Von der „freien Liebesarbeit“ und dem homo oeconomicus in der Diakonie: „Die göttliche Heilsökonomie entspricht nicht der menschlichen Eigen-Ökonomie, aber sie bean­sprucht diese für sich selbst, so wie ein Haus­herr eigeninteressierte Arbeiter für seinen Wein­berg verdingt. Er setzt dabei auf deren menschliche Lohnmoral, ohne ihr selbst zu entsprechen.“

Als Daniel Dietzfelbinger und mir 2003 der Johann-Hinrich-Wichern-Preis für Kybernese verliehen wurde, konnte ich wegen meiner Lehrtätigkeit am LTS in Hongkong bei der Preisverleihung im November in Berlin nicht anwesend sein. So kam meine Rede zur Verlesung:

Von der „freien Liebesarbeit“ und dem homo oeconomicus in der Diakonie

Johann Hinrich Wicherns bekanntem Diktum zufolge gilt die Innere Mission (bzw. Diakonie) als „freie Liebesarbeit des heilserfüllten Volkes zur Verwirklichung der christlichen und sozialen Wiedergeburt des heillosen Volkes“. Dieser Spruch scheint innerhalb der organisier­ten Diakonie zumindest für hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zuzutreffen, handelt es sich doch weniger um eine freie Liebestätigkeit als vielmehr um eine Erwerbstätig­keit, die ökonomisch konditioniert ist. Mitarbeitende sind und werden im eigenen ökonomi­schen Interesse innerhalb der Diakonie tätig. Von daher lässt sich für deren Tätigkeit ein öko­nomisches Handlungsmodell anwenden. Diesem Modell zufolge suchen Individuen ihren eigenen Nutzen unter situativen Gegebenheiten bzw. Beschränkungen zu maximieren[1]. Der Begriff „Nutzen“ ist dabei keineswegs nur monetär zu verstehen[2]. Was als Nutzen angesehen wird, basiert auf individuellen Präferenzen und kann damit ganz unterschiedlich sein. Bezüg­lich einer Erwerbstätigkeit kann für die eine Mitarbeiterin die Ausbezahlung von geleisteten Überstunden von Nutzen sein, während ein anderer Mitarbeiter einen Freizeitausgleich vor­zieht. Mancher sieht seinen Nutzen in einer beruflichen Positionsverbesserung und nimmt dafür eine zeit- und stressintensive Tätigkeit in Kauf, während andere an einer zeit- und posi­tionsbeschränkten Erwerbstätigkeit interessiert sind, da sie ihren Nutzen vorrangig in einem geregelten Familienleben sehen. Menschliches Tun, das sich auf ganz unterschiedliche Güter ausrichtet, wie z.B. Ehre, Zeit, Geld, Status, Familie, kann als ökonomisch konditioniert be­stimmt werden[3].

Auch wenn der „homo oeconomicus“ als idealtypisches Modell keine adäquate Beschreibung einzelner Menschen darstellt, so empfiehlt es sich für diakonisches als auch kirchliches Lei­tungshandeln einem ökonomischen Verhaltensmodell auf der Basis von individuellen Vor­teils- bzw. Nachteils-Kalkulationen Rechnung zu tragen[4]. Mitarbeitende erkennen in ihrer jeweiligen Arbeitssituation bestimmte Anreize im Sinne von Vorteilserwartungen und folgen ihnen in ihrem Handeln[5]. Die Arbeitsleistung von Mitarbeitenden wird zu einem erheblichen Teil von innerorganisatorischen Anreizbedingungen bestimmt. Von daher ist es ein Gebot der ökonomischen Klugheit, die organisationsinternen Anreizbedingungen für Mitarbeitenden dahingehend zu überprüfen, in wie weit sie den gewünschten Arbeitsergebnissen Rechnung tragen. Gegebenenfalls sind kontraproduktive Anreizbedingungen zu modifizieren. Auch wenn Anreize keineswegs auf geldwerte Vorteile reduziert werden können, ist es zumindest eine Überlegung wert, ob nicht an Stelle eines zeit-, status- bzw. aufgabenbezogenen Vergü­tungssystems ein leistungsbezogenes innerhalb von Diakonie und Kirche eingeführt werden kann. Wer in seiner Erwerbstätigkeit für Kirche oder Diakonie mehr bzw. Besseres leistet, würde demzufolge auch mehr verdienen.

Derartige ökonomische Überlegungen hinsichtlich diakonischen und kirchlichen Handelns finden ihre Kritiker. Ökonomisierung bzw. Kommerzialisierung von Diakonie und Kirche in Abkehr von der Kirche Jesu Christi ist ein gängiger Vorwurf. Was von Kritikern meist igno­riert wird, ist die Tatsache, dass sowohl verfasste Kirche als auch organisierte Diakonie in ihrer überkommenen Form für Mitarbeitende ebenfalls ökonomische (keineswegs nur mone­tären) Anreizbedingungen darstellen. Auch in dem überkommenen System verwirklicht sich das (allzu) menschliche Eigeninteresse von Mitarbeitenden. Es geht daher nicht um die Ein­führung ökonomischer Handlungsbedingungen als vielmehr um eine Reform bestehender ökonomischer Handlungsbedingungen. Ökonomische Überlegungen innerhalb von Kirche und Diakonie sind daraufhin ausgerichtet, wie im Hinblick auf vorgegebene Ziele nämlich die Bezeugung des Evangeliums (martyria) und der Dienst am Mitmenschen (diakonia) die Wirk­samkeit eigenen Handelns gesteigert werden kann. An Stelle allgemeiner Appelle hinsichtlich einer besseren Arbeitsmoral empfiehlt es sich auf das Eigeninteresse von Mitarbeitenden zu setzen. Demzufolge ist es angebracht, Handlungsbedingungen innerhalb von Kirche und Dia­konie dahingehend zu ändern, dass es im Eigeninteresse von Mitarbeitenden ist, die oben ge­nannten Zielsetzungen zu verwirklichen.

