Paul Schempps Predigt über Prediger/Kohelet 1: „Wir haben genug verzweifelte Menschen, genug zerbrochene Herzen um uns und unter uns, wir haben genug Leichtsinn und genug Schwermut in unserer bitteren Gegenwart und wohl auch genug von beidem in unserem eigenen Herzen, als dass wir diesen Prediger zur Rechtfertigung unserer Stimmungen, ja zum Bundesgenossen unserer Haltlosigkeit machen dürften.“

1952 hielt Paul Schempp in der reformierten Gemeinde in Stuttgart eine Predigtreihe über die ersten vier Kapitel des Buches Prediger (bzw. Kohelet). Hier seine erste Predigt über das erste Kapitel:

Predigt über Prediger 1: Umsonst

Von Paul Schempp

1Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem. 2Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. 3Was hat der Mensch für Gewinn von aller seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? 4Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich. 5Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder daselbst aufgehe. 6Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mit­ter­nacht und wieder herum an den Ort, da er anfing. 7Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, da sie her fließen, fließen sie wieder hin. 8Es sind alle Din­ge so voll Mühe, daß es niemand ausreden kann. Das Auge sieht sich nimmer satt, und das Ohr hört sich nimmer satt. 9Was ist’s, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist’s, das man getan hat? Eben das man hernach tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne. 10Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte: Siehe, das ist neu? Es ist zuvor auch geschehen in den langen Zeiten, die vor uns gewesen sind. 11Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind; also auch derer, so hernach kommen, wird man nicht geden­ken bei denen, die darnach sein werden. 12Ich, der Prediger, war König zu Jerusalem 13und rich­tete mein Herz zu suchen und zu forschen weislich alles, was man unter dem Himmel tut. Sol­che unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, daß sie sich darin müssen quälen. 14Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht; und siehe, es war alles eitel und Ha­schen nach dem Wind. 15Krumm kann nicht schlicht werden noch, was fehlt, gezählt werden. 16Ich sprach in meinem Herzen: Siehe, ich bin herrlich geworden und habe mehr Weisheit denn alle, die vor mir gewesen sind zu Jerusalem, und mein Herz hat viel gelernt und erfah­ren. 17Und richtete auch mein Herz darauf, daß ich erkennte Weisheit und erkennte Tollheit und Torheit. Ich ward aber gewahr, daß solches auch Mühe um Wind ist. 18Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämens; und wer viel lernt, der muß viel leiden. (Prediger 1,1-18 – Luther-Bibel 1912)

 „Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem.

Wer ist oder war dieser Prediger? Das Wort im Urtext heißt Kohelet und hängt zusammen mit dem Wort Kahal, das ist die Gemeinde, die Versamm­lung. Der Mann ist also kein Philosoph, kein Weltweiser, der uns das Ergebnis seiner Denkarbeit, seiner Erfahrung oder gar seines Grübelns über die Welt­rätsel mitteilen will, der uns seine Weltanschauung darlegt, der also in die Reihe der großen Denker gehört, die wir bewundern oder auch nicht verstehen, die ihre Anhänger, aber auch ihre Kritiker finden, sondern dieser Mann ist regelrecht das, was wir auch heute einen Prediger heißen, ein Pfarrer der Gemeinde, ein Verkündiger der Wahrheit, ein Zeuge von Gottes Wort. Wir wären freilich nicht die Ersten, wenn wir diesen Prediger doch als Philosophen verständen, wenn wir vielleicht befremdet darüber wären, daß dieses Buch in der Bibel steht, wenn wir hier nur die Stimme eines Pessimisten hörten, dessen Worte uns unvereinbar scheinen mit der frohen Botschaft des Neuen Testa­ments, oder auch wenn wir hier nur die Bestätigung unserer eigenen Lebens­erfahrungen, unserer Enttäuschungen, ja, unserer Schwermut hören könnten und so die Anhänger des Predigers würden.

