Kornelis Heiko Miskottes homiletische Besinnung zu Hiob 14,1-6: „Es kann in den Tiefen von Gottes Herz kein Streit sein zwischen Macht und Recht; dass der Mensch so klein ist, kann keine allgemeine anthropologische Einsicht sein, wie simpel es auch scheinen mag.“

Wider den Dualismus. Über Hiob 14,1-6

Von Kornelis Heiko Miskotte

I. Das Buch Hiob gehört zu den Ketubim, zu dem dritten Kreis von Schriften, die mit Thora und Propheten den alttestamentlichen Kanon bilden. Wir haben es in ihnen mit der Reaktion der Gemeinde auf die Offenbarung zu tun, die Offenbarung, die in den Taten Gottes geschah und durch die Worte Gottes erhellt wurde. Es sind Antworten auf das Wort, indirekt, subjek­tiv, im prägnanten Sinne menschlich. Das muß wohl bedacht werden, namentlich bei der Chokma. Wir haben hier nicht das unmittelbare Gotteswort wiederzugeben und auszulegen, sondern die gebrochene Antiphon der Gemeinde und des Einzelnen in der Gemeinde. Doch darf das nicht zu einem Stimmungsbild führen, das gegebenenfalls mit Termini aus der exi­stentialistischen Sicht des Menschen gestützt werden könnte. Wir dürfen uns nicht zu tief­sinnigen Auslassun­gen über das „Sein zum Tode“ (Heidegger) – wie sachlich zutreffend und wahr sie auch schei­nen mögen – verleiten lassen. Denn die Antiphon ist in einem Text wie diesem zum indirekten Zeugnis von der Wahrheit Gottes quali­fiziert und ist eben so ein Beitrag zur Existenzer­hel­lung. Es ist die Gnade des Heiligen Geistes, die solche bitteren Klagen aufnimmt und heiligt, um uns in enthüllender Liebe zu sagen, wie es mit dem Men­schenleben steht. Auch die wahr­hafte Erkenntnis unserer selbst und unseres Lebens ist eine Frucht von Gottes besonderem Wirken an unseren Herzen. Dadurch allein wird uns die einfache Wahrheit heilig und heilsam für das Herz.

II. Eliphas, Bildad und Zophar haben sich unterfangen, das Rätsel von Hiobs Leidensweg zu erklären. Sie meinen die Interpreten von Gottes Gericht zu sein, während sie doch nur über einen hypostasierten Begriff, Gerechtigkeit, spekulieren. Darüber kann man verfügen; damit kann man, geleitet durch den Ariadnefaden der Vergeltung, die dunkelsten Labyrinthe betre­ten; so kann man seine eigene religiöse Weltanschauung sowohl vor anderen entfalten als auch für sich selber bestätigen. Und so klimmt man an dem, was vor Augen ist, vorbei und läßt ein wenn nicht fröhliches, so doch klares und tiefes und die Aufmerksamkeit fesselndes Licht über das Leid der Erde fallen. Begriffe nageln uns leicht fest.

Hiob ist gegen ein solches Urteil von vornherein wehrlos; ist er doch selbst in solchen Lehren aufgewachsen. Wohl erlebt er die gewaltige Pein, daß in seinem Geschick Gottes Hand miß­deutet und verkannt wird. Wohl gibt er, tadelnd oder klagend, zu verstehen, daß er eher mit der Macht als mit dem Recht Gottes konfrontiert wird. Er siedelt sich in einer Zwi­schenzone an, in der er sich vor der Macht duckt und das Recht 1. nicht in Abrede stellt, 2. doch in Ab­rede stellt, 3. auf eine höhere Offenbarung des Rechtes zu hoffen erklärt. Das Hin und Her der Dialoge kreist um Hiobs Unwillen, sich dem Recht zu beugen, einen Unwillen, der Hand in Hand geht mit einer so von uns nicht verlangten Verherrlichung von Gottes „Allmacht“, die dabei zum puren Recht des Stärkeren wird.

