Rudolf Bohren, Das Wort und die Kraft von 1952: Lessing antwortet: »Gewiß, lieber Herr Pfarrer Bohren, ich zweifle ja nicht, daß Sie und alle Ihre hier versammelten Kollegen sehr schön und rührend über die Seligen, die nicht sehen und doch glauben, zu predigen wüßten! Aber was soll dann ich Unseliger? Ich bin kein Gotteskind. Ich bin ein Zweifler. Ich muß schauen. Bin ich darum ewig verloren?«

Das Wort und die Kraft[1]

Von Rudolf Bohren

I. Vorspiel

Brauchen wir einmal unsere Phantasie. Stellen wir uns vor: hier neben mir sitzt ein Mann in weißer Perücke, läßt listig seine Augen in die Runde schweifen, mustert jeden einzelnen anwesenden Pfarrer, lächelt, erhebt sich. Der Unbekannte tritt ans Rednerpult, zieht ein ver­gilbtes Manuskript aus dem Rockschoß und fängt an zu lesen. Der Mann in der Perücke ist kein Theologe, er ist Bibliothekar. Sein Name ist Lessing, Gotthold Ephraim Les­sing steht jetzt vor uns, und was er liest, hat er im Jahre 1777 an den Herrn Direktor Schumann zu Han­nover geschrieben:

»Wenn ich zu Christi Zei­ten gelebt hätte, so würden mich die in seiner Person erfüllten Weis­sagun­gen allerdings auf ihn sehr aufmerksam gemacht haben. Hätte ich nun gar gesehen ihn Wunder tun, hätte ich keine Ursache zu zweifeln gehabt, daß es wahre Wunder gewesen, so würde ich zu einem von so lange her aus­gezeichneten, wunder­tätigen Mann allerdings so viel Vertrauen gewon­nen haben, daß ich willig meinen Verstand dem seinigen unterworfen hät­te; daß ich ihm in allen Dingen geglaubt hätte, in welchen ebenso unge­zweifelte Erfahrungen ihm nicht entgegen gewesen wären.

Oder wenn ich noch itzt erlebte, daß Christum oder die christliche Reli­gion betreffen­de Weis­sagungen, von deren Priorität ich längst gewiß ge­wesen, auf die unstreitigste Art in Erfüllung gingen, wenn noch itzt von gläubigen Christen Wunder getan würden, die ich für echte Wun­der erken­nen müßte, was könnte mich abhalten, mich diesem Beweise des Geistes und der Kraft, wie ihn der Apostel nennet, zu fügen?

In dem letztem Falle war noch Origenes, der sehr recht hatte zu sagen, daß die christli­che Religion an diesem Beweise des Geistes und der Kraft einen eigenen göttlichem Beweis habe, als alle griechische Dialektik gewähren könne. Denn noch war zu seiner Zeit ›die Kraft, wun­derbare Dinge zu tun, von denen nicht gewichen‹, die nach Christi Vorschrift lebten; und wenn er ungezweifelte Beispiele hiervon hatte, so mußte er not­wendig, wenn er nicht seine eigenen Sinne verleugnen wollte, jenen Beweis des Gei­stes und der Kraft anerkennen.

Aber ich, der ich auch nicht einmal mehr in dem Falle des Origenes bin, der ich in dem 18. Jahrhundert lebe, in welchem es keine Wunder mehr gibt, – wenn ich anstehe, noch itzt auf den Beweis des Geistes und der Kraft etwas zu glauben, was ich auf and­re meiner Zeit angemessenere Beweise glauben kann, woran liegt es?

Daran liegt es, daß dieser Beweis des Geistes und der Kraft itzt weder Geist noch Kraft mehr hat, sondern zu menschlichen Zeugnissen von Geist und Kraft herabgesunken ist.

Daran liegt es, daß Nachrichten von erfüllten Weissagungen nicht er­füllte Weissagun­gen, daß Nachrichten von Wundern nicht Wunder sind. Diese, die vor meinen Augen erfüllten Weissa­gungen, die vor meinen Augen geschehenen Wunder wirken unmittel­bar. Jene aber, die Nach­rich­ten von erfüllten Weissagungen und Wundern, sollen durch ein Medium wirken, das ihnen alle Kraft benimmt.«[2]

Der Mann mit der Perücke faltet sein Manuskript zusammen und setzt sich, wieder lächelnd, wieder uns mit listigen Augen anblickend. Und es bleibt an uns, ihm zu antworten: »Sehr geehrter Herr Bibliothekar, wir danken Ihnen, daß Sie sich die Mühe nahmen, uns hier zu besuchen. Und ich darf Ihnen gewiß im Namen aller Anwesenden sagen, wie sehr wir uns durch Ihren Besuch geehrt fühlen. Ihre Worte haben gewiß alle sehr beein­druckt. Allerdings, Herr Bibliothekar, muß ich Sie darauf aufmerksam ma­chen, daß wir Pfarrer eben nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsicht­bare schauen. Und drum, Herr Lessing, sollten Sie sich einmal eine Predigt anhören über den Text aus Joh 20,29: ›Selig sind, die nicht sehen und doch glaubens«

Lessing antwortet: »Gewiß, lieber Herr Pfarrer Bohren, ich zweifle ja nicht, daß Sie und alle Ihre hier versammelten Kollegen sehr schön und rührend über die Seligen, die nicht sehen und doch glauben, zu predigen wüßten! Aber was soll dann ich Unseliger? Ich bin kein Gottes­kind. Ich bin ein Zweifler. Ich muß schauen. Bin ich darum ewig verloren?«

Auf diese Fragen hin bin ich etwas verlegen: »Sie werden dramatisch, Verehrtester, das ist Ihr Metier. Und ihre Pathetik kommt daher, daß Sie sich in eine Linie mit den zeichenfordernden Juden stellen und nicht hören und glauben wollen, was wir predigen: Christus den Gekreuzig­ten.« Nach einer kleinen Pause sagt Lessing leise:

»Sie zitieren Paulus. Sie sind als Theologe genötigt, ihn zu zitieren. Bene, bene. Aber verges­sen Sie nicht, daß der Zitierte ein chronischer Wun­dertäter war, ›so daß sogar Schweißtücher oder Lendentücher, ihm vom Leibe weg, zu den Kranken gebracht wurden und die Krankhei­ten von ih­nen wichen und die bösen Geister ausfuhren‹. Und ich frage Sie nun nicht nach der Wunderkraft Ihrer Nastücher und Ihrer Leibwäsche. Ich frage Sie nur: haben Sie als chroni­sche Wundertäter das Recht, das Paulus hatte, sich den zeichenfordernden Juden und unseres­gleichen gegenüber auf die Predigt des Kreuzes zurückzuziehen? Jesus kenne ich und von Paulus weiß ich; wer aber seid Ihr?«

Was soll ich ihm antworten? Bevor ich zum Reden komme, fährt Les­sing fort: »Sie haben sich schon manches Mal die Köpfe zerbrochen, war­um heute Tausende an der Kirche vorbei­gehen und Ihre Predigten nicht hören. Liegt der Grund etwa darin, daß Sie meine Fragen aus dem Jahre 1777 nicht ernst genommen und bis heute nicht beantwortet haben? Sie pre­digen, aber wo ist die Kraft in Ihren Worten? Sie erzählen Nachrichten von Wundern. Ganz rührend! Aber wo begegnet man in Ihren Predigten dem Wunder selbst? Wo ist der Geist und wo ist die Kraft? Weil die modernen Menschen dies in Ihren Predigten nicht fanden, drum suchen sie das Wun­der in der Natur und die Kraft im Motor.

Und nun weiß ich, daß viele von Ihnen sich auch sorgen darüber, daß immer wieder führende Köpfe zum Katholizismus konvertieren. Etwa im heutigen Deutschland Werner Bergengruen, Reinhold Schneider, Ruth Schau­mann, Gertrud von le Fort, Elisabeth Langgässer, Alfred Döblin, Franz Werfel und Edzard Schaper. Auch Hermann Hesse hat 1936 geschrieben, daß er sich dem römischen Katholizismus zuwenden würde, falls er je in eine Kirche zurückkehr­te.

Wissen Sie, vereinteste Herren, warum die Wege so vieler meiner Kol­legen nach Rom füh­ren? Rom hat zwar nicht den Beweis des Geistes und der Kraft, es hat aber ein herrliches Surrogat erfunden – die Messe. Hier ist das Geheimnis. Hier ist vom Weihrauch umnebelt und vom Glöddein beklingelt die Kraft und das Wunder. Das ist der Leim, dem meine modernen Kollegen gehorchen, auf dem sie nun auch klebengeblieben sind. Wären diese wackeren Män­ner auf den römischen Leim gegangen, wenn Sie und alle Ihre Kollegen in der evangelischen Kirche im Erweis des Geistes und der Kraft gepredigt und auch Wunder getan hätten?