Wir wollen aber nicht außer acht lassen, daß der Ausdruck Kohelet, der mit „Prediger“ über­setzt ist, eine weibliche Wortform ist. Es geht also nicht um die Person dieses Mannes, nicht um den Verfasser dieses Buches, nicht um seine Ansicht vom Leben oder gar um seine Stim­mung, sondern um die Stimme der Gemeinde, um das, was in der Gemeinde bezeugt und gehört wird, um die Autorität, die in der Gemeinde gilt. Es ist gewiß eine Lebensweisheit, die wir hier hören, aber nicht eine, die uns zur Wahl steht, die wir auch als bloß noch zum Teil berechtigt und gültig oder gar für überholt halten könnten, sondern es ist die Lebensweisheit Israels. „Zion, du Predigerin, steig auf einen hohen [4] Berg, Jerusalem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf“ (Jes 40,9), ruft der unbekannte Prophet in der Gefangenschaft, der so ge­waltig trösten durfte, der Gemeinde zu, und gerade dieser Prophet erhielt auf die Frage: „Was soll ich predi­gen?“ die Antwort: „Alles Fleisch ist Gras und alle seine Güte ist wie eine Blu­me auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, denn des Herrn Geist bläst drein. Ja, das Volk ist das Gras.“ (Jes 40,6f) Auch bei diesem unserem Prediger haben wir es mit einem unbekannten Mann zu tun, von dem wir nicht einmal wissen, in welchem Jahrhundert er ge­lebt hat, aber mit einem Mann des Volkes Gottes, mit einem Mann der Gemeinde der Zeugen Gottes, mit einem, der freilich in seiner Weise, anders als die Propheten und die Apo­stel und anders als Mose und die Evangelisten, aber darum doch nichts anderes als sie alle, nämlich das Wort Gottes predigt, das ewig bleibt.

Aber nun heißt sich dieser Prediger „Sohn Davids“ und „König zu Jerusa­lem“ und wir sind deshalb gewöhnt, vom Prediger Salomo zu reden, obwohl dieser Name nicht genannt ist. Wir wissen, daß in der Schrift vom König Salomo erzählt wird, daß er, der Sproß aus dem Ehe­bruch Davids mit Bathseba, sich von Gott Weisheit erbeten hat und daß seine Weisheit be­rühmt und sprichwörtlich wurde. Wir wissen aber auch, wer der wahre Sohn Davids, der wirkliche König zu Jerusalem, der König der Juden ist. Israel hat nur einen Herrn und König zu allen Zeiten, und das ist Gott selber, der Gott, der ihm sein Wort gegeben hat, der ihm versprochen hat, sein Gott zu sein und sein Versprechen gehalten hat und noch hält, der Gott, der allein weise ist und der ein ewiges Königreich hat und in dem ewigen König Jesus Chri­stus als Davids Sohn und Herr, als Friedefürst und wahrer Salomo zu seinem Volk gekommen ist. Jesus Christus ist allein der wahre Prediger, er ist die Quelle aller Lebens­weisheit, in ihm ist der Geist des Herrn, er ist uns zur Weisheit gemacht, ihn bezeugt die Predigerin Zion, die Gemeinde Gottes, und darum wollen auch die Reden des Predigers Salomo, des Predigers, der im Geiste der königlichen Weisheit Salomos spricht, auf diesen Christus hin gehört und ver­standen sein, sonst würden sie uns nur sagen, daß auch der weise Salomo an aller Weisheit verzweifelt ist, und alles Mühen der Menschen um Weisheit und Erkenntnis, alles Suchen nach Wahrheit nur vergeblich heißen kann.

So sind die Reden des Predigers als die Stimme des Volkes Gottes und als die Stimme des Königs dieses Volkes wirkliche prophetische Predigt an uns, Predigt aus dem alten Bund wohl, eine Stimme eines Predigers in der Wüste: „Bereitet dem Herrn den Weg!“ (Jes 40,3), aber so eben die Einladung an uns, die Selbsterkenntnis und die Lebensweisheit anzuerkennen und gelten zu lassen, die nicht aus uns und aus der Menschheit stammt, sondern die aus der Furcht des Herrn und deshalb aus dem Glauben an die Gnade Gottes in Jesus Christus [5] stammt. Was wir reden über diese Reden des Predigers Salomo, ist nicht unser Urteil und unser Gut­achten darüber, sondern das neue Hören und Bekennen unseres Glaubens: „Es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben. Vor Dir niemand sich rühmen kann; des muß Dich fürchten jedermann und Deiner Gnade leben.[1]

Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“ (Pred 1,2) „Ist’s der Mühe wert zu leben, dieses Lebens Last zu tragen? Menschen kommen, Men­schen gehen, unbewe­get steht die Erde. Kommt die Sonne, geht sie unter, eilt zurück, um aufzugehen; auch der Wind dreht sich nur immer, immerfort im gleichen Kreise. Alle Flüsse ziehn zum Meere, kön­nen doch das Meer nicht füllen, ziehen stets die gleiche Straße, immer, immer im alten Bette. Wie die Welt sich jagt und hastet ohne Ziel und ohne Ende; unersättlich ist das Sehnen, ohne Auf hörn muß man hören! Was geschehen ist, kommt wieder, und die Sonne bringt nichts Neues; zeigt sich etwas Niegekanntes, ist’s doch längst schon dagewesen. Wo sind die, die vor uns lebten? — Auch die kommenden Geschlechter müssen bald vergessen werden, wenn sie sind dahingegangen!“[2] — Was für eine trostlose Weisheit! Alles eitel!, das heißt, alles ohne Zweck, ohne Nutzen, ohne Erfolg, alles umsonst. Vielleicht haben wir tat­sächlich schon oft die Bitterkeit eines „Umsonst“ erlebt. Wie vielgestaltig trifft es den Menschen! Wenn der Hagel die Ernte zerstört, wenn Feuer und Wasser die Habe vernichten, wenn der Kranke unter den Händen des Arztes stirbt, wenn eine Ehe kinderlos ist oder die Kinder aller wohlgemein­ten Erziehung trotzen, wenn mit einem Schlag die Ersparnisse wertlos werden, wenn wir mit Angst zu erkennen glauben, daß wir unserer Aufgabe nicht gewachsen sind, wenn die Zukunft wie eine steile Wand vor uns steht, wenn der Alltag grau in grau mit täglich gleichen Sorgen und Pflichten abläuft, wenn der erwartete Dank ausbleibt, wenn das zermal­mende Rad des heutigen Zusammenbruchs den letzten Lebensmut zerbricht, wenn die Ver­gangenheit uns anklagt als ver­säumte oder unnütz ausgefüllte Zeit, wenn es einsam wird um uns, weil die Liebsten sterben, wenn selbst Tage des Genusses und der Freude ein Gefühl der Leere übrig lassen, wenn die dunkle Herrin Melancholie über uns kommt oder gar eine Schuld uns in das Gefühl auswegloser Verlorenheit stürzt, wenn das bittere Lachen über den Jahr­markt des Lebens oder das bittere Weinen über das Fehlen von Sinn und Halt und Ziel in unserem Leben nicht mehr aufzuhalten sind, wenn ganz heimlich der Stachel des Todes zu schmerzen be­ginnt — und jeder hat so seine Stunden, in denen ihm das so einleuchtend, so wahr, so unumstöß­lich zu sein scheint: Alles ist eitel, alles ist umsonst.