Viele leben in einem solchen Dualismus zwischen Macht und Recht. Ihm ist kaum zu entge­hen. Solcher Dualismus kann auch, gegenüber aller religiösen Unwahrhaftigkeit, als eine Form von Wahrhaftigkeit stand­haften und recht haben. Und doch läßt er unbefriedigt. Er kann höchstens eine Zeitlang der autorisierte Sprecher unserer Erfahrung sein; als ein Bekenntnis des Glaubens kann er nicht gelten. Der Mensch selber hat, halbbewußt, eine Ahnung davon, daß es in Gott keinen Streit zwischen Macht und Recht geben kann und daß es eine heilsame Befreiung sein würde, wenn sein Auge erleuchtet würde, um die Nebel dieses Dualismus zu durchbohren. Das würde einer anderen Chokma, einer höheren – und einer einfacheren Weis­heit Raum geben, einfacher, weil dabei keine dop­pelte Quelle der Gotteserkenntnis und kein doppelter Sinn in Gottes „Sein“, d. h. in seinen Taten, wie sie auf Erden sich verwirklichen, an­genommen würde.

III. In Hiobs Reden kommt es hier und da zu einem solchen „Silberblick“. So in Kap. 14; er sagt, was Gott ihm zu sagen gibt, und wir hören:

„Du bist ein Mensch“ – dieses Allersimpelste muß uns gesagt werden, unserer Religiosität und Irreligiosität zum Trotz.

„Du bist vom Weibe geboren“ – du hast einmal einen Anfang genommen, du hast keine Wur­zeln in der Ewigkeit; du hast einmal im Mutterschoße zu atmen begonnen, du hast keine ande­re Präexistenz als die eines Embryo. Und das schließt ein, daß du (deinen „Geist“ inbegriffen) „von gestern“ bist und „nichts weißt“ (Hiob 8, 9), d. h. nichts über die Dinge weißt, an die das göttliche Maß von Macht und Recht angelegt werden muß. Als ob du von anderswoher, aus einer anderen Quelle, schon wüßtest, wie in der Existenz die Macht und das Recht im Gleich­gewicht – oder gar in Übereinstimmung, in Harmonie – gedacht werden müssen!

Du bist „kurzen Lebens“! Das ist nicht eine äußere Bestimmung, die deinen inneren Wert unangetastet ließe. Es beschränkt auch deine Erfah­rung und dein Wissen und Urteil auf ein Minimum.

Du bist „voller Misere“ (besser als: „Unruhe“). Was das besagt, beschreibt ausführlich Hiob 7. Stets Kampf, stets unter dem Schatten eines Anfangs in solcher Niedrigkeit, aus dem Scho­ße der Frau, stets unter der Drohung einer reductio in nihilum.

„Du trittst in das Lebenslicht wie eine Blume“ (vgl. Jes. 40, 6; Ps. 90, 5; 103, 15) und – fast unmittelbar wirst du abgeschnitten. Wozu hat der Höhepunkt gedient, der in sich schon die Neigung zu einem unaufhalt­samen Verfall trug? Wie ein Schatten, in sich selbst ein Negativum, aber durch Sonnenstand und Wolkenstand in ihrem Wechsel einen Augenblick geduldet – so bist du!

So bist du! Das ist nicht nur dein Schicksal, deine Situation, es ist das Kennzeichnende deines „Seins“, deiner „Existenz“, deines „Wesens“. Ecce homo! So ist Christus die Wahrheit. So kommt die Wahrheit ans Licht. So grenzenlos trostlos, wenn wir es, in Skepsis, uns selbst sagen wollen, nachdem unsere Religion verwelkt ist. So voll heimlicher Verheißung, wenn Gott es uns sagt in der Fülle der Zeit. Durch den Geist hat unser Fleisch, unsere Herkunft, unsere Zeit dieselbe Höhe und Tiefe wie die Zeit, in die Christus hineingesandt wurde, „gebo­ren von einem Weibe und unter das Gesetz getan“ (Gal. 4, 4), „Fleisch geworden“ (Joh. 1,14; 1. Tim. 3, 16), „in der Gestalt eines Sklaven“, „gehorsam bis zum Tode“ (Phil. 2, 7 f.). Wir werden mit Christus „begraben“ (Röm. 6, 4; Kol. 2, 12).

