Karl Steinbauers Predigt über Apostelgeschichte 8,26-40 (Der Kämmerer aus dem Mohrenland) von 1937: „Die wirkliche Gottesfrage ist keine Frage des Blutes und Bodens, die Gottesfrage wird nicht auf dem engen und engstirnigen Raum eines Volkes und Volkstums gelöst, nicht auf dem kleinen Stückchen Erde seines Mohrenlandes.“

Da mag die Wortwahl an manchen Stellen seiner Predigt aus heutiger Sicht fragwürdig sein. Und doch ist Steinbauers Predigt von 1937 eine klare Absage an die nationalsozialistische Rassenideologie:

Predigt über Apostelgeschichte 8,26-40 (Der Kämmerer aus dem Mohren­land)

Von Karl Steinbauer

Liebe Gemeinde!

Es könnte einer sagen: „Es stehen mitunter schon recht seltsame und wunderliche Sachen in der Bibel.“ – Scheinbar belanglose Geschichtlein, bei denen einer sich schon fragen könnte: „Wieso konnten die Apostel drauf verfallen, diese Mohrengeschichte etwa aufzuschreiben. Wie ist sie nur in die Bibel gekommen? Ist sie es denn wirklich wert, für alle Zeiten im Heili­gen Buch aufbewahrt zu sein? Denn wer will denn das wissen, wen interes­siert denn so etwas ernsthaft? – Für die Kinder vielleicht, ja, die hören gerne so seltsame und wunderliche „Mär­chen“; aber da gäbe es doch auch aus dem deutschen Märchenschatz weit nettere. Ja, mensch­lich geredet kann einer fragen: „Tatsächlich, was hat dieses seltsame, wunderliche und doch auch belanglose Geschichtlein im Buch der Bücher verloren? Was hat diese alte Negerge­schichte mit uns Menschen von heute zu tun? Wie kann man gar Menschen, die in der Ras­senfrage den Schlüssel zur Weltge­schichte entdeckt haben wollen, gar noch eine Predigt drüber halten?“

Wir dürfen beruhigt sein, die Apostel haben ihre Sache schon auch ein wenig verstanden und haben recht gut gewußt, wozu sie da sind: Daß sie beauftragt sind, die großen Taten Gottes zu verkündigen. Dazu haben sie Gottes Heiligen Geist empfangen, der sie in alle Wahrheit leite­te. Ja, so etwas hat’s gegeben, Menschen, die vom Geist Gottes geleitet sind, und das gibt es auch heute noch, dann und wann. Und so dürfen wir es den Aposteln schon zutrauen, daß sie es besser gewußt haben als wir, wie am besten die großen Taten Gottes verkündigt werden kön­nen. Sie haben gewußt: Wenn wir Gott mit Menschenmittelchen groß machen wollen, dann machen wir Ihn klein; dann wär es Ja ein kümmerlicher Gott, der uns Seine Ehre und Größe verdankte. Dam haben sie Gott groß sein lassen, so, genau so, wie ER selbst groß sein wollte. Und darum haben sie auch mit gutem Bedacht diese Negergeschichte aufgezeichnet. Sie ken­nen Gottes Art, der immer in wunderlicher Weise redet. Seinen Sohn hat ER Ja auch in einen lumpigen Viehstall gelegt, in die Krippe auf Heu und Stroh. Er hat nicht mehr gehabt als das liebe Vieh. Und am Kreuz hat er geendet, bankrott gemacht als politischer Ver­brecher. Da war keine Gestalt noch Schöne, die uns gefallen hätte. Aber eben gerade in Seiner oft so gar wun­derlichen und seltsamen Weise erweist sich Gott als groß, indem ER alle menschli­chen Wei­sen und Maßstäbe umwirft.

Hören wir nur auf diese seltsame, wunderliche „Negergeschichte“ und wir werden sehen, wie gerade hier Gott in Seiner ganzen Größe und Weltenweite vor uns steht in dieser scheinbar so kleinen und absonderlichen Begebenheit, und vom Mohren selbst können wir auch etliches lernen!