Ja, so machen wir es freilich immer wieder, daß wir uns in den Mittelpunkt des Daseins und der Welt stellen. Weil wir nichts sehen, muß es überall Nacht [6] sein, weil wir enttäuscht sind, muß alles Leben eine große Enttäuschung sein, weil wir bittere Stunden und Tage haben, muß die ganze Schöpfung ein Mißerfolg sein. Der Prediger aber predigt: alles ist eitel! Er sitzt nicht klagend im Winkel, er zischt uns nicht seine bittere Lebenserfahrung entgegen, er macht nicht den Spielverderber, der hochmütig auf die Mutigen und Unentwegten herabblickt, die vom Leben noch etwas erwarten, oder der insgeheim neidisch ist auf die, die noch Hoffnun­gen hegen oder an Erfolg glauben. Nein, der Prediger verallgemeinert nicht wie wir die eigene Lage und Stimmung, sondern er predigt und lehrt uns eine feste, gültige Tatsache, die wir in ihrer Allgemein­gültigkeit, in ihrer Furchtbarkeit, in ihrer Wahrheit und auch Weisheit gar nicht erfassen können. Er redet von dem Umsonst des Lebens, indem er nicht von den Ab­gründigkeiten unseres Herzens, von den Katastrophen der Ge­schichte oder den Tragödien von Einzelgeschichten erzählt, sondern mit dem Hinweis auf das ganz Selbstverständliche, auf das ganz und gar Natürliche: die Sonne geht auf und unter, die Wasser fließen dahin und kehren zurück, die Winde kreisen von Mittag zu Mittag und in dieser Beständigkeit des Wechsels kommen und gehen die Geschlechter und werden Vergangenheit, Ver­gessenheit. Das Ganze der Natur und der Geschichte wird hier in eine eiserne Klammer gefaßt: umsonst! Das wird uns gesagt nicht als ein Urteil, das der Prediger fällt, sondern als eines, das gefällt ist, das auch über ihn gefällt ist und das er anerkennt und weitersagt, daß wir hören und Wissende, ja Weise werden. Hier wird ja nicht rebelliert gegen die Wirklichkeit und es wird nicht die hoff­nungslose Kapitulation vor der Wirklichkeit und letztlich die Ver­zweiflung gepredigt, sondern fest und tapfer werden uns die Illusionen ge­nommen, als könnten wir den Sinn des Daseins ergreifen und ergründen, ja den Sinn auch nur eines Tages erfüllen und den Ring durchbre­chen, der um das Ganze gelegt ist. Es wird nicht gesagt: Es ist alles umsonst, darum schließ die Augen zu und laß die Hand sinken und wehre dem Kopf zu denken, sondern vergiß nicht, daß das Urteil gesprochen ist: Erde zu Erde, Staub zu Staub. Verschenk dein Herz nicht an die Welt, so schön sie ist, nicht an deine Arbeit, für so wichtig sie gelten mag, nicht an die Men­schen, so kraftvoll und schön, so begabt und achtenswert sie dir scheinen mögen, nicht an die Ideale und nicht an die greifbaren Güter. Da wird die Größe des Menschen ein­geebnet, und wir werden befreit von dem Ehrgeiz, nun doch zu glänzen und andere auszustechen und vor­wärtszukommen. Wir werden aber auch befreit von der Angst, von dem Gefühl, nur wir seien so klein, so unfähig, so un­nütz, während andere etwas leisten und zuwege bringen, für sich oder für die Allgemeinheit. Und wir werden überlegen gegenüber all dem, was als Macht und Größe Bewunderung beansprucht. Alles ist eitel! Das hebt die Unter-[7]schiede nicht auf und schafft doch eine Gleichheit, eine wirkliche Gleich­berechtigung aller Menschen, eine Ge­meinschaft der letzten Hilflosigkeit, der Gefangenschaft, der Bedrohtheit und der Verloren­heit. Dieses „Alles ist ver­geblich!“ will uns nicht auffordern, nun dieser Eitelkeit davonzu­laufen, uns in eine Ecke zu verkriechen, um über den Jammer des Daseins zu klagen oder uns noch gründlicher mit dem Elend des Menschen zu befassen. Auch das ist eitel und unnütz. Dieses Wort will uns aber auch nicht verleiten, nun die Wissenden zu spielen und die Leicht­sinnigen, die nichts mehr ernst nehmen, die sich anmaßen, alles verächtlich und dumm zu finden, was die Menschen erstrebt haben und noch erstreben, die sich erhaben dünken über alle Sehnsucht und Entsagung der Menschenherzen. Das wäre erst recht eine eitle Weisheit.

Wir haben genug verzweifelte Menschen, genug zerbrochene Herzen um uns und unter uns, wir haben genug Leichtsinn und genug Schwermut in unserer bitteren Gegenwart und wohl auch genug von beidem in unserem eigenen Herzen, als daß wir diesen Prediger zur Rechtfer­tigung unserer Stimmungen, ja zum Bundesgenossen unserer Haltlosigkeit machen dürften. Wo gepredigt wird, da stehen wir in der Gemeinde des Volkes Gottes, da will das Wort des Königs, das Wort Gottes Glauben und Gehorsam. Da wird uns zugemutet, daß wir die Eitel­keit des Daseins nicht hinwerfen wie eine unnütze Last, nachdem wir sie erkannt haben, als ob wir nun durch die Erkenntnis frei geworden über die Bühne dieses Welttheaters toben dürften, bis das Spiel aus ist und auch wir abtreten müssen. Uns wird aber auch zugemutet, daß wir die Eitelkeit des Daseins nicht auf uns drücken lassen als eine Last, unter der wir zusammen­bre­chen, als ob wir immer nur noch die Trübsal dieser Welt zu steigern hätten.