Nein, haben Sie keine Angst, ich konvertiere nicht. Da wäre ich ja in der gleichen Verdamm­nis wie vorher. Weihrauch mag ich nicht riechen. Aber wo ist das Wunder? Sehen Sie, hoch würdige Herren, ich war zu Lebzeiten leider etwas boshaft mit Euresgleichen, habe die Ortho­doxie als ›unreines Wasser‹ bezeichnet und die Neologie mit dem Würdetitel ›Mistjauche‹ versehen. Da ich heute nicht mehr so boshaft bin, äußere ich mich nicht über Eure dialekti­schen, positiven, liberalen oder andersartigen Theolo­gien. Auch verschweige ich taktvoll, was ich von Euren mythologischen und entmythologisierten Predigten halte. Aber ich frage: wo ist das le­bendige Wasser? Wo strömt es? Als Fachleute des Mitleids werden Sie es einem Ver­storbenen nicht verargen, daß er mit Historie und historischen Glaubenstatsachen nichts an­fangen kann. Für ihn gilt nur die Kraft, die Tote auferweckt… So stehe ich heute noch jen­seits des garstigen breiten Grabens, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernst ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüberhelfen, der tue es, ich bitte ihn, ich beschwöre ihn. Er verdient einen Gotteslohn an mir.«

Hier setzt sich Herr Lessing. Aus seinem Gesicht ist aller Spott gewichen. Er blickt schwer­mütig im Kreis herum.

Da erinnere ich mich, daß Karl Barth über den alten Blumhardt schrieb, der habe die Frage nach der praktischen Bedeutung der neutestamentlichen Wunder, die Frage nach der Einheit von Seele und Leib, die Frage nach der realen Macht der Versöhnung, die Frage nach der Art und Gegenwart des Heiligen Geistes, die Frage nach der Realität der christlichen Hoffnung neu gestellt. Die akademische Theologie habe diese Fragen überhört. Dann schreibt Barth: »Der Augenblick mußte kommen und ist gekommen, der die Einsicht brachte, daß hier Ent­scheidendes zu lernen war: gerade für die akademische Theologie.«[3]

Hier stellt Lessing die Zwischenfrage: »Ja, was haben Sie, meine aka­demisch, theologisch gebildeten Herren, über diese Frage nun gelernt?« Etwas schüchtern nehme ich wieder das Wort: »Eben darum sind wir hier, um uns die Frage, die Sie und Blumhardt uns je von einem ganz verschie­denen Standpunkt aus stellten, neu und von innen her zu stellen und wenn möglich auch zu beantworten.«

Bei diesen Worten erhebt sich der alte Herr, verneigt sich leicht und sagt: »Ich bedaure außer­ordentlich, Sie nicht anhören zu können. Unsereins muß weiter. Entschuldigen Sie. Ich lasse Sie stehen.« Damit eilt er leichten Fu­ßes zur Tür. Dort dreht er sich noch einmal um: »Meine Herren, vielleicht höre ich später mehr von Ihnen, es sollte mich freuen.« Damit ist Lessing verschwunden. Seine Frage bleibt. Audi wenn der alte Fuchs sie nur übungs­halber, gymna­stikos gestellt hat. Die Frage bleibt. Der Gotteslohn an Les­sing ist noch nicht verdient.

So soll hier die Frage neu aufgenommen und in einigen Stichworten um­rissen werden zu­nächst in einer systematischen Besinnung über das, was Predigt ist; dann in einer skizzenhaf­ten Untersuchung von Wort und Kraft im Neuen Testament. Wenn ich zum Schluß versuche, mich an eine Ant­wort heranzutasten, so bin ich mir bewußt, daß das vorwitzig ist. Eine Ant­wort geben kann ich nicht. Aber ich liebe die Frage. Und ich denke jetzt an ein Wort, das Ril­ke einem jungen Menschen schreibt: »Forschen Sie jetzt nicht nach Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu le­ben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.«[4] So wollen wir denn versuchen, mitein­ander zunächst die Frage zu leben. Dabei wollen wir auch vor Einseitigkeit nicht scheuen.

II. Die Predigt des Gotteswortes

Überlegen wir, wer wir sind. Wir tragen alle den Titel VDM, verbi divini minister. Unser Beruf ist zu predigen. Das ist unsere Hauptaufgabe. Wir nehmen dazu Texte aus der Bibel, die wir meditieren und die wir dann auf der Kanzel, so gut wir reden können, auslegen. Was tun wir da? Die Reformatoren haben darauf eine eindeutige Antwort gegeben. So schreibt Luther: »Nu mag ich unnd eyn iglicher, der Christus wort redet, frey sich rhumen, das seyn mund Christus mund sey. Ich bynn yhe gewisz, das meyn wort nitt meyn, sondernn Christus wort sey, szo mus meyn mund auch des seyn, des wort er redet«[5] Und in einer Predigt über Joh 20, 19-31: »Das ist eyn groß trefflich Ding, daß eines jeglichen rechtschaffe­nen Pfarrherms und Predigers mund Christi mund ist, und seyn Wort und Vergebung Christi Wort und Vergebung ist.«[6] Bullinger schreibt im ersten Kapitel der Confessio helvética posterior: Praedicatio verbi Dei est verbum Dei. Desgleichen formuliert Karl Barth im § 22 seiner Kirchlichen Dog­matik: »Gottes Wort ist Gott selbst in der Verkündigung der Kirche Jesu Christi. Indem Gott der Kir­che den Auftrag gibt, von ihm zu reden, und indem die Kirche diesen Auftrag ausführt, ver­kündigt er selbst seine Offen­barung in seinen Zeugnissen.«[7]

Wer diese These anfechten will, schließt sich aus der Jüngerschaft dessen aus, der gesagt hat: »Wer euch hört, der hört mich« (Luk 10,16).

Lassen wir das einmal gelten: in der Predigt ergeht Gottes Wort selbst, in der Predigt begegnet der gekreuzigte und auferstandene Herr dem Men­schen. Es kann nicht meine Sache sein, nun eine ganze Christologie zu ent­falten, um von hier aus eine Homiletik zu entwerfen, nur einige Randbe­merkungen seien gemacht.

Gottes Wort ist weltschöpfendes Wort. »Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht« (1 Mose 1,3). »Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel herabkommt und nicht dahin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt, daß sie fnichtbar wird und sproßt und dem Säemann Samen und dem Essenden Brot gibt, so auch mein Wort, das aus meinem Munde kommt: es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern wirkt, was ich beschlossen, und führt durch, wozu ich es gesendet« (Jes 55,10 f). »Alle Dinge sind durch dasselbe geworden, und ohne das Wort ist auch nicht eines geworden, das geworden ist« (Joh 1,3). Dies Wort bleibt auch, wenn Himmel und Erde vergehen, und schafft den neuen Himmel und die neue Erde.

Dies Wort also ergeht, wenn der Pfarrer auf der Kanzel steht und seine Predigt hält. Das welt­schöpfende Wort, das nicht leer zurückkehrt und aus nichts etwas schafft. Es gibt nichts Wirk­sameres, Aktiveres, Schöpferische­res als das Wort. Die größte Tat des Menschen ist darum, dieses Wort zu verkündigen.

In einer der Sünde verfallenen und also dem Untergang geweihten Welt. schafft dieses Wort als Vergebungswort, als Evangelium neues Leben. Es hat zeugende Kraft. Drum kann Paulus den Korinthern das stolze Wort schreiben: »Wenn ihr zehntausend Zuchtmeister in Christus habt, so doch nicht viele Väter, denn in Jesus Christus habe ich euch durch das Evange­lium gezeugt« (1 Kor 4,15). Hören wir gut. Es ist nicht der Heilige Geist, es ist nicht Christus, es ist Paulus, der Mensch, der zeugt. Es ist der Mensch, der in Christus lebt und im Geist. So nennt er Onesimus sein Kind, das er in Fesseln gezeugt hat (Philemon 10). Und die Galater nennt er seine Kinder, um die er abermals Geburtsschmerzen leidet, bis Christus in ih­nen Gestalt gewinnt (4,19). Notieren wir auch hier: Paulus leidet. Paulus ist hier nicht der Zeu­gende, sondern der Gebärende, aber Paulus ist das Mittel, durch das Christus, die neue Schöp­fung in den Galatern Gestalt an­nimmt.

Die Predigt des Paulus war also ein zeugender oder ein gebärender Akt, ein Vorgang der Kraft. Die durch sein Wort Gezeugten und Geborenen wa­ren sichtbar, feststellbar. Man konnte sie sehen, sie lebten in der sichtba­ren Gemeinde.