Wie kurz war Jesu Leben! Wie trug er die Misere des Daseins! Wie wenig konnte er aus­richten gegenüber der Weisheit der Schriftgelehrten! Wie wurde er gepreßt, bis es vollbracht war! Wie vergänglich war seine Blüte! Wie rasend-schnell sein Untergang! Wie drückte die Not „des Menschen“, des Fleisches, ihn nieder! Wie wurde sein Werk zuschanden! Will man in diesem Zusammenhang von seiner „Sündlosigkeit“ sprechen, muß sie dann nicht darin bestehen, daß er nicht in eine Überwelt oder in eine Seelentiefe geflüchtet ist, um etwas ande­res zu sein oder sich anders zu fühlen denn als „der Mensch, vom Weibe geboren“? Ja, strahlt seine Sündlosigkeit nicht am hellsten darin, daß er bekannte: „Ich bin ein Wurm und kein Mensch, obwohl ich auf dich geworfen bin von Mutter­leib an“ (Ps. 22, 7. 11)? – auf dich, um deines unaussprechlichen Namens willen.

IV. Und nun kommt das Schlimmste, das schreiend Ungerechte, scheinbar die äußerste Bestä­ti­gung des ewigen Gegensatzes zwischen Macht und Recht: „Und du tust deine Augen auf über einem solchen Wesen“. Auf der Ebene der Stimmung, der Erfahrung, wird darin mitge­klungen haben: So klein, so trostlos liegt mein nichtiges Dasein da, und nun, obendrein, kommst auch du noch und gibst dich mit mir ab; in diesem Geist redet sehr deutlich V. 6. Aber nach dem intendierten Wahrheitsgehalt dessen, was Gott durch den Mund des leidenden Hiob sagt, jenes Hiob, der da über seine Stimmung und Erfahrung hinweg prophetisch redet, geht es vielmehr um den Ausgleich – den sehr stillen, kaum ausgesprochenen, intensiv anwe­senden Ausgleich der Spannung zwischen Macht und Recht. Worin liegt der Anfang dieses Ausgleichs?

Hier ist an Psalm 8 zu denken: „Was ist der Mensch, daß du seiner ge­denkst, und des Men­schen Kind, daß du dich seiner annimmst?“ Ja, Gottes Augen gehen über dieses Nichtige, aber sie tun es mit Teilnahme, mit Fürsorge. Es ist gänzlich aufgenommen in seine Erkenntnis. Es ist auf­genommen in sein Herz, in seine wesensergründende Gegenwärtigkeit. Es liegt im Lichte der göttlichen Bestimmung.

Gottes Augen sind keine herumschweifenden Augen, keine flackernden Lichter. Stetige Teil­nahme, reines Verstehen, lauteres Urteil, brennende Liebe (bevorzugende Liebe ohne zurei­chenden Grund) sind bei ihm von Ewigkeit. Der uns „vernichtet“, verewigt uns (von solchen [Quasi-]Paradoxen ist Simone Weils Werk „L’attente de Dieu“ voll). Er, der von unserer Prä­existenz nichts weiß als den unförmigen Klumpen und die kunstvolle Bereitung „unten in der Erde“ (Ps. 139, 15) – er gibt uns Anteil an seinem dauerhaft beständigen Leben.

