Kornelis Heiko Miskottes homiletische Besinnung über das Buch Jona: „Wenn eine Gemeinde keinen Begriff von dem geist­lichen Humor hat, wenn sie keine Selbstironie kennt und ganz allgemein nicht zu dem Geheimnis des Lachens vorge­stoßen ist, dann ist es vielleicht besser, diesen Stoff liegenzulassen; denn hier reißt das Lachen gar nicht ab.“

Eine anregende homiletische Besinnung über das Buch Jona findet sich bei Kornelis Heiko Miskotte in seinem Opus magnum, Wenn die Götter schweigen. Vom Sinn des Alten Testa­ments:

Über das Buch Jona

Von Kornelis Heiko Miskotte

DIE FIGUR (Jona, 1, 2.12)

I. Das Buch Jona enthält – obwohl es in der Sammlung der „Zwölf“ (kleinen Propheten) seinen Platz gefunden hat – keine prophetischen Reden. Vielmehr ist es eine Rede voller Vorwurf gegen die untreue Prophetie. Vorausgesetzt ist ein Kreis in der Diaspora, der dem eigenen Volk und seinen geistigen Führern kritisch gegenübersteht, ein Kreis, der etwas von missiona­rischem Bewußtsein gehabt haben muß und aus dem später die hervorgegangen sind, die „Stadt und Land durchreisen, um einen Proselyten zu machen“. Im übrigen ist der Ur­sprung dunkel; was nicht hindert, daß aus diesem Dunkel ein Juwel hervorgekommen ist.

Der Humor der Erzählung spiegelt die „Ironie des Schicksals“ wider, in der sich Gottes Ge­richt verbirgt. In dieser Form wird der präexistente Pharisäismus an den Pranger gestellt, aber in so sublimer Weise, so milde, so unparteiisch und evangelisch, daß die Lektüre immer wieder bewegend ist. Kein Wunder, daß Luther und Kohlbrügge „Jona“ so hoch schätzten.

Der Titel ist richtig: es geht um Jona, nicht um Ninive. Es geht um ihn nicht um sein Werk; er ist und bleibt die (lächerliche) Hauptfigur, das kontrasthafte Spiegelbild eines Apostels oder Missionars.

II. Zur Warnung: Wenn eine Gemeinde keinen Begriff von dem geist­lichen Humor hat, wenn sie keine Selbstironie kennt und ganz allgemein nicht zu dem Geheimnis des Lachens vorge­stoßen ist, dann ist es vielleicht besser, diesen Stoff liegenzulassen; denn hier reißt das Lachen gar nicht ab: das Lachen eines unerhört fremden Gerichts und einer unerhört fremden Gnade, ein Lachen auch über die psychologischen Unmöglichkeiten, die doch, schrecklich, die Seele des Frommen enthüllen – in ihrem Raffinement und in ihrer Einfältigkeit, in ihrem Dünkel und ihrer (Doch-)Gläubigkeit.

Fragt man, wie das Hohelied in den Kanon kommen konnte – noch wunderlicher ist es, daß Jona dort Aufnahme gefunden hat, und doch ganz in Übereinstimmung mit der Selbsternie­drigung, mit der noch Israels ganze Schandgeschichte in der Schrift festgehalten und zu Pro­tokoll gebracht ist. Gewaltig! Nur kraft des aufdeckenden Wirkens des Geistes möglich!

III. Man hat – mit Recht – viel von dem „neuen Heidentum“ geredet; wir waren eben auf dem Wege zu begreifen, was eigentlich Heidentum ist: die religiöse Verehrung der Natur, der Ur­mächte und des Lebens; und uns ging gerade auf, daß das Heidentum die angeborene Religion der menschlichen Natur ist, immer und überall. Und da kommt nun „Jona“ und enthüllt uns das eine und andere über die „Offenbarungsreligion“, nämlich wie sie sich in der Wirklichkeit des menschlichen Lebens darstellt; da kommt die schneidende Ironie dieses Gotteswortes und buchstabiert uns vor, was unser Judentum“ ist, das „Judentum“ in der Kirche, die Selbstge­wißheit und das Sichentziehen gegenüber dem Auftrag, zu reden in der Welt, zur Welt, gegen die Welt, für die Welt.

Es steckt im „kirchlichen“ Leben und im „kirchlichen“ Bewußtsein eine böse Tendenz, ein Vermögen, alles an sich abprallen zu lassen, mit dem wir uns die Dinge vom Leibe halten; es sieht fast so aus, als sei „christlich“ gleichbedeutend mit: treuewidrig maskiert in einem Auf­marsch von lauter Treuebeteuerungen. Sind wir unserer ersten Natur nach allesamt „Hei­den“, so sind wir nach unserer zweiten Natur alle zusammen „Juden“. Und wo ist Israel, der Ebed Jahwe, wo ist Schear-Jaschub? Gib es denn niemand, der sich dieser Organisation von Aus­flüchten entziehen kann, die sich „solidarisches“, „anteilnehmendes“ Christentum nennt? Ach, es kostet Gott weniger Mühe, eine Millionenstadt von dem öffentlichen Unrecht zu bekehren als ein solches selbstgenügsames Völkchen von seiner Frömmigkeit!

IV. So wie es auf der Kanzel oft über die Abwesenden hergeht; so wie der Mißbrauch des Augustin zugeschriebenen Wortes von den „splendida vitia“ für die Tugenden der Heiden populär werden konnte, ohne daß es die „Kirchlichen“ allzusehr erschüttert hätte – so führte Jona bestimmt ein großes Wort über das gottlose Ninive, solange bis er gerade dahin gesandt wurde; dann schlägt er nämlich mit Vorliebe die umgekehrte Richtung ein. Dann, in seinem Widerstand, wird er lächerlich-rührend – oder anstoßerregend – oder nur einfach im großen Stil lachhaft. Und Gott wird groß, rührend – oder anstoßerregend – oder überschwenglich groß in seiner Liebe; Gott verherrlicht sich an dem Gegenbild seiner selbst: der untreuen, der feigen, der fahnenflüchtigen Kirche. Gottes Treue glänzt auf in dem Spiegel des Kontrastes mit den widerspenstigen Frommen. Die­ses Evangelium wird hier nicht mit schweren Akzen­ten verkündigt, son­dern hier nun einmal mit leichter Hand und in einem Lachen, das wahr­haft himmlisch ist.