Dieser Prediger hat das Tun der Menschen weislich erforscht und hat an diesem Tun erkannt, was dieses Tun gerade immer verbergen und nicht zeigen will, nämlich daß es ein Versuch ist, das Unmögliche zu tun, ein Versuch, den Wind mit der Hand zu greifen. Das ist eine Erkennt­nis, die nicht aus der Geschichte abzulesen ist. Da mag man noch so gering von den Leistun­gen der Menschen denken, aber das kann man nicht abstreiten, daß da Köpfe und Hände am Werk waren, die schon Erstaunliches geleistet haben, Köpfe un­zähliger kleiner und unbe­kannter Leute und Handlanger und Köpfe und Hände mancher großer und vorangehender Menschen aller Berufe. Da gibt und gab es Neues unter der Sonne, da wurde Krummes gerade gemacht und was vorher fehlte, erfunden und geschafft. Aber das freilich, worum es in all dem Tun der Menschen heimlich geht, die Weisheit selber zu finden, Torheit und Weisheit wirklich zu scheiden, die Freiheit, das Heil, das Ziel, die Rettung, nein Gott selber zu finden, den Anfang, die Mitte, das Ende zu finden, das ist nicht gelungen, das kann nicht gelingen, diese Mühe ist unnütz und ver-[8]geblich, das ist so unmöglich, wie den Lauf der Sonne, den Zug der Winde, den Kreislauf der Feuchtigkeit, das Schwinden der Geschlechter zu ändern, so un­möglich, wie den Tod zu besiegen. Weil das unmöglich ist, darum ist alles eitel, darum sind Weisheit und Tollheit, Nutzen und Schaden aller Leben in der gleichen Klammer, in der glei­chen Verdammnis des Umsonst, so ge­waltig die Unterschiede sind.

Was für eine befreiende und doch so ganz einfache Erkenntnis ist dieses „alles ist eitel“, alles ist Haschen nach Wind, wenn wir da es aufgeben, hin und her zu laufen und unsere Hoffnung auf Menschen und Verhältnisse, auf Welten und Überwelten, auf Natur und Geist, auf Sicht­bares und Unsichtbares zu setzen, wenn wir da uns finden in der Gemeinde derer, die gefun­den und angeredet sind von der Weisheit Gottes und so Gott weise sein lassen und sich selbst unweise, Gott mächtig und sich selbst ohnmächtig.

Das Wörtlein, das im Urtext für „eitel“ steht, heißt „habel“, und das ist der Name, den jener zweite Sohn Adams bekommen hat, den sein Bruder erschlagen hat, Abel. In diese Reihe sind wir da versetzt, in die Gemeinde der Leidenden, der in der Weisheit Gottes und darum in sich selbst Wehrlosen, der Ohnmächtigen, der Geschlagenen. Aber da dürfen wir nun auch sein. Nicht ein blindes Geschick, nicht eine finstere Macht hat uns ins wilde Meer des Daseins und der Geschichte hinausgestoßen, bis alle scheitern und Schiffbruch leiden. „Unselige Mühe hatt Gott den Menschenkindern gegeben, daß sie sich darin müssen quälen.“ Unselige Mühe, ein totales Umsonst und doch kein Abstehen von dieser Mühe, doch keine Möglichkeit, sie aufzu­geben, doch keine Erlaubnis, selber Maß und Ziel zu setzen, doch kein Recht sich aufzulehnen oder gar zu verzweifeln, denn Gott, Gott selber hat uns unter diese Last gestellt und alle, alle dahingegeben in ihres Herzens Gelüste, an unsere eigene Kunst, an unser Menschsein auf die­ser Erde, unter dieser Sonne, in diese Zeit, in unsere vergeblichen Lebensversuche im Kreis­lauf des Werdens und Ver­gehens, in die feste Spanne zwischen Geburt und Grab. Da bringt es Grämen, wo uns die unendliche Aufgabe gestellt ist, nach Weisheit zu trachten, da bringt es Leid, viel Leid, lernen zu müssen, Mensch zu sein und was es heißt, Mensch zu sein.

Aber da, gerade da, wo wir nüchtern unsere Last aufnehmen als die uns von Gott zugewie­se­ne, wo wir seine Weisheit Herr sein lassen über unsere Torheit und seine Macht über unsere Ohnmacht, wo die Predigt der Eitelkeit uns weder verzagt noch eitel macht, sondern auch un­sere Eitelkeit und Ver­zagtheit aufdeckt als eitel und unnütz, als nichtig und hinfällig, als erledigt und fruchtlos, da verstehen wir etwas davon, daß Gott allein eben nicht ein [9] eitler Göt­ze, ein entbehrlicher Zuschauer, ein müßiger Spieler mit der Welt ist, daß an seinem Segen wahrhaftig alles gelegen, und zu unserem Glück alles gelegen ist.

