C. S. Lewis’ Vortrag Laiengeblök (Modern Theology and Biblical Criticism) von 1959: „Dr. Bultmann hat nie ein Evangelium geschrieben. Sollte die im Laufe seines gelehrten, spezialisierten und zweifellos verdienstreichen Lebens gesammelte Erfahrung ihn wirklich dazu ermächtigen, die Gedanken dieser längst verstorbenen Männer nachzuvollziehen, die von etwas ergriffen waren, das, wie immer man es ansieht, als zentrale religiöse Erfahrung der ganzen Menschheit zu betrachten ist?“

Karl Barths Diktum „Kritischer müßten mir die Historisch-Kriti­schen sein!“ aus seinem Vorwort zur zweiten Auflage seines „Der Römerbrief“ von 1922 hat C.S. Lewis auf seine eigenen Weise 1959 in seinem Vortrag Modern Theology and Biblical Criticism (1986 unter dem unglücklichen Titel „Laiengeblök“ ins Deutsche übersetzt) entsprochen (worauf mich Gerhard Oßwald aufmerksam gemacht hat):

Laiengeblök (Modern Theology and Biblical Criticism, 1959)

Von C. S. Lewis

Dieser Vortrag ist aus einem Gespräch hervorgegangen, das ich an einem Abend im letzten Semester mit dem Rektor[1] hatte. Ein Buch von Alec Vidier lag zufällig auf dem Tisch, und ich äußerte mich spontan zu der darin enthaltenen Theologie. Meine Reaktion war vorschnell und unbedacht, wie es in der gelösten Stimmung nach dem Essen geschehen kann.[2] Ein Wort gab das andere, und ehe ich mich’s versah, hatte ich über die Denkweise, die meines Erach­tens heute in vielen theologi­schen Schulen vorherrscht, viel mehr gesagt, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. Daraufhin meinte er: «Wenn Sie doch ein­mal kämen und all das meinen jungen Leuten vortrügen.» Na­türlich wußte er, daß ich von der ganzen Sache nicht das Ge­ringste verstehe. Aber ich glaube, seine Vorstellung war, daß Sie wissen sollten, wie eine gewisse Art Theologie auf den Au­ßenstehenden wirkt. Auch wenn ich Ihnen vielleicht nichts als Mißverständnisse vorzulegen habe, so sollten Sie doch wissen, daß es diese Mißverständ­nisse gibt. Das entgeht einem leicht innerhalb des eigenen Kreises. Das Denken derer, mit denen Sie täglich zusammen sind, ist durch die gleichen Studien und vorherrschenden Mei­nungen geprägt worden wie das Ihre. Das könnte Ihnen zum Verhängnis werden. Denn als Pfarrer haben Sie mit Außenstehenden zu tun. Das ist auf die Dauer Ihr einzi­ger Daseins­zweck. Ein richtiger Schafhirt muß über Schafe Be­scheid wissen und nicht (höchstens gele­gentlich) über andere Hirten. Und wehe Ihnen, wenn Sie nicht das Evangelium ver­künden. Ich versuche nicht, meine Großmutter zu belehren. Ich bin ein Schaf, das den Hirten sagt, was nur ein Schaf ihnen sagen kann. Und jetzt fängt mein Geblöke an.

Es gibt zwei Arten von Außenstehenden: die Ungebildeten und die, welche zwar gebildet sind, aber auf andere Weise als Sie. Wie Sie der ersten Art gerecht werden wollen, wenn Sie es weltanschaulich mit Leuten wie Loisy. Schweitzer, Bultmann, Tillich oder gar Alec Vidier halten, ist mir schleierhaft, teil weiß nur – und habe mir sagen lassen, daß auch Sie es wissen, daß es kaum damit getan wäre, ihnen zu sagen, was Sie wirklich glauben. Eine Theologie, die nahezu allem in den Evangelien, worin christliches Leben, Fühlen und Denken seit bald zwei Jahrtausenden verwurzelt war. die Geschichtlichkeit abspricht – die Wunder entweder rund­weg leugnet oder, noch seltsamer, wohl das Kamel der Auferstehung schluckt, aber Mücken wie die Speisung der Fünftausend nicht hinunterbekommt –, eine solche Theologie kann, dem Ungebildeten verkündigt, nur zweierlei bewirken: entweder sie macht ihn zum Katholiken oder zum Atheisten. Was Sie ihm vorsetzen, ist für ihn gar kein Christentum. Wenn er an das glaubt, was er als Christentum bezeichnet, dann wird er eine Kirche verlassen, in der es nicht mehr gelehrt wird, und sich eine suchen, wo das noch ge­schieht. Wenn er aber mit Ihrer Ver­sion einverstanden ist, dann wird er aufhören, sich Christ zu nennen, und nicht mehr in die Kirche kommen. In seiner unverbildeten, geraden Art würde er Sie weit mehr achten, wenn Sie es ihm gleichtäten. Ein erfah­rener Geistlicher hat mir erklärt, daß die meisten liberalen Pfarrer angesichts dieses Problems die längst begrabene spät­mittelalterliche Lehre von den zwei Wahrheiten wieder hervor­geholt haben: einer bildlichen Wahrheit, die man dem Volk verkündigen kann, und einer esoterischen Wahrheit zum Ge­brauch für die Geistlichen unter sich. Ich glaube nicht, daß Sie große Freude daran hätten, dies Konzept in die Praxis umzuset­zen. Ich bin sicher, wenn ich einem Gemeindeglied in großer Seelennot oder heftiger Anfech­tung bildliche Wahrheiten vor­setzen müßte – und zwar mit dem Ernst und der Eindringlich­keit, die seine Lage erfordert – und dabei die ganze Zeit wüßte, daß ich selbst eigentlich nicht – höchstens auf pickwicksche Art-daran glaube, mir würde die Stirne rot und feucht und der Kragen immer enger. Aber das ist Ihr Problem, nicht meines. Schließlich haben Sie eine ande­re Kragenweite als ich. Ich zähle mich zur zweiten Gruppe von Außenstehenden: zu den ge­bildeten, aber nicht theologisch gebildeten. Wie einem Vertreter dieser Gruppe zumute ist, das muß ich nun versuchen. Ihnen zu erklären.

