Gustav Heinemanns Antrittsrede als Vorsitzender des CVJM Essen 1937: „Zur Grundlage der evangelischen Kirche gehört die Gemeinde, d. h.: der Kreis der Hörer und Täter des Wortes, d. h.: eben auch der sogenannten Laien. Wer könnte dazu bessere Mitarbeit leisten als ein CVJM, der junge Männer in die Bibel einführt und mit ihnen christliche Ge­meinschaft lebt?“

Antrittsrede im CVJM Essen

Von Gustav W. Heinemann

Liebe Freunde!

Mit Dank für das Vertrauen, welches mir entgegengebracht wird, mit Dank gegen Gott, der mir solche Aufgabe zuweist, übernehme ich nunmehr das Amt des Ersten Vorsitzenden im Christlichen Verein Junger Männer. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich in dieser Stunde bewußt mache, daß ich eines der jüngsten Mitglieder des CVJM bin. Meine Mitgliedskarte trägt das Datum vom 4. März, und heute haben wir den 4. April 1937. Diese Tatsache ver­pflichtet zunächst zur Zurückhaltung. Ich kann nicht für mich in An­spruch nehmen, bereits in allen Dingen des CVJM heimisch zu sein und den Kreis der Mitglieder hinreichend zu ken­nen. Ich habe deshalb zunächst von Ihnen zu lernen.

Aber auch abgesehen davon wäre der CVJM kein Feld für forsches Revolu­tionieren oder für persönliche Experimente. Der CVJM hat seine Aufgabe und kennt seinen Weg. Darüber ist heute bereits wiederholt gesprochen wor­den. Ich habe lediglich hinzuzufügen, daß ich diese Aufgabe und diesen Weg anzuerkennen und auch meinerseits nach Kräften zu fördern gewillt bin. Von dem, was den CVJM auszeichnet, will ich hier nur an drei Dinge sonderlich denken.

Das erste liegt in dem Satz beschlossen, daß der CVJM Arbeit an jungen Männern treiben will. Diese Aufgabenstellung rührt aus einer Zeit, die durch eine Auflösung alles dessen ge­kennzeichnet ist, was zum Wesen christ-[211]licher Kirche gehört. Die Kirche des ausgehen­den 19. Jahrhundert blieb dem jungen Mann weitgehend fremd. Sie war weithin eine Kirche geistlicher Zer­setzung, bürokratischer Erstarrung und dogmatischer Leere. Es war deshalb eine Tat der Gesundung, wie sie nur in einer evangelischen Kirche möglich ist, daß sich außerhalb des offiziellen Pfarramtes und des kirchlichen Appa­rates im CVJM ein neues Leben zu regen begann, um gerade den jungen Menschen in den entscheidungsvollen Jahren seines Lebens zu gewinnen, festzuhalten und nachdrücklich zu Christus hinzuführen. Ist diese Auf­gabe heute überflüssig? Sie ist es ganz und gar nicht, ja, sie ist heute nötiger denn je. Wenn damals die Gleichgültigkeit den jungen Menschen bedrohte, so ist es heute der offene Kampf gegen das Christentum. Er macht es not­wendig, daß ihm im CVJM ein Gebilde zur Verfügung steht, welches ihm Stütze und Rückhalt leiht und eine Zuflucht gegenüber dem Zwiespalt, der unsere Jugend bedroht.

