Erik Peterson, Was ist der Mensch: „Es ist Abend. Die Sonne ist schon untergegangen. Der Sabbat ist vorüber. Ein ganzer Haufe von Besessenen krächzt in die Welt hinaus: »Du bist der Sohn Gottes.« Man hat das Gefühl, als spräche sich hier, bewußt oder unbewußt, eine ganz bestimmte Symbolik aus. Der Sabbat ist zu Ende. Der Weltabend ist da. Die Dämonen verlassen ihre Wohnungen in den Leibern der Menschen.“

Was ist der Mensch

Von Erik Peterson

In Psalm 8,5 ist die Frage gestellt: »Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst? Das Men­schenkind, daß sein du achtest?« Da die Frage: »Was ist der Mensch?« sinnvoll nur von Gott aus beant­wortet werden kann, fragen wir: »Was ist der Mensch?« in der christlichen Bedeu­tung der Frage, und um das zu ermitteln, müssen wir das Evangelium lesen.

Was zunächst auffällt, wenn man das Evangelium betrachtet, ist die Bedeutung, die der Tat­sache beigemessen wird, daß der Mensch krank ist, physisch krank. Man braucht dem nur das griechische Menschen-Ideal gegenüberzustellen, den Menschen des Agon, der seinen nackten Leib der Sonne preisgibt, um zu spüren, daß hier die Krankheit als etwas zum Menschen Ge­höriges kaum gesehen ist. Im Evangelium aber tritt die Krankheit des Menschen als ein wich­ti­ger Faktor zu seiner Charakterisierung auffallend stark hervor. Vom Anfang des Auftretens des Menschensohnes bis gegen Ende seiner Wirksamkeit treten Menschen mit allen nur denk­baren Krankheiten vor ihm auf. Vom Fieber bis zur Blindheit, von der Lähmung bis zum Aus­satz. Darin spricht sich eine ganz bestimmte Sicht des Menschen aus. Der Mensch wird nicht gesehen, soweit er normal und gesund ist, sondern soweit er physisch defekt ist. Krankheit ge­hört mit zur Bestimmung des Menschen, der vor dem Menschensohn da ist.

Doch nicht genug damit, daß der Mensch in erster Linie als krank er­scheint, wird er auch als von Dämonen geplagt geschildert. Schon beim ersten Auftreten Jesu in der Synagoge macht sich der Geist ei­nes unreinen Dämons bemerkbar, der von einem Menschen Besitz ergriffen hatte: »Laut schrie er auf: ›Wehe, was willst du von uns, Je­sus von Nazareth? Bist du gekom­men, uns zu verderben? Ich kenne dich, wer du bist, du Heiliger Gottes!‹ Doch Jesus drohte ihm und sprach: ›Schweig, fahre aus von ihm!‹ Alsdann warf ihn der Dämon mitten hin, und ohne ihm zu schaden, fuhr er von ihm aus« [Lk. 4, 34 f.]. Es ist wohl zu beachten, daß die dämonische Seite des Men­schentums vor dem Menschensohne als etwas Negatives erscheint. Die »heilige Krankheit« verliert ihre Heiligkeit vor dem Heiligen Gottes. Der dämonische Mensch, oder genauer der Dämon im Men­schen, wird zum Schweigen gebracht, und das bedeutet, daß vor dem Menschensohn auch der »Genius« verstummen muß.