Wir hören in unserer Geschichte gar nichts Besonderes. Ein Mann ein Mohr, fährt in seinem Wagen auf verlassener Landstraße da­hin. Was kann uns dieser Mohr kümmern? Ein Neger, also rassisch minderwertig, uns nordischen Menschen absolut nicht ebenbürtig. Das „Woher“ und „Wohin“ führt uns weiter. Er ist aus dem Mohrenland – aus Abessinien, von dem vor etli­chen Jahren viel in der Zeitung stand, das Reich des Negus – also von dort her kam er und befindet sich, von Jerusalem kommend, wieder auf dem Rück­weg. Was wollte er denn? Er ist Heide und ist auch wie die Wei­sen aus dem Morgenland gekommen, „anzubeten“. Ums Anbe­ten im Geist und in der Wahrheit geht es ihm. Diese Frage, die Gottes­frage, die Frage nach dem rechten Gottesdienst treibt ihn um. Und er hatte offenbar dabei schon recht wichtige Er­kenntnisse gewonnen. Er hat gewußt: Wenn es einen Gott gibt – und es gibt einen – dann kann es nur einen geben. Und ein zweites hat er auch gewußt: Die wirkliche Gottesfrage ist keine Frage des Blutes und Bodens, die Gottesfrage wird nicht auf dem engen und engstirni­gen Raum eines Volkes und Volkstums gelöst, nicht auf dem kleinen Stückchen Erde seines Mohrenlandes. Seine mohrenländische, art- und blutgemäße Religion ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Denn er hatte erkannt: es kann nur artgemäße Götzen ge­ben, der wirkliche, wahr­haftige, einzige Gott steht über aller Art-, Blut- und Bodengebundenheit. Das trieb ihn auf die Reise, den reichen Kämmerer – Finanzminister – der bei all seinem Reichtum wußte: „Ich bin ein armseliger Tropf. Ich kenne den lebendigen Gott nicht und weiß auch nicht, wie ich zu Ihm kom­men kann, wie ich Ihm die Ehre gebe, wie ich Ihn recht anbete. Er wußte: An dieser Frage entscheidet sich dein Leben, entscheidet es sich, ob du bettelarm oder reich bist.“ Diese Frage hat ihn nach Jerusalem getrieben, aber er war offenbar enttäuscht von Jerusalem und hatte dort die Antwort nicht bekommen. Und das jüdische Jerusalem konnte auch die Antwort nicht mehr geben, denn es hatte die Antwort Gottes in Christus nicht angenommen und drum blieb die Bibel ein Buch mit 7 Siegeln, die Bibel, die ihm vielleicht als Antwort auf seine Fra­gen anempfohlen war durch die zünftigen Schriftgelehrten. Die Gottesfrage ohne Ant­wort bedrängt ihn auf seinem Heimweg. Die alte, die neue Frage. Die gleiche Gottesfrage bei die­sem Mohr und bei uns. Wenn es für den Mohren keine Antwort gibt, gibt’s für uns auch keine. Gibt es aber für ihn eine, dann auch für uns – und für ihn und uns die gleiche! Heute wie dazumal. Schaut, mit dieser Frage ist dieser Mohr ganz allein! Nein! Nicht allein: Da bricht es mit Macht herein. Vers 26 und 29.

Aber der Engel des Herrn redete mit Philippus und sprach: Stehe auf und gehe gegen Mittag auf die Straße, die von Jerusalem geht hinab gen Gaza, die da wüst ist. – Und abermals: Der Geist aber sprach zu Philippus: Gehe hinzu und halte dich zu dem Wagen.