Und wenn Otto Riecker Zahlen angibt über die Tausende, die durch Moodys Predigt bekehrt wurden,[8] so darf man das nicht einfach als Amerika­nismus abtun. Das zum mindesten ist biblisch, daß es sichtbare Frucht der Predigt gibt. Geben wir uns nicht mit einzelnen Halmen zufrieden. Es muß ein Feld sein, das hundertfältig Frucht bringt. Eine Gemeinde, in der Chri­stus Gestalt hat. Gestalt aber ist immer sichtbar.

Gottes Wort ist nun nicht nur im geistigen Sinn Leben schaffend. Es weckt Tote auf, es heilt Kranke. »Damit ihr aber wißt, daß der Sohn des Menschen Macht hat auf Erden, Sünden zu vergeben – sagt er zu dem Ge­lähmten: Ich sage dir: steh auf, hebe dein Bett auf und geh in dein Haus! Und er stand auf, hob alsbald sein Bett auf und ging vor aller Augen hin­aus, so daß sie alle erstaunten, Gott priesen und sagten: Solches haben wir noch nie gesehen« (Mark 2,10-12). Die Macht des Wortes Christi wird demonstriert daran, daß der Gelähmte sein Bett hinausträgt. So wirkt das Gotteswort. Es löst Fesseln der Krankheit, treibt Dämonen aus, zum Zei­chen dafür, daß der Satan vom Himmel gefallen und sein Reich zerstört ist. Die Frage nach der praktischen Bedeutung der Wunder darf nicht an Blumhardt zurückgewiesen werden. Es geht auch nicht an, die Gemeinschaf­ten und Sekten, die Glaubensheilung postulieren, einfach darum zu igno­rieren und abzutun, weil sie nun einmal nicht den akademischen Jargon reden und nicht zu unserer Landeskirche zählen.

Ein Drittes ist zu sagen. Das göttliche Wort bewirkt Reaktion. Das fleisch­gewordene Wort wird gekreuzigt. Wenn Paulus predigt, stellt sich regel­mäßig die Verfolgung ein. Gottes Wort wird widersprochen. Es ist eine Torheit und ein Ärgernis.

Ich fasse zusammen: Gottes Wort schafft neues Leben, indem es Sünde vergibt. Des zum Zei­chen heilt es Kranke und weckt Tote auf. Gottes Wort ist Kraft und schafft damit Gegenwart. Und ich fahre fort: wir predigen also Gottes Wort. Und ich frage: ist es wirklich dieses Wort, das wir pre­digen? Wo sind die Wirkungen seiner Kraft, wo sind die Lahmen, die ge­hen? Die Blinden, die sehen? Die Stummen, die reden? Die Toten, die auf­erstehen?

Ach, es ist die große Mode, von der Gnade zu predigen, aber wo ist die Gnade selbst? Wo ist die wirkliche Vergebung? Wo sind die, die von der Vergebung gehört haben und nun in der Vergebung leben? Wo ist die Ver­gebung real? Wo ist die neue Schöpfung?

Und wo ist der Widerspruch? Ich kann mich nicht eben über mangelnden Widerspruch bekla­gen, aber ich habe nun in meiner Gemeinde wohl gegen dreihundert Predigten gehalten, und -was ist das für ein Zeichen, daß weit­aus der größte Teil ohne für mich hörbaren Widerspruch hingenommen wurde? Ist es ein Zeichen dafür, daß meine Holderbanker so fromme Leute sind, oder ist das ein Symptom, daß Gottes Wort verharmlost wurde? Dem Herrn Jesus und den Aposteln passierte es, daß sie nach der Predigt einer Steinigung entrinnen mußten. Und wir legen wohl alle Wert auf eine Wie­derwahl, finden es abnorm, wenn ein Pfarrer nicht im Amt bestätigt wird.

»An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Ein Baum, der Jahr für Jahr im besten Fall ein gutes Dutzend guter Äpfel hat, ist ein unnützer Baum, ein fauler Baum, und der muß abgehau­en werden. Gewiß übt unse­re Predigt Einfluß aus. Gewiß gibt es Getröstete, Bekehrte und Empörte. Da und dort gibt es sogar Geheilte! Aber was ist mit dem Dutzend? Über und über behangen von Früchten müßte man sein. Und nun höre ich wie­der den Einwand, man müsse eben glauben, im Vertrauen auf die kom­mende Frucht predigen, säen, auf das Unsiditbare schauen. Man redet da sehr fromm oder sehr theologisch, aber was ist das für ein Bauer, der sein Leben lang sät und nie mäht?

Gewiß, es kann das geben, ein lebenslanges Säen im Vertrauen; aber das muß doch beachtet sein: das Wort ward Fleisch. Jesus Christus ist heute derselbe wie damals. Der Geist manife­stiert sich als Kraft. Gottes Wort kann nicht heute schwächer sein und blasser als am Anfang, da der Schöp­fer sagte: »Es werde Licht!« Gottes Wort ist heute nicht ohnmächtiger als in der Mitte, als Jesus zum Töchterlein sprach: »Thalita kumi!« Töchter­lein, stehe auf! Gottes Wort tut heute noch das, was es am Anfang und in der Mitte tat, oder es ist nicht Gottes Wort.

Es gibt nicht zweierlei Worte. Entweder lügen Jesus, Paulus, Luther, Bullinger und Barth, oder wir müssen unsere Hefte revidieren. Es ist ein Possenspiel, wenn man die Kraft Gottes so verinnerlicht und unsichtbar­macht, daß sie überhaupt nicht mehr da ist. Da steigt ein Pfarrer auf die Kanzel, er spürt nichts von der Kraft des Wortes, die Zuhörer spüren auch nichts, aber sie ist da, die Kraft; nach dem theologischen System des Pfar­rers muß sie da sein. Man hat dann wohl eine systematische, aber abstrak­te Kraft Gottes, man hat einen fleischlosen Chri­stus. Und das ist nach dem ersten Johannes-Brief der Antichrist.

Es wird nirgends ausgesagt, daß die Kraft abnehmen und die Zeichen schwinden müßten. Wenn P. Althaus meint, Verkündigung und Lehre be­dürfe die Kirche jederzeit, Heilung und Exorzismus bedürfe sie nicht im­mer,[9] so sei dazu die bescheidene Frage erlaubt, ob denn Geisteskrankheit und Körperkrankheit in gewissen Zeiten aufhören in der Welt, ob denn nur die Dummheit und Unkenntnis permanieren. Wenn wir an den Christus praesens glauben, dürfen wir nicht mit der alten Theologie die Geistesgaben als Charismen der apostolischen Kirche ansehen, die notgedrungen verblü­hen mußten, wie die Frühlingsblumen verblühen, wenn der Sommer kam.

Man könnte nun darauf hinweisen, daß wir nicht mehr in der Apostel­zeit leben und daß die Wunder der Bibel als Erscheinungen der Religions­geschichte der Vergangenheit angehören. – Daß die Wunder Jesu und die Wunder der Apostel in ihrer religionsgeschichtlichen Um­welt zu sehen sind, kann niemand leugnen. Aber dann muß ich noch einmal fragen: wo bleibt die Kraft? Sind die Wunder religionsgeschichtlich bedingt und also heute vorbei, dann müßte sich die Vollmacht wandeln und etwa ins Politische oder Wirtschaftliche eingreifen. Wo aber bleibt die verwandelte Vollmacht? Wo ist das wendende Wort? – Die Religionsgeschichte in allen Ehren; aber hier muß weiter gefragt werden: was geschieht mit den Unheilbaren? Was geschieht von der Predigt her mit den seelisch und geistig Kranken, die unsere Gesellschaft unter dem Anstrich von Humanität in Anstalten steckt, um sie also in antiseptischer Gefan­genschaft sich vom Leibe zu halten?[10]– Weiter: ist Jesus Christus im Lauf der Religionsge­schichte derselbe, dann kann man nicht dies als Glauben erklären, daß man ihn für den grund­sätz­lich Passiven hält. Man kann nicht das als rechten Glauben deklarieren, daß er der grund­sätzlich Untätige sei, denn das hieße aus seinem Kreuz einen steinernen Götzen machen und seine Auferstehung und Erhöhung leugnen.

Nun kann man darauf hinweisen, daß im Neuen Testament die Zeichen­forderung abgelehnt werde von Jesus, daß Paulus allem enthusiastischen Pneumatikertum widerstehe und auf seine Schwachheit verweise. Man kann hier die theologische Richtigkeit aussprechen, daß wahrer Glaube gerade nicht Mirakelglaube sei. – Ich meine aber, wir haben kein Recht, hier theo­logisch Richtiges zu sagen, solange wir damit nur unsere Sterilität recht­fertigen. – Jesus hat den Kranken keine Vorträge über den rechten Glau­ben gehalten, sondern hat sie geheilt. Ich meine, wir hätten so lange kein Recht, wider die Zeichenforderung zu reden, als uns das Zeichen fehlt.