Wie weiß ein Mensch das? – „Und du ziehst mich vor dir ins Gericht.“Es ergeht eine Anrede und es besteht ein Anspruch; der Mensch, dieser Mensch, wird vor Gericht geladen; er wird gemessen an der Norm der „mischpath“. Darin liegt Gericht und Gnade. Darin liegt der „Wert“ des Menschen. Auf diesem Wege wird in der Vernichtung das Tor zur Wesentlichkeit unseres Menschseins vor Gott gefunden. Versteht man das Ecce homo nicht radikal, versteht man es nicht „in Christus“, dann bleibt der Übergang dunkel, bleibt das Schuldgefühl des Schicksalsbelade­nen unbegreiflich, bleibt der Ausruf: „Wie könnte ein Reiner von Un­reinen kommen?“ eine krankhafte Selbstverwerfung einer gequälten Kreatur, die, wie von Henkers­hand mürbe gemacht, ihre rechtmäßige Rebellion gegen eine verabscheuenswerte Unterwer­fung vertauscht. Aber was hier, in aller Schüchternheit, an den Tag tritt, ist vielmehr die Er­kenntnis Gottes, die da sagt: „Und in ihm ist kein Unrecht“ (Ps. 92, 16). Der Rechtshandel mag so fremdartig sein wie in Kafkas „Prozeß“ – es ist und bleibt die Art, wie das Menschsein in seiner Nichtigkeit gerecht­fertigt wird und dadurch, daß Gott sich so mit ihm abgibt, seinen uner­hörten Wert erst empfängt.

Es kann in den Tiefen von Gottes Herz kein Streit sein zwischen Macht und Recht; daß der Mensch so klein ist, kann keine allgemeine anthro­pologische Einsicht sein, wie simpel es auch scheinen mag. So wie für Hiob hinter dem Gott der Willkür ein anderer Gott aufsteigt, so auch hinter dem Menschen, der „keinen Bestand hat“, der nicht standhalten kann, ein anderer Mensch. Das Vergehen ist das natürliche Ende, und es ist ein Gericht. Wäre es ausschließlich natürlich, so gäbe es kein Schuld­gefühl; wäre es ausschließlich Gericht, so wäre keine gött­liche Vernunft in dem natürlichen Ende. Daß wir so vergehen, das ist das Zeichen von JHWHs Gericht (vgl. Jes. 6, 5: „Weh mir, ich vergehe! denn ich bin un­reiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen“); daß wir in diesem unserem Stand vergäng­lich sind, das ist ewige Schöpfungs­gnade, eine Bestimmung, die wir nicht überschreiten werden. Daß wir darin angeredet, ernstgenommen werden, darin liegt für immer der Wert, der uns verliehen ist in dem Bunde JHWHs.

VI. Wir leben immer wieder zu lange in dem Dualismus von Macht und Recht. Gottes Wort muß uns befreien. Es kann, wenn der Geist es gibt, durch unseren eigenen Mund reden (wie hier und da in den Ketubim). Es redet von der radikalen Begrenzung unseres Lebens. Es redet davon, wie der Herr sich mit diesem Leben an dessen Grenzen abgibt. Immer wieder passiert es uns um ein Haar, daß wir in die Höhe flüchten in unsere Religiosität oder in die Tiefe in eine Selbsterniedrigung, als wäre sie uns unter Martern abgequält. Wir gehen oft hart an der Gegenwärtig­keit der Augen vorbei, die das ganze Erdenland durchlaufen. Nirgends als auf unserem eigenen Platz finden wir die rechte Sicht der Verwunde­rung über Gottes Teilnehmen an unserem Dasein. Allein an dem „Fleisch“- Sein des Gott-mit-uns erkennen wir, daß die Macht, die uns überschattet, auch das Recht ist, das uns erhellt, daß die Macht, die uns ent­setzt, auch das Recht ist, das uns zurechtsetzt, daß die Macht, die uns in die Fremde führt, auch das Recht ist, das uns heimholt.

Allein von dem „andern Menschen“ her, der der Messias ist, wissen wir, daß es gut ist, Mensch zu sein, begrenzt, gerichtet – und aufgehoben zum Leben in Gottes lebendigmachen­der Erkenntnis. Und wenn unser Seufzen bleibt – sollten wir daran nicht bisweilen erkennen dürfen, daß der Geist selbst für uns bittet mit unaussprechlichem Seufzen, und daß er, der unsere Herzen erforscht, am meisten auf das achtgibt, was in unserem Klagen und Bekennen das Sinnen des Geistes ist (Röm. 8, 26 f.)?

Quelle: Kornelis Heiko Miskotte, Wenn die Götter schweigen. Vom Sinn des Alten Testa­ments, München: Chr. Kaiser, 1963, S. 435-440.

Hier der Text als pdf.

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