Da regiert die Unparteilichkeit Gottes, der die „Kinder des Reichs“ hin­ausstößt und die „fer­nen Inseln“ ruft. Da steht gleichsam greifbar die Großherzigkeit des Gottes vor uns, der bei Jesaja spricht: „Ich bin von denen gefunden worden, die mich nicht suchten; ich bin denen offenbar geworden, die nicht nach mir fragten“ (Jes. 65,1; Röm. 10, 20). Er stellt sie unter den Regenbogen seiner Verheißung. Er schüttet seine unverdiente Gunst aus in Zonen, die von uns noch nicht erschlossen sind. Er verläßt die Linien der allmählichen Entwicklung und steht plötzlich mit voll­endeten Tatsachen unter den Menschenkindern und nimmt sie mit in den Gang der Heilsgeschichte. Aber Jona – ist es nicht geradezu satanisch? – freut sich daran nicht!

V. Und doch – unendliche Generosität Gottes – scheint es noch so, als werde die „Bekehrung Ninives“ von Jona bewirkt. Es scheint wirklich so, als bringe der fahnenflüchtige Missionar einen guten missionarischen Habitus mit, als freue er sich über die Umkehr der Metropole; Gott allein weiß, wie böse, gehässig, nachtragend, mürrisch, egozentrisch, dumm und un­dankbar er im Verborgenen seines Herzens war. Aber vor der Welt – o magnanimitas, gött­liche Tugend des Herrn – darf es oft den Anschein haben, als hätten es die Hypokriten ebenso gut gemeint wie Gott. Und ja, was ist eigentlich Hypokrisie? Hier muß es dem Prediger über­lassen werden, alle die kleinen Züge von Kap. 1 aufzuweisen als (1) psycholo­gisch unwahr­scheinlich und (2) doch wahr, aber (3) wahr vermöge eines höheren Urteils Gottes (das spricht, und es geschieht, das gebietet, und es steht da). Die Flucht (warum bleibt er nicht ein­fach zu Hause?) – fort „von dem Angesicht des Herrn“ (ist das wirklich die Absicht?); der Schlaf (V. 5) inmitten des Sturmes (Gottvertrauen? Verstockung? tiefere Flucht?); die Frage der Besatzung (V. 8) nach dem Gewerbe, der Her­kunft, der Nationalität – und die hochherzige Antwort als ein Bekennt­nis (kann das echt sein? ist es doch echt? wenn ja, von Gott aus, der die Gläubigkeit in Jona am Leben erhält); weiter der rätselhafte Vers 12: „Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer ruhig werden und von euch lassen“ (Opfer? stellver­tretend? oder Selbstbestrafung und Verzweiflung an Gottes Gnade?); schließlich (V. 16) das Unmögliche, daß die Gojim plötzlich ihre Opfer an JHWH richten (echte Umkehr? ist Gott „nicht fern von einem jeglichen unter uns“? ist es nur ein Schritt von „fal­scher“ zu „wahrer“ Religion? oder sieht man hier in JHWH nur einen neuen, einen unbekannten Gott, mit dem man praktisch in der Not rech­net, nützt es nicht, so schadet es doch auch nicht?). – Was für Tiefen! Und stets ist das Unwahrscheinliche, das Erstgenannte, die Wahrheit, doch die Wahr­heit; obgleich das andere, das Menschliche, das schlaftrunkene Sich-Entfernen von Gott, auch das Unechte des Bekennens, die Selbst­bestrafung und all das Finstere auch wahr ist – das erste ist noch viel wahrer: in Gott, vermöge seines Wirkens, vermöge seiner Güte, die das All, ja auch die Gesetze des psychischen Alls übertrifft.

VI. Bei der Anwendung wird uns in erster Instanz das Lachen vergehen. Was ist eigentlich echt in uns? Die Kirchlichen schlafen in der untersten Kajüte, wenn der Sturm über die Welt geht; während die anderen in ihrer Weise beten, liegt der Fromme geistlich-tatlos da, weil er meint, daß es auf ihn nicht (oder erst an letzter Stelle) gemünzt sei. „Kann auch ein Pfarrer selig werden?“ – das muß für die Pfarrer und für alle Gemeinde­glieder, die den Weg des Lebens so genau wissen, zu einer beklemmenden Frage werden. Das Los wird geworfen, und es fällt auf Jona. Der Herr unterscheidet zwischen der Wahrheit und dem Träger, dem Reprä­sentan­ten der Wahrheit. Hier ist der „Finger Gottes“, der, verborgen unter dem „Los“, dem Schicksal, die Kirche als den eigentlichen Schuldigen an dem Sturm, der über die Welt geht, bezeichnen kann. Die Schiffsleute denken auf ihre Weise: Er wird einen Tempelfrevel began­gen haben. Das ist Unsinn; so gibt die Welt in ihrer Torheit der Kirche die Schuld, wenn sie selbst zerrüttet ist; und doch ist es in Gottes Urteil nicht ohne weiteres Unsinn. Die nicht im Apostolat wirksame Kirche begeht in der Tat Tem­pelfrevel, veruntreut die Schätze, raubt für sich selbst, was für die Welt bestimmt ist.

VII. Unergründlich ist der Mensch; „arglistig ist das Herz, ja, mehr als tödlich“. Daß wir uns keiner Verzeichnung schuldig machen, wenn wir Jonas Bitte, ins Meer geworfen zu werden, nicht unbesehen als ein edles Opfer verstehen, sondern den subjektiven Versuch für möglich halten, seine eigene Ehre zu retten und lieber zu sterben als den Auftrag, in einer von Feind­seligkeit starrenden Welt predigen zu müssen, zu über­nehmen, das ergibt sich wohl deutlich aus der Fortsetzung (Kap. 4, 3), wenn er nach seiner Rettung und nach der Bekehrung der Stadt doch noch darum betet, sterben zu dürfen, um die Beschämung nicht überleben zu müs­sen, daß seine prophetischen Drohungen nicht in Erfüllung gehen. Und noch einmal, noch toller, in Kap. 4, 8!

