Martin Luther, Summa des christlichen Lebens. Predigt zu 1.Timotheus 1,5-7 von 1532: „So lehrt mich die Schrift, dass Gott den Menschen zwei Stühle aufgestellt habe: Einen Richtstuhl für die, die noch sicher und stolz sind und ihre Sünde nicht erkennen noch beken­nen wollen, und einen Gnaden­stuhl für die armen, erschrockenen Gewissen, die ihre Sünde fühlen und bekennen, vor seinem Gericht verzagen und gerne Gnade hätten.“

Summa des christlichen Lebens aus S. Paulus 1.Timotheus 1 neulich gepredigt

Von Martin Luther

Vorrede

Lieben Freunde, ihr wißt, wie Gott hat ernstlich jedermann befohlen, sein liebes Wort zu hö­ren und zu lernen! Denn er hat es sich viel kosten lassen und darauf gewandt, dasselbe in die Welt zu bringen. (Er hat) alle Prophe­ten dran gesetzt, ja, seinen eigenen Sohn darum in die Welt gesandt und ihn lassen kreuzigen und sterben, alle Apostel darüber verfolgen und alle Christen darüber zerplagen lassen, und denselben befohlen, dasselbe treu­lich zu handeln, den anderen aber, (es) fleißig zu hören. Und wenn sonst keine Ursache wäre, solches zu tun, als daß es Gottes Wohlgefallen und Wille und strenges Gebot ist, so wäre es aller Dinge Ursach genug! Denn wir sind es ja schuldig, als die Kreaturen ihrem Herrn und Schöpfer gehor­sam zu sein und solches mit allem Willen zu tun, weil er uns so viel Gutes gegeben (hat) und noch täglich tut, so daß wir ihm nimmer genug dafür danken können.

Nun läßt er es nicht dabei bleiben und will es uns nicht allein als ein Gebot aufgelegt haben oder als einen schuldigen Dienst fordern, sondern (er) verheißt auch große Frucht und Nutz, die wir davon haben sollen, und läßt es ausschreien, daß man ihm den allergrößten und schön­sten Gottes­dienst daran tue. Denn er ist auch ein großer Herr, dem wir dienen, der viel und mancherlei Dienste hat, und (wir) können ihm in vielen Stücken dienen. Aber dies eine geht über die anderen alle; denn wo irgendein frommer Bauer oder Bürger und Untertan seinem Herrn dient, da dient er auch Gott; desgleichen ein Kind oder Knecht und eine Magd im Hau­se, wenn sie gehorsam sind und treulich tun, was sie schuldig sind; ebenso auch wenn Fürsten und Herren, Vater und Mutter wohl regieren und ihres Amtes warten. Das heißt alles Gott ge­dient! Denn es ist sein Wille und Befehl, den er von uns fordert. Solches Dienstes ist die gan­ze Welt voll, wenn sie es nur tun wollte. …

Aber weit über und vor diesem allen hat er diesen Dienst (des Wortes) besonders gepreiset und aufgemützt (hervorgehoben), beide, die sein Wort hören und predigen. Und so auserkoren (hat er) dieses Stück vor allem auf Erden, daß es ihm besonders gedient heißen soll; denn die anderen Stücke geschehen den Leuten. Darum hat er auch einen sonderlichen Tag in der Wo­che dazu geordnet, an dem man dessen alleine wartet, obgleich man sonst wohl die ganze Wo­che mit anderer Arbeit Gott auch dient, die er an keine Zeit oder besondere Tage gebunden. Aber diesen (Tag) hat er beson­ders ausgemalt (herausgestrichen) und streng geboten zu hal­ten, daß man Zeit und Muße dazu habe, daß nicht jemand klagen möge, er könne es wegen seiner Arbeit nicht gewarten, noch dazu kommen. So hat er auch besondere Stätten dazu ge­ordnet, wie bei uns die Kirchen oder Häuser, da wir zusammen kommen. Ja, er hat den ganzen Priesterstand dazu gestiftet und erhalten. (Er) schafft und gibt dazu, was dazu gehört, (um) solches Amt zu treiben, wie allerlei Kunst und Sprachen und mancherlei Gaben. Kurzum: (Er hat) aller Welt ein besonderes Gebot gestellt, daß sie solches heilig und hehr halte, und (hat) aller Ding so angegriffen, daß man es greifen muß, wie er es trefflich hochhält, und sei ihm ein teurer, angeneh­mer Dienst, wo und wann man sein Wort handelt.