Die Untergrabung der alten Glaubenstradition ist haupt­sächlich das Werk von Theologen, die sich mit der Kritik des Neuen Testaments beschäftigen. Die Autorität der Experten dieses Fa­ches anzuerkennen, würde heißen, daß wir eine Un­menge von Glaubensüberzeugungen aufge­ben müßten, die wir mit der Urgemeinde, den Kirchenvätern, den Christen des Mit­telalters, den Reformatoren und selbst dem neunzehnten Jahr­hundert gemein haben. Ich will Ihnen erklären, weshalb ich dieser Autorität gegenüber skeptisch bin. Skeptisch in Un­kenntnis der Sache, wie Sie nur allzu leicht merken werden. Aber der Skeptizismus ist der Vater meiner Unkenntnis; ist es doch schwierig, ein ernsthaftes Studium durchzuhalten, wenn man zu sei­nen Lehrern von vornherein kein Vertrauen fassen kann.

Erstens also traue ich diesen Leuten, was immer sie als Bibel­kritiker gelten mögen, als Kri­tikern schlechthin nicht viel zu. Mir scheint, sie haben kein literarisches Urteilsvermögen, kein Gespür für den wahren Charakter der Texte, die sie lesen. Es klingt befremdlich. Män­nern, die ein Leben lang in diesen Bü­chern geforscht haben, so etwas vorzuwerfen. Aber vielleicht ist das gerade der wunde Punkt. Einem Menschen, der seine Jugend und seine Mannesjahre mit der sorgfältigen Erfor­schung neutestamentlicher Texte und den Studien anderer über diese Texte zugebracht hat und dem im literarischen Umgang mit diesen Texten jede Vergleichsmöglichkeit fehlt, wie sie nur aus einem umfassenden und tiefen und leben­digen Umgang mit Literatur im allgemeinen entstehen kann, werden allzu leicht die einfach­sten Dinge entgehen. Wenn er mir sagt, irgend etwas aus einem Evangelium sei Legende oder Roman, dann möchte ich wissen, wie viele Legenden und Romane er schon gelesen hat, wie gut sein Gaumen darin geübt ist. sie am Ge­schmack zu erkennen; und nicht, wie viele Jahre er sich schon mit diesem Evangelium beschäftigt. Doch ich will lieber Bei­spiele bringen.

In einem schon recht alten Kommentar habe ich gelesen, daß das Johannesevangelium von einer gewissen Schule als «geistliche Novelle», als «Prosadichtung» und nicht als «histori­scher Bericht» betrachtet wird und daß es nach denselben Kriterien zu beurteilen sei wie Nathans Ringparabel, das Buch Jona, Die Göttliche Komödie, Paradise Lost oder, genauer noch, wie die Pilgerreise.[3] Warum sollte man, wenn ein Mensch so etwas von sich gibt, noch irgend etwas ernst nehmen, was er über ein be­liebiges anderes Buch sagt? Beachten Sie, daß er die Pilgerreise als die genaueste Entsprechung betrachtet – eine Geschichte, die sich selbst als Traum darstellt und ihren allegorischen Cha­rakter in jedem einzelnen der verwendeten Namen zu erken­nen gibt. Beachten Sie weiter, daß ihm die ganze epische Aus­stattung bei Milton nichts bedeutet. Doch selbst wenn wir von den gröberen Mißgriffen absehen und uns an das Buch Jona halten, ist der Mangel an Einfühlungsvermögen kraß – Jona, eine Erzäh­lung, mit nur vagen historischen Anklängen wie das Buch Hiob, seltsam anmutend in der Handlung und sicher nicht ohne einen ausgeprägten, natürlich auch aufbauenden, Anflug des typisch jüdischen Humors. Nehmen Sie daneben das Johannesevangelium. Lesen Sie die Dia­loge: jenen mit der Sama­riterin am Brunnen oder das Gespräch, das auf die Heilung des Blindgeborenen folgt. Sehen Sie sich die Bilder an: Jesus, der (wenn ich so sagen darf) mit dem Finger im Sand herumkrit­zelte; das denkwürdige ēn dè núx («Es war aber Nacht» Joh. 13,30). Ich habe mein Leben lang Gedichte, Novellen, visio­näre Dichtungen, Legenden, Mythen gelesen. Ich weiß, was sie sind. Ich weiß, daß keines von ihnen so aussieht. Über diesen Text sind nur zwei Ansichten möglich: Entweder handelt es sich um Berichterstattung, die sich – wenn sie auch zweifellos Irrtümer enthalten kann – ziemlich eng an die Tatsachen hält; fast so eng wie Boswell?[4] Oder dann hat irgendein namenloser Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts, von dem man weder Vorläufer noch Anhänger kennt, plötzlich die ganze Er­zähl­technik des modernen realistischen Romans vorweggenom­men. Wenn das Johannes­evangelium nicht wahr ist, dann muß es eine Erzählung dieser Art sein. Ein Leser, der das nicht sieht, hat einfach nicht lesen gelernt. Ich würde ihm empfehlen, Auerbach zu lesen.[5]

Hier ein anderes Beispiel; diesmal aus Bultmanns «Theologie des Neuen Testaments» (S. 30): «Man beachte, wie unaus­geglichen mit der Leidens-und Auferstehungsweissagung (Mk. 8,31) auf sie die Parusieweissagung (8,38) folgt.»[6] «Unausge­glichen?» Was kann er damit meinen? Bultmann hält die Parusieweissagungen für älter als die der Passion. Darum möchte er glau­ben – und glaubt es zweifellos –, daß, wenn beide im gleichen Abschnitt auftreten, irgendeine Widersprüchlichkeit oder eine «Unausgeglichenheit» zwischen ihnen festzustellen sein müsse. Aber mit seinem haarsträubenden Mangel an Einfühlungsver­mögen liest er das doch einfach in den Text hinein. Petrus hat bekannt, daß Jesus der Gesalbte ist. Dieses Aufstrahlen der Herrlichkeit ist kaum vorüber, da setzt die dunkle Prophezeiung ein: daß der Menschensohn leiden und sterben muß. Dann wie­derholt sich der Kontrast: Petrus, durch sein Bekenntnis für einen Augenblick in Hochstimmung, tut seinen Fehltritt; wor­auf die niederschmetternde Zurechtweisung folgt: «Weiche von mir, Satan!» Und über das Häufchen Elend hinweg, das Petrus (wie so oft) nun ist, erhebt der Meister die Stimme und erläutert, zur Menge gewandt, seine Lehre. Alle seine Nachfolger müssen das Kreuz auf sich nehmen. Diese Leidensscheu, diese Selbst­bewahrung, die sind nicht das wirkliche Leben. Dann, noch ausdrücklicher, der Aufruf zum Martyrium. Man muß zu seiner Sache stehen. Wer Christus hier und jetzt ver­leugnet, den wird Er einst verleugnen. Die Abfolge stimmt perfekt, für die Logik, für das Gefühl, für die Phantasie. Nur ein Bultmann bringt es fertig, anderer Meinung zu sein.