VIII. Aber selbst diese Unergründlichkeit der frommen Seele ist nicht das Letzte, obwohl sie für unsere Wahrnehmung sehr wohl das Letzte ist. An dem Gebet „im Leibe des Fisches“ zeigt sich wunderbar und sonnenklar, daß selbst ein so heruntergekommenes und verunstal­tetes Menschenkind dem Dienst des Herrn nicht gänzlich fremd ist, daß in ihm ein geistliches Leben und ein Tätigsein des Glaubens bewahrt bleibt, die nicht von ihm, aber tatsächlich in ihm sind. Und er weiß es selbst nicht —; wüßte er es, er würde gerade nicht (wie viele fürch­ten) noch mehr in Teilnahmslosigkeit und Passivität versinken.

Wenn Gott uns zu erkennen gibt, daß er mit uns beschäftigt ist in jenen Tiefen des Unechten oder Halbechten, wenn das Wort uns überwältigt, dann werden wir, im Glauben an die Wahr­haftigkeit seines Werkes, selber an seiner Wahrhaftigkeit teilnehmen. Die Reintegration unseres gespal­tenen und unlauteren Christengemüts kommt aus der Erkenntnis von Gottes integraler Treue, die bei, in und unter unserer Desintegration präsent ist. Die alte Übersetzung eines bekannten Hosea-Wortes (14, 9) drückt es so aus: „An Mir soll man deine Frucht fin­den.“ Buber: „(Ich bin wie die immergrüne Zypresse,) von mir her wird dein Fruchten er­langt.“

IM ABGRUND (Jona 2, 4)

I. Obwohl im allgemeinen in unseren Gottesdiensten der „Logos“ den Vorzug vor der „Homi­lie“ verdient, ist es u. E. nicht wohl möglich, einen Text aus dem Buch Jona zu wählen, ohne daß man genötigt wäre, nicht nur den näheren, sondern auch den weiteren Kontext in die Pre­digt ein­zubeziehen. Es wird unvermeidlich doch zu einer „Bibelstunde“. Auch das einzelne Kapitel (die Einteilung ist merkwürdig sachentsprechend) läßt sich nur sehr vorübergehend isolieren. Darum kann auch die Behand­lung des mächtigen zweiten Kapitels nur in einer Rei­he von Jona-Predig­ten wirklich fruchtbar sein. Der Redaktor hat diesem eingefügten Stück sicher nicht anders als nach reiflicher „theologischer“ Überlegung Platz gewährt.

II. „Jona betete aus dem Leibe des Fisches“: Der „Fisch“ ist nur dann verwunderlich, wenn man das ganze Buch nicht als Predigt in der Form einer Novelle versteht, sondern als eine historische Chronik von den Abenteuern eines Sonderlings – so verwunderlich indessen auch dann nicht, daß es „unmöglich“ wäre. Woraus folgt, daß es wohl ein Vorteil für die Verkün­digung ist, wenn der Pfarrer gelernt hat, auch die Haggada im Dienst von Gottes Wort und Selbstzeugnis zu verstehen, aber daß demjenigen, der das noch nicht gelernt hat, daraus weiter kein Schaden zu erwachsen braucht, es sei denn der Nachteil, daß er die ganze Predigt mit einem Schein von Unglaubwürdigkeit belastet, weil vielen (und nicht nur „modernen“) Hörern dieser eine Punkt unglaubwürdig scheint.

III. „Jona betete aus dem Leibe des Fisches.“ Er, der ins Meer, in die Urwasser des Chaos geworfen worden ist, wird zugleich bewahrt – von Dem, der die Macht des Chaos verwirft und einen eigenen Weg weiß, um sein Werk sehr wohl auszuführen, auch wenn der unbe­zähmbare Abgrund rast. Der Verworfene wird bewahrt; im Abgrund steht ein Haus, ein Raum. Und er, der kein Gebet fand, als die Heiden beteten (es ist auf­fallend, wie der „Pro­phet“ in Kap. 1 auf keinerlei Weise zu einem Gebet kommen kann), er betet jetzt in diesem beengten Gefängnis, in dieser beschämenden Beengung. Er, der in unergründlicher Zwei­deutigkeit (Opfer oder Selbstbestrafung?) sein letztes Stündlein begrüßt hatte, er hat gebetet, als ihm alle Lebensmöglichkeit genommen schien. Natürlich hat er in seiner Todesnot nicht in Psalmform, rhythmisch, mit parallelismus membrorum usw. gebetet, aber was er in sprach­loser Angst und mit wortlosen Schreien „gesagt“ hat, hat er später in der geordneten Form einer tief ausholenden Rechenschaft über sein Erleben zusammengefaßt. Doch war jenes sprachlose „Sagen“ das eigentliche, unmittelbare, existen­tielle Sagen, das unaussprechliche Seufzen der Kreatur und der Gläubigen (Röm. 8, 22-26); das geordnete Wort, das dessen Niederschlag ist, wird von dem Geist zu einem Zeugnis eingesezt für Andere, für Juden, für Pharisäer, für „Kirchliche“, damit sie wissen, wie der Mensch, auch der fromme Mensch, vor Gott dran ist (vgl. Apg. 9,11: „Denn siehe, er betet…“).

IV. So verläuft in der Regel der Kursus des Lebens, in diesen Stadien, in diesem Kreislauf oder in dieser Richtung: 1. das Gebetchen, das wir gelernt haben, danach 2. in flacherer oder tieferer Form das „persönliche“ und – wenn eine gewisse Regelmäßigkeit dazukommt – ein „Gebets­leben“, und dann schließlich 3., am Rande der Existenz, das Gebet als Ruf; ein Rufen wie „Mutter!“, ein Rufen wie „Abba!“, und doch ist es dann gerade nicht ein „Stoßgebet“, sondern das aus der Tiefe Hervor­brechen von so vielem, das Jahr und Tag in uns verdrängt darnieder­gelegen hat; in der Not kann die Ambivalenz und die Zauderhaftigkeit unseres Lebens, kann die Tradition des Zögerns, jenes Unentschlossene, das mit zu „unserem Juden­tum“, unserer zweiten Natur, gehört, ein Ende finden. Es kann!, denn es bleibt die Frucht von Gottes Abweisung und Verwerfung, von Gottes Bewahrung im Tosen der Elemente, wie bei Jona.