Und es wäre wohl fein, wenn man es in die Gewohnheit bringen könnte, daß man „zur Predigt gehen“ nannte, daß es hieße „zum Gottesdienst gehen“; und „predigen“ hieße „Gott dienen“, und alle, die da beieinander sind, „zum rechten hohen Gottesdienst versammelt“ hießen; gleichwie vorzeiten die lieben Apostel und alten Väter geredet haben. …

Das sage ich nun, uns zu vermahnen, warum wir gern Gottes Wort hören sollen und zur Pre­digt gehen, weil es nicht allein ein strenges Gebot Gottes ist, sondern auch die höchste Ver­heißung hat, daß es Gott ange­nehm ist, und der höchste, liebste Dienst, den wir ihm tun können, und so weit über alle andere Dienste leuchtet, wie die Sonne über alle Sterne und der Sabbat oder Feiertag alle anderen gemeinen Tage übertrifft, soviel Got­tes Reich übertrifft der Welt Regiment. Denn hier ist alles geweiht und sonderlich auserkoren, Zeit, Person, Stätte und Kirchen, alles um des Wortes willen, welches uns alle Dinge heilig macht, auf daß wir ja uns hüten und nicht so faul und laß dazu werden wie die schändlichen, selt­samen Geister, die sich dünken lassen, sie haben es nun gar und können es allzuwohl und besser, als man es ihnen predigen kann; oder wie die ande­ren auch, die es bald überdrüssig werden. Sie denken: „O, das habe ich oft gehört. Was sollte ich immer einerlei hören?“ Die wissen und denken nicht, was es für ein großes treffliches Ding ist und welch ein hoher Got­tesdienst, den sie so schändlich verachten oder so faul verlassen und ver­säumen und damit Gott gar hoch erzürnen, daß sie sein ernst Gebot so sicher in den Wind schlagen und seine Verheißung lassen an ihnen ver­gebens sein und, soviel an ihnen ist, mit ihrem Beispiel solchen lieblichen Gottesdienst zerstören oder ja hindern. …

Welcher nun solches nicht achtet, noch sich läßt bewegen, daß er Gottes Wort ehre und wert halte, gerne höre und lerne, wo er kann, dem weiß ich nicht zu raten; denn ich will noch kann niemand mit den Haaren dazu ziehen. …

Kannst du Tag und Nacht im Bierkrug sitzen oder sonst mit guten Gesellen wäschen und plaudern, singen und schreien und nicht müde wirst, noch die Arbeit fühlst, so kannst du ja auch eine Stunde in der Kirche sitzen und hören, Gott zu Dienst und Gefallen. …

Nun aber es ist der leidige Teufel, der die Leute so blendet und so satt und überdrüssig macht, daß wir nicht achten, was wir für einen Schatz haben an dem lieben Wort; und so roh hinge­hen und werden wie die wil­den Tier. Darum laßt doch uns zu Herzen nehmen und denken, so oft wir predigen, Gottes Wort lesen oder hören, es sei in der Kirche oder daheim von Vater, Mutter, Herr, Frau, und es gerne annehmen, wo wir es haben können, daß wir im rechten, ho­hen, heiligen Gottesdienst sind, der ihm über alle Maßen wohlgefällt. Damit könntest Du dich erwärmen und reizen, dasselbe desto lieber zu hören, und würde Gott geben, daß es auch Frucht schaffe, mehr denn jemand auszureden vermöchte. Denn es geht nimmermehr ohne große Frucht ab, wo es mit Ernst gemeint wird, daß Du nicht solltest besser davon werden, ob Du es gleich jetzt nicht siehst. Aber mit der Zeit wird sich’s wohl finden und erzeigen. …

Denn dies ist eben die Plage, die da folgt, wo man Gottes Wort nicht mit Ernst und Fleiß treibt und die Schüler verdrossen und die Prediger faul werden. Danach müssen dann solche fal­schen Geister folgen, die da was neues vorgeben, den Pöbel wieder an sich zu ziehen, und sich rühmen, der Schrift Meister (zu sein); und doch allewege solche Leute sind, die selbst nicht wissen noch je erfahren haben, was es ist, das sie lehren. Wie es bereits allenthalben auf der Bahn ist, und Gottes Zorn und Strafe des Überdrusses und Undanks (wegen) über uns angeht. …

1,5-7 Die Hauptsumme aller Unterweisung aber ist Liebe aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus ungefärbtem Glauben. Davon sind etliche abgeirrt und haben sich hingewandt zu unnützem Geschwätz, wollen der Schrift Meister sein und verstehen selber nicht, was sie sagen oder was sie so kühnlich behaupten.