Schließlich vom selben Bultmann: «Nur so ist es auch zu ver­stehen, daß bei Paulus und Johannes die Lehre des geschicht­lichen Jesus keine oder so gut wie keine Rolle spielt … ja, die Tradition der Gemeinde hat auch nicht etwa unbewußt ein Bild seiner Persönlichkeit bewahrt, jeder Versuch, es zu rekonstru­ieren, bleibt ein Spiel subjektiver Phantasie.»[7]

Dann ist unser Herr also im Neuen Testament nicht als Per­sönlichkeit dargestellt. Wie bringt dieser gelehrte Deutsche es nur fertig, sich für etwas blind zu machen, das alle außer ihm sehen? Was beweist uns, daß er eine Persönlichkeit überhaupt erkennen würde, wenn sie ihm begegnete? Steht doch Bult­mann allein auf weiter Flur. Wenn irgend etwas allen Gläubigen, und sogar manchen Ungläubigen, gemeinsam ist, dann das Empfinden, daß sie es in den Evan­gelien mit einer Persönlich­keit zu tun haben. Es gibt Gestalten, von denen wir wissen, daß sie historisch sind, aber wir haben doch keineswegs das Gefühl, wir würden sie persönlich kennen wie etwa unsere Bekannten, beispielsweise Alexander der Große, Attila oder Wilhelm von Oranien. Es gibt andere, die für sich keine Geschichtlichkeit beanspruchen und die wir dennoch kennen, wie wir wirkliche Menschen kennen: Falstaff, Onkel Toby, Mr. Pickwick. Aber es gibt nur drei Gestalten, die für sich den Anspruch auf die erste Art von Realität erhe­ben und zugleich auch die zweite besitzen. Und sicher weiß jedermann, welche drei: Platos So­krates, der Jesus der Evangelien und Boswells Dr. Johnson. Unsere Bekanntschaft mit ihnen zeigt sich auf vielerlei Arten. Wenn wir die apokryphen Evangelien lesen, müssen wir auf Schritt und Tritt sagen: «Nein. Dieser Ausspruch ist zwar schön, aber er ist nicht von ihm. So hätte er nicht geredet.» Desgleichen bei allen pseudo-johnsonianischen Aussprüchen. Wir lassen uns durch die Gegensätze im Wesen dieser Gestal­ten keineswegs verunsichern: daß in Sokrates sich dummes, or­dinäres Gekicher über die Knabenliebe bei den Griechen mit tiefster mystischer Inbrunst und schlichtestem gesunden Men­schenverstand vereint; bei Johnson letz­ter Ernst und Melan­cholie mit dieser Freude an Spaß und Unsinn, den Boswell nie, Franny Burney[8] dagegen immer verstand; bei Jesus derbe Bauernschläue und unerträgliche Härte mit unwiderstehlicher Zartheit. So stark ist seine persönliche Ausstrahlung, daß wir – und viele Ungläubige mit uns – es ihm abnehmen, wenn er sagt: «Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig», nachdem er ge­rade Dinge geäußert hat, die, könnte man nicht davon ausge­hen, daß er im vollsten Sinne menschgewordener Gott ist, von einer empörenden Arroganz wären. Selbst die Stellen im Neuen Testament, in denen es vordergründig und dem Wort­laut nach hauptsächlich um seine göttliche und kaum um seine menschliche Natur geht, stellen uns die Persönlichkeit unmit­telbar vor Augen. Ich bin nicht sicher, ob sie es nicht sogar noch mehr tun als jede andere. «Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit; … das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir geschaut haben und unsere Hände betastet ha­ben, vom Wort des Lebens …» Was ge­winnen wir, wenn wir durch unser Gerede über «jene Bedeutung, welche die Urge­meinde dem Meister zuzuschreiben sich gedrängt fühlte», die­ser überwältigenden Unmittelbarkeit der persönlichen Begeg­nung auszuweichen oder sie zu verwässern versuchen? Das ist doch ein Schlag ins Gesicht. Nicht, wozu sie sich gedrängt fühlte, sondern was sie drängte. Ich fürchte bald, Bultmann versteht unter Persönlichkeit, was ich als «Unpersönlichkeit» bezeichnen wür­de: Was man einem Artikel des Dictionary of National Biography oder einem Nachruf oder dem viktoriani­schen Leben und Briefe des Jeshua Bar Joseph in drei Bänden mit Fotografien entnehmen könnte.

Das also ist mein erstes Geblök. Diese Leute wollen mir vor­machen, sie könnten zwischen den Zeilen der alten Texte lesen; dabei sind sie ganz offensichtlich nicht einmal fähig, die Zei­len selbst zu lesen (jedenfalls nicht so, daß es des Diskutierens wert wäre). Sie behaupten, sie könnten Farnsporen sehen, dabei se­hen sie am hellichten Tag nicht einmal einen Elefanten auf zehn Meter Distanz.

Und nun mein zweites Geblök. Die gesamte liberale Theolo­gie behauptet am einen oder anderen Punkt – und oft auf der ganzen Linie –, das, was Christus wirklich getan und gewollt und gelehrt hätte, sei von seinen Anhängern sehr bald mißverstanden und falsch dargestellt und erst von modernen Gelehr­ten wiederentdeckt oder ans Licht gebracht worden. Nun bin ich schon lange, bevor ich mich für die Theologie zu interessie­ren begann, einer solchen Theorie begegnet. Als ich in Oxford mein Abschlußexamen machte, war die Tradition von Jowett noch maßgebend für das Studium der antiken Philosophie. Man lehrte uns zu glauben, die wirkliche Bedeutung von Plato sei von Aristoteles mißverstanden und von den Neuplato­nikern bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden, und erst die moder­nen Wissenschaftler hätten sie wiederentdeckt. Bei dieser Wie­derentdeckung stellte sich nun (welch ein Glück!) heraus, daß Plato eigentlich schon immer ein englischer Hegelianer war, etwa auf der Linie von T. H. Green. Ein drittes Mal bin ich dieser Theorie in meiner eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit begegnet; jede Woche entdeckt ein gescheiter Student, jedes Vierteljahr ein langweiliger ame­rikanischer Professor zum erstenmal, was ein bestimmtes Stück von Shakespeare in Wirk­lich­keit bedeutet. Doch in diesem dritten Fall habe ich ihnen etwas voraus. Die Umwälzung im Denken und Fühlen, die zu meinen Lebzeiten stattgefunden hat, ist so groß, daß ich geistig weit mehr zu Shakespeares Welt gehöre als zu derjenigen sei­ner heutigen Interpreten. Ich merke – ich spüre bis in die Kno­chen – ich weiß felsenfest daß die meisten ihrer Interpreta­tionen schlechthin unmöglich sind; aus ihnen spricht eine Men­talität, die es 1914, und erst recht zur Zeit Jakobs I., noch gar nicht gegeben hat. Das bestätigt mir tagtäglich meinen Ver­dacht, daß man mit Plato oder mit dem Neuen Testament ge­nauso umgeht. Die Vorstellung, daß irgendein Schriftsteller oder sonst ein Mensch für diejenigen, die in derselben Kultur leb­ten, dieselbe Sprache sprachen, dieselben vertrauten Bilder und unbewußten Denkvoraus­set­zungen hatten wie er, unver­ständlich gewesen und doch für jene verständlich sein soll, die keinen dieser Vorteile haben, ist meines Erachtens absurd. Sie ist von einer grundsätzlichen Unwahrscheinlichkeit, die kaum ein Argument und kein Beweis aufwiegen könnte.