Wer nur ein klein wenig mit hellen Augen lesen und mit offenen Ohren hören kann, der muß doch die Wucht und Kraft herausspüren, mit der der lebendige Gott hier am Werk ist. Wie müssen die Apostel beglückt gewesen sein durch Gottes Engel und Gottes Geist als Handlan­ger und Werkmänner Seines Reiches eben dort eingesetzt zu werden, wo es not tat, und sich nun wirklich als Gottes Werkzeuge zu wissen. O wie arm, wie furchtbar arm sind wir gewor­den! Aber, wenn wir’s nur wenigstens wieder sehen! Augen und Ohren dafür kriegen! Wie Kinder durch einen Spalt einen kurzen Blick in die Weihnachtsstube tun dürfen, so stehen wir hier beglückt da und dürfen wie durch einen schmalen Spalt in die Werkstatt Gottes schauen. Geradezu mit Beschämtheit freuen wir uns dieses feierlichen, heiligen Augenblicks: Die Ge­burtsstunde der Weltmission in kaum verdienter Klarheit mit­erleben zu dürfen. Durch die ganze Apostelgeschichte weht ja der fruchtbare Frühlingswind des Heiligen Geistes, der allenthal­ben Leben und Seligkeit erweckt. Aber wir stehen an einem ganz seltenen Funkt. Wer sich etwas Mühe gibt, gerade diesen Ab­schnitt lesend abzuhorchen und das zwei, dreimal und öfters versucht, der kann es nicht tun ohne eine ganz seltsame, eigenartige Er­griffenheit. Wenn wir überhaupt empfänglich sind für große, wirklich weltgeschichtliche Augenblicke und ihre mei­sterhafte Darstellung. Zeitungsredakteure oder Rundfunkreporter hätten freilich die Apostel schlecht abgegeben, denn sie haben offen­sichtlich gar kein Verständnis für das Sensationelle, das ein­schlägt, was mit aufdringlichen Schlagzeilen hingesetzt direkt zum Zeitungskauf zwingt. Die Apostel sind nicht wortgewandt und sie haben nicht die Gabe und das Geschick kleine Dinge mit viel Worten grandios zu machen, daß der Aufzug, das „Drum und Dran“ das Große ist, was die Armseligkeit der Sache verdecken muß. Wer wie sie in die Werkstatt Got­tes geschaut hat, kann für Menschenmachwerk die großen Worte nicht mehr finden. Aber die Gottesgeschichte verstehen sie zu berichten. Wir brauchen sie nicht groß zu machen mit blen­denden Worten. Kindlich schlicht lassen sie Gott groß sein und haben nur die eine Angst, sie könnten mit ihren Worten Gottes Wundertaten nur zudecken und darum reden sie so wortkarg und schlicht.

Und wer dafür Verständnis hat, dem tut es wirklich geradezu wohl, einmal mehr zu finden als die äußere Aufmachung und Form verspricht, nämlich hier bei aller Schlichtheit, in einem ganz bescheidenen Rahmen und Geschehen, bar aller Sensation, den gewaltigen Gott am Werk zu sehen. Und ER ist hier am Werk in einem weltgeschichtlichen Augenblick von unge­heurer Kraft und Tragweite.

Die Juden als Volk hatten Christus abgelehnt, hatten die Gemeinde Christi aus den Mauern Jerusalems vertrieben. Hatten Gott für die Verkündigung Seines Evangeliums von Jesus die Türen zugeschlagen und versperrt. Sie meinen, ihren eigenen Weg gehen zu können und zu müssen. Sie meinen, Gott sei auf sie angewiesen und müsse sich nach ihnen rich­ten. Denn sie sind Ja „Abrahams Söhne“. – Gott geht seine Wege und läßt sich die Wege nicht vorschrei­ben, auch nicht von den Juden. Und wenn Sein erwähltes Volk im Rassehochmut und Eigen­dünkel nicht mehr Ihm gehorchen will, dann kann ER sich Kinder aus Steinen erwählen. Ja, in dem Augenblick, da die Juden die Türen zuwarfen, da öffnet ER neue. Gott ist nicht auf Abra­hams Kinder angewiesen, wenn sie der Hochmut wahnsinnig macht, dann ruft ER die von den Juden verachteten Neger.

Diesen großen Augenblick erleben wir hier. Und wir spüren die kindliche Dankbarkeit der Apostel und der ganzen Urge­meinde aus Jedem Vers heraus, dieses versprengten und heimat­losen Häufleins, wie sie voller Freude die neuen Türen sich auftun sehen für das Evangelium von Christus.