Luther hat in seiner Vorrede zum Prediger Salomo geschrieben: „Dieses Buch sollte billig den Titel haben, daß es wider den freien Willen geschrieben wäre. Denn es zieht alles dahin, daß aller Menschen Rat, Anschläge und Vornehmen umsonst und vergeblich sind und es immer anders hinausgeht denn wir wollen und denken, auf daß er uns lerne gelassen stehen und Gott lassen alle Ding über, wider und ohne unser Wissen und Rat tun … Da Christus spricht: Sorget nicht für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird seine eigene Sorge haben. Es ist ge­nug, daß ein jeder Tag sein Übel hat. Dieser Spruch ist der Inhalt dieses Buches. Sorgen für uns gehört Gott zu, unser Sorgen fehlt doch und gibt eitel verlorene Mühe.“[3] — Eitelkeit der Eitelkeiten! Darum sorget nicht! Gott weiß um diese Eitelkeit. Er weiß, was für ein Gemächte wir sind. Er selbst gehört allein nicht zu diesem „alles“, das eitel ist. Er hat uns diese Eitelkeit auf gedeckt, ist selbst in diese Welt des Kommens und Gehens der Geschlechter hineingetre­ten als der neue Mensch. Alles, alles hat der Mensch versucht, gerade sein Wort und Werk zu vereiteln, und das alles hat doch dazu gedient, es zu bewahrheiten und zu vollziehen. Wo sein Wort zu uns kommt, da zerbricht der Ring der Eitelkeit, da ist uns gerade umsonst, gerade ohne unser Sorgen und Quälen das Unmögliche möglich, da ist gar nichts mehr vergeblich und umsonst, da dürfen wir glauben, daß alle Dinge, der ganze un­begreifliche Lauf der Ge­schichte, alles unser Tagewerk im Kreislauf der Sonne, in der unersättlichen Sehnsucht von Augen und Ohren und allen Sinnen und in der dumpfen Langeweile des gleichen Spieles, uns, uns Menschen zum Besten dient, daß wir uns an seiner Gnade genügen lassen, daß wir auf ihn hoffen, daß wir durch viel Trübsal in sein Reich eingehen, getrost in dieser Wüste die Ruhe erwandern und im Herrn, in Gott allein fröhlich auf die neue Welt warten.

Oh, wir werden immer wieder glauben, wir seien und wir könnten doch etwas und wir müßten doch etwas tun von uns selbst, nach unserem Gut­dünken. Dann seien wir nur froh, wenn wir darin enttäuscht werden. Es ist immer gut, von Illusionen geheilt zu werden und den eigenen Aberglauben zu verlieren. Und wir werden auch immer wieder denken, die Predigt, das Wort Gottes richte nichts oder wenig aus. Aber gottlob, es ist ja so: Alles ist ver­geblich, aber Gottes Wort ist nicht vergeblich. Alles wankt, aber Gottes Wort ist fest, alles fällt, aber Gottes Wort trägt, ja es trägt alles. Der Prediger müßte ja sich selbst auf den Mund schlagen und verstum­men, er wäre nicht ein Prediger Israels und kein Salomo, sondern ein Schwätzer oder ein Fin­sterling, wenn er nicht sich und uns auf den Glauben an Gott und die Hoffnung auf [10] Gott, auf dieses „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ richten wollte, auf den Namen des Herrn, in dem un­ser Anfang und unsere Hilfe steht. Wir glauben: Christ ist geboren, und darum er­schreckt es uns nicht: Welt war verloren. Wir glauben: Christ ist erstanden, und darum hoffen wir, wo nichts zu hoffen ist; denn Gott will unser Trost sein. Des sollen wir alle froh sein. Die Gnade herrscht über dieser Eitelkeit und vergeblichen Mühe. Wir brauchen uns und einander nicht zu Tode schinden und plagen. Was zu unserem Glück nötig ist, das ist vollbracht. Wir haben nur, so schwer es uns auch in dieser Eitelkeit fallen mag, glücklich zu sein und glück­lich zu blei­ben im Glauben an sein Wort, im Vertrauen auf Jesus Christus, in dem uns alles wirklich und umsonst geschenkt ist, denn seine Güte währet ewiglich.

AMEN!

Gehalten in der reformierten Gemeinde in Stuttgart.

Quelle: Paul Schempp, Der Prediger. Vier Predigten Kapitel 1-4, Schriftreihe der Kirchlich-Theologischen Sozietät in Württemberg, Heft 2, Bad Cannstatt: Müllerschön, 1953, S. 3-10.


[1] EG 299,2 (Aus tiefer Not schrei ich zu dir).
[2] Übertragung von Prediger 1,3-11 nach Paul Volz, Weisheit (Das Buch Hiob, Sprüche und Jesus Sirach, Prediger) übersetzt, erklärt und mit Einleitungen versehen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1911.
[3] Vgl. Martin Luther, Vorreden zur Bibel, hrsg. v. Heinrich Bornkamm, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 31989, S. 80f.

Hier Schempps Predigt als pdf.

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