Drittens beobachte ich, daß diese Theologen prinzipiell da­von ausgehen, daß es nichts Über­natürliches, Wunderbares gibt. So sei, wenn die alten Texte unserem Herrn eine Aussage in den Mund legen, in der – falls er sie überhaupt gemacht ha­ben sollte – die Zukunft voraus­gesagt wird, davon auszugehen, daß sie erst nach dem Ereignis eingefügt wurde, das sie vor­aus­zusagen scheint. Das ist sehr einleuchtend, wenn man von vornherein weiß, daß es inspi­rierte Weissagung nicht gibt. Und ähnlich einleuchtend ist es, alle Stellen, die von Wun­dern be­richten, als unhistorisch abzutun, wenn man von vornherein weiß, daß es ganz all­gemein nichts Übernatürliches gibt. Nun will ich hier nicht darauf eingehen, ob Wunder möglich sind. Ich möchte nur darauf hinweisen, daß dies eine rein philo­sophische Frage ist. Gelehrte haben diesbezüglich nicht, nur weil sie Gelehrte sind, mehr Autorität als jeder Sterb­liche. Den Maß­stab «wenn wunderbar, dann unhistorisch» bringen sie von außen an die Texte heran, sie ge­winnen ihn nicht aus ihrem Studium derselben. Wenn man von Autorität reden will – hier zählt die gesamte Autorität aller Bibelkritiker der Welt nichts. Hier reden sie ein­fach als Men­schen; als Menschen, die vom Geist des Zeitalters, in dem sie aufwuchsen, offen­sichtlich be­einflußt und ihm gegenüber vielleicht zu unkritisch sind.

Aber mein viertes Geblök, das auch das längste und lauteste ist, kommt erst jetzt.

Diese ganze Art von Kritik versucht, die Entstehung der von ihr untersuchten Texte zu rekon­struieren; welche nicht mehr vorhandenen Quellen der jeweilige Autor benutzte, wann und wo er schrieb, in welcher Absicht, unter was für Einflüssen – den ganzen «Sitz im Leben» eines Textes. Dies geschieht mit einer ungeheuren Sachkenntnis und großer Findigkeit. Und auf den ersten Blick sieht es sehr überzeugend aus. Ich glaube, es würde auch mich überzeugen, wenn ich nicht ein Zaubermit­tel dagegen, das Kraut Moly, bei mir trüge. Sie müssen mich entschul­digen, wenn ich jetzt eine Weile von mir selbst rede. Was ich Ihnen erzähle, hat gerade des­halb einen Wert, weil es ein Zeugnis aus erster Hand ist.

Was mich gegen all diese Rekonstruktionen feit, ist die Tat­sache, daß ich sie vom andern Ende her erlebt habe: Ich habe Rezensenten dabei beobachtet, wie sie genau auf die gleiche Art die Entstehung meiner eigenen Bücher rekonstruierten.

Bevor man nicht selbst einmal rezensiert wird, kann man kaum glauben, wie wenig eigentli­che Kritik in einer normalen Buchbesprechung enthalten ist; wie wenig Lob oder Tadel des Buches selbst. Den größten Teil füllen erfundene Geschichten über den Entstehungsprozeß. Oft legen schon die Ausdrücke, die ein Rezensent für Lob und Tadel braucht, eine solche Ge­schichte nahe. Sie loben eine Stelle als «spontan» und kritisie­ren eine andere als «mühsam»; das heißt, sie glauben zu wissen, daß man die eine currente calamo[9] und die andere invita Minerva[10] geschrieben hat.

Was solche Rekonstruktionen wert sind, habe ich schon ganz zu Anfang meiner Karriere er­fahren. Ich hatte einen Band Es­says veröffentlicht; und eines davon, das, an dem ich am mei­sten hing, in das ich mein ganzes Herz gelegt und das ich in glühender Begeisterung geschrie­ben hatte, handelte von Wil­liam Morris[11]. Und beinahe in der ersten Rezension mußte ich mir sagen lassen, dies sei offensichtlich der einzige Aufsatz in dem ganzen Buch, den ich ohne in­nere Anteilnahme geschrie­ben hätte. Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch. Der Rezen­sent hatte, – wie ich heute glaube, insofern völlig recht, als er fand, dies sei das schlechteste Essay des Buches; jedenfalls waren sich darüber alle einig. Völlig unrecht aber hatte er mit seiner selbsterfundenen Geschichte über die Gründe, warum der Aufsatz so schwach ausgefal­len war.

Nun, das ließ mich die Ohren spitzen. Seitdem habe ich ähn­liche phantasievolle Geschichten – sowohl über meine eigenen Bücher als auch über diejenigen von Freunden, deren wahre Ent­stehung ich kenne – mit Aufmerksamkeit verfolgt. Rezen­senten, wohlwollende und übelge­sinnte, werfen solche Ge­schichten mit dem größten Selbstvertrauen aufs Papier; sie sa­gen Ihnen, welche öffentlichen Ereignisse den Autor auf diesen oder jenen Gedanken gebracht, welche anderen Schriftsteller ihn beeinflußt haben, was sein Hauptanliegen war, was für eine Leserschaft er vor allem ansprechen wollte, warum – und wann – er dies und das getan hat.