Wir leben als (prophetisch-apostolische) Gemeinde über unsere Stand in unseren Behauptun­gen – und zugleich weit unter unserm Status in unseren Gebeten. In mancher Hinsicht sche­inen wir mehr als wir sind; und doch gibt es eine Hinsicht, in der wir (möglicherweise) mehr „sind“ als wir scheinen. Dieses „Sein“ kommt an den Tag in der Nacht, in der Nähe der Welt­gewalt, des Todes, der Leere, des Chaos, der Vernichtung. Dieses „Sein“ wird geweckt, von Dem geweckt, der uns inmitten des Entsetzens seine Bewahrung widerfahren läßt wie im Eingeweide eines Meerungeheuers, das uns nun gerade beschirmen soll gegen das ungeheure Meer. Wir denken wohl bisweilen (mit Recht?), das ganze Christentum müßte hinausgewor­fen werden, verschluckt und wieder ausgespieen an einem unbekannten Strand, wenn es je wieder ein Gebet aus der Tiefe geben soll – und, von dem neuen Gebet aus, neuen Mut, hin­auszugehen in die Ferne, in die Fremde, gehorsam und offen für das heilige Aben­teuer.

V. Die eine Hinsicht, in der wir mehr sind als wir scheinen, ist die Weise, wie wir am Tempel hängen, an den Zeichen von Gottes Offenbarung, an der Stätte, wo er seinem Namen „ein Gedächtnis gestiftet hat“ auf Erden. Jona ist ein elender Lump, und er hat es noch, halb-hero­isch, dadurch zu verdecken gewußt, daß er es mit dem freiwilligen Tode büßte. Gott und das Nichts, Christus und Satan, die Kultur und der Pöbel, alle guten und bösen Kräfte sind sich darüber einig, daß die „empirische“ Kirche eine elende, fade Angelegenheit ist. Aber wo wir in den Wegen von Gottes Vorherwissen wandeln, kommt – o Lachen unter Tränen und Som­mer zur Sturmzeit – die Unwahrheit dieser Wahrheit ans Licht. Der Schlendrian war Schlen­drian und erweist sich doch als mehr denn Schlen­drian, die „zweite Natur“ ist doch nicht unser wahres Menschsein vor Gott. Gläubigkeit ist nichts als Gläubigkeit, und doch bricht der Glaube, als Glaube in actu, als echte Tat und wahrhaftige Hingabe, aus ihr her­vor; es ist ein Geschehen, das zusammenhängt mit dem Tempel, mit der Gegenwart Gottes, welche doch, allem zum Trotz, das verschleierte Liebes-Geheimnis unserer in vieler Hinsicht so öden Ver­gangenheit ge­wesen ist wir haben wirklich an Gottes Wort und an Gottes Haus gehangen, mehr als wir wußten!

VI. So fragt Jona, diese elende Gestalt, in der Not nichts mehr nach dem Verlust des Lebens, noch auch nach einer Verlängerung seiner Tage als solcher, nach Errettung aus dem Tode als Wegnahme des Lebens, als radikalem Ende, sondern – was hat er „gesagt“ im Bauche des Unge­heuers? Später hat er es singen können, was er damals gesagt hat, gesagt mit seinem Wesen: „Ich bin verstoßen von deinen Augen“. Die Furcht­barkeit des Todes liegt, wie sich jetzt zeigt, in dem der Nähe Gottes Entsinken – und darum weiß er jetzt in einer aufblitzenden hellen Se­kunde, daß die Herrlichkeit des Lebens das Ein- und Ausgehen im Licht der göttli­chen Gegenwart gewesen ist. „Dennoch werde ich den Tempel deiner Heiligkeit, deiner be­sonderen Präsenz, wieder schauen“ – Jona war viel böser, als er selbst wußte; darum konnte er fliehen, konnte er schlafen auf dem in Not geratenen Schiff, konnte er sich kaltblütig zeigen im Tod. Und doch war da eine Bindung an JHWH, stärker als er selbst wußte, ja so stark, daß er, einmal aufs Trockene und zur Besinnung gekommen, sich mit Gewißheit erinnerte, nicht nur, mitten in der boden­losen Angst, nach dem Tempel verlangt zu haben, sondern auch ein wun­derliches, grundloses Vertrauen in die Zukunft in sich gefunden zu haben, ein Vertrauen, daß er das Leben, d. h. den Tempel wiederfinden, schauen, erleben werde. „Dennoch werde ich den heiligen Tempel wieder schauen.“

VII. Ist es denn nicht ernst mit der Grenze von Leben und Tod, sind der Abgrund und die Ver­werfung nur Schein? Sind denn die „Gründe der Berge“ und die „Riegel der Erde“, von denen er sich „auf ewig“ bedrückt fühlt, eine Episode, eine kurze Prüfung? Nein, auf der Ebe­ne unserer Wahrnehmung liegen wir wirklich in letztem Ernst darnieder und sind verloren. Ver­loren gehen kann man nur auf dem Boden des Bundes, als „Jude“, als Ungehorsamer, als Fah­nenflüchtiger; und so fängt das Ge­richt beim Hause Gottes an.

Und doch ist dieser Ernst nichts im Vergleich mit der „Erhörung“, die Gott der „Stimme“ ge­währt, meiner Stimme (V. 3); und doch sind „alle Wogen und Wellen“ (V. 4) nichts im Ver­gleich mit der überwältigenden menschlichen Nähe Gottes bei den Menschen; und doch sind das ganze Chaos und die Verdammnis nichts, gemessen an dem Befehl Gottes, dem krea­tiven, richtenden Sprechen voll eines spielerischen Triumphes: „Und der Herr sprach zum Fische, und der spie Jona aus ans Land“. Nein, dieser Abgrund ist nicht der Abgrund; da ist Leben für uns, uns zuge­rechnet mitten im Tode. Dies ist das Zeichen des Jona, von dem Jesus spricht: daß der Sohn des Menschen verworfen wird und daß dies Zeichen zugleich zum Siegel der rettenden Nähe wird, auch für diejenigen, die, gerade als kirchliche Menschen, unter dem Gericht ewig hätten versinken müssen.