Wir brauchen Ja nur die ersten Verse richtig lesen, dann hören wir Ja gleichsam den Schlüssel für die neue Tür sperren: Und denk dir nur, Gott selber hat aufgesperrt: „Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach…“. „Der Geist aber sprach zu Philippus“. – Wir hätten die Türe nicht gefunden, geschweige denn aufsperren können. Aber, der Engel des Herrn, der Hl. Geist, der Herr der Kirche selbst, die waren am Werk. Wie lieblich ist besonders Vers 27 zu lesen: Jedes Wort eine neue Überraschung, so wie wenn ein Kind sein Weihnachtspaket auspackt: „Und siehe“ – Schau nur! Du traust deinen Augen kaum, ein Mann, kohlraben­schwarz aus dem Mohrenland. Aber denk dir nur, ein Kämmerer, der Finanzminister der Königin Kandake ist es, „welcher war über ihre ganze Schatzkammer“, ein Großer und Ge­waltiger dieser Welt, und wir sind doch alle nur so kleine Leute, Fischer und Bauern. Ja, und dem hat Gott das Herz aufgeschlossen. Und Philippus hat ihm das Evangelium mit fröh­lichem Auftun des Mundes verkündigen dürfen: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder…“ – Das hat Philippus ihm alles gesagt, und da hat er im Glauben zu­ge­packt und hat bekannt das gute Bekenntnis: „Ich glaube, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist.“ Und das hat er sich versiegeln lassen in der Taufe und darüber ist er froh geworden.

Da müssen wir etwas einhalten: Die Juden haben sich alles zu Gute getan auf ihre Geschichte, auch auf ihre Kirchengeschichte, auf die Geschichte Gottes mit Seinem Volk, und diese haben sie eigenmächtig ihrer glanzvollen Vollendung zuführen wollen – und Gott hat nicht mitge­tan!

Wir haben auch eine reiche Geschichte, auch eine reiche, ge­segnete Kirchengeschichte, wir sind das Land der Reformation, das legt uns besondere Verantwortung auf, daß wir nicht als ganzes Volk den Weg der Juden gehen! Den heute viele schon beschritten haben, gerade die, die scheinbar mit ihnen nichts zu tun haben und nichts zu tun haben wollen. Den Weg der Juden geht ein Volk, wenn es in seiner Mehrzahl den Herrn Christus nicht als seinen Herrn und Heiland haben will. Da sind wir drauf und dran.

Meinen wir, Gott ist auf uns angewiesen deshalb, weil Luther in Deutschland geboren wurde – oder deshalb, weil wir blonde Men­schen sind und Schmalschädel tragen? Von Vollendung der Refor­mation wird geredet und man sucht auf germanischen Kultstätten die neue Religion. Wollen wir, was geistlich begonnen, im Fleisch vollenden? Das hieße man, das Erbe der Re­formation mit Gewalt und Frevel ruinieren. Gott ist auf uns wirklich nicht angewiesen, und wenn wir artgemäße Kultstätten aufsuchen und die Stätte verlas­sen, da Sein Evangelium laut wird und dafür artgemäße Gottes­verehrung begehren, dann kann es wohl sein, daß er uns unsere blutgemäßen Götzen überläßt und Sein heiliges Evangelium wegnimmt und es den „rassisch minderwertigen Negern“ übergibt – von denen wahnsinnig gewordene Menschen unserer Tage sagen, sie ständen Affen näher als uns hochnordischen Menschen – die ihrer artgemä­ßen Götzen nicht frohwerden können, sondern hungern nach dem lebendigen Gott in der Frohbot­schaft von Jesus Christus, vom Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.