Wie lassen sich nun ökonomische Überlegungen hinsichtlich organisierter Diakonie und ver­fasster Kirche mit Theologie vereinbaren? Wicherns Definition von Diakonie als „freie Lie­besarbeit des heilserfüllten Volkes“ ist schließlich eine theologische Bestimmung, die Bezug nimmt auf die reformatorische Rechtfertigungslehre. Mit Luther gesprochen lebt ein Christen­mensch „nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe“[6]. Der Glaube an Gottes rechtfertigendes Handeln in Jesus Christus befähigt Menschen zu einer selbstlosen Liebestätigkeit gegenüber anderen Mit­menschen. Für Luther steht eine Strebens- bzw. Tugendethik, wie sie Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik entfaltet hat, außerhalb einer christlichen Lehre von den guten Werken. „Nicht, wie Aristoteles meint, werden wir dadurch gerecht, dass wir gerecht handeln, auch nicht durch Heuchelei, sondern (um es so zu sagen) durch Gerechtwerden und -sein tun wir gerechte Werke. Erst muss man sich selbst ändern, danach (folgen) die Werke.“[7]

Evangelische Ethik lässt sich bei aller Problematik des Begriffes als ‚Gesinnungs­ethik‘ bestimmen[8], die ihre biblische Entsprechung in den Worten Paulus an die Philipper findet: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“ (Phil 2,3-5) Man kann fragen, ob ein christusbezogenes Verhalten gegen­über Mitmen­schen, das gänzlich frei von Eigeninteresse ist, tatsächlich der gegenwärtigen  kirchlichen bzw. diakonischen Realität entspricht. Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, wie bestän­dig menschliches Eigeninteresse auch im kirchlichen und diakonischen Handeln am Werke ist und wie es sich auf subtile Weise als proklamierte Selbstlosigkeit verbergen kann. Mit dem alten Adam in uns ist zu rechnen, schließlich haben nach Luther auch die Heiligen „ein groß Teil von dem alten Adam, solange sie in diesem Leben sind“[9].

Ein ökonomisch gehaltenes Eigeninteresse als moralische Ressource lässt sich nicht als gott­gewollt heiligen, schließlich entspricht Gottes Güte nicht der menschlichen Ökonomik. Die göttliche Heilsökonomie birgt – dem Brief an die Epheser zufolge – ein Geheimnis, das in der Rationalität einer menschlichen Ökonomik nicht erschlossen werden kann. Jenseits von Eigeninteressiertheit sucht die göttliche „Ökonomie der Zeitenfülle“ das Heil, indem „alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist.“ (Eph 1,10; vgl. Eph 3,9; 1Tim 1,4.) Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16.) zeigt es sich: Die göttliche Heilsökonomie entspricht nicht der menschlichen Eigen-Ökonomie, aber sie bean­sprucht diese für sich selbst, so wie ein Haus­herr eigeninteressierte Arbeiter für seinen Wein­berg verdingt. Er setzt dabei auf deren menschliche Lohnmoral, ohne ihr selbst zu entsprechen. Mit Paulus gesprochen können die persönlichen Motive hinter dem Zweck zurückstehen. „Ei­nige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: die­se aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigen­nutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.“ (Phil 1,15-18) Wenn durch organisierte Diakonie und ver­fasste Kirche nur Christus verkündigt und Mitmenschen geholfen wird, sei es aus Eigennutzen oder als „freie Liebestätigkeit“, so können wir uns dar­über freuen.

Verlesen anlässlich der Preisverleihung am 26. November 2003 in Berlin.

Jochen Teuffel


[1] Homann /Andreas Suchanek, Ökonomik. Eine Einführung, Tübingen 2000, 29.
[2] Ein solches Verständnis von Nutzen im Sinne eines geldwerten Vorteils wird häufig vorgenommen, um ökono­misches Handeln als lasterhafte Profit- oder Habgier pauschal zu diskreditieren.
[3] Vgl. hierzu insbesondere Gary S. Becker, Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, Tübingen 1982.
[4] Vgl. Homann/Suchanek, a.a.O., 414-437.
[5] Vgl. Homann/Suchanek, a.a.O., 61-68.
[6] Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), S. 36. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 1525 (vgl. Luther-W Bd. 2, S. 273) (c) Vandenhoeck und Ruprecht.
[7] Martin Luther, Brief an Spalatin vom 19. Oktober 1516. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 7076 (vgl. Luther-W Bd. 10, S. 17-18) (c) Vandenhoeck und Ruprecht.
[8] Gesinnungsethik ist in diesem Kontext nicht als Gegenbegriff zu einer Verantwortungsethik in Sinne von Max Weber zu verstehen.
[9] Predigt zum Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23, S. 3. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 5432 (vgl. Luther-W Bd. 8, S. 211) (c) Vandenhoeck und Ruprecht

Hier mein Text als pdf.

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