Nun sind das tiefe und rechte paulische Worte, dazu sehr reich. Darum müssen wir sie etwas ausstreichen, daß man es ein wenig verstehe und seine Rede gewöhne.

Zum ersten: Die Summa des ganzen Gesetzes, darin es ist und alles gefaßt geht, gibt er dem, daß es die Liebe sei. Liebe aber heißt auf deutsch – wie jedermann weiß – nichts anderes, denn von Herzen einem günstig und hold sein und alle Güte und Freundschaft erbieten und erzeigen….

Das heißt eine rechtschaffene, göttliche, ganze und völlige Liebe, die niemand ausmalt, noch sich zerstückt und treibt, sondern die frei geht über alle. Die andere ist eine Schalksliebe, wenn ich des gut Freund bin, der mir dienet und helfen kann und hält mich in Ehren; und den hasse, der mich verachtet und nicht mit mir hält. Denn sie geht nicht aus dem Herzen, das grundgut und rein ist gegen den einen wie gegen den anderen gleich, sondern das nur das seine sucht und voll eigener Liebe zu sich selbst steckt, nicht zu anderen. Denn er liebt nie­mand ohne um seinet­willen. Es sucht nur danach, was ihm dient, und sucht seinen Nutzen bei jedermann, nicht des Nächsten (Nutz). …

Dagegen soll ein reines Herz also geschickt sein nach Gottes Wort und seinem Beispiel, daß es einem jeglichen gönne und tue das Liebste und Beste, was ihm Gott gönnt und seine gött­liche Liebe gibt. …

Womit aber wird das Herz rein? Antwort: Es kann nicht besser rein werden, denn durch die höchste Reinigkeit, welche Gottes Wort ist! Das fasse ins Herz und richte dich danach, so wird es rein. …

Wohl ist es wahr, daß der Fromme lieblicher ist und sich natürlicher­weise jedermann gerne zu ihm hält, und wiederum sich vor wilden, bösen Leuten scheut. Aber das ist noch Fleisch und Blut und noch nicht die rechte christliche Liebe. Denn ein Christ soll seine Liebe nicht schöp­fen von der Person, wie die Weltliebe tut, so wie ein junger Geselle von einer schönen Metze[1], ein Geizwanst von Geld und Gut, ein Herr oder Fürst von Ehre und Gewalt. Das heißt alles eine geschöpfte oder geborgte Liebe. Die klebt auswendig am Gut, das sie an einer Person sieht. (Sie) währt nicht länger, so lange dasselbe da ist und (man) sein genießen kann. Diese (die christliche Liebe) aber soll eine quellende Liebe sein, von inwendig aus dem Herzen ge­flossen wie ein frisches Bächlein oder Wässerlein, das im­merfort fließt und läßt sich nicht aufhalten noch trocknen und versiegen.

Das heißt also: Ich liebe nicht darum, weil du fromm oder böse bist; denn ich schöpfe meine Liebe nicht aus deiner „Frommheit“[2] als aus einem fremden Brunnen, sondern aus meinem eigenen Quellbörnlein, nämlich aus dem Wort, das in mein Herz gepfropft ist. Das heißt „Lie­be deinen Nächsten!“ Da geht sie reichlich heraus und jedermann offen, der ihr bedarf; und trifft beide, Gute und Böse, Freund und Feind. …

Siehe, das heißt eine Liebe aus dem Herzen gequollen, nicht hineinge­tragen. Denn er findet an jenem nichts, daher er sich schöpfe. Aber weil er ein Christ ist und das Wort faßt, welches an ihm selbst rein ist, macht dasselbe sein Herz auch rein und voll rechtschaffener Liebe, so daß er gegen jedermann seine Liebe herausfließen und sich nicht hindern läßt, die Person sei wer oder wie sie wolle. …

Darum laß alle anderen Dinge in ihren Würden gehen, was man von Werken und gutem Le­ben predigt, es sei Beschneidung, Opfer oder Fasten. Aber so geht es recht, wenn es aus Got­tes Wort geht, von reinem Herzen und rechtschaffenem Glauben. Das muß der Quell und Born sein, der vor all solchen Dingen da sein soll.

