Peter Brunners Predigt über Lukas 2,41-52 (Der zwölfjährige Jesus im Tempel): „Der Tempel ist ein Ort besonderer Nähe Gottes. Hier war Gott, ohne seiner Heiligkeit wehe zu tun, inmitten einer unheiligen Welt gnadenhaft gegenwärtig. Hier umweht den Knaben Heimatluft aus der Höhe. Hier ahnt er, wo er herstammt. Hier in Gottes heiliger Nähe ist er in Wahrheit zu Hause.“

Predigt über Lukas 2,41-52 (2. Sonntag nach dem Christfest)

Von Peter Brunner

Wenn ein jüdischer Knabe dreizehn Jahre alt wird, übernimmt er die Pflichten des Gesetzes in vollem Umfange. Fromme Eltern gewöhnen ihre Söhne schon vorher an diese neuen Anforde­rungen. Darum nehmen Maria und Joseph schon den zwölfjährigen Jesusknaben zum Passah mit hinauf nach Jerusalem; denn das Passah gehörte zu den großen Festen, die nach dem Ge­setz alle erwachsenen Juden zusammen in Jerusalem feiern sollten. Das Kind Jesus ist in die fromme Sitte seines Eltern­hauses eingefügt. Dadurch kommt es wieder zum Tempel, dieses Mal als ein Knabe, der bereits selbst beobachten, empfinden und denken kann. Und wiederum wird dieser Besuch im Tempel zu einem Ereignis, durch das das Geheimnis der Person Jesu für einen Augenblick gelüftet wird. Der Anschluß an die fromme Sitte hat dem Jesusknaben nicht geschadet. Im Gegenteil! Gerade auf dem Weg, der »nach Gewohnheit des Festes« ge­gangen wird, geschieht etwas von Gott her an dem Knaben, das weit über Israels Passah hin­ausweist auf das wahre Osterlamm, das im Kommen begriffen ist. Wie töricht, wie frevelhaft handelt der, der kirchliche Gewohnheit und fromme Sitte verachtet, wo Jesus selbst sich in sie einfügt. Auch uns begegnet Gott nicht anders als in den Gleisen des von ihm geordneten Dienstes an Wort und Sakra­ment.

Das Evangelium schweigt in heiliger Zurückhaltung davon, was in dem Zwölfjährigen bei diesem Passah vor sich ging. Etwas ist mit ihm vor sich gegangen. Der Tempel ist ein Ort besonderer Nähe Gottes. Hier war Gott, ohne seiner Heiligkeit wehe zu tun, inmitten einer unheiligen Welt gnadenhaft gegenwärtig. Hier umweht den Knaben Heimatluft aus der Höhe. Hier ahnt er, wo er herstammt. Hier in Gottes heiliger Nähe ist er in Wahrheit zu Hause. Hier entschwinden ihm die Stunden, ja selbst die Abmachungen über die gemeinsame Rückreise mit den Verwandten und Bekannten scheinen ihm nicht mehr zu gelten. Aber sein Geist ver­liert sich nicht in gefühlsseligem Staunen, sondern rege nützt der Knabe die Tage und Stun­den. Als Lernender setzt er sich zu den Füßen der Schriftausleger Israels. Und schon der Ler­nende ruft die Verwunderung seiner Lehrer hervor; denn der Knabe war wirklich zu Hause in der Schrift, zu Hause in den Gedanken seines Vaters. Verwunderung ist noch kein Verstehen und Erkennen, sondern eher Ausdruck eines Befremdens. Wenn die Lehrer Israels dereinst zu erkennen beginnen, wer in diesem Jesus zu ihnen gekommen ist, werden sie den, über den sie sich jetzt verwundern, ans Kreuz schlagen.

In der Zwischenzeit haben Joseph und Maria das Kind unter Angst und Kummer gesucht. Besonders Maria hat dunkle Stunden durchlebt. Noch nie war der Knabe ausgeblieben. Immer war er den Anordnungen der Eltern gehorsam gefolgt. Was war jetzt geschehen? Hatte sich der Knabe in der überfüllten Stadt verirrt? War ihm etwas zugestoßen? Hatte Gott ihr das Kind, das in besonderem Sinne ihr Kind war, wieder genommen? War sie nicht wert, die Mut­ter des Messias zu sein? Maria muß durch das dunkle Tal der Anfechtung hindurch. Simeons Wort von dem Schwert, das ihr durch die Seele dringen sollte, beginnt sich zu erfüllen. Ihr Kind, bisher ein Quell seliger Freuden, wird ihr zum Quell bitteren Leidens. So handelt Gott manchmal mit uns. Unsern Trost und unsere Freude nimmt er uns und ver­wandelt sie in Angst und Kummer. Und was uns ängstet und entsetzt, kann er uns zur größten Freude werden las­sen. Alles kommt darauf an, daß wir in allen Lagen Christum finden als unsern einigen Trost im Leben und im Sterben. Maria hat Jesus »ganz vernünftig« erst bei den Verwandten und Bekannten und dann an diesem und jenem interessanten Platz der Hauptstadt gesucht. Aber was im Blick auf jedes andere Kind vernünftig gewesen wäre, wird beim Su­chen des Jesus­kindes zu einem großen Fehler. Jesus findet man nicht da oder dort, er kann nicht wie die an­dern so gut an diesem wie an jenem Orte sein. Er ist nur an einem Platz zu fin­den, in dem, das seines Vaters ist, im Tempel. Auch uns ist das gesagt. Auch wir sollen in allen Anfechtungen Jesum suchen, und zwar gleich am richtigen Ort, nicht da oder dort, son­dern in dem Tempel, den er sich aus dem Wort der Propheten und Apostel auferbaut hat. Das leibliche Wort des Evan­geliums ist das heilige Gotteshaus, in dem Christus sitzt und wartet – auf dich. Laß alles andere stehen, und such ihn dort in diesem Tempel – und du wirst ihn fin­den, wie schließlich Maria und Joseph ihn im Tempel gefunden haben!

