Aus Oscar Wildes Ballade vom Zuchthaus zu Reading: „Wie wird die Seele von Sünde sonst rein? Wie anders als durch ein gebrochenes Herz ziehet der Heiland ein?“

Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading

Nachdem Oscar Wilde gesundheitlich schwer angeschlagen am 19. Mai 1897 aus der Haft entlassen wurde, schrieb er in Paris Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading, in der seine Gefängniserfahrung auch religiös zur Sprache kam. Dazu einige Strophen:

Das Herz gefüllt mit Mitternacht,
Die Zelle mit Zwielichtschein:
Wir drehen das Schöpfrad, wir zupfen den Hanf
In gesonderter Hölle allein.
Und grausiger das Schweigen schweigt,
Als eherne Glocken schrei’n.

Und nie kommt menschliche Stimme uns nah,
Mit sanftem Wort gesellt,
Das Auge ist hart und mitleidlos,
Das am Guckloch die Wache hält.
Ohne Welt, ohne Trost, du verrohst, du verrohst!
An Leib und Seele entstellt.

So rosten wir, eiserne Ketten des Seins,
Entehrt und ganz allein,
Der eine schluchzt, der andere flucht,
Der nennt keinen Seufzer mehr sein.
Doch Gottes ew’ge Gesetze sind lind
Und brechen das Herz von Stein.

Und jedes Menscheniherz, das brach
In Zuchthauszelle und -hof,
Ist die Büchse, die brach und dem Heiland gab
Ihren kostbar edlen Stoff,
Von dem das unreine Aussatzhaus
Von köstlicher Narbe troff.

Glücklich das Herz, das brechen kann
Und zum Frieden der Gnade gedeih’n!
Wie glättet sich sonst der Pfad, wie wird
Die Seele von Sünde sonst rein?
Wie anders als durch ein gebrochenes Herz
Ziehet der Heiland ein?

Quelle: Oscar Wilde, Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading, Leipzig: Insel-Bücherei Nr. 220, 1921.

Hier der Text als pdf.

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