Solches kannst du durch allerlei Stände (hindurch) sehen, wie ein jeder darin sein (ihm) befohlenes Amt ausrichten und Werke der Liebe üben soll. …

Ein Knecht…, ist er aber fromm und ein Christ, so ist er also gesinnt: Ich will nicht darum dienen, was mir mein Herr gibt oder nicht gibt, (ob er) fromm oder böse ist, sondern darum, daß Gottes Wort da steht und zu mir spricht: „Ihr Knechte, seid gehorsam euren leiblichen Herrn … als dem Herrn Christus“ (Eph. 6,5). Da quillt es von selbst aus dem Herzen, wenn solches Wort gefaßt und (seinen) Wert hat. … Ebenso ist es um einen Herrn oder Fürst und wer zu regieren hat (bestellt), der so denkt: Das Regiment hat mir Gott befohlen, daß ich Herr sein soll. Aber wenn ich allein darnach sehe, daß ich mein Gut und Gewalt habe, so ist mein Herz nicht rein. … Denn es steckt nicht Gottes Wort darinnen, sondern sein eigener Abgott, Ehre, Geld und Herrschaft. Wenn aber sein Herz so steht (und sagt): Weil ich in dem Amt bin, dahin mich Gott gesetzt hat und das Wort gesagt hat: „Wer da regieret oder ein Amt hat, der sei sorg­fältig“ (Röm. 12,8), so will ich demselben in aller Treue vorstehen, Gott zu Dienst und Gefallen. Da geht und quillt sein Regiment aus einem fei­nen, lauteren Herzen, so daß Gott und die Welt Lust daran hat. Und ist auch eine Liebe, die nicht außen an Person oder Gut und Ehre klebt, son­dern in einem Herzen gewachsen, das Gottes Wort vor Augen hat, das, weil es lauter und rein ist, macht das Herz auch so. So wird denn sein Regiment und Werk alles eitel Gottesdienst und angenehme Opfer, weil es nach dem Wort und allein um Gottes willen geht. …

Ebenso sage darnach weiter im geistlichen Stand und Ämtern: Wenn ich oder ein anderer pre­digte um einer guten, fetten Pfarre willen …, da mag ich auch wohl das Evangelium predigen, aber mein Herz ist nicht rein, sondern lauter Unflat. Darum, wenn ich gleich lang predige und sage, es sei ein gutes Werk und ein köstlich Amt, so verstehe ich es doch selbst nicht; denn es geht nicht aus dem Herzen. Dann aber ist das Herz rechtschaffen, wenn es so steht (und sagt): Wohl soll ich Nahrung dafür haben, doch dabei soll es nicht bleiben, sondern weil mich Gott zu dem Amt berufen und befohlen hat, dasselbe treu und fleißig auszurichten zu seinem Lob und der Seelen Heil, so tue ich es von Herzen gerne um des Wortes willen. Da suche ich nicht Lieb noch Freundschaft, Ehre und Dank von den Leuten, sondern es quillt aus dem Herzen und richtet dasselbe aus, ehe es Ehre, Geld oder Gunst davon bekommt, obgleich ich dasselbe, wo es kommt und folgt, ohne Sünde haben und nehmen mag.

Siehe, so ist das Wort die Ursache, der Grund, der Boden, der Born und die Quelle der Liebe von Herzen und aller guten Werke, wenn sie Gott gefallen sollen. Denn es mag nicht sein, wenn das Herz nicht zuvor rein ist.

Das sei jetzt kurz von dem ersten Stück gesagt, wie das Herz allein durchs Wort rein werde und nicht wie die Mönche träumen, daß man sich selbst mit bösen oder unreinen Gedanken (herum-)schlage und andere Gedanken mache. …

Es folgt nun das andere Stück vom „guten Gewissen“, daß die Liebe gehen soll aus einem solchen Herzen, das ein fröhliches, sicheres Gewis­sen habe, beides gegenüber Menschen und gegenüber Gott. …

Siehe, solchen Ruhm und Trotz soll ein jeglicher Christ auch haben, daß er so lebe gegen jedermann und seine Liebe übe und beweise, daß nie­mand eine Klage auf ihn bringen möge, damit er sein Gewissen möge erschrecken oder verzagt machen, sondern daß jedermann sagen müsse, wenn er recht bekennen will, daß er sich so gehalten habe, daß eitel Bes­serung daraus entstanden sei, wer es habe annehmen wollen … Das heißt ein „gutes Gewissen“ vor den Leuten oder gegenüber den Leuten (haben).