Jetzt muß ich zuerst über meinen persönlichen Eindruck re­den; sodann über das, was ich, unabhängig davon, mit Sicher­heit sagen kann. Mein Eindruck ist, daß in meinem ganzen Le­ben nicht eine dieser Vermutungen auch nur in einem Punkt zutraf; daß die Methode hundert­prozentig versagt hat. Man sollte meinen, sie müßte rein zufällig genauso oft ins Schwarze treffen wie daneben. Doch mein Eindruck ist, daß das nie stimmt. Ich erinnere mich an keinen einzigen Treffer. Doch habe ich darüber nicht sorgfältig Buch geführt, und mein sub­jektiver Eindruck könnte trügen. Was ich aber wohl mit Sicher­heit sagen kann, ist, daß solche Mut­maßungen normalerweise falsch sind.

Und doch klingen sie oft – wenn man die Wahrheit nicht kennt – äußerst überzeugend. Viele Rezensenten haben ge­sagt, der Ring in Tolkiens Herr der Ringe sei eine Anspielung auf die Atombombe. Was könnte einleuchtender sein? Da kommt ein Buch heraus, gerade in der Zeit, als diese unselige Erfindung alle Gemüter erregt; da steht im Mittelpunkt des Bu­ches eine Waffe, die wegzuwerfen Wahnsinn, die zu gebrau­chen Verderben wäre. Tatsächlich aber wird diese Theorie un­möglich, wenn man die zeitliche Entstehungsgeschichte des Buches kennt. Erst letzte Woche behauptete ein Kritiker, ein Märchen meines Freundes Roger Lancelyn Green sei durch eines meiner Märchen angeregt worden. Nichts könnte ein­leuchtender sein. Bei mir gibt es ein Phantasieland mit einem guten Löwen darin; bei Green eins mit einem gu­ten Tiger. Es läßt sich nachweisen, daß Green und ich die Werke voneinan­der lesen und daß wir uns tatsächlich in vieler Hinsicht naheste­hen. Der Gedanke an eine gegenseitige Beein­flussung ist hier viel zwingender als in manchen anderen Fällen, wo wir sie bei verstorbenen Autoren als erwiesen betrachten. Und doch ist es einfach nicht wahr. Ich kenne die Herkunft jenes Tigers und jenes Löwen und weiß, daß sie nichts miteinander zu tun ha­ben.[12]

Dies sollte uns wirklich zu denken geben. Die Rekonstruk­tion der Entstehungsgeschichte eines Textes klingt überzeu­gend, wenn der Text alt ist. Aber im Grunde bleibt sie Theorie; das Resultat läßt sich nicht an den Tatsachen prüfen. Um zu bestimmen, wie zuverlässig eine Me­thode ist, müßte man ein Beispiel haben, in dem diese Methode angewandt und dann anhand der Tatsachen überprüft wird. Und genau das habe ich getan. Dabei zeigt sich, daß dort, wo eine Prüfung möglich ist, die Ergebnisse immer, oder doch so gut wie immer, falsch sind. Die «gesicherten Ergebnisse der modernen Forschung» über die Art, wie ein altes Buch geschrie­ben wurde, sind, so können wir schließen, nur darum «gesichert», weil die Menschen, die den wahren Sachverhalt kannten, gestorben sind und den Bluff nicht aufdecken können. Auch die umfangreichen Abhandlun­gen in meinem Fach, welche die Entstehungsgeschichte von Piers Plowman oder The Fairie Queene rekonstruieren, sind sicher nichts weiter als reine Phanta­sie­gebilde.[13]

Heißt das nun, daß ich jeden Schreiberling, der in einer mo­dernen Zeitschrift ein Buch be­spricht, diesen großen Gelehr­ten gleichsetze, die ihr ganzes Leben dem sorgfältigen Stu­dium des Neuen Testaments gewidmet haben? Muß man denn, wenn jene sich stets irren, daraus schließen, daß es die­sen nicht besser gehen darf?

Darauf möchte ich zweierlei antworten. Zum ersten bin ich bei allem Respekt vor der Gelehr­samkeit dieser großen Bibel­kritiker durchaus nicht davon überzeugt, daß ihr Urteilsver­mögen genauso bewunderungswürdig ist. Zweitens aber, be­denken Sie doch, mit welch unvergleich­lich besseren Vorbe­dingungen die Buchrezensenten ans Werk gehen. Sie rekon­struieren die Geschichte eines Buches, das von jemanden ge­schrieben wurde, der dieselbe Muttersprache hat; ein Zeitge­nosse, gebildet wie sie und im gleichen intellektuellen und re­ligiösen Klima zu Hause. All das hilft ihnen. Die Überlegen­heit an Urteilskraft und Umsicht, die wir den Bibel­kritikern zugestehen wollen, müßte geradezu übermenschlich sein, wenn sie die Tatsache wettmachen soll, daß sie durchwegs Sit­ten, Sprachen, Rassen- und Klasseneigentümlichkei­ten, reli­giösen Hintergründen, Schreibgepflogenheiten und Grund­voraussetzungen gegen­überstehen, die keine noch so große Gelehrsamkeit einem heutigen Menschen so vermitteln kann, daß er sich in ihnen so sicher, gründlich und instinktiv aus­kennt wie ein Rezensent in den meinen. Aus dem gleichen Grunde aber kann man einem Bibelkritiker, was für Rekon­struktionen er sich auch immer zurechtlegt, niemals nachwei­sen, daß er im Irrtum ist. Markus ist tot. Und wenn sie erst einmal Petrus begegnen, werden sie Dringenderes mit ihm zu be­sprechen haben.

Nun kann man natürlich sagen, diese Rezensenten seien tö­richt, weil sie erraten wollen, wie ein anderer ein Buch ge­schrieben hat, ohne je selbst eines geschrieben zu haben. Sie nehmen an, man habe seine Geschichte so geschrieben, wie sie es versuchen würden; und schon die Tatsache, daß sie es auf diese Art versuchen würden, erklärt, warum sie noch nie eine zustan­degebracht haben. Sind aber die Bibelkritiker in dieser Hinsicht viel besser dran? Dr. Bult­mann hat nie ein Evangelium geschrieben. Sollte die im Laufe seines gelehrten, spezialisierten und zweifellos verdienstreichen Lebens gesam­melte Erfahrung ihn wirklich dazu ermächti­gen, die Gedanken dieser längst verstorbenen Männer nachzuvollziehen, die von etwas ergrif­fen waren, das, wie immer man es ansieht, als zen­trale religiöse Erfahrung der ganzen Menschheit zu betrachten ist? Es ist nicht Unhöflichkeit, wenn ich sage – er selbst würde es zugeben daß die Schranken – die geistlichen ebenso wie die intellektuellen die ihn von den Evangelisten trennen, weitaus gewaltiger sind als jene, die zwischen meinen Kritikern und mir je bestehen könnten.

