten bei der Tagung des „Christlichen Friedensdienstes“ in Stein bei Nürnberg, 6. August 1950.

Quelle: Evangelische Theologie 10, Heft 4, 1950, S. 145-153.

Hier der Text als pdf.

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