Obwohl ein solches Gewissen vor Gottes Gericht nicht standhält, ebenso wie auch jene Rei­nigkeit des Herzens im äußerlichen Leben oder in den Werken der Liebe – weil wir vor Gott immer noch Sünder bleiben –, so sollen wir doch ein solches Herz haben, daß wir uns vor ihm trösten kön­nen und sagen: Das hat Gott geheißen und befohlen, darum tue ich es aus reinem Herzen und gutem Gewissen; und wollte nicht gerne (etwas) ande­res tun, noch jemand zu nahe treten und beleidigen, sondern was ich rede und tue, das ist von Gott geordnet und mir befohlen. Solch einen „Trotz“ muß ein Christ sich nicht nehmen lassen, daß er sich rühmen und auf Gottes Wort wider alle Welt berufen könne. …

Obgleich dies nun noch von unserem Leben und Tun gepredigt ist und ein Christ ein anderer Mensch ist vor Gott – wie wir hören werden –, so muß er sich dessen auch befleißigen, daß er vor der Welt unsträflich sei. Und wenn er darin nicht genug tut, daß er da das „Vater-unser“ dazwi­schen lege und spreche zu beiden, zu Gott und den Menschen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigem“, und so doch das Leben vor den Leuten unsträflich bleibe und ein gutes Gewissen be­halte; wenn nicht durch vollkommene Liebe und Reinheit des Herzens, so doch durch die Demut, daß er Vergebung begehrt und bittet von jeder­mann, wo er nicht rein und vollkommen genug getan hat oder noch tun kann. … So soll man das Gesetz deuten und predigen, daß beides, die Liebe gegen jedermann recht aus reinem Herzen um Gottes willen (hervor-)gehe und daß das Gewissen vor der Welt bestehe.

„Und aus ungefärbtem Glauben“: Wie ich gesagt habe: Ob ich gleich vor den Leuten ein gutes Gewissen habe und die Liebe aus reinem Herzen übe, so ist und bleibt dennoch der alte Adam, das sündige Fleisch und Blut in mir, so daß ich nicht ganz heilig und rein bin wie Paulus in Gal. 5,17 sagt: Das Fleisch streitet wider den Geist. … So bleibt ein ewiger Kampf und Widerstand in uns, daß immer viel Unreines mit-unterläuft. Deshalb kann unsere Person nicht eitel Reinheit, noch gutes Gewissen, noch voll­kommene Liebe sein, ohne das, was vor den Leuten sein mag. Aber vor Gott ist noch viel Mangelhaftes und Sträfliches in uns. …

Darum, obgleich vor den Leuten beides, Herz und Gewissen, rein und gut ist, so mußt du noch (daran) denken, daß auch vor Gott ein rein Herz und gutes Gewissen sei, daß er es auch nicht strafe und es so sicher sei vor sei­nem Gericht wie vor den Leuten.

Da muß nun dieses dritte Stück dazu kommen, nämlich der GLAUBE. Das ist das rechte Hauptstück und das höchste Gebot, das alle anderen in sich begreift, damit wir wissen: Wo die Liebe nicht vollkommen, das Herz nicht rein genug und das Gewissen nicht im Frieden ist, da, wo er noch zu strafen findet und die Welt nicht strafen kann, daß da der Glaube hinzu kommen müsse; ein solcher Glaube, der nicht Heuchelei ist und nicht vermengt ist mit der Zuversicht auf eigene Heiligkeit. Wo dieser Glaube nicht ist, da wird das Herz nicht rein vor Gott, noch kann das Gewissen bestehen, wenn das scharfe Gericht und die Abrechnung ange­hen wird. …

Darum muß uns hier das Hauptstück unserer Lehre zu Hilfe kommen, nämlich, daß unser Herr Jesus Christus vom Vater in die Welt gesandt wurde, für uns gelitten und gestorben ist und damit den Vater versöhnt und zu Gnaden gebracht hat. Er sitzt nun zur rechten Hand des Vaters und nimmt sich unser als unser Heiland, als unser ständiger Mittler und Fürbitter an.