VIII. Kennen wir jenes eigenartige Vorgefühl, das zu den Wesensele­menten des Glaubens gehört: „Dies alles ist nicht tödlich; ich gehe doch nicht verloren, mir kann nichts mehr ge­schehen“? Wenn es nicht auf einem allgemeinen Gottesgedanken beruht, sondern aus dem Licht des Tempels entspringt und vor Gottes Angesicht aufwächst wie eine Wurzel aus dür­rem Erdreich, wenn es aus der Bindung an den „menschlichen“ Gott hervorbricht, der bei uns ist an den „Riegeln der Erde“, dann steht es gut mit uns. Wen Gott bewahrt, der ist wohl be­wahrt – in der Tat, aber man sagt es nicht leichtfertig nach, seit man um den Bauch des Unge­heuers weiß, um jene Höhle, die zu der „verkehrten“ Welt gehört, auch wenn ihre Wände uns, durch Gottes Gnade, in dem Verkehrten vor dem Verkehrten bewahren. Fortan wissen wir ein für allemal von dem „Nich­tigen“, der Leere, der Vergeblichkeit der Religion (V. 9), und wir mei­nen vielleicht zum ersten Mal, was wir sagen, wenn wir sagen: „Ich will mit Dank dir opfern, meine Gelübde will ich bezahlen“ (V. 10). Und der Gesang aus dem Innern des Unge­heuers schließt: „Die Befreiung ist DEIN“ (Buber).

MISSION OHNE UND GEGEN DEN MISSIONAR (Jona 3)

I. Und endlich kommt die Mission in Bewegung, jetzt, da der Gesandte zu seinem Bestim­mungsort geht. Jonas ganze Botschaft bestand aber in der Ankündigung des Untergangs. Es ist aus dem Text nicht eindeutig abzulesen, ob das wirklich sein ganzer Auftrag war; sollte „die Predigt, die ich dir sage“ (3, 2) nichts anderes enthalten haben? Würde er jetzt treu sein, er, der später bekannte, daß der tiefste Grund seiner Flucht die Furcht war, der Herr werde wahrhaftig auch Ninive gnädig sein? (4, 2: „Darum ich auch wollte zuvorkommen, zu fliehen gen Tharsis; denn ich weiß, daß du ein gnädiger und barmherziger Gott bist…“). Wie dem auch sei, faktisch, als es nun doch sein mußte, hat er, der nota bene selbst aus dem Abgrund der Verwerfung gerettet ist, seine „Predigt“ so kahl, barsch und abstoßend wie möglich ge­macht. Untergang ohne Entkom­men. Alles sachlich, ein Termin dazu: noch vierzig Tage… Punktum! Aus!

II. Gott bereitet dem herzlosen Wort einen Weg zu den Herzen, daß es doch Eingang findet. Und wieder läuft es auf eine Verwunderung, ein Mirakel, ein Lachen hinaus; wieder geht es über alles Maß. Die maßlose Stadt, „drei Tagereisen groß“ (es ist mit Händen zu greifen, daß es um den gewaltigen Umfang der Gojim geht) gerät in Erregung. Der Total­staat mit allem, was an Gewalt und Terror, Unrecht und Unzucht in ihm ist, macht halt auf seinem Wege und tut Buße. Auf eine totale Weise: König und Volk, Mensch und Vieh sind mit Trauerkleidern bedeckt. Und man erfaßt den Kern dessen, um was es geht: die „Gewalttat“ (in der Bibel durchgehend das äußerste Gegenteil der „Gerechtigkeit“ der „Sanftmütigen“ – der „Frevel“, Gen. 6, 13; Ps. 37, 14; Ps. 74, 20). Sie „glaubten an Gott“, d. h. sie gaben ihm recht in seinem Urteil; selbst der Gottfürst erniedrigt sich, zusammen mit seinen Krondomänen (denn alles gehört ihm), und alles wird hineingezogen in die Erwartung und in die – Abwendung des dies ater. Unbegreiflich! Sie, die Ihn nicht kennen, nehmen die Botschaft ernst – und, nein, sie nehmen es nicht ernst; noch vierzig Tage, das glauben sie als ihnen verdientermaßen zukom­mendes Los, aber sie glauben es nicht als Todesurteil; sie verstehen es, gegen den Wortlaut der Proklamation, als ein Ultimatum, aber nicht als ein ultimum. Was meldet sich da? Die unsterbliche Lebenslust? Die seltsame Eigentümlichkeit der Menschen, daß sie sich nicht vorstellen können, daß es mit ihnen und ihrer Geschichte wirklich aus ist? Die Listigkeit, die auf maßlose Selbsterniedrigung hin eine Amnestie von dem Despoten er­wartet? – Das alles hat zweifellos dabei mitgesprochen, aber Gott, der dem Wort Jonas einen Weg gewiesen und es gutgemacht hat, hat auch ihre wunderliche Bekehrung gutgemacht, vollgemacht und für voll befun­den, weil sie sagten: Wer weiß? Wer weiß, vielleicht regiert doch kein Schicksal in der Welt, vielleicht hat Einer irgendwie ein Einsehen.

III. Wehe uns – uns Braven, Frommen, Juden, Jonas! Die Massen wer­den auftreten vor dem Gericht gegen muffige Kirchen und Sekten und Richtungen – und werden sie verdammen, denn sie werden sich vielleicht bekehren von ihrer offenkundigen Form von Rebellion, wäh­rend die anderen, Jona und Konsorten, ihr tägliches, bürgerliches Leben noch nicht einmal erkannt haben als eine heimliche Form der Rebellion gegen das, was Gott mit dem Menschen­leben im Sinne hat. Sie können sich – sagt nicht Jona, aber, über Jonas Kopf hinweg, das Buch Jona zu uns – abwenden von öffentlichen Volkssünden, von ihrem eingewurzelten Hei­dentum, von dem „bösen Weg“ (3, 8), von diesem ganzen Zustand der Erstarrung und Verdor­rung, in dem die Gewalt nicht mehr als ein de­sperates Mittel zur Aufrechterhaltung von Ord­nung und Recht gilt, son­dern als die Kraft der Natur und die Krone der menschlichen Vitalität verherrlicht wird (vgl. Mt. 12, 41; Lk. 11, 32).