Mein Bild von der Reaktion eines Laien – und ich denke, diese Reaktion ist gar nicht so selten – wäre unvollständig, wenn ich nicht auch etwas über seine heimlichen Hoffnungen und die naiven Überlegungen sagen würde, mit denen er sich manchmal selbst Mut macht.

Sie müssen sich damit abfinden, daß er nicht erwartet, die gegenwärtige theologische Schule werde ewig bestehen. Er denkt – vielleicht ist es nur Wunschdenken daß das Ganze sicher auch wieder vorübergehen wird. Ich habe auf anderen Forschungsgebieten erfahren, wie kurz­lebig die «gesicherten Resultate der modernen Wissenschaft» sein können, wie schnell eine Wissenschaft schon nicht mehr modern ist. Die Selbstsicherheit, mit der man sich über das Neue Testament hermacht, ist im Umgang mit weltlichen Texten bereits über­holt. Es gab englische Gelehrte, die sich nicht scheuten, Hein­rich VI. unter ein halbes Dutzend Autoren aufzuteilen und je­dem von ihnen seinen Beitrag zuzuweisen. Heute tut das keiner mehr. Als ich ein Kind war, wäre man ausgelacht worden, wenn man behauptet hätte, es habe einen wirklichen Homer gege­ben; diejenigen, die eine Vielzahl von Verfassern annahmen, schienen für immer gesiegt zu haben. Aber Homer scheint sich wieder einzuschleichen. Sogar der Glaube der alten Griechen, die Mykener seien ihre Vorfahren und hätten griechisch ge­spro­chen, findet heute überraschend viel Unterstützung. Wir dürfen wieder, ohne rot zu werden, an einen historischen König Artus glauben. Überall, außer in der Theologie, ist ein kräfti­ges Wachstum der Skepsis gegenüber dem Skeptizismus selbst zu verzeichnen. Wir können es uns nicht verkneifen zu mur­meln: «Mui tu renascentur quae iam cecidere.»

Ein Mensch in meinem Alter kann auch unmöglich verges­sen, wie unerwartet und vollständig die idealistische Philo­sophie seiner Jugendzeit in sich zusammengestürzt ist. McTaggart, Green, Bosanquet, Bradley schienen für immer auf dem Thron zu sitzen; sie kamen so plötz­lich zu Fall wie die Bastille. Und das Interessante ist, daß ich damals, als ich unter dieser Dy­nastie stand, eine Menge Schwierigkeiten und Einwände hatte, die ich niemals auszusprechen gewagt hätte. Sie waren so trivial, daß ich überzeugt war, ich müsse etwas falsch verstan­den haben. Diese großen Männer konnten doch keine solch elementaren Fehler gemacht haben, wie es nach meinen Ein­wänden scheinen wollte. Doch ganz ähnliche Einwände – wenn auch zweifellos viel zwingender formuliert, als ich es hätte tun können – wurden von denen vorge­bracht, die schließlich den Sieg davontrugen. Heute wären sie die Hauptargumente gegen den Englischen Hegelianismus. Falls heute abend jemand hier ist, der den großen Bibelkritikern gegenüber gelegentlich die­selben schüchternen und zaghaften Zweifel hegt, so sollte er sie vielleicht nicht allzu schnell seiner Dummheit zuschreiben. Sie könnten eine Zukunft haben, von der er sich noch nicht träu­men läßt.

Ein wenig Trost können wir auch bei unseren Kollegen, den Mathematikern finden. Wenn ein Kritiker die Entstehungsge­schichte eines Textes rekonstruiert, so muß er meistens zu soge­nannten «gekoppelten Hypothesen» greifen. So sagt Bult­mann, das Petrusbekenntnis sei «eine (von Markus) in das Le­ben Jesu zurückprojizierte Ostergeschichte».[14] Die erste Hypo­these besagt, daß Petrus kein solches Bekenntnis abgelegt habe. Dies vorausgesetzt, wird dann in einer zweiten Hypo­these erklärt, wie die unwahre Geschichte, er habe es getan, aufgekommen sei. Nehmen wir nun an – was mir ferne sei -, die erste Hypothese habe eine Wahrscheinlich­keit von 90 Prozent. Und weiter, auch die zweite Hypothese habe eine Wahrschein­lichkeit von 90 Prozent. Doch dann haben die beiden zusam­men keine 90 Prozent, denn die zweite gilt nur unter der Vor­aussetzung der ersten. Wir haben nicht A + B; wir haben das Produkt AB. Und die Mathematiker sagen uns, daß AB nur 81 Prozent Wahrscheinlichkeit hat. Ich bin nicht gut genug im Rechnen, um das genauer auszuführen; aber Sie sehen, wenn man in einer komple­xen Rekonstruktion immer weiter eine Hypothese an die andere fügt, erhält man schließlich ein Ge­bilde, dessen Wahrscheinlichkeit – obwohl jede Hypothese für sich genommen eine große Wahrscheinlichkeit hat – beinahe Null ist.