(Er) redet das Beste für uns, die wir solche vollkommene Reinheit und gutes Gewissen nicht haben, noch zu Wege bringen können, so daß wir durch ihn vor Gott sagen dürfen: Obwohl ich nicht rein bin, noch ein gutes Gewissen haben kann, so hänge ich (dort) an dem, der voll­kommene Rein­heit und ein gutes Gewissen hat und diese für mich einsetzt, ja, sie mir schenkt. – …

Das heißt nun der Glaube, der nicht gefärbt noch Heuchelei ist, sondern der vor Gott in sol­chem Kampf und Zappeln des Gewissens hintreten und sagen darf: Lieber Herr, vor der Welt bin ich ja wohl unschuldig und sicher, so daß sie mich nicht strafen, noch vor den Richter führen kann. Obwohl ich nicht alles getan habe, so begehre ich doch von einem jeden, daß er mir vergebe um Gottes willen, wie ich auch jedermann vergebe. Damit habe ich sie (die Welt) gestillt, daß sie kein Recht mehr gegen mich hat. Aber vor dir muß ich wahrscheinlich die Federn niederschlagen und mich selbst aller Dinge schuldig bekennen und wie David spre­chen: „Herr, geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht; denn vor dir ist kein Lebendiger ge­recht“ (Ps. 143,2). Darum kann ich mit dir nicht handeln, wenn das Recht gelten soll, sondern ich will stracks appellieren und mich berufen von deinem Richtstuhl zu deinem Gnadenstuhl. Vor der Welt Richtstuhl laß ich es wohl geschehen, daß man mit mir nach dem Recht handele. Da will ich antworten und tun, was ich soll. Aber vor Dir will ich kein Recht wissen, sondern zum Kreuz kriechen und Gnade erbitten und nehmen, wo ich kann.

Denn so lehrt mich die Schrift, daß Gott den Menschen zwei Stühle aufgestellt habe: Einen Richtstuhl für die, die noch sicher und stolz sind und ihre Sünde nicht erkennen noch beken­nen wollen, und einen Gnaden­stuhl für die armen, erschrockenen Gewissen, die ihre Sünde fühlen und bekennen, vor seinem Gericht verzagen und gerne Gnade hätten. Dieser Gnaden­stuhl ist nun Christus selbst, (so sagt es St. Paulus in Röm. 3,25), den Gott uns aufgestellt hat, daß wir dazu Zuflucht haben sollen, da wir vor Gott durch uns selbst nicht bestehen können. Dazu will ich mich auch halten, da ich zuwenig getan habe oder noch tue und der Sünde nach dem Gesetz viel mehr (tue), beides, vor meiner Heiligkeit und Gerechtigkeit und darnach. Da soll mein Herz und Gewissen – Gott gebe, wie rein und gut es vor den Leuten ist oder werden kann – alles nichts und kurz zuge­deckt sein und ein Gewölbe, ja ein schöner Himmel darüber geschlagen sein, der es gewaltig schütze und verteidige, welcher heißt GNADE und VERGE­BUNG DER SÜNDE! Darunter soll mein Herz und Gewissen kriechen und sicher bleiben. …

Demnach muß man nun wohl unterscheiden lernen die zwei Stücke, die da heißen: Das Ge­setz und das Evangelium. Davon haben wir allezeit zu lehren. Das Gesetz bringt uns vor den Richtstuhl, denn es fordert von uns, daß wir sollen fromm sein und lieben von reinem Herzen und gutem Ge­wissen. Dazu soll es dienen, daß wir uns darin üben. So weit soll es gehen und dabei sein Bewenden haben. Wenn es aber kommt und dich anspricht, daß du solches berech­nen und geben sollst, was es haben will, da wird es sich heben. Denn wenn du es gleich getan hast, so besteht es doch nicht vor Gott, denn es wird vor ihm noch gar viel daran mangeln und fehlen, was du nicht getan hast, noch selbst weißt. Wo willst du dann hin? Da treibt das Ge­setz auf dich ein und verklagt dich durch dein eigenes Ge­wissen, das gegen dich zeugt, und fordert schlichtweg das Urteil über dich. Da mußt du dann verzweifeln und ist dir keine Hilfe noch Rat, wenn du nicht weißt, vom Richtstuhl zum Gnadenstuhl zu fliehen. Gleich wenn ein Bischof – der fromm gewesen und wohl gelebt hat – in seiner Heilig­keit stirbt und Christus nicht anders kennt denn als einen strengen Richter, wie man ihn bisher gepredigt und vorge­bildet hat, … siehe, der hindert und wehrt sich selbst, daß er zu keiner Gnade kommen kann. Da ist nie­mand, der ihm helfe seines Unverstandes halben, weil er keinen Unter­schied weiß zwischen Richtstuhl und Gnadenstuhl, ja den Gnadenstuhl gar nicht kennt, und also sein Feh­len unter dem Richtstuhl bleiben muß.