Wir sehen an dieser Geschichte, wie wunderbar und wunderlich Gott es zugehen lassen kann, wenn ER Sein Werk treibt an einem einsamen Neger, auf einsamer, verlassener Verkehrs­straße, „die Straße, die da wüste ist“, beginnt ER Sein Werk der Weltmission. (Auf der alten Kesselbergstraße, nicht auf der neuen, wo der Verkehr flutet und die Autorennen stattfinden). Wenn Gott Großes anfängt, geht er meist abseits der Menschen-Woge! abseits der mensch­lich guten Gelegenheiten. Und nichts ist groß – bei noch so vielem Lärm und Geschrei, wenn Gott nicht Seine Größe schenkt. Und wiederum: Nichts ist klein, und wäre es noch so klein und unscheinbar, wenn Gott ihm Sein Gewicht gibt. „Wo zwei oder drei versammelt sind in mei­nem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Und wo ER ist, da ist Gewicht! Wir Men­schen können ja nichts groß machen, und wenn wir alles dran setzten. Das, was Gewicht gibt – wir haben’s nicht!

Das gibt uns neue Maßstäbe! Was scheint uns nicht alles groß, ganz ernsthaft als weltge­schichtliche Tatsache, was heißt nicht alles so, und unsere Zeiten sind darin freigiebig gewor­den – und es ist nichts vor Gott. Alle Geschichte, auch die soge­nannte Weltgeschichte, ent­scheidet sich an Christus, nur durch Ihn wird alles wichtig – oder nichtig. Gott will es so haben!

Der Weg zu Ihm ist die Bibel und ER wiederum der Schlüssel. So sitzt Philippus neben ihm im Wagen und sagt: „Du weißt schon den rechten Weg, bist auf der richtigen Spur. Der Herr hat auch uns gesagt: ‚Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darin­nen, und sie ist’s, die von mir zeuget.‘ Man kann in der Bibel sich nicht die oder jenen „Rosin­chen“ herausbohren, die einem gerade passen oder genehm und tragbar erscheinen. Jesus ist das A und O der Bibel. Wenn du nicht überall Christus herausliest, dann kann dir die Bibel nichts geben, dann wird sie stumm und schweigt. Auf Christus hin und immer im Glauben auf Ihn gerichtet und von Christus her, will und muß die Bibel gelesen werden.

Als der Mönch Martin Luther, der unbekannte Bauernsohn, ab­seits der großen Weltgeschichte seine Bibel las, als er den Schlüssel der Bibel gefunden hatte, die Frohbotschaft vom Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, da war große Zeit für unser Volk. Und Gott legte Sein Ge­wicht und Seinen Segen drauf. Von der See bis hinunter nach Tirol saß man über der Bibel. – Ob ich und du, ob und wie wir als deutsches Volk unsere Bibel lesen als das Buch des Lebens, das ist entschei­dend für das Leben unseres Volkes, das ist der schlichte Weg, den Gott uns gegeben hat und den ER zu segnen verheißen hat.

Und wie herrlich wird dieser Weg auch hier gesegnet, wir. dür­fen Gott sehen in Seiner ganzen Größe und Weltweite und doch auch wieder in seiner beglückenden Enge, die den Einzel-Men­schen sucht. Wie oft kann man hören: Gott der allwaltende Geist ist viel zu groß und erhaben, als daß ER sich um das kleine Einzelschicksal kümmern könnte! Nein! das wäre ein klei­ner Gott! Das ist Ja gerade die Frohbotschaft des Evangeliums, die sich der Kämmerer von Philippus wie ein Wunder verkünden lassen und erfahren darf: Auch deinetwegen hat Gott das Lamm zur Schlachtbank geschickt.

Schaut, so kann es mir und dir auch gehen. Wir stecken in be­drückender Einsamkeit, ein armseliger Tropf, gar niemand und nichts kümmert sich um mich. Gottverlassen, muttersee­lenallein steh ich da mit meiner Not, meiner Arbeit, bin vielleicht ein Opfer meines Stolzes, meines Ehrgeizes, meines Eigenwillens, meiner Schuld und Sünde geworden. Wie im Traum wäre ich als einzelner Verlorener, Verlaufener dahin. Da geschieht das Wun­der: Da kommt einer, in einer Predigt vielleicht oder sonst ein Christenmensch, und sagt uns auf den Kopf zu: Deinetwegen hat Gott alles getan mit Seinem Sohn, Deinem Heiland, daß du eben nicht verirrt in Einsamkeit verloren gehen und verkommen mußt. Und dann darf ich’s sehen und hoffen und es fällt mir wie Schup­pen von den Augen: „Meinetwegen ist alles geschehen, mir ge­hört’s. Hier zieht sich die ganze Weltgeschichte so eng zusam­men! Ich allein, ganz allein stehe da und der große, gewaltige, weltenweite Gott steht vor mir, der doch auch wieder so mütter­lich eng und besorgt ist gerade um mich und deutet nur auf Seinen Sohn, meinen Erlöser. Und es jubelt aus meiner Seele: Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebet …

Und wie dann diese Botschaft doch nicht enge macht, sondern das Herz weitet und mich zusammenschließt mit allen, die diese selige Botschaft je erreicht und froh gemacht hat und an die weist, die sie noch nicht kennen. Ja über dieser Entdeckung kann man geradezu erschre­cken vor Freude: Du, du kleiner verlorener, ver­laufener, armseliger Tropf, und stehst im Mittelpunkt von Gottes Geschehen und Gottes Weltenplan, auch mit dir hat Gott einen Ge­danken vor, auf dich zielt Sein ganzes Tun: Also, auf die Weise hat Gott die Welt geliebet, daß ER auch dich lieben kann. Deinetwegen hat ER Seinen Sohn gesandt, daß du glaubest: Christus ist der Sohn des lebendigen Gottes, ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt und deine auch und daß du darin fröhlich seist!

Das war für Philippus auch selber keine kleine Freude, daß er den Kämmerer hat froh machen dürfen mit der Frohbotschaft von Christus. Diese Freude treibt ihn an die Arbeit: „Philippus aber ward gefunden zu Asdod und wandelte umher und predigte allen Städten das Evange­lium.“

Dazu predigen auch wir, daß – wann und wo es Gott gefällt – das, wovon hier geschrieben steht: „Er zog seine Straße fröhlich“, auch mitten unter uns passiere und Ereignis werde, und daß das Bekenntnis: „Ich glaube, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist“ immer erneut und fröh­licher laut werde. Denn das bleibt das Größte, was ein Mensch erleben kann, daß die Frohbot­schaft von Christus ihn erreicht und ihm wirklich Leib und Seel, Herz und Sinn abgewinnt, und er darin geborgen und fröhlich sein darf. Das, nur das, wird einen Menschen wirklich froh und zu allem guten Werk geschickt machen können.

Das wird einer, der das größte Feuerwerk der Welt etwa für etwas „Grandioses“ hält, nie ver­stehen und begreifen, und wir werden es ihm auch nicht klar machen können. Aber das wissen wir: Wenn in deutschen Landen recht viele in dieser Botschaft von Christus fröhlich würden, das wäre für unser ganzes Volk und darüber hinaus ein Freude schaffender Segen.

Drum auch, Jesu, Du alleine sollst mein Ein und Alles sein! Prüf, erfahre, wie ich’s meine, tilge allen Heuchelschein; sieh, ob ich auf bösem, betrüblichem Stege, und leite mich, Höch­ster, auf ewigem Wege; gib, daß ich nichts achte, nicht Leben noch Tod, und Jesum gewinne: dies Eine ist not! Amen.

Gehalten am Freitag, 19. Juli 1935 in Walchensee im Rotkreuz-Schwesternheim.

Quelle: Karl Steinbauer, Einander das Zeugnis gönnen, Bd. 3, Erlangen 1985, S. 82-90.

Hier die Predigt als pdf.

1 Kommentar

  1. Der Mann
    der sich als Gottes – Sohn ausgab
    von dem die Zeugen
    seiner Worte
    und Wahrheit gewiss

    mir ist er nicht zur
    meiner inneren Erfahrung
    jemals zum Ereignis
    mir geworden

    der Erneuerer
    seiner Lehre

    ich kann nicht vergessen
    mit welcher geistigen Macht
    er Kriege
    zwischen die Fronten
    der Christenheit gebracht

    davon jene die
    die, die absolute Wahrheit
    zu glauben vorstellen
    sie verkünden
    den Menschen
    anderen Glaubens
    in der Vergangenheit
    viel Leid angetan haben

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