III. Wort und Kraft im Neuen Testament

Die Frage Lessings bleibt. Auch wenn sie unbequem ist. Sie wird erst recht deutlich vom Satze aus, daß in der Predigt Gottes Wort ergeht. Wir ver­suchen die Frage nochmals zu beleuchten, indem wir das Neue Testament aufschlagen. Markus notiert, daß Jesus predigte wie einer, der Exusia hat, und nicht wie die Schriftgelehrten (1,22). Man mag mit dem Eng­länder Daube diese Exusia deuten auf die Vollmacht, Grundsätze von Lehren und Ent­schei­dungen in bindender Kraft aufzustellen. Man wird aber nicht über­sehen, daß die Exusia dadurch aktualisiert wird, daß Jesus einen unreinen Geist austreibt. Der Exorzismus bildet dann sozusagen den Schlagschatten seiner neuen Lehre voll Gewalt (1,27).

Das Predigtamt ist für Jesus das Primäre, »dazu bin ich ausgegangen« (Mark 1,38). Wenn Gogarten hier interpretiert, Jesu Aufgabe sei nicht das Wunder, sondern die Verkündigung,[11] dann ist daran nicht zu rütteln, daß Jesus zum Verkündigen ausgesandt war, es ist aber zu fragen, ob hier nicht eine falsche Gegenüberstellung konstruiert werde, ob denn die Ver­kün­digung überhaupt verstanden werden könne, wenn sie vom Zeichen ge­trennt werde. Das Neue Testament sieht m. E. grundsätzlich beides zu­sammen. »Und er ging und predigte in ganz Galiläa in ihren Synagogen und trieb die Dämonen aus« (1,39). Auch hier wieder ist die Dämonen­austreibung aufs engste verknüpft mit der Predigt. Matthäus hat diesen Bericht erweitert: »Und er zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Syn­agogen, predigte das Evan­gelium vom Reich und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen im Volke« (4,23). Später wiederholt er diesen Be­richt in 9,35: »Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.«

Die Jünger aber bekommen schon bei der Berufung den Befehl zur glei­chen Funktion, die ihr Herr ausübt. »Und er bestimmte zwölf, damit sie um ihn wären und damit er sie aussenden könnte zur Predigt des Evange­liums und mit der Macht, die Dämonen auszutreiben« (Mark 3,14 f). In der Aussendungsrede wird das noch deutlicher: »Wenn ihr aber hingeht, so predi­get: ›Das Reich der Himmel ist genaht‹. Heilet Kranke, wecket Tote auf, machet Aussätzige rein, treibet Dämonen aus! Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebet es« (Matth 10,7!). Das Empfangene und die Gabe sind eins. Sie haben das Wort empfangen vom Reich, sie geben es weiter, indem sie predigen und indem sie als Beweis der Richtigkeit ihrer Predigt die Wunder tun.

Lukas betont, daß mit der Exusia noch Kraft, Dynamis gegeben werde. »Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Macht und Gewalt über alle Dämonen und zur Heilung von Krankheiten. Und er sandte sie aus, das Reich Gottes zu predigen und zu heilen« (9,1, cf. 6).[12] Wenn die Jün­ger voll Freude über die erfahrene Vollmacht zurückkehren, so hebt Je­sus hervor, daß diese Vollmacht sie vor allen Angriffen des Feindes schützt. »Siehe, ich habe euch die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und Macht über alle Gewalt des Feindes, und er wird euch keinen Schaden zufügen« (10,19). Paulus erlebt auf Malta die Kraft dieses Wortes, indem ein Natternbiß ihn nicht vergiftet (Apg 28,3-6).

Im Markus-Schluß endlich wird die Predigt als Werk des Apostels, das Zeichen aber als Bestätigung des Herrn dargestellt: »Sie zogen aus undpredigten überall, indem der Herr mitwirkte und das Wort durch die be­gleitenden Zeichen bestätigte« (16,20). Den gleichen Sachverhalt finden wir auch in Apg 14,3: »Sie hielten sich nun geraume Zeit dort (in Iko­nium) auf und predigten freimütig im Vertrauen auf den Herrn, der für das Wort seiner Gnade Zeugnis ablegte, indem er Zeichen und Wunder durch ihre Hände geschehen ließ.« Während in den ersten Steilen die Krafttat, die Dynamis, eine Aktualisierung der Exusia ist, die der Jünger hat, so wird hier das Wunder von der Wortverkündigung getrennt. Der Herr ist es, der mit den Jüngern wirkt und das Wunder schafft. So wird auch im Gebet der Gemeinde um dieses Doppelte gebeten, um das Wort vom Herrn und um Heilung, Zeichen und Wunder: »Und jetzt, Herr, sieh auf ihre Dro­hung und verleihe deinen Knechten, dein Wort mit aller Freimütigkeit zu verkündigen, indem du die Hand ausstreckst zur Heilung und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus« (4, 29). Die Gabe des Wortes und das Bewegen des göttlichen Armes sind zweierlei. Doch ist das wohl nicht so zu verstehen, daß das Wort kraftlos wäre, denn nach Lukas ist den Jüngern beides verheißen worden: Kraft­verleihung und Einsetzung in den Zeugendienst. »Ihr seid Zeugen dafür, und siehe, ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch« (Luk 24,48 f). Dies wird wiederholt in Apg 1,8: »Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist über euch kommt, und werdet meine Zeugen sein.«

Wie bei Jesus liegt auch bei den Jüngern die Kraft einerseits im Wort, das die Menschen überwindet. So heißt es Apg 4,33: »Mit großer Kraft leg­ten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab und große Gnade war auf ihnen allen.« Diese Kraft wird anderseits im Wunder manifest. »Durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder unter dem Volke« (4,12).

Sehr aufschlußreich ist die Verteidigung, die Petrus nach der Heilung des Lahmgeborenen gibt. »Ihr israelitischen Männer, was wundert ihr euch über diesen oder was blickt ihr auf uns, als hätten wir durch eigene Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, daß er umhergeht?« (3,12). Die Kraft, die in den Aposteln wirksam ist, ist also Kraft des Herrn. Von diesem Herrn, von seinem Sterben und Auferstehen ist dann in den Versen 13-15 die Rede. Und nun wird gesagt, wie diese Kraft wirksam werde: »Und weil wir an seinen Namen glauben, hat sein Name den Mann, den ihr da seht, kräftig gemacht, und der durch ihn gewirkte Glaube hat ihm vor euer aller Augen die volle Gesundheit gegeben« (3,16). Der Name heilt den Lahmen. Er tut das, indem die Jünger an diesen Namen glauben. Es ist also der geglaubte Christusname, ¿er heilt. Ob es allein der Glaube der Jünger ist oder ob der Glaube des Gelähmten auch mitwirkt, wird nicht ganz deutlich; aber das wird deutlich, daß der Glaube an den Namen ihm die volle Ge­sundheit gegeben hat. Wir notieren uns das also am Rand: die Kraft, die im Wort ergeht und das Wort begleitet, kommt aus dem Glauben. Der Glaube macht das Wort kräftig, wie ande­rerseits das Wort den Glauben bewirkt. Wenn also die Apostel Wunder tun, oder genauer, wenn Jesus Wunder wirkt auf das Wort der Apostel hin, so geschieht dies darum, weil die Apostel das Wort glauben.

Das Nebeneinander von Wort und Wunder finden wir auch bei Stepha­nus. »Stephanus aber voll Gnade und Wahrheit und Kraft tat große Wun­der und Zeichen unter dem Volk« (6,8). Wenn er dann mit denen aus Cilicien und Asia diskutiert, so heißt es, daß sie ihm nicht zu widerstehen vermochten, der Weisheit und dem Geiste, womit er redete (10: ouk íschyon antistēnai).

Es ist interessant, daß das Verb ischýein verwendet wird. Ihr Vermögen ist durch die Kraft seines Zeugnisses überwunden. Sie sind selbst über­wunden. Um sich nicht bekehren zu müssen, greifen sie zu Lüge und Verleumdung.[13]

Audi Paulus führt die Kraft auf Christus zurück, und sie wirkt auf ihn in zweierlei Weise: in Wortverkündigung und Wundertaten. So schreibt er im Römerbrief: »Ich werde nicht wagen, von etwas zu reden, was nicht Christus durch midi gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu brin­gen durch Wort und Tat in Kraft von Zeichen und Wundem, in Kraft des Heiligen Geistes, so daß ich von Jerusalem und ringsumher bis nach Illy­rien das Evangelium von Christus vollständig verkündigt habe« (15,18 f). Und aus dem zweiten Korintherbrief wird deutlich, daß er in Korinth nicht nur gepredigt hat, wie das aus der Apostelgeschichte vermu­tet werden könnte: »Die Zeichen des Apostels sind unter euch gewirkt worden in al­ler Aus­dauer durch Zeichen und Wunder und machtvolle Taten« (12,12).