IV. Und was treibt diese „Heiden“, diese religiös der Natur Verhafteten, die uns hier zum Vorbild gesetzt werden? Sie treibt jene eine Frage, jener Sauerteig von bezaubernder Unge­wißheit, von verwegener Erwar­tung, die in den ausgestreckten Händen und in den erhobenen Häuptern und in den Herzen lebt, welche sich über alles Maß des Vorstellbaren emporheben (Röm. 8,19); sie treibt jene eine Frage, in der ein guter Unglaube zu rumoren und ein guter Glaube aufzuleuchten beginnt: „Wer weiß, es möchte Gott wiederum gereuen und er sich wenden …“ Das ABC des erwachten Gewissens ist: „Wer weiß!“ Aber wir, nach Gottes Offenbarung, nach unserer Rettung, wir glauben vielleicht, auf einer höheren Ebene, immer noch an die „Unveränderlichkeit“ Gottes, wie Jona es tat, obwohl er dank Gottes neuer, uner­warteter Treue seinen Lebensodem aus dem Abgrund, der ihn erstickte, hatte wiedergewinnen können. Aber „die Leute von Ninive“, aufgewachsen in dem Glauben an das astrologische Schicksal, großgeworden unter den unwiderruflichen Verfügungen des Königs als des Gottes auf Erden, sie glauben plötzlich, durch den Gott Israels berührt, nicht mehr an die Unverän­derlichkeit Gottes. Wenn sich nur eben eine schwache Brise erhebt, die den reinen Duft von des Herrn Wort mit sich trägt, dann ist es aus mit diesem entsetzlichen Aberglauben, der Gott zum Gefangenen seiner eigenen Ordnung macht. Wir hören auch hier, und wie in einer höhe­ren Oktave, das Lachen durch die Luft gehen wie einen neuen Frühling, als Gesang von Be­freiung.

V. Und Gott „reute es“. Er verzichtete auf die Konsequenz seiner Worte. Er wollte nicht das Spiegelbild der „jüdischen“ pharisäischen Sicherheit sein: „Sie begreifen es doch nicht, sie bekehren sich doch nicht“, nicht das Spiegelbild der (betrübten?) Feststellung des Unwillens und der Ohn­macht des natürlichen Menschen. Den Herrn reute es, und er tat es nicht, obwohl er es gesprochen hatte. War es also nur eine pädagogische Dro­hung gewesen? Sollen wir so die „Unveränderlichkeit“ Gottes „retten“? Es scheint eine Persiflage, es scheint psychologisch unsinnig, was Jona (in Kap. 4, 2) vorbringt, diese Bestürzung, dieser Unwille über das Heils­geschehen, bloß weil es sich nicht reimt mit unseren Theorien – aber leider, hier liegen wirk­liche finstere Möglichkeiten, halb-bewußte oder kaum-bewußte religiöse Gefühle von Un­mut, wenn es den „Gottlosen“ besser geht als sie verdienen, und mehr noch, wenn sich zeigt, daß die Gottlosen besser leben, als wir gedacht hatten, und am meisten, wenn Gott „will­kür­lich“ in den fernsten, feindlichsten Gegenden Heil bereitet. Was ist alle Perversität im Ver­gleich mit dieser Pervertierung des Glaubens: Ich war kein Zeuge, ich wollte es nicht sein, weil ich fürchtete, daß du, Gott, dich wirklich auch über Moskau als „langmütig und von großer Treue“ erzeigen und „dich des (angesagten) Übels reuen lassen“ würdest. Eine Ahnung davon steigt da und dort auch in „weltlicher“ Dichtung auf, so bei A. Roland Holst:

O Kinderlachen, vor der Welt
und wiederum nach ihrem Ende –
von einem glänzend-kleinen Wind
erzählt’s, der einstmals wird bestellt,
zu gehen über Stolz und Pein,
bis Babylon und London endlich
vergeben und vergessen sind.

VI. Aber eben dieser Gott ist „unser“ Gott; von ihm leben wir; davon leben wir, daß er qua­litativ-unveränderlich ist, daß er treu ist, und darum leben wir gerade davon, daß er, um sich selbst und seinem ewigen Vorsatz treu zu sein, seinen Weg verändert und unser Geschick wendet. Dieser Gott ist – Gott sei Dank – unser Gott! Von ihm selbst – in der Unmittelbarkeit des Wortes und in der Mittelbarkeit der Erfahrung – hätten wir es längst lernen können, daß wir nicht weiterkommen, keinen einzigen Schritt, ohne die aufkeimende Ahnung, ohne die herrliche Frage: Wer weiß? Wer weiß? Gott möchte sich wenden! Seine Vollkommenheiten werden von uns so oft mit toten Lippen besungen, die hym­nische Reihe, die als ein Refrain in der Schrift wiederkehrt (Ex. 34, 6 f.; Ps. 86,15; Ps. 103, 8; Num. 14, 18; Joel 2, 13); sie wer­den in dem Tem­pelgesang (nach dem Jona im Innern des Ungeheuers ein wirkliches Heim­weh hatte!) als die Regenbogenfarben der göttlichen Humanität besun­gen. Gottes Wege sind höher als unsere Wege und seine Gedanken höher als unsere Gedanken, so wie die Himmel höher sind als die Erde. – Mit welchem Abstand haben wir es also in diesem Zusammenhang zu tun, mit welcher Dimension? Man lese zu dieser Jona-Stelle Jes. 55, 7 f.: „Bei ihm ist viel Verge­bung; denn meine Gedanken sind nicht eure Gedan­ken …“; man lese daneben, um die wahre Unveränderlichkeit zu ver­stehen, aus der wir selber täglich schöpfen, Ps. 77, 11: „Aber die rechte Hand des Höchsten verändert sich“ (dort faktisch gegen die Erwartung, aber prinzi­piell, wie immer, über die Erwartung). Bedenken wir, wir Besserwisser und Hartherzige (o daß der großmütige Überfluß unser perverses Murren bedecken und überschütten möchte!), daß der Herr das Gute, das er gesprochen hat, immer tut, das Übel aber längst nicht immer, so wie er tausenden von Geschlechtern das zugesagte Gute zukommen läßt, aber nur bis zum dritten oder vierten Glied das Übel (Ex. 20, 5b. 6)? Wir sind vollauf gerechtfertigt, wenn wir, mit den Niniviten, in unserem Geschick und in unserer sittlichen Not mindestens denken und den Ge­danken immer wieder festhalten: Wer weiß! Auch und gerade, wenn wir den Übergang vom opus alienum zum opus proprium nicht einsehen können, aber glauben dürfen, daß das Werk „zur Linken“ aufgenommen wird in das Werk von Gottes siegender Rechten.