Wir aber lehren so, daß man ihn (Christus) so kennenlernen und anse­hen soll als den, der für die armen, erschrockenen Gewissen, die an ihn glauben, nicht als Richter da sitze, der da zür­nen und strafen wolle, son­dern als ein gnädiger, freundlicher, tröstlicher Mittler zwischen meinem erschrockenem Gewissen und Gott. Er spricht zu mir: „Bist du ein Sünder und er­schrocken, will dich der Teufel durch das Gesetz vor den Richtstuhl ziehen, so komm’ und halte dich her zu mir und fürchte dich vor keinem Zorn! Warum? Denn ich sitze darum hier, daß du an mich glaubst, daß ich zwischen dich und Gott trete, daß kein Zorn noch Ungnade dich treffen könne. Denn soll Zorn und Strafe über dich gehen, so muß sie zuvor über mich selbst gehen.“

Das aber ist unmöglich; denn er ist das liebe Kind, in dem alle Gnade wohnt, so daß, wenn der Vater ihn ansieht, alles eitel Liebe und Gunst sein muß im Himmel und auf Erden und aller Zorn verloschen und verschwun­den. Was er nur vom Vater begehrt und haben will, das muß alles „Ja“ sein ohne einen einzigen Zweifel oder Widersprechen.

So werden wir durch den Glauben ganz selig und sicher, daß wir unver­dammt bleiben sollen, nicht um unserer Heiligkeit noch um unserer Rein­heit willen, sondern um Christi willen, weil wir uns an den als unseren Gnadenstuhl durch solchen Glauben halten. (Wir sind) gewiß, daß in und bei ihm kein Zorn bleiben kann, sondern daß bei ihm eitel Liebe, Schonen und Verge­ben ist. So wird vor Gott das Herz rein und das Gewissen gut und sicher; nicht angesichts meiner eigenen Reinigkeit oder meines Lebens vor der Welt, sondern angesichts des lieben Schatzes, den mein Herz ergreift, der mein Pfand und meine Fülle ist, wo ich selber Gott nicht bezahlen kann und Mangel habe.

So scheidet sich hier der Richtstuhl samt dem Gesetz und all mein Leben auf eine Seite. Da bleibe ich und alle Heiligen, und lasse es alles verurteilt und verdammt werden in Gottes Na­men. Aber mein Glaube soll fliehen und springen weit hinüber auf die andere Seite als ein armer verdammter Mensch, der seine Sünde bekennt, hin zu dem lieben Gnadenstuhl und an den halten, der da rein ist und keine Sünde hat; davon die Schrift sagt: „Wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden“ (Röm. 9,33). …

Siehe, also bleibt der Glaube rein und ungefärbt, denn er fußt und grün­det sich nicht auf mir selbst noch auf meinem Tun, daß mir Gott darum sollte gnädig sein, wie der falsche Heuchel­glaube es tut. Er mengt Gottes Gnade und mein Verdienst ineinander, ob er gleichwohl die Worte von Christus behält, aber doch des Herzens Zuversicht auf sich selbst setzt, so daß es nur eine angestrichene Farbe ist, die da nicht halten kann. …

Das ist nun die rechte, reine Lehre, die man treiben sollte und die Leute so unterschiedlich unterrichten, wie sie vor beiden, vor Gott und vor den Leuten, bestehen sollen, daß man nicht untereinander werfe und menge Glauben und Liebe oder das Leben gegenüber Gott und gegenüber den Menschen. …

Predigt zu 1.Timotheus 1,5-7 gehalten am 22. November 1532 in Wörlitz (gekürzt).

WA 36, 352-375.

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, hrsg. v. Hartmut Günther und Ernst Volk, Bd. 5, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1983, S. 103-111.


[1] Metze = leichtfertiges junges Mädchen.

[2] „Frommheit“ hier in der Bedeutung von „Rechtschaffenheit“ oder „Tüchtigkeit“, vgl. F. Kluge: Etymologi­sches Wörterbuch20, Berlin 1967, S. 220.

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