Die Eltern entsetzten sich, als sie ihn dort unter den Lehrern sitzend wiederfanden. Warum freuten sie sich nicht? War ihnen das so unheim­lich, daß es für einen zwölfjährigen Jungen keine größere Anziehungs­kraft gab als Tempel und Bibelauslegung? Zog etwa blitzartig durch Marias Seele der Gedanke: »Hier also fühlt er sich zu Hause, aber nicht bei uns in Nazareth; hier wird er wohl bleiben wollen als Schüler der Rabbiner; wir haben ihn nur gefunden, um ihn wieder für immer zu verlieren?« Ist es nicht, als ob sie mit ihrem liebevollen, beküm­mer­ten Vorwurf noch einmal ein Band um das Herz ihres Sohnes schlingen wollte, um es zu sich herüberzuziehen? Aber wie scharf schneidet die Antwort des Knaben bei aller Ehrerbietung dieses menschliche Band entzwei! Dem »Warum?« der Mutter stellt er entgegen: »Wußtet ihr nicht?«; auf das Wort: »Wir haben dich gesucht« trifft die Frage: »Wie habt ihr mich nur su­chen können?« Und dem Hinweis: »Dein Vater und ich« begegnet der Knabe mit dem Hin­weis auf seinen Vater in dem majestätischen Wort: »Ich muß sein in dem, das meines Vaters ist.« Welch ein Aufeinandertreffen! Was für ein Gegensatz bricht hier auf! Wie fremd steht Jesus denen gegenüber, die ihm natürlicher und rechtlicher Weise die Nächsten auf Erden sind. Kein Wunder, daß Maria und Joseph vor dieser Fremdheit wie vor etwas Unfaßlichem stehen. Sieh hier am Zwölfjährigen die Fremdheit der Offenbarung Gottes in unserer Mitte! Dieser Knabe kommt in der Tat ganz wo anders her als wir. Gottes Offenbarung kommt aus einem Raum, der ganz anders ist als der, in dem wir zu Hause sind. Die Fremdheit der Offen­barung Gottes läßt sich nicht abmildern. Christus läßt sich nicht einfangen in menschliche Bande und Ordnungen. Gott hat ein älteres Recht auf ihn als Joseph und Maria. Über alle Ordnungen der Schöpfung und der Gemeinschaft ragt er empor. Er steht darüber, nicht darin. Denn er hat seine eigene Ordnung, die einmalige wunderbare Ordnung des ewigen Sohnes, die da lautet: »vom Vater geboren vor der ganzen Welt, Gott von Gott, Licht von Licht, wahr­haftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht geschaffen, mit dem Vater in einerlei Wesen, durch welchen alles geschaffen ist«. Der, den Maria geboren hat, hört nicht auf, der zu sein und zu bleiben, der von Ewigkeit zu Ewigkeit aus Gott dem Vater geboren ist vor der ganzen Welt. Nur wer Jesum von Nazareth in diesem Lichte sieht, sieht das große selbstver­ständliche heilige »Muß«, das von Gott her schon über dem zwölfjährigen Knaben geschrie­ben steht und ihn dereinst, wenn er Mann geworden ist, von seiner Mutter wieder wegführt und dann zum letztenmal hinaufführen wird nach Jerusalem ans Kreuz.

Die verständige Einsicht des Knaben bei den Lehrern Israels war ein großes Wunder. Größer ist das Wunder, mit dem der Knabe um das Geheimnis seines innersten Wesens weiß und davon prophetisch in seinem ersten uns aufbewahrten Wort Zeugnis ablegt. Aber das größte Wunder in unserm Text ist doch dies, daß dieser Knabe, in dem Gottes Offenbarung in ihrer ganzen Fremdheit zu den Menschen gekommen ist, nun doch demütig und still aus freiem Gehorsam mit hinab geht nach Nazareth und einem Joseph und einer Maria untertan ist. »Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam.« So fremd Gottes Offenbarung in unserer Men­schenwelt auch steht, so menschlich nahe, so menschlich wirklich macht sie sich uns zu Liebe aus freier Selbstentäußerung. Der Tempel schließt sich für den Jesusknaben, und eine Zim­mermanns­werkstatt tut sich ihm auf. Er wächst auch nicht in der Einsamkeit der Wüste heran wie Johannes der Täufer, sondern inmitten einer Familien-, Dorf- und Berufsgemeinschaft. Wie menschlich geht hier alles zu. Er wird kein schriftgelehrter Rabbiner, auch kein Asket in der Wüste, sondern ein »Zimmermannssohn«, auf den Gott und die Menschen mit Wohlgefal­len schauen! Liegt nicht ein Abglanz der »Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes« schon über der menschlichen Entwicklung unseres Heilandes? Nur wer beides in Jesus zusammen sieht, die Fremdheit der Offenbarung Gottes und die in ihm erschienene Freundlichkeit und Leutseligkeit unseres Gottes, nur der sieht in ihm den Erlöser.

Quelle: Georg Eichholz (Hrsg.), Predige das Wort, Bd. 4, Siegen und Leipzig 1947, S. 53-56.

Hier Brunners Predigt als pdf.

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