Die Dämonenaustreibungen gehen wie die Krankenheilungen durch die ganze Wirksamkeit Jesu hindurch, und wenn Christus die »Zwölfe« oder die »Siebenzig« aussendet, dann wird ausdrücklich bemerkt: »Und er verlieh ihnen Kraft und Vollmacht über alle Dä­monen und die Gewalt, Krankheiten zu heilen.« Ein Beweis dafür, daß die Sicht Jesu vom Menschen auf seine Kirche übergegangen ist. Der Mensch ist also nicht nur physisch defekt, sondern zuwei­len auch von einem fremden Geist besessen, der ihm die Selbstbestim­mung raubt. »Siehe, ein Geist packt ihn, und alsdann schreit er so­gleich auf; er zerrt ihn hin und her, so daß er schäumt« [Lk. 9, 39]. Dämonie ist mehr als Krankheit; hinter aller Dämonie steckt ein ge­heimnisvolles Wissen um etwas, was doch nicht gewußt, sondern nur geglaubt werden darf. »Gleich nach dem Sonnenuntergang brachten alle zu ihm ihre Kranken, die an mancherlei Gebrechen lit­ten. Er legte jedem aus ihnen die Hände auf und heilte sie. Von vie­len fuhren auch Dämonen aus. Und diese schrien laut: ›Du bist der Sohn Gottes!‹ Doch er bedrohte sie und ließ sie nicht weiterreden: Sie wußten nämlich, daß er der Messias ist‹‹ [Lk. 4, 40 f.]. Es ist Abend. Die Sonne ist schon untergegangen. Der Sabbat ist vorüber. Ein ganzer Haufe von Besessenen krächzt in die Welt hinaus: »Du bist der Sohn Gottes.« Man hat das Gefühl, als spräche sich hier, bewußt oder unbewußt, eine ganz bestimmte Symbolik aus. Der Sab­bat ist zu Ende. Der Weltabend ist da. Die Dämonen verlassen ihre Wohnungen in den Leibern der Menschen. Hören wir sie nicht noch im »Dionysos dem Gekreuzigten« jenes Nietzsche rufen, der beim »letzten« Menschen nach dem Untergang der Sonne ange­kommen war?

Es ist klar, der Mensch, der im Neuen Testament als Kranker oder als Besessener gesehen wird, wird als solcher in Beziehung auf den Menschensohn erkannt. Ihm gegenüber wird es offenbar, daß der Leib des Menschen defekt ist; ihm gegenüber wird die Besessenheit des Menschen deutlich. Der dämonische Geist muß den Menschen­sohn ansprechen. Er kennt den, von dem er erkannt ist und vor des­sen Wort er doch weichen muß. Dem Menschensohn gegenüber müssen sich die Geister als Dämonen demaskieren.

Wo freilich der Mensch nicht mehr in Beziehung auf den Men­schensohn erkannt wird, da wird er auch nicht mehr als Besessener gesehen, und als ein psychoanalytisches Problem er­scheint jene Verrückung im Menschen, die doch nur theologisch, nur vom Men­schensohn her deutbar ist.

Doch der Mensch ist nicht nur physisch krank und besessen, son­dern auch in seinem Herzen. Auch das wird wieder in Beziehung auf Jesus, den »Freund der Zöllner und der Sünder«, gesehen. Nachdrücklich wird betont, daß Jesus mit dem Zöllner an einem Tisch sitzt und von der Hure der kleinen Stadt sich salben läßt. »Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, son­dern die Kranken. Ich bin nicht dazu da, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße« [Lk. 5, 31 f.]. »Und siehe da, da war eine Frau, die in der Stadt als Sünderin lebte. Als sie erfuhr, daß er im Hause des Pharisäers zu Tische lag, brachte sie ein Alabastergefäß mit Salböl und trat weinend hinter seine Füße und begann, mit ihren Tränen seine Füße zu netzen, und trock­nete sie mit ihrem Haupthaar und küßte seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als das der Pha­risäer, der ihn geladen hatte, sah, sprach er bei sich: Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, dann wußte er auch, wer und was das für eine Frau ist, die ihn anrührt, daß sie nämlich eine Sünderin ist« [Lk. 7, 37-39).