DER LETZTE HUMOR (Jona 4, 4)

I. Nach allem, was geschehen ist, wird uns Jonas Haltung psychologisch unbegreiflich vor­kommen. Und das mit Recht! Daß ein berufener Prophet nicht predigen will, ist seltsam; daß er flieht und während des Sturmes schläft, ist schlimm. Aber daß er bis zu den Pforten des Abgrunds sinkt, um, gerettet, alsbald sein Werk mutig anzufangen und vor dessen schö­ner Frucht Grauen zu empfinden; daß er, Israels Prophet, die Offen­barung des Gottes, der „heilig“ ist, anders als die Naturgötter, selber zurückschrauben will auf die Ebene der „Natur“, der Unveränderlich­keit – das ist unbegreiflich. Und am meisten von allem kann es uns ent­setzen, daß er dasitzt und auf Ninives Untergang wartet und, als der ausbleibt, Gott einen Vorwurf daraus macht, daß es Gnade für die Welt gibt – als ob er nicht selbst von Gnade lebte und durch Gnade gerettet wäre aus den Abgründen des Ungeheuren und der Endkatastrophe seines Lebens. Oder schimmert hier etwas von dem beschämenden Wahrheits­moment in der Erfah­rung vieler „Kirchenfremder“ durch, daß die „Kirch­lichen“, wenn sie schlimm sind, schlim­mer, zwiespältiger, unzuverlässiger, unedler, inhumaner sind als die gewöhnlichen Menschen? Wer meint, daß daran nichts sei, lese das Buch Jona, das vierte Kapitel, von vorn bis zum Schluß!

II. Dieses „psychologisch Unbegreifliche“ gehört zu der tieferen Anthro­pologie der Schrift. Es geht hier um die Sünde des „Juden“, um die Sünde, im Vergleich mit der alle andere „Sünde“ in gewissem Sinne harmlos ist. Sünde ist kein moralischer Begriff, nicht einmal ein religiöser; Sünde ist immer Aufstand gegen die Gnade, aber in sehr verschiedenem Grad von Bewußt­heit. Sünde im tiefsten Sinne – man kann nicht sagen: vollbewußte Sünde, denn auch von den Frommen gilt noch mehr oder weniger, daß sie „nicht wissen, was sie tun“ – wird durch Got­tes Treue enthüllt. Darum sagt das Wort Gottes in dieser haggadischen Schrift: So unmög­lich ist der Mensch; in den Schichten und Bereichen seines Wesens, die kein Senk­blei der Analyse ausloten kann, schlummert ein mürrischer Widerstand gegen die freiheitliche Macht Gottes und ein haß-bewegtes Unbehagen gegenüber den Menschen, den – „Andersdenken­den“, die als solche schon beinahe Frevler sind.

Das Festhalten an einer mißverstandenen „Ehre“ Gottes (auch wenn längst am Tage ist, daß der Herr seine höchste Ehre gerade in das Heil von Sündern setzt), die Identifizierung unserer frommen Entrüstung mit dem göttlichen Zorn (auch wenn längst am Tage ist: „Du, der du andere richtest, tust ebendasselbe“, Röm. 2, 1b), die Unwilligkeit, die Wendun­gen der Reue Gottes mitzumachen (z. B. unter uns in jener bleibenden Unversöhnlichkeit, dem Mißtrauen oder der Reserve gegen diejenigen Deutschen, die sich von ihrem verkehrten Denken und Tun abgewandt haben), die Boshaftigkeit, mit der wir uns mit der geistlichen Finsternis abfinden, in der die Menge lebt und leben muß, die Mühe, die wir damit haben, unsere Interpretationen von Gottes Rat und Vorsehung aufzu­geben, vor allem wenn wir dadurch selbst in ein „ande­res“ (d. h. ein weniger günstiges) Licht zu stehen kommen, das alles steht im Wider­spruch zum Glauben, das alles ist unvereinbar mit unserer Erkenntnis, mit der Gunst und Huld, die wir empfangen haben – und es hängt doch gerade damit aufs engste zusammen. In der Tat: keine größeren Spitz­buben als fromme Spitzbuben! Wie ist das zu fassen?

III. In Gottes Bund, in unserer Teilnahme an dem Bund, sind wir so hoch gestellt, eingeweiht in besondere Geheimnisse; und nicht grundlos war Gunnings Wort, Gott regiere die Welt durch das Gebet seiner Kinder. Überschreiten wir doch im Glauben die Grenzen unseres Menschseins, insofern Gott uns sehen und richten läßt, mit-sehen und mit-richten mit sich selbst. Wenn auch nur einen Augenblick der Wahn aufkommt, diese Gaben seien unser Besitz, wir könnten darüber verfügen, wenn wir ver­gessen, daß wir selbst durch Gnade atmen und durch Gnade glauben, dann steigen Qualm und dichte Finsternis aus unserem „jüdischen“ Ge­müt herauf. Und dann sind wir viel böser als die anderen. Und angefan­gen hat das, als wir aufhörten, Zeugen zu sein, die apostolische Aufgabe unwillig fallenließen und uns zurückzo­gen und, soviel an uns ist, die Welt verloren gaben.

Dann hilft es nichts mehr, so scheint es, wenn wir auch ins Meer geworfen und wunderhaft aus der Tiefe des Meeres wieder heraufgebracht werden – dann sind wir zu solch unsinnigen Reaktionen wie jenen „psychologisch unbegreiflichen“ des Jona immer wieder „geneigt“, um es so vorsichtig auszudrücken, wie der Heidelberger Katechismus – nicht nur im Lehr­stück vom Elend (Fr. 5), sondern auch in dem von der Erlösung (Fr. 60) – es tut, dann sieht es wohl wirklich so aus, als versinke ein frommer Mann am Ende im Pathologischen. Ergreifend ist die Art, wie das „Buch Jona“ den frommen Mann Jona lächerlich macht, in all seiner Lächer­lichkeit zur Schau stellt. Gewaltig, daß der inspirierte Autor den Mut gehabt hat, die Fröm­migkeit der Menschen „für sich genommen“ so radikal zu demas­kieren! Er schrickt in dieser Sache vor keiner Konsequenz zurück. Warum? Um Gott die Ehre zu geben.