Auf die kraftvolle Verkündigung spielt er auch im Thessalonicherbrief an: »Unsere Verkündi­gung des Evangeliums geschah bei euch nicht nur in Rede, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Zuver­sicht« (I. 1,5). Auf die Kraft der Verkündigung ist wohl auch 1 Kor 2, 1-4 zu deuten: »Und ich bin, als ich zu euch kam, ihr Brüder, nicht so ge­kom­men, daß ich kraft eines Vorzugs in Rede oder Weisheit das Zeugnis Gottes verkündigt hätte; denn ich beschloß nichts unter euch zu wissen als Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten. Und ich trat in Schwachheit und in Furcht und in viel Zaghaftigkeit bei euch auf, und meine Predigt bestand nicht in überredenden Weisheitsworten, sondern in Erweisung von Geist und Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gotteskraft beruhe.«

Daß die Verbindung von Wort und Kraft nicht auf die Apostel beschränkt bleibt, sondern auf die Gemeinde übergreift, wird mehrfach deutlich. Bei den Galatern kann er feststellen, daß auf Grund der Predigt vom Glauben, der Geist dargereicht und Wunderkräfte bewirkt wurden. Die Galater ha­ben im Geist wohl nicht nur gepredigt, sondern auch geheilt (3,5).

Im ersten Korintherbrief werden ja auch die verschiedenen Charismen auf einen Geist zurück­geführt, »und es gibt Verschiedenheiten in der Zu­teilung von Kraftwirkung (Energema), doch nur einen und denselben Gott, der alles in allem wirkt«. Und dann werden aufgezählt: Weis­heitsrede, Erkenntnisrede, Glaube, Heilungen, wirkungskräftige Machttaten (Dynameis), Pro­phetie, Unterscheidung der Geister, Zungenrede, Auslegung der Zungenrede (12,8-11). Deut­lich sind hier Verkündigung und Wun­der einander zugeordnet.

Aus der nachapostolischen Zeit ist endlich noch eine Stelle aus dem He­bräerbrief zu erwäh­nen: »Wie werden dann wir entrinnen, wenn wir ein so großes Heil mißachten, das, nachdem es mit der Verkündigung durch den Herrn den Anfang genommen hatte, von den Hörern bis auf uns sicher überliefert worden ist, -wobei Gott zugleich Zeugnis gab durch Zeichen und Wunder und vielerlei machtvolle Taten und Zuteilungen des Heiligen Gei­stes nach seinem Willen« (2,3 f). Auch hier wird neben die Verkündigung das bezeugende Handeln Gottes gestellt, das von Christus bis auf die Zeit des Hebräerbriefes dauerte.

Bezeichnend sind in diesem Zusammenhang noch zwei Stellen. Wenn Paulus nach Korinth zurückkehrt, ist der Maßstab, mit dem er die Korinther mißt, nicht das System, nicht die Dogmatik, sondern die Kraft. »Ich werde jedoch bald zu euch kommen, wenn der Herr will, und werde nicht auf die Worte der Aufgeblähten achten, sondern auf ihre Kraft, denn nicht auf Worten beruht das Reich Gottes, sondern auf Kraft« (1 Kor 3,19). Hier ist deutlich eine Ge­genüberstellung von Wort und Kraft. Es gibt also ein Wort, ein Verkündigen, das ganz korrekt tönt, aber nur eine klingende Schelle, ein tönendes Erz ist. Paulus vermutet offenbar, daß es in Korinth eine Verkündigung gebe, die ähnlich wie bei den Schriftgelehrten ohne Kraft sei.

Gegen diese Front der Judaisten kämpft er auch im 2. Korintherbrief. Deutlich wird die Spitze gegen die Selbstgerechtigkeit und wohl auch gegen die Pedanterie gerichtet: »Unsere Tüchtig­keit stammt von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchsta­bens, sondern des Geistes, denn der Buchstabe tötet, der Geist macht leben­dig« (3,5 f). Hier ist von Tüchtigkeit die Rede. Hier wird der Dienst am Buchstaben, der tötet, gegenübergestellt dem Dienst am Geist, der leben­dig macht. Paulus kämpft an der gleichen Front, an der Jesus kämpfte, an der Front gegen pharisäische Schriftgelehrsamkeit.

Halten wir inne. Auf der einen Seite gibt es eine ganze Menge neutestamentlicher Stellen, in denen die Kraft im Wort eingeschlossen oder die Kraft dem Wort zugeordnet ist. »Kerygma und ›Gaben‹, Kerygma und ›Zeichen und Wunder‹ gehören zusammen.«[14] Auf der andern Seite kann das Wort im Gegensatz zur Kraft oder zum Geist stehen.

IV. Unser Predigtauetrag und die Kraft

Von den am Neuen Testament gewonnenen Einsichten her muß geprüft werden, ob unsere Predigt Gottes Wort sei, wirklich sei, oder schlichter, ob die Auslegungen und Moralreden, die so korrekt auf unsern Kanzeln ge­halten werden, auch Predigten seien. Der Herr ist der gleiche, seine Kraft ist die gleiche. Wir predigen den Gekreuzigten. Wir wollen auch den Glau­ben predigen. Warum bezeugt sich Gott nicht, warum wirkt er nicht? War­um gleicht heute unsere Predigt wohl viel mehr der Predigt der Schriftge­lehrten als der Predigt der Apostel? Warum ist dann unsere Predigt offen­sichtlich zum Dienst des Buchstabens gewor­den und nicht Dienst des Gei­stes? Warum reden wir im schlimmsten Fall wie die Aufgebläh­ten? Diese Fragen sind Gerichtsfragen. Sie richten unsere Predigt.

Ich greife zum mir nächstliegenden Beispiel, das bin ich selber. Ich bin der Meinung, ich kön­ne einigermaßen predigen, ich bereite mich sorgfältig vor, achte darauf, keine Häresien zu erzählen, es ist mir ein Anliegen, Chri­stus, und nur ihn, zu verkündigen. Ich treibe Exegese, meditiere, bete, schreibe jede Predigt sorgfältig nieder. Und nun kann es geschehen, der sel­tene Fall kann eintreffen, daß ich den Eindruck habe, die Predigt ist gut, sogar sehr gut. Das Wort hat mich selber gepackt. Ich predige, spüre, daß die Leute mitgehen und auch gepackt sind. Was ist das für ein spannen­der Augenblick, der Augenblick, da das Wort ergeht! Wie mußte Petrus gespannt sein, als er zu der Toten sprach: »Tabitha, steh auf!« Was ist das für ein spannender Bruchteil eines Augenblicks, bis sie die Augen öffnet und lebt! So ist es doch am Sonntag. Da hat man einigen toten Seelen ge­predigt, man steigt von der Kanzel, der Augenblick vergeht, Tabitha öffnet das Auge nicht, Tabitha bleibt tot. Es hat gedonnert auf der Kanzel, aber der Blitz schlug nicht ein. Es hat geknallt, aber die Einschläge sind nicht feststellbar. Vielleicht war die Munition blind. Es hat geraucht, aber die Flammen sind er­stickt. Niemand brennt.

Und dann ist der Weg von der Kanzel der Weg des Petrus über das Meer, die Wellen kom­men, der Zweifel kommt und Petrus sinkt. – Nun rede ich da von seltenen Augenblicken. Ist nicht dies noch viel häufiger, daß man im Grunde gar nichts erwartet? Nehmen wir einmal den Bettag.[15] Da hat man Gelegenheit, es allem Volk zu sagen; aber Hand aufs Herz, was habt ihr z.B. von der letzten Bettagspredigt erwartet? Was erwarten wir von der Pfingstpredigt? Erwarten wir konkrete Frucht? Oder ist das, was wir tun am Sonntag, einfach ein Schlag ins Wasser, ein Säen in der Wü­ste? Wie mancher Pfarrer gleicht doch dem Gramper, der jahraus, jahrein auf der gleichen Strecke mit dem Pickel gegen die Steine schlägt. Jahraus, jahrein wird gepredigt, aber kein Zug fährt über jene Strecke. Der Gramper aber hackt immerfort zu, er ist dazu angestellt. Die Leute sagen, der Pfar­rer predigt, weil er dafür bezahlt ist.