Der Pharisäer will nicht, daß die Sünderin Jesus anrührt. Er kennt die Sphäre des Moralischen und die des Unmoralischen. Er will nicht, daß die beiden Sphären sich berühren. Er weiß, es gibt an­ständige und es gibt unanständige Menschen. Aber das ist auch al­les, was er auf die Frage: »Was ist der Mensch?« zu antworten weiß. Im übrigen bezweifelt er, daß Jesus ein Prophet sei. Im Evangelium aber ist nun an die Stelle des Pharisäers die Sünderin getreten. Der Mensch als ein moralisches Wesen ist in einer ganz anderen Tiefe, eben als jener Sünder, der die Füße Christi berührt, vor dem Men­schensohn offenbar geworden. Der Pharisäer wun­dert sich, daß Je­sus sich von einer Sünderin berühren läßt. Die Pharisäer aller Zei­ten wundern sich darüber. Denn die Pharisäer glauben, Gott könne immer nur Gott und der Mensch immer nur Mensch bleiben. Man läßt wohl eine Buße zu, wie sie Johannes der Täufer von den Zöll­nern gefordert hat: »Treibt nicht mehr ein, als für euch be­stimmt ist«, aber man läßt nicht zu, daß ein Sünder Jesus berührt, daß die Füße Jesu von der schmutzigen Hand einer Sünderin beta­stet, von dem unreinen Mund einer Hure geküßt werden: Diese körperliche Berührung deutet die Welt, ja gerade die fromme Welt, die von dem sogenannten »Religiös-Sittlichen« aus urteilt, als etwas Unreines. Und doch ist es nun nicht so gewesen, daß die Sündern in der Tür stehengeblieben wäre, in die Knie gesunken, und um Barmherzigkeit und Vergebung gebeten hätte und daß Jesus von seinem Speisesofa aus diese ihr dann gewährt hätte. Nein, diese Frau hatte alle Scham überwunden. Die Scham vor der Gesell­schaft, vor der Ehrbarkeit einer ganzen Stadt hatte sie schon lange von sich geworfen in einer Schamlosigkeit, die doch etwas anderes suchte. Wenn sie jetzt noch die Scheu vor dem Heiligen hinter sich läßt, so geschieht das, weil sie in der reuigen Liebe findet, was sie in der Schamlosigkeit vergeblich gesucht hatte. Die Unreine tritt an den Reinen heran und berührt ihn, und Jesus duldet, daß sie seine Fuße küßt. Nur der »Menschensohn« kann das dulden. Kein Mensch vermöchte das zu ertragen, er wird sich entweder in Ekel abwenden, oder aber er wird in Rührung vergehen. Jedesmal aber wird er seine Füße nicht hinhalten. Nur Jesus kann seine Füße zum Kuß der Sünderin darbieten. Nur er allein kann dabei schweigen. Die Welt kann nicht still zusehen. Der Pharisäer ist ihr Wortführer: »Wenn dieser ein Prophet wäre, dann wußte er, wer und was das für eine Frau ist, die ihn berührt.« Der Pharisäer hat etwas Richtiges empfunden. Jesus ist kein Prophet; er ist mehr als ein Prophet, denn er vergibt die Sünden wie Gott.

Eine neue Welt im Menschen hat sich in dem Augenblick kundge­tan, als eine Hure die Füße Jesu berührte. Aus der moralischen Sphäre wurde die des Sünders, und aus der Schamlosig­keit erwuchs die reuige Liebe; doch diese neue Antwort auf die Frage: »Was ist der Mensch?« – wie konnte sie anders als vor dem Menschensohne gewonnen werden? Diese neue Tiefe im Mensch-Sein, wie konnte sie anders sich enthüllen als vor dem, der Mensch geworden ist? So­lange immer wieder Menschen der Blick dafür geschenkt wird, daß die moralische Sphäre nicht die letzte ist, solange wird auch die Menschwerdung dessen bezeugt, der nicht dazu gekommen war, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße.