IV. Aber gewaltiger noch als dieses laute Lachen ist die Zartheit Gottes, die sich herabnei­gende Güte, die sich nicht geniert, fast zur Gütigkeit eines „reinen Toren“ zu werden; Gott, der Lenker des Dramas der Ge­schichte, der das Meer beherrscht und die Millionenstadt bekehrt, fragt nota bene den Taugenichts in aller Freundlichkeit: „Meinst du, daß du billig zürnest?“, und er beantwortet das hirnverbrannte Widerwort des Propheten: daß er lieber sterben wolle als erleben, daß die Welt sich be­kehrt, während er doch so bestimmt gesagt hat, daß sie untergehen wird – Gott beantwortet die Klage, ja Anklage, den Vorwurf, ja Aufruhr des Jammernden, des bösen Patienten, mit einem Wunder, mit dem schatten­spendenden „Wunderbaum“, um dem in mehr als einem Sinne erhitzten Haupt seines Gesandten etwas Kühlung zu geben. Von allen Seiten sprüht hier das Lachen über die Umstehenden hin. Und über den Jammerer rieselt eine beglückende Kühle.

Besser als unter seinem selbstgemachten Schirmdächlein sitzt er nun in dem Schatten von Gottes eigener kreativer Hand; unergründliche Royalität des Herrn: „… damit Schatten sei über seinem Haupt, um ihn zu retten von seinem Verdruß!“ Ja, nachdem einer aus den Ab­gründen ge­rettet ist, gibt sich Gott noch einmal extra damit ab, ihn von dieser schmählichen, verächtlichen Art „Verdruß“ zu „retten“. Was ist das für ein Gott, der schließlich die Selbst­mörder-Elegie seines Knechtes anhören muß, als geschehe eine Weltkatastrophe, wenn Gott das Übel, das er angesagt hat, nicht tut – eine Klage obendrein ohne einen Hauch von Selbst­beschuldigung und Insichgehen, ohne jede Erinnerung an das, was er (Kap. 2, 10) selbst ge­sagt hatte: „Ich will mit Dank dir opfern, meine Gelübde will ich bezahlen“? Was ist das für ein Gott, der den ganzen Unsinn an seinem eigenen Herzen sich austoben läßt, der den ganzen Mißmut versanden läßt in der Stille seiner Treue, seines Wirkens, des unerschütterlichen Ganges seiner großen Taten?

V. Dieser Gott ist die Macht der „Verschonung“, die errettet und be­wahrt, die nicht gekom­men ist, um der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten (Lk. 9, 56). Er ist frei, aber doch: er „muß“, von innerem Erbarmen bewegt, verschonen, weil er jene Stadt, jenen Gojim-Komplex, anders sieht. Er sieht die Menschen und die Kinder und die Tiere. Gott nimmt sich selbst ernster als den Widerstand der Gojim und auch als den Mißmut der From­men.

Auch diesen fehlt es offenkundig an „dem, wodurch man wirklich sieht“(Shaw, am Ende von „St. Joan“); sie sehen die Menschen nicht, die Kinder und die Tiere nicht. Sie fahnden nach Prinzipien und Ideologien, sie suchen die Bestätigung ihrer Weltanschauung von ihrem Plätz­chen unter dem Schirmdächlein aus, abseits von der Welt. Die Sprache des Wehr­losen er­gründen sie nicht, das Seufzen der Kreaturen hören sie nicht; das sind dieselben Frommen, die Gott im Bund neben sich gestellt hat und die jetzt „in sich selbst“ keinen Blick für die tatsäch­liche Wirklichkeit haben. Wenn Gott nicht anders wäre als das Christentum, wären wir in unserer Bedrängnis und in dem Gericht schon längst zugrundegegangen.

VI. Gott ist unser Schicksal, nicht das Schicksal ist Gott. Dies nämlich ist unser seliges Ge­schick, daß dieser Gott wahrhaftig Gott ist; und wir be­greifen es in der Not, und wir vergessen es durch unseren Wahn. „Die Güte des Herrn ist’s, daß wir (wir!) nicht gar aus sind; seine Barmherzig­keit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß“ (Klagel. 3, 22 f.). Dies ist unser Los, daß wir mit dem Heiligen zu tun haben, d. h. mit dem Anderen, mit Dem, der anders ist als alle Mächte und Götter, anders als alle „Heiden“ und alle „Juden“. „Der Herr ist’s, der das Recht der Armen und der Bedrückten gelten macht“ und der den Fremdling behütet (Ps. 146); unter dem Schicksal geschieht das gewöhnlich nicht, wenn es aber geschieht, dann kommt es geradeswegs von diesem Herrn. Von den besonderen Taten wenden wir unsere Augen auf das allgemeine Geschehen und wissen, daß auch dort seine rechte Hand ist. Dieser Gott Israels ist der Gott Ninives. Denn er ist ein „menschlicher“ Gott. Und darum schließlich sogar der Gott Jonas, der „Juden“, der „Kirchlichen“ in ihrem perversen Widerstand.

VII. Und Jona selbst? Ist er in seiner Verstockung, in seinem Schmoll­winkel geblieben? Wir hören nicht mehr von ihm: es kommt auf ihn nicht mehr an. Er war das Bild jenes Israel, das nicht ausgeht zu den Völkern; er war ein Zeichen, wie die fromme Antwort in umgekehrter Proportio­nalität zu der Bevorzugung durch Gott stehen kann; er ist lächerlich gemacht durch die Generosität Gottes. Werden wir, statt „Heiden“ und „Juden“ zu sein, endlich das „dritte Geschlecht“ sein? Das dritte Ge­schlecht lebt von Gottes Reue, wie das wahre Israel immer davon gelebt hat. Daher ist seine gegenwärtige Glaubensgewißheit noch von einer Zone froher Erwartungen umgeben, alle von kindlicher Art und von propheti­scher Schau und alle über den brausenden Orgelpunkt gesetzt: Wer weiß! … Der Herr wird allen Völkern ein schönes Mahl bereiten, er wird den Schleier vernichten, der das Antlitz aller Völker bedeckt, er wird den Tod verschlingen, vernichten in seinem Siege. Er wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen. „Und man wird an jenem Tage sagen: Siehe, dieser ist unser Gott; wir haben ihn erwartet, und er hat uns be­freit. Dieser ist der Herr, wir haben ihn erwartet, wir wollen uns freuen und den Tag unserer Freiheit feiern“ (Jes. 25, 9).

Quelle: Kornelis Heiko Miskotte, Wenn die Götter schweigen. Vom Sinn des Alten Testa­ments, München: Chr. Kaiser, 1963, S. 419-435.

Hier der Text als pdf.

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