Wie in der Luther-Bibel 2017 in Johannes 1,10 fäschlicherweise von der Schöpfungsmittlerschaft des Lichts die Rede ist

Wie in der Luther-Bibel 2017 in Johannes 1,10 fäschlicherweise von der Schöpfungsmittlerschaft des Lichts die Rede ist

Bei der Übersetzung des Prologs im Evangelium nach Johannes ins Deutsche ergibt sich nicht nur in Vers 1 ein Problem bezüglich „Gott“ als Subjekt und Prädikatsnomen, sondern auch bezüglich des Subjekts in den einzelnen Versen dieses Hymnus.

In der Luther-Bibel 2017 ist in Vers 10 gegenüber Luther 1956 bzw. Luther 1984 eine Änderung bezüglich des Satzsubjektes vorgenommen worden. Nicht länger heißt der Vers „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht“, sondern „Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht.“ Man ist damit zu Luther 1545 (bzw. 1912) zurückgekehrt: „Es war in der Welt / vnd die Welt ist durch dasselbige gemacht / vnd die Welt kandte es nicht.“

Der griechische Urtext gibt allerdings kein neutrisches Satzsubjekt her: „ἐν τῷ κόσμῳ ἦν, καὶ ὁ κόσμος δι’ αὐτοῦ ἐγένετο, καὶ ὁ κόσμος αὐτὸν οὐκ ἔγνω – Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt.“ Außerdem lässt ein neutrisches Satzsubjekt keinen Anschluss an Vers 11 zu, wo ein maskulines Satzsubjekt geführt wird: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.[1] Richtigerweise ist daher in allen anderen gängigen Bibelübersetzungen – so z.B. Zürcher, Einheitsübersetzung, Elberfelder, Schlachter – wie auch in den englischsprachigen Bibeln (King James Version, NRSV, NIV …) Vers 10 mit einem maskulinen Satzsubjekt übersetzt: „Er war in der Welt …“.

Nun lässt sich einwenden, dass im Deutschen das „Wort“, dem der Prolog gilt, im Unterschied zum griechischen logos ein Neutrum ist. „Im Anfang war es, das Wort …“ (Vers 1) Doch dieses Argument lässt sich halten. In Vers 9 der Luther-Bibel ist schließlich nicht vom Wort, sondern vom Licht die Rede: „Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.“ Wenn nun in der Luther-Bibel 2017 mit dem „es“ fortgefahren wird, bezieht sich die Aussage kontextbedingt nicht auf das Wort, sondern auf das Licht. Und genau das erweist sich als problematisch: „Es [das Licht] war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe [Licht] gemacht; und die Welt erkannte es [das Licht] nicht.“ Eine Schöpfungsmittlerschaft des Lichtes (an Stelle des Wortes) ist schwerlich mit dem Glaubensbekenntnis zu vereinbaren.

Sprachlich angemessen wäre ein maskulines Satzsubjekt, das im ganzen Hymnus durchgehalten wird und schließlich in Vers 14 zum Einziggeborenen bzw. in Vers 17 zum Namen „Jesus Christus“ findet, wie dies in den englischsprachigen Übersetzungen weitestgehend der Fall ist. Allerdings gibt es die Schwierigkeit mit den Versen 6-8, wo mit Johannes dem Täufer ein weiteres maskulines Satzsubjekt eingeschoben worden ist. Um in den nachfolgenden Versen das Wort vom Täufer zu unterscheiden, ist in den meisten deutschsprachigen Bibeln Vers 9 neutrisch auf das Licht hin als Satzsubjekt übersetzt worden. Jedoch ist es möglich, im Anschluss an Vers 5 auf den Logos hin zu übersetzen „Er [der Logos] war das wahre Licht …“ so wie dies in der Zürcher Bibel, Fridolin Stiers Übersetzung des Neuen Testaments und in Rudolf Schnackenburgs Johannes-Kommentar geschehen ist.

Wie auch an anderer Stelle zeigt sich, dass die Luther-Bibel 2017 sprachlich nicht immer zuverlässig ist.


[1] Bei Luther 1545 – nicht so in Luther 2017 – sind die Verse 6-10 von den Versen 11-15 abgesetzt, so dass in der ursprünglichen Luther-Bibel Vers 11 ein Neuanfang ist.

Hier mein Text als pdf.

3 Kommentare

  1. Das grammatische Problem habe ich, glaube ich, verstanden. Das theologische Problem allerdings nicht. Wäre es möglich, das noch einmal deutlich zu machen?

    1. Schöpfungsmittlerschaft wird vom Logos bzw. dem Sohn Gottes, nicht aber von einem gewordenen Licht, das im Leben war (vgl. Vers 4), ausgesagt.

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