Nein, so kommt auch Lessing nicht über den Graben. So bleibt die Welt gottlos. Und die Schuld trägt nicht die Welt, sondern wir. O was ist doch das für eine Anklage gegen uns, wenn J.-P. Sartre von Gott schreibt: »Er ist tot, er sprach zu uns und nun schweigt er, wir berühren nur noch seinen Leichnam… Dieses Schweigen des Transzendenten verbunden mit der Fortdauer des religiösen Bedürfnisses beim modernen Menschen, das ist die große Ange­legenheit heute wie gestern. Es ist das Problem, das Nietzsche, Heidegger, Jaspers peinigt.«[16] Floren wir gut: es peinigt die besten moder­nen Köpfe, daß sie Gott nicht hören können. Wo Sartre mit der Kirche in Berührung kommt, mit Christi Leib, berührt er nur seinen Leichnam. Und wir sind Gottes Mund. Hier irrt Sartre, Gott lebt. Wir sind Glieder an sei­nem. Leib, und der ist auferstanden. Aber der moderne Mensch kann aus unserer Predigt Gott nicht hören. Er kommt zum Schluß, daß er tot ist. »Er sprach zu uns, und nun schweigt er.« Das ist Gericht. Gottes Wort, das uns anvertraut ist, ist voll Kraft, und wir haben es verfälscht. Drum müssen wir uns selbst richten.

O liebe Freunde, ich weiß, daß jetzt besonders Eifrige Beispiele präpa­rieren, die sie in der Aussprache zum besten geben können, um zu zeigen, wie ihre Predigt wirkte. Erbauliche Ge­schichten könnte ich auch berichten. Wenn schon Bileams Esel reden konnte, so ist es doch nicht verwunderlich, wenn auch bei einem Pfarrer einmal etwas Rechtes herauskommt. Aber es bleibt dabei, daß der Esel nachher wieder wiehert wie vorher, es bleibt da­bei, wenn da und dort einmal etwas geschieht, so ist das eine Wirkung, die bald wieder aufhört. Und immer noch bleibt die Frage: wo ist die Kraft?

Von drei Seiten her ist sie uns gestellt, 1. Von Lessing und Sartre und den »toten Seelen« her. 2. Vom systematischen Durchdenken dessen, was Predigt ist. 3. Von der exegetischen Besin­nung darüber, wie der Herr, die Apostel und die ersten Christen in Erweisung des Geistes und der Kraft verkündigt haben. Immer wieder wird deutlich, daß -wir wohl die Buchsta­ben, das System haben, daß aber die Kraft fehlt. Und drum gilt es nun diese Frage nach der Kraft zu lieben, und nun auch zu untersuchen, was die Kraft ist.

Aus dem bisher Erarbeiteten wird klar: es ist nicht unsere Kraft.[17] Sie ist auch nicht magisch-sakramentaler Art und so an die Predigt oder an das Schriftwort gebunden, sondern es ist die Kraft des Herrn, die sich mit dem Wort, mit unserem Wort verbindet. Die Frage nach der Kraft der Predigt stellen, heißt also nach dem Heiligen Geist fragen.

Eduard Schweizer[18] hat uns gezeigt, daß Markus und Matthäus in erster Linie den Geist ver­standen haben als Kraft zum Exorzismus. Ich glaube, daß wir zu diesem ursprünglichen Geist­verständnis der ersten Zeugen zu­rückkehren müssen, um den Heiligen Geist richtig zu ver­stehen. Der Heili­ge Geist ist ja viel mehr als die Kraft zum Exorzismus. Aber wenn wir sehen, daß das eine seiner ersten Funktionen war, entgehen wir der Ge­fahr, den Geist mit Rom hier­archisch-sakramental zu kanalisieren, oder ihn mit dem Idealismus und Neuprote­stantismus ins rein Spirituelle verdamp­fen zu lassen.

Und nun ist am Pfingstfest die Kraftbegabung vollzogen worden.[19] Schon Harnack hat das Thema der Apostelgeschichte formuliert als »Die Kraft des Geistes Jesu in den Aposteln geschichtlich dargestellt«. Hören wir dazu, was der alte Blumhardt in seiner Auslegung der Joelschen Pfingstweissagung sagt: »Wir müssen bedenken, daß der Heilige Geist als ein Per­sönli­ches aus Gott muß erkennbar, fühlbar, ja sichtbar sein. Er soll als Geist und Feuer da sein, mindestens mit dem in der apostolischen Zeit sichtbaren Feuerglanz. Er soll da sein als ein Geist mit außerordentlichen Kräften, wel­che die Bestimmung haben, die Kräfte der Fin­sternis vom Menschen auszu­reuten, dem jammervoll verunstalteten Menschengeschlecht zu etwas Bes­serem heraufzuhelfen, allem Übel zu steuern und dem Wort eine Bahn in aller, auch der ruchlosesten Menschen Herzen zu brechen. Denn der Geist soll die Welt strafen (Joh 16,8). So war der Geist einst da; und so haben wir Ihn nicht mehr.«[20] Dabei ist zu beachten, daß Pfingsten auch ein sub­jektives Erlebnis der Jünger war und darum seinen psychologi­schen Aspekt hat. »Sie sind voll süßen Weines«, sagen die Unverständigen. Karl Barth macht in der Auslegung des dritten Artikels zunächst folgende Feststel­lung: »Es ist der Mensch, der jetzt in den Blickpunkt des Bekenntnisses rückt.«[21]

So wird denn vom Empfangen der Kraft und Angetanwerden mit Kraft, vom Getauftwerden mit Heiligem Geist, vom Erfülltwerden mit Heiligem Geist, vom Wandeln im Geist geredet. Darum braucht es offenbar vom Menschen her gewisse Voraussetzungen zum Geistempfang. Blumhardt meinte: »Der Geist will reinere Gefäße haben, als wir vorerst sind.«[22]Christus kam, als die Zeit erfüllet war. Das Kommen des Geistes ist ge­bunden an sein Sterben, Auf­erstehen und an seine Himmelfahrt. Weil aber der Geist Gottes Selbstmitteilung an den Men­schen ist, darum darf der Mensch als Träger, als Gefäß, als Tempel des Geistes nicht unter­schätzt werden. Es ist nicht so, als ob der Mensch mächtig wäre über den Geist, als ob er durch irgendwelche Machination der Technik ihn herbeizwingen könn­te; aber es ist so, daß der Mensch den Geist betrüben, dämpfen, vertreiben kann. Das ist des Geistes Knechtsgestalt, seine Erniedrigung. Das ist die Freiheit des Geistes, daß er sich an den Menschen bindet, daß er eins werden will mit den Menschen, so daß im Nikodemusgespräch der Geist und im Gala­terbrief Paulus es ist, der zur Wiedergeburt verhilft.

Und nun ist es wiederum Blumhardt, der betont, daß der Heilige Geist nicht nur eine vorüber­gehende Gotteskraft sei, die einmal von oben wirke und dann wieder aufhöre, daß der Geist im Menschen wohne als das Per­sönliche aus Gott, fühlbar und vernehmbar.[23] »Wer den Heiligen Geist in sich hat, hat Ihn bleibend, und steht über allen Zweifeln erhaben, wie wir auch kein Beispiel im Neuen Testamente finden, daß jemand, der den Hei­ligen Geist gehabt hätte, je wieder, so für die Langeweile, wie man es bei vielen in -unserer Zeit findet, in Zwei­fel über seinen Gnadenstand gekom­men wäre.«[24] So hat Blumhardt den Heiligen Geist verstanden als etwas Konstantes. Und das war sein großer Schmerz, daß er ihn nicht mehr sah: »Der von Gott ausgegossene Geist ist so nicht mehr da, als Er dagewesen ist, und sollte doch da sein, weil ohne Ihn Millionen nicht mehr zu retten sind aus ihrem Elend und ihrer Verkommenheit, und doch gerettet werden sollten.«[25] So steht Blumhardt als ein Bittender und Wartender mitten im neunzehnten Jahrhundert.

Das gehört nun offenbar zu der menschlichen Seite des Geistempfanges, daß wir als Wartende in der Zeit stehen. Heiliger Geist will erbetet sein. Er will erfragt werden. Und zur Bitte um den Heiligen Geist gehört die Bitte um das vollmächtige Wort, denn das Wort ist das Schwert des Geistes. Darum mahnt Paulus die Epheser, sie möchten für ihn bitten, daß ihm das Wort geschenkt werde. Zu dieser Bitte um das Wort gehört unser ganzes Studium, die Exegese und die Dogmatik. Wie um das Wort, so darf auch um die Kraft gebetet werden. So bittet die Urgemeinde um Zeichen, und jedes Wunder ist erfüllte Bitte. Die Bitte um die Kraft gehört zur Bitte ums Reich, da das Reich in Kraft besteht. Und weil der Geist Angeld des Reiches ist, darum ist die Bitte um die Kraft ein Teil der Bitte um den Geist.