Wer die Geschichte von der Sünderin liest, der bemerkt eine eigen­tümliche innere Bewegung, die davon herrührt, daß die moralische Sphäre, die allein für Menschen Gültigkeit hat, durch­laufen wird, zu Ende gegangen wird, und daß man sich dann plötzlich dem »Menschensohn« gegenübersieht. Dem entspricht es, daß nicht mehr die Gerechtigkeit des moralischen Verha­kens, sondern die Liebe dessen, dem viel vergeben ist, als die letzte Verhaltungsmög­lichkeit des Menschen erscheint. Eine Liebe, die für den Menschen erst da ist, seitdem der Menschen­sohn mit Zöllnern und Sundern zu Tische gesessen hat. Diese selbe innere Bewegung zeigen nun aber auch die Gleichnisse Jesu. Man denke vor allem an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, in dem ebenfalls das Verlassen der morali­schen Sphäre geschildert wird und dann die Heimkehr erfolgt, die durch eine Liebe möglich ist, welche das moralische Räsonnement des älteren Bruders überwindet.

Der Mensch wird also im Evangelium als der Kranke, als der Beses­sene und als der Verlorene gesehen. Verloren wie ein Schaf, das sich verirrt hat, wie ein Groschen, der davongerollt ist, wie ein Sohn, der davongelaufen ist. Und doch haben wir von einer Kate­gorie noch nicht gesprochen, die besonders im Lukas-Evangelium eine große Rolle spielt, und das ist die des Armen. Jenes Armen, der vor der Tür des reichen Mannes liegt, mit Geschwüren bedeckt. Die Menschen gehen achtlos an ihm vorüber, nur die Hunde lecken seine Geschwüre. Warum sieht ihn Jesus? Warum wird die Frage: »Was ist der Mensch?« auch von ihm aus beantwor­tet? Die Bergpre­digt gibt uns darauf die Antwort:

»Selig die Armen, euer ist das Reich Gottes!«

»Selig die jetzt Hungernden, ihr werdet gesättigt werden!«

»Selig die jetzt Weinenden, ihr werdet einst lachen!«

Die Armen, die in der Bergpredigt Vorkommen und die die Erzäh­lung Jesu schildert, gibt es erst, seitdem Jesus seine Seligpreisung über sie gesprochen hat. Es sind nicht die Proletarier – die bleiben ja immer innerhalb der menschlichen Gesellschaft und Klassenord­nung. Die Armen, von denen Jesus spricht, sind so arm, daß keine menschliche Gesellschaft sie mehr auffängt. Die Armen, die von Jesu Worten seliggepriesen werden, sind die, die selbst den Be­griff des »Lumpen-Proletariats« noch transzendieren, die am Rande nicht mehr der menschli­chen Gesellschaft, sondern dieser Welt überhaupt da sind. So nahe leben sie dem Rande dieser Welt, daß gleichsam unversehens der arme Lazarus aus dieser Welt fällt – doch nein, was sage ich: fällt?, wo es doch heißen muß: aus dieser Welt von den Engeln getragen wird. Er, der an der Tür des Reichen lag mit den Geschwüren, die die Hunde leckten, er lag ja nur noch ganz locker in dieser Welt, so daß man wohl versteht, daß Engel ihn fortgetragen haben. Der Arme, den Jesus sieht, liegt an der Grenze dieser zu einer anderen Welt. Er wird zu einem eschatolo­gischen Symbol, in dem Jesus sich selber erkennt. Der Arme wird von dem erkannt, der »arm ward um unsertwillen« [2 Kor. 8,9]. Die Worte des Psalmisten: »Denn ich bin bettelarm und leidend, mein Herz bricht mir im Leibe« [Ps. 109, 22] sind nach der altkirchlichen Aus­legung vom Menschensohn gesprochen. Weil Jesus sich im Armen erkennt, darum kann er sagen, daß alles, was »einem dieser seiner geringsten Brüder« [Mt. 25, 40] getan sei, ihm gegeben ist. Wie der Begriff des Sünders, so ist auch der Begriff des Armen vom Men­schensohn gar nicht ablösbar. Doch damit nähern wir uns schon der letzten Tiefe im Begriff des Menschen. In 9, 44 f. des Lukas-Evan­geliums heißt es: »Behaltet diese Worte tief im Gedächtnis. Der Men­schensohn wird in die Hände der Menschen überliefert wer­den. Sie aber konnten dieses Wort nicht verstehen; es blieb ihnen verhüllt, so daß sie es nicht begriffen.«