Verfallen Sie nun aber nicht allzu sehr in Schwarzmalerei. Wir sind keine Fundamentalisten. Wir meinen, die verschiede­nen Elemente in dieser Art von Theologie seien unterschied­lich zu werten. Je näher sie sich an die eigentliche Textkritik hält, in der alten Lachmannschen Art, um so eher sind wir ge­neigt, ihr Vertrauen zu schenken. Und selbstverständlich sind auch wir der Meinung, daß Stellen mit nahezu gleichem Wort­laut nicht unabhängig voneinander sein können. Erst wo wir von hier in spitzfindigere und ehrgeizigere Rekonstruktionen abgleiten, gerät unser Vertrauen in diese Methode ins Wanken; und unser Vertrauen ins Christentum wird dementsprechend gestärkt. Unser tiefstes Mißtrauen erregen Behauptungen wie die, daß etwas in einem Evangelium nicht historisch sein könne, weil es auf eine Theologie oder ein Kirchenverständnis deute, die für diese frühe Zeit zu weit entwickelt wären. Denn das heißt mit andern Worten, wir wüßten erstens, daß in dieser Sache überhaupt eine Entwicklung statt­gefunden habe, und zweitens, wie schnell sie fortgeschritten sei. Noch mehr, wir wüßten, daß diese Entwicklung außerordentlich stetig und gleichförmig gewesen sein müsse; es wird still­schweigend aus­geschlossen, daß einmal ein einzelner allen anderen weit vor­aus gewesen sein könnte. Man tut, als wüßte man über eine Anzahl längst verstorbener Menschen – denn die ersten Chri­sten waren schließlich Menschen – Dinge, über die meines Erachtens die wenig­sten von uns genau Rechenschaft ablegen könnten, selbst wenn wir mitten unter ihnen gelebt hätten: über dies ganze Auf und Ab der theologischen Diskussion, der Predigt und des persön­lichen religiösen Erlebens. Ich könnte nicht einmal über meinen eigenen Lebenskreis annä­hernd mit solcher Sicherheit reden. Ich könnte nicht einmal die Geschichte meines eigenen Denkens so vorbehaltlos darstel­len, wie diese Leute es mit der Geschichte des frühchristlichen Denkens tun. Und ich bin ganz sicher, daß auch kein anderer es könnte. Angenommen, ein künftiger Gelehrter wüßte, daß ich als Jugendlicher dem Christentum den Rücken gekehrt habe und daß ich, ebenfalls als Jugendlicher, einen atheistischen Lehrer hatte. Sollte man nicht meinen, das wäre sehr viel besse­res Beweismaterial als das meiste, was uns über die Entwick­lung der christlichen Theologie in den ersten zwei Jahrhunder­ten vorliegt? Würde er daraus nicht schließen, daß an meinem Abfall der Lehrer schuld war; und dann jede Geschich­te als rückwärtige Projektion verwerfen, die mich als Atheist dar­stellt, bevor ich zu diesem Lehrer kam? Und doch wäre er im Irrtum. Entschuldigen Sie, daß ich schon wieder autobio­gra­phisch geworden bin. Doch ich finde, es wäre für jedermann eine nützliche Übung, sich über die extreme Unwahrschein­lichkeit – nach historischen Gesichtspunkten – seines eigenen Lebenswegs Gedanken zu machen. Es fördert einen angemes­senen Agnostizismus.

Denn in einem gewissen Sinne predige ich Ihnen nichts ande­res als Agnostizismus. Ich will keineswegs das skeptische Ele­ment in Ihrem Denken vermindern. Ich möchte Ihnen nur Vor­schlägen, es nicht ausschließlich auf das Neue Testament und das Glaubensbekenntnis anzu­wenden. Versuchen Sie, etwas anderes anzuzweifeln.

Die Skepsis, meine ich, könnte doch schon ganz am Anfang ansetzen, bei dem Gedanken, welcher der ganzen Entmythologisierung unserer Zeit zugrunde liegt. Er ist vor langer Zeit von Tyrrell so formuliert worden: Indem der Mensch in seiner Ent­wicklung Fortschritte macht, lehnt er sich gegen «frühere und inadäquate Ausdrucksformen der religiösen Idee auf… Buch­stäblich und nicht symbolisch verstanden, können sie sein Be­dürfnis nicht mehr be­friedigen. Und solange er daran festhält, sich über Ziel und Befriedigung dieses Bedürfnis­ses genaue Vorstellungen zu machen, ist er zum Zweifel verurteilt, denn seine Vorstellungen ent­stammen notgedrungen immer der Welt seiner jeweiligen Erfahrung.»[15]

Natürlich hat Tyrrell damit an sich nichts Neues gesagt. Die Negative Theologie des Pseudo-Dionysius sagte genausoviel, aber sie zog nicht den gleichen Schluß daraus. Vielleicht des­halb, weil die ältere Tradition unsere Vorstellungen Gott ge­genüber als nicht angemessen empfand, während Tyrrell sie für als der «religiösen Idee» nicht angemessen hält. Er sagt nicht, wessen Idee. Doch ich fürchte, er meint die menschliche Idee. Schließlich weiß man als Mensch, was man denkt; und man fin­det, die Lehren von der Auferstehung, von der Himmel­fahrt und von der Wiederkunft Christi seien unserem Denken inadä­quat. Was aber, wenn diese Dinge Ausdrücke von Gottes Den­ken wären?

Immerhin könnte es auch dann wahr sein, daß sie, «buch­stäblich und nicht symbolisch ver­standen», inadäquat sind. Woraus im allgemeinen der Schluß gezogen wird, man müßte sie symbolisch, nicht buchstäblich verstehen; genauer, aus­schließlich symbolisch. Alle Details wären demnach gleicher­maßen symbolisch und im übertragenen Sinne zu verstehen.

Aber da kann doch etwas nicht stimmen. Die Argumentation geht folgendermaßen: Alle De­tails sind dem jetzigen Stand un­serer Erfahrung entnommen; die Wirklichkeit geht jedoch über unsere Erfahrung hinaus; folglich sind alle Details aus­schließlich und ohne Unterschied symbolisch. Stellen Sie sich aber vor, ein Hund würde versuchen, sich ein Bild über das Menschsein zu machen. Alle Details in seinem Bild wären sei­ner Hundeerfahrung entnom­men. Darum könnte alles, was der Hund sich vorstellte, aufs Menschsein bestenfalls in Analo­gie zutreffen. Das ist ein Trugschluß. Wenn für den Hund unsere naturwissenschaftliche For­schung wie eine Art Rattenjagd aus­sähe, dann wäre diese Vorstellung eine Analogie; wenn er hin­gegen dächte, man könne nur im analogen Sinn sagen, der Mensch äße, dann wäre er auf dem Holzweg. Ja, könnte sich ein Hund per impossibile für einen Tag ins Menschsein verset­zen, sein Erstaunen über bisher ungeahnte Verschiedenheiten könnte kaum größer sein als sein Erstaunen über bisher nicht für möglich gehaltene Ähnlichkeiten. Ein demütiger Hund wäre äußerst betroffen. Ein dem Modernismus verfallener Hund würde dem ganzen Erlebnis nicht trauen und sich zum Tierarzt bringen lassen.

Nun kann sich aber der Hund nicht ins Menschsein verset­zen. Folglich könnte er niemals von irgendeinem Detail mit Be­stimmtheit sagen: «Das ist rein symbolisch», obschon er sicher sein kann, daß seine besten Vorstellungen über das Menschsein voll von Analogie und Symbolik sind. Ebenso können Sie nicht wissen, daß an Ihrer Vorstellung über eine Sache alles symbo­lisch ist, es sei denn, Sie hätten einen unabhängigen Zugang zu der Sache selbst und könnten sie mit Ihrer Vorstellung vergleichen. Dr. Tyrrell kann zwar wissen, daß die Geschichte von der Himmelfahrt seiner religiösen Vorstellung nicht angemessen ist, weil er seine Vorstellung kennt und sie mit der Geschichte vergleichen kann. Wie aber, wenn wir Auskunft über eine transzendente, objektive Realität suchen, zu der diese Ge­schichte unser einziger Zugang ist? «Wir sind unwissend – oh, wir sind unwissend.» Aber dann müßten wir unsere Unwissen­heit auch ernst nehmen.