Und nun meine ich, daß, wie Exegese und Dogmatik als menschliche Tat eingeschlossen sind in die Bitte um das Wort, es so ein menschliches Tun geben muß, das eingeschlossen ist in die Bitte um die Kraft.

Blumhardt hat über diesen Sachverhalt eindeutig geredet. Er meinte, es liege an uns, wenn die Wunder heute ausblieben. »Vielmehr hängt es, wie ich finde, nach der Schrift, nur von der Haltung des Volkes zu seinem Bun­desgott ab, ob man von Ihm etwas sehen und erfahren dürfte, das man, weil von Ihm allein kommend, Wunder nennen muß.«[26] Es würde nun nach Blumhardt darum gehen, die Haltung des Gottesvolkes zu untersu­chen, die es Gott unmöglich oder möglich macht, gegenwärtig zu sein und zu wirken. Wir können das heute nicht tun. Wir wollen uns aber auf einen schmalen Sektor beschränken, indem wir untersuchen, was vor dem Predi­gen in Geist und Kraft geschieht. Bevor Jesus predigte als einer, der Exusia hat, hält er sich, vierzig Tage in der Wüste auf. Diese vierzig Tage wa­ren für ihn, wie Kittel ausführt, »eine Zeit des Umgangs mit Gott«.[27] Der Geist hatte ihn in die Wüste geführt. Dort fastete er, und sicherlich hat er dort in diesen vierzig Tagen gebetet. Die Wüste war für Jesus der Ort des Gebets.

Die Zwinglibibel übersetzt etwas unscharf érēmos tópos als »einsamer Ort«. Wir haben aber hier die Wüste zu verstehen. Dahin zieht er sich nach den Heilungen zurück. So berichtet Markus: »Und am Morgen, als es noch sehr dunkel war, stand er auf, ging hinaus und begab sich an einen einsamen Ort und betete dort« (1,35). Auch Lukas berichtet nach der Hei­lung eines Aussätzigen, wie er sich in einsame Gegenden, also in die Wüste zurückzog und dort im Gebet verweilte (5,16). Jesus hat offenbar vor und nach seinen Wundertaten in der Wüste ge­betet. Bei seinem ersten vierzig­tägigen Wüstenaufenthalt wurde er versucht. Und indem er in der Wüste den Teufel überwand, konnte er nachher in den Dörfern die Dämonen aus­treiben. So steht vor Jesu Wirksamkeit diese Wüstenzeit, und während sei­nes Wirkens hat er sich nun offenbar da wiederum Kraft geholt.

Barrett bringt das in Zusammenhang mit dem Volk, das vierzig Jahre in der Wüste zubringt, dort versucht und gestärkt und gespiesen wird und dort von seinem Gott das Wort, das Gesetz, bekommen hat.[28] Die Wü­stenzeit hatte einen besondern Heilscharakter. Kittel[29] bestreitet den Zu­sammenhang mit der Wüstenzeit des Volkes Israel und erinnert an das vier­zigtägige Fasten des Mose: das war zuerst ein Fasten, um auf Gottes Wort zu hören, »und er blieb daselbst bei dem Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte, ohne Brot zu essen und Wasser zu trinken, und er schrieb auf die Tafel die Worte des Bundes, die zehn Worte« (2 Mose 34,28). Zum zwei­ten­mal ist es die Fürbitte für das Volk: »Und ich fiel vor dem Herrn nie­der, vierzig läge und vier­zig Nächte lang wie das erstemal, ohne Brot zu essen und Wasser zu trinken, um all eurer Sünde willen, die ihr begangen, da ihr tatet, was dem Herrn mißfiel, so daß er ihn reizte; denn ich fürch­tete mich vor dem Zorn und Grimm, den der Herr wider euch hegte, so daß er euch vertilgen wollte« (5 Mose 9,18 f).

Dabei wäre noch zu bedenken, daß Gott seine Knechte schon im Alten Testament durch Wü­stenzeiten führte. Mose wird versucht, flieht als Räu­ber in die Wüste und wird dort berufen. Joseph kommt nach Ägypten und ins Gefängnis. David flieht vor Saul in die Wüste. Auch Paulus macht Wü­stenzeit durch. Nach seiner Bekehrung fängt er sofort an zu predigen (Apg 9,22). Von Kraft ist da nicht die Rede. Erst nachdem er zwei Jahre in Ara­bien weilte, also offenbar in der Wüste, war er der Paulus, der in Erweis des Geistes und der Kraft predigte. Ich glaube, auch das ist nicht Zufall, daß die Jünger während vierzig Tagen vor Pfingsten den Herrn bei sich hatten, der mit ihnen redete.

Es gibt also in der Bibel eine Vorbereitungszeit für das Wirken im Geist und in der Kraft: die Zeit in der Wüste! Man lese daraufhin etwa Gottfried Arnolds »Leben der Altväter und ande­rer Gottseligen Personen« (1700) und wird dann dort fast schematisch das finden, daß einer als Eremit in die Wüste zieht, dort Anfechtungen erduldet, kämpft im Gebet, und von da an ist Sieg im Leben des Einsiedlers, Menschen kommen zu ihm, suchen seine Seelsorge, Wunder werden gewirkt, der Zulauf wird so groß, daß der Einsiedler an einen noch einsame­ren Ort ziehen muß. Aber auch da wird er aufgesucht, eben weil eine Kraft von ihm ausgeht. Oder dann geschieht es, daß der Einsiedler von der Wüste in die Stadtnähe gesandt wird, um dort zu wirken. Man denke auch an Martin Luthers Klosterzeit. Auch da Fasten, Beten, Rin­gen, An­fechtung über Anfechtung und schließlich der Sieg durch das Wort. Und von da an die Voll­macht. Man denke an den alten Blum- hardt, der zwei Jahre lang um die Gottliebin Dittus kämpfte, fastete und betete, schlaflose Nächte durchwachte, bis er sich durchrang zum Hören des Wortes »Jesus ist Sieger«. Von da an kam die Erweckung. Es kam die voll­mächtige Pre­digt, es kamen die Wunder. Man betrachte das Leben des Pfar­rers von Ars, der fastete, sich geißelte und in den Nächten mit dem Teu­fel rang. Dieser halbidiotische, unterdurchschnittlich begabte Pfarrer hat durch seine Predigt ein Dorf umgewandelt und ist schließlich der größte Beichtvater Frankreichs geworden. Man höre bei I. Smolitsch, »Leben und Lehre der Star­zen«, wie der Vater Serafim drei Jahre lang mit erhobenen Händen auf einem Stein kniet und um Gnade fleht, weitere drei Jahre in Schweigen versinkt, fünfzehneinhalb Jahre in strenger Klausur lebt, jeden Tag ein Evangelium, die Apostelgeschichte und alle Briefe des Neuen Testa­ments liest, dann während acht Jahren in einem Segen sondergleichen als Starez wirkte. Und man vergleiche damit unsere Ausbildung: acht Seme­ster Studium, ein Lehrvikariat, und schon steht der Pfarrer Sonntag für Sonntag auf der Kanzel.

Geführt werden in die Wüste, das heißt Stille und Versuchung. Schon bei der Schöpfung war es ja so. Der erste Tag des Menschen war ein Sabbath, ein Feiertag, der Tag des Hörens auf Gottes Wort, der Tag der An­betung, des Lobes und des Dankens. Und nach dem ersten Sab­bath oder vielleicht schon während dieses Sabbaths kommt die Schlange, es kommt die Ver­suchung und verführt die Eva. Bei der neuen Schöpfung ist es nicht an­ders. Zuerst der Fei­ertag, die Sabbathstille, die vierzig Tage Wüste, die vierzig Tage Umgang mit dem Vater und dann in diesen vierzig Tagen die Versuchung, die sieghaft überwunden wird. So war die Zeit vor Pfingsten, so war Arabien für Paulus, das Kloster für Luther, die Kampfzeit für Blum­hardt.

Die Wüste ist also der Ort, wo Gott zu seinem Volk redet, der Ort, wo man betet. Die Wüste ist zweitens der Ort der Dämonen, der Ort des Teufels, der Ort, wo man stirbt und umkommt. An diesem Ort müssen wir stehen, da wo wir ganz arm und hungrig sind, mit der Frage, die wir lieben, mit der Frage nach dem Geist. Wenn wir da stehen, haben wir den Geist noch nicht, aber die sichere Verheißung, daß die Bitte um den Geist erhört werde. Und vielleicht ist das die Not, daß wir nicht in die Wüste wollen und als Ungestorbene auf der Kanzel stehen.