Das zweite liegt in der Erkenntnis beschlossen, daß die Arbeit an den jun­gen Männern durch junge Männer, durch Laien aller Berufe zu leisten ist. Das sollte nicht nur eine Nothilfe ange­sichts eines kirchlichen Apparates sein, der weithin den Weg zu den jungen Männern verloren hatte, sondern das sollte vor allem ein Ausdruck des Priestertums aller Gläubigen sein, so wie es die evangelische Kirche auszeichnet. Ein jeder soll in seiner Sprache angeredet werden, ein jeder soll selbst mit betendem Herzen über der Bibel sitzen und es soll der Bruder dem Bruder weiterhelfen. Ist diese Haltung heute überflüssig geworden? Sie ist es nicht, ja, ist es weniger als zuvor. Sicherlich sehen wir mit Freude, daß neues Leben in die Kirche eingezogen ist. Aber diese Kirche, die sich nun zu ihrem Eigensten zurückfindet, ist zu­gleich auf das härteste angefochten. Aus dem, wenn auch kühlen Wohlwol­len der offiziellen Größen ist eine neue Anzweiflung ihres Wertes und ihrer Sendung geworden. Wir erleben es, daß der Staat nicht nur zu sich selbst zurückfindet, sondern zugleich von der christlichen Gebundenheit seines Amtes abirrt. Damit steht die Kirche in der Notwendigkeit, sich an Stelle der überkommenen Anlehnung an einen bisher christlichen Staat eine andere Grundlage in dieser Welt zu suchen. Wo ist diese Grundlage? Ist der Pfarrer ausreichende Grundlage? Nein. Zur Grundlage der evangelischen Kirche gehört die Gemeinde, d. h.: der Kreis der Hörer und Täter des Wortes, d. h.: eben auch der sog. Laien. Wer könnte dazu bessere Mitarbeit leisten als ein CVJM, der junge Männer in die Bibel einführt und mit ihnen christliche Ge­meinschaft lebt?

Das dritte liegt in der Erkenntnis beschlossen, daß überall und allein ent­scheidend unser glaubendes und tatkräftiges Stehen zu Christus ist. Über­all, wo der Satz des Apostels gilt: „Wir glauben durch die Gnade unseres Herrn Jesu Christi selig zu werden gleich wie auch sie“, da kann Kirche sein, da kann Gemeinschaft sein, da sind wir Brüder. Der Allianzgedanke des CVJM greift aus dieser Erkenntnis bewußt über den Rahmen der ein­zelnen Kirchenge­meinschaft hinaus. Er sammelt und verbindet alles, was im weiten Sinn zur Kirche Jesu Chri­sti gehört. Ist diese Aufgabe und Haltung heute überflüssig? Sie ist es ganz und gar nicht, ja, sie ist es heute weniger denn je. Wir alle sehen und erleben, daß Gott mit seiner Kirche etwas vor-[213]hat, daß sie durch die Stürme des Kirchenkampfes zu neuen Ufern geführt werden soll. Wo diese Ufer endgültig liegen, vermag zur Stunde niemand zu sagen. Eines aber scheint sicher zu sein, nämlich, daß gegenüber dem An­sturm des organisierten Anti-Christentums enger zusammengehört, was zu Christus hält. Die Schranken der alten Bekenntniskirchen sind ins Wanken geraten. Sie dürfen sich nicht wieder verfestigen. Dazu beizutragen, ist auch eine Mission des CVJM.

Wir dürfen also sagen: Heute CVJM mehr denn je! Der junge Mann ist angefochten, darum bedarf er der Hilfe. Die Kirche muß eine Stütze und Grundlage gewinnen, darum ist Mitarbeit der Laien geboten. Die Kirche ist vor letzte Entscheidungen gestellt. Jesus ist unser Schicksal. Darum muß sich finden, was zur Fahne Jesu gehört.

Das sind in etwa die Gedanken, mit denen ich mein Amt im CVJM antrete. Sicherlich ließe sich noch manches sagen. Nun mag es genug sein. Außerdem werden der CVJM und seine Freunde mich ja nun eine Weile ertragen und noch öfter anhören müssen. Da ist es gut, nicht gleich beim erstenmal zuviel aufzutischen …

Quelle: Werner Koch, Heinemann im Dritten Reich. Ein Christ lebt für morgen: Wuppertal: Aussaat Verlag 1972, S. 211-213.

Hier Heinemanns Rede als pdf.

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