Wenn allerdings «buchstäblich und nicht symbolisch verstan­den» heißt, «rein physikalisch verstanden», dann ist diese Ge­schichte nicht einmal eine religiöse Geschichte. Bewegung von der Erde weg – das ist Himmelfahrt im physikalischen Sinn – wäre an sich noch kein Ereignis von geistlicher Bedeutung. Da­her, so folgern Sie, besteht zwischen der Geschichte von der Himmelfahrt und der geistlichen Wirklichkeit lediglich eine Analogie. Denn die Vereinigung Gottes mit Gott und des Men­schen mit dem Gott-Menschen kann nichts mit Räumlichkeit zu tun haben. Woher wissen Sie das? In Wirklichkeit meinen Sie doch, daß wir uns nicht vor­stellen können, wie sie etwas damit zu tun haben kann. Doch das ist eine ganz andere Aus­sage. Wenn ich einst erkenne, wie ich erkannt worden bin, dann werde ich sicher wissen, welche Teile der Geschichte rein symbolisch waren und welche (wenn überhaupt) nicht; dann werde ich sehen, wie die transzendente Realität Räumlichkeit entweder ausschließt und ab­stößt oder aber sie auf unvorstell­bare Weise in sich aufnimmt und mit Bedeutung erfüllt. Sollten wir nicht lieber warten?

Dies sind die Reaktionen eines einsam blökenden Laien auf die moderne Theologie. Sie soll­ten gut darauf hören. Sie wer­den sie wohl nicht mehr oft zu hören bekommen. Ihre Gemein­deglieder werden Ihnen selten ganz offen sagen, was sie den­ken. Früher gab sich der Laie die größte Mühe, sich nicht an­merken zu lassen, daß er so viel weniger glaubte als der Pfarrer; heute neigt er dazu, sich nicht anmerken zu lassen, daß er so viel mehr glaubt. Missionar für die Priester der eigenen Kirche zu sein, ist eine unangenehme Aufgabe. Aber ich habe das schlimme Gefühl, daß die Kirche Englands keine allzu lange Zukunft mehr hat, wenn diese Missionsarbeit nicht bald in An­griff genommen wird.

Ursprünglich auf Englisch unter dem Titel “Modern Theology and Biblical Criticism” erschienen in: C. S. Lewis, Christian Reflections, Glasgow: William Collins Sons & Co., 1967, S. 152-166.

Quelle: C. S. Lewis, Gedankengänge. Essays zu Christentum, Kunst und Kultur, übersetzt von Barbara Brugger, Basel und Gießen: Brunnen-Verlag 1986, S. 211-229.234f.


[1] Gemeint ist der Rektor von Westscott House und spätere Bischof von Edinburgh, der ehemalige Reverend Carey.

[2] Während der Bischof nicht im Zimmer war, las Lewis «The Sign at Cana» in Vidlers «Windsor Sermons» (SCM-Press 1958). Der Bischof erinnerte sich, daß Lewis, nach seiner Meinung gefragt, «sich sehr freimütig über die Pre¬digt äußerte und meinte, es sei doch schlechthin nicht zu glauben, daß wir bald zweitausend Jahre hätten warten müssen, bis uns ein Theologe namens Vidier darüber aufklärte, daß das, was die Kirche immer als Wunder be¬trachtet hätte, in Wirklichkeit nur ein Gleichnis sei».

[3] Aus: «The Gospel According to St John» von Walter Lock in: «A New Commentary on Holy Scripture, inclu­ding the Apocrypha», hrsg. von Charles Gore, Henry Leighton Goudge, Alfred Guillaume (SPCK, London, 1928), S. 241. Lock seinerseits zitiert James Drummond, «An Inquiry into the Character and Authorship of the Fourth Gospel» (London, 1903).

[4] James Boswell (1740-1795), englischer Schriftsteller.

[5] Erich Auerbach, «Mimesis, Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur», 1959.

[6] Rudolf Bultmann, «Theologie des Neuen Testaments», 1948, S. 30.

[7] ebd., S. 35f.

[8] Franny Burney (1752-1840), englische Erzählerin.

[9] mit fliegender Feder.

[10] gegen den Willen von Minerva, d. h. in Widerspruch zu den eigenen Fähig¬keiten, ohne Genie.

[11] «William Morris» erschien erstmals in «Rehabilitations» (1939) und wurde in C. S. Lewis, «Selected Literary Essays» (1969), hrsg. von Walter Hooper, abgedruckt.

[12] Lewis stellte diesen Irrtum mit folgendem Brief richtig: «Books for Children», in: The Times Literary Sup­plement (28. Nov. 1958), S. 689: «Sehr geehrter Herr, In einer Besprechung von Mr. R. L. Greens Land of the Lord High Tiger in Ihrer Ausgabe vom 21. November werde ich (beiläufig) mit soviel Wohlwollen erwähnt, daß es mir schwerfällt, irgend etwas darin zu bemängeln; aber um Mr. Green Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich es trotzdem tun. Der Rezensent vermutet, Mr. Greens Tiger könnte auf meine Märchen zurückgehen. In Wirklichkeit stimmt das nicht, und es ist auch chronologisch unmöglich. Der Tiger war ein aller Einwoh¬ner und sein Land ein vertrauter Aufenthaltsort von Mr. Greens Phantasie, längst ehe ich zu schreiben begann. Dies dürf­te uns Kritikern allen eine Lehre sein. Ich frage mich, wieviel von der (Quellenforschung» bei unseren Untersu­chungen über ältere Literatur uns nur darum so gesichert scheint, weil diejenigen, die den Sachverhalt kannten, tot sind und sie nicht widerlegen können.»

[13] Zur umfassenden Auseinandersetzung mit der Rezension von Büchern siehe Lewis’ Essay «On Criticism» in seinem «Of Other Worlds, Essays and Stories», hrsg. von Walter Hooper, 1966, S. 43-58.

[14] Rudolf Bultmann, ebd. S. 26.

[15] George Tyrrell, «The Apocalyptic Vision of Christ» in «Christianity at the Cross-Roads» (London, 1909), S. 125 (Dt. «Das Christentum am Scheideweg», München-Basel, 1959).

Hier der Text als pdf.

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