Hören wir darum zum Schluß noch Vilmar, der um diese Frage gewußt hat und im Jahre 1849 einen Aufsatz schrieb »Gewalt über die Geister«:

»Also das gepredigte Wort! Das hat Gewalt über die Geister. Wohl! es hat sie. Aber wann und wie hat es diese Gewalt durch deinen, eben durch dei­nen Mund? Nur dann, wenn es rein gepredigt wird, und nur dadurch, daß du dich selbst mit deinem ganzen Wesen, mit Geist und Seele und Leib, an das Wort hingibst, dich selbst Eins machst mit diesem Worte. Es muß dasselbe sich alle deine Gedanken, deinen gesamten Willen und sogar alle deine Regungen und Gefühle ohne einen einzigen Rückhalt untertan ge­macht, in seine volle Gewalt gebracht haben, dann gibt es sich auch hinwie­derum in deine Gewalt, ganz und ungeteilt und ohne Rückhalt, und gestat­tet deiner armen sterb­lichen Zunge, Werke der Ewigkeit zu verrichten. So lange du noch etwas Eigenes zu dem Worte hinzutust, deine Kunst oder deine Weisheit oder deine Ansichten und Ab­sichten, so lange kannst du zwar das Wort vielleicht nicht ohne Furcht predigen, aber so lange hast du nur erst Einfluß auf die Geister, noch keine Gewalt über sie.

Darum horche wohl auf dich selbst, auf dein innerstes Treiben, auf das geheime Regen und Weben in deiner Seele. Es kommt leicht vor, daß zwei Stimmen in dir sprechen und folglich aus dir sprechen: laut allerdings die Stimme des göttlichen Wortes, aber leise daneben auch deine eigene Stim­me; bald die Stimme deiner Gleichgültigkeit, Zerstreutheit und Trägheit, bald die Stimme deiner Eitelkeit und des Wohlgefallens an deinen eige­nen, wohlgelungenen Worten oder des Mißfallens an dem, was dir nicht recht wohl geraten und nicht schön genug gesagt scheint, bald die Stimme deines Selbstvertrauens, bald die Stimme deiner fleischlichen Zaghaftigkeit, bald die Stimme deiner lebhaften Einbildungskraft, bald die Stimme der Sorgen und Nöte, die du in deinen vier Pfählen hast. So lange du diese zweite Stimme, wenn auch nur leise, noch hörst, hast du noch nicht volle Gewalt über die Geister, denn der Menschengeist unter­wirft sich dem bloßen Menschengeiste niemals unbedingt, braucht es nicht, soll es auch nicht. Also wehren sich die Geister, denen du predigst, gegen dein Ich, welches aus dir spricht, und damit wehren sie sich denn auch meist gegen das Wort Gottes, welches neben deinem Ich hergeht. Und wenn in solcher Art die auch noch so leise Stimme deines Ich mitspricht, so hören sie doch alle deine Zuhörer auf der Stelle her­aus; sie hören sie, sie fühlen sie heraus, auch wenn sie sie nicht erkennen und nam­haft zu machen wüßten; sie hören sie bestimmter aus dir sprechen, als du selbst sie in dir vernimmst.«[30]

Vilmar meint, daß »eine ganz besonders strenge und unablässige Selbst­zucht, eine fortwäh­rende, nachdrückliche Selbstbezwingung, eine ganz ei­gentliche leibliche und geistige Kastei­ung« zur rechten Verkündigung des Wortes gehöre. »Es ist voller Ernst und nichts daran abzutun: wer nicht in dieser Weise das Wort verkündigt, der predigt in unsern Tagen nicht den Glauben, sondern den Abfall, nicht die Gewalt über die Geister, son­dern den Aufruhr der Geister, nicht Christum, sondern den Antichrist, nicht Gott, sondern den Teufel. Aber jetzt dem Worte nicht ganz gehorsam ist und sich nur in einem Punkte gegen dasselbe undemütig und ungebeugt verhält, wer noch in einem einzigen Stücke zweifelt und mensch­lich schwankt, der predigt sich und die, welche ihm anvertraut sind, in das ewige Verder­ben hinein. Insbe­sondere gilt dies den eigenst berufenen Dienern am Wort, den Pfarrern: so viel Schritte auf die Kanzel ohne jene gänzliche Hingebung an das Wort und ohne die dazugehörige Selbstzucht, gerade soviel Schritte in die Verdammnis.«[31]

Ich glaube, wir wissen nun, warum wir die Wüste nötig haben und wo sie ist. Der Ort, wo das Wort ist, das uns verbrennt, wo wir beten und fasten müssen, wo wir versucht werden. Der Ort, wo das Heil auf uns zu­kommt.

Und nur der kann dem armen Lessing über den garstigen Graben helfen, der selber in den Graben hineingeht. Wer wagt es? Er verdient einen Got­teslohn dabei.

Quelle: Rudolf Bohren, Dem Wort folgen. Predigt und Gemeinde, München-Hamburg: Siebenstern, 1968, S. 7-30


[1] Nach einem Referat im aargauischen Pfarrverein vom 19. Mai in Brugg und in der theologischen Arbeitsge­meinschaft in Emmenbrücke vom 29. September 1952.
[2] G. E. Lessing, Über den Beweis des Geistes und der Kraft, Werke hrsg. von J. Petersen und W. v. Olshausen, Bd. 23, o. J., 46.
[3] Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert, 1947, 597.
[4] R. M. Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, 1929, 23.
[5] Eine treue Vermahnung, 1522, WA 8,683; zit. nach K. Barth, KD I/1, 98.
[6] Predigt über Joh 20,19-31, 1533, EA 3,376.
[7] KD I/2, 831.
[8] O. Riecker, Das evangelistische Wort, 1935, 347 f. Es ist bedauerlich, daß die 2. Auflage dieser so wichtigen Monographie 1953 gekürzt erschien.
[9] P. Althaus, Die christliche Wahrheit II, 1948, 288.
[10] Das Problem Krankheit und Heilung ist in den letzten Jahren nicht unerörtert geblieben. Ich nenne hierzu: B. Martin, Die Heilung der Kranken als Dienst der Kirche, 1954. – D. Hoch, Heil und Heilung, 19552. – H. Doe­bert, Das Charisma der Krankenheilung, 1960. – R. Bohren, Krankheit und Heilung, in: Das Rätsel des Men­schen, hrsg. von der Evangelischen Akademie Mannheim, 1961, 25 ff.
Es dürfte wohl deutlich sein, daß meine Ausführungen über »Wort und Kraft« nicht einfach auf die sogenannte Wunderheilung hinauslaufen. R. Gagg hat in seiner ausgezeichneten Arbeit über die prophetischen Laienbewe­gungen im reformierten Südfrankreich Ludwigs XIV gezeigt, wie dort Zeichen und Wunder in bestürzender Fülle geschahen, aber keine Heilungswunder; die waren damals und dort offenbar nicht nötig (R. Gagg, Kirche im Feuer, 1961). Man kann von hier aus einerseits fragen, welche Wunder heute nötig wären; andrerseits kann man sagen, daß der Glaube und die Hoffnung neuen Wundern entgegengehen. Wo die Hoffnung lebt, ist sie immer unterwegs zu neuen Wundern; ob diese nun mirakulösen Charakter oder ein profanes Gewand haben, ist nicht Sorge der Hoffnung.
[11] Fr. Gogarten, Die Verkündigung Jesu Christi, 1948, 97.
[12] Mark 6,12 f hat es geheißen: »Da zogen sie aus und predigten, man solle Buße tun, und trieben viele Dämonen aus, salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.«
[13] W. Grundmann, Der Begriff der Kraft, BWANT 60, 1932, 96 f.
[14] H. Schlier, Kerygma und Sophia, EvTheol 10, 1950/51, 500; jetzt auch in: Die Zeit der Kirche, 1956, 224.
[15] Der eidgenössische Dank-, Buß- und Bettag weist jeweils die größten Besucherzahlen auf.
[16] Situations I, 153.
[17] W. Michaelis, ThWNT III, 907, bemerkt, daß krátos nirgends als Besitz des Menschen vorkommt.
[18] ThWNT VI, 394 ff.
[19] H. von Baer, Der Heilige Geist in den Lukasschriften, BWANT 39, 1926, 77-108, 182-198; W. Grundmann, Der Begriff der Kraft, 1932, 94 f; ders., ThWNT III, 400 ff.
[20] Ausgewählte Schriften I, 1947, 12 f.
[21] Credo, 1935, 112.
[22] AaO 49.
[23] Ebd. 30.
[24] Ebd. 44.
[25] Ebd. 56.
[26] Ebd. 80.
[27] ThWNT II, 655.
[28] The Holy Spirit and the gospel tradition, 1954, 46 ff.
[29] ThWNT II, 655.
[30] Neudruck 1928,15 f.
[31] Ebd. 19.

Hier Bohrens Text als pdf.

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