Wir fragen jetzt zum letzten Mal: ››Was ist der Mensch?« Und un­sere letzte Antwort lautet: der, in dessen Hand der »Menschen­sohn« gegeben worden ist. Die Worte Christi legen den Ton auf die Hand des Menschen. Es sind die Hände, die greifen, und nicht die Hand des Men­schensohnes, die segnet. Es sind die Fanghände, die so stark das Wesen des Menschen konsti­tuieren helfen. Die Situa­tion wird von dieser Hand des Menschen her, in die der Menschen­sohn gegeben ist, sofort erhellt. Der Menschensohn, der in die Hände des Menschen überlie­fert wird, »muß vieles leiden« [Lk. 9, 22). Aber in dem Opfer des Menschensohnes vollzieht sich nun ein Austausch der Begriffe vom Menschen. Es stirbt der alte Mensch mit seinen Fanghänden, und es ersteht der neue Mensch, der sich opfert. Wer also eine klare Antwort auf die Frage haben will: »Was ist der Mensch?«, dem ist sie in dem »Ecce homo« des mit Dor­nen gekrönten Menschensohnes gegeben.

Der Mensch konstituiert sich also vom Menschensohne her. Daß der Mensch krank ist, ist er in Beziehung auf den, der die Krankheit heilt. Daß er besessen ist, ist er in Beziehung auf den, der die Dämo­nen austreibt. Daß er ein Sünder ist, ist er in Beziehung auf den, der Sünden vergibt. Daß er arm ist, ist er in Beziehung auf den, der arm ward um unsertwillen. Daß aber der Mensch Mensch ist, ist er in Beziehung auf den, der den Menschen überwunden hat. Der Men­schensohn, der sich in die Hand des Menschen gegeben hat, ist der, welcher den Men­schen überwunden hat und in dieser Überwindung zugleich auch die Frage: »Was ist der Mensch?« überwunden hat. Seitdem ist alles anthropologische Fragen nur noch ein vorläufi­ges Fragen, das in der Christologie Antwort und Ende findet.

Aber, so wird man sagen, die Frage: »Was ist der Mensch?« bedeu­tet ja im Grunde: »Was bin ich?« »Was soll ich tun?« »Wann bin ich Mensch in Beziehung auf den Menschensohn?« Die Antwort muß lauten: Wenn ich als Kranker mich von ihm heilen lasse. Wenn ich als Beses­sener die bösen Geister aus mir austreiben lasse. Wenn ich als Sünder mir vergeben lasse. Wenn ich als »Armer« ihm ähnlich werde. Wenn ich als einer, der ihm das Kreuz nachgetra­gen hat, mit ihm geopfert werde. Wir sehen, es gibt Stufen im Menschsein des Christen. Der aber wird am meisten Mensch sein, der sich am mei­sten dem »Heiligen Gottes« genähert haben wird. Im Römerbrief des Ignatius von Antiochien heißt es einmal: »Nicht die Welt bis zu ihren Grenzen und nicht die Königreiche dieses Äons werden mir von Nutzen sein. Schö­ner ist es für mich, zu sterben auf Christus hin: Ihn suche ich, der für um gestorben ist. Ihn will ich, der um un­sertwillen auferstanden ist- lasset mich reines Licht verspüren. Wenn ich dort angelangt sein werde, dann werde ich Mensch sein« (c. 6). In diesen Worten des heiligen Ignatius ist genau das ausge­drückt, was der Inhalt unserer Darlegungen war. Wir werden in dem Maße Mensch, als wir uns in unserer Existenz dem Menschen­sohne nähern. Die höchste Form der Annäherung an den Men­schensohn in der Nachfolge ist aber die des Märtyrers. Er realisiert das, was Kierkegaard »die Gleichzeitigkeit mit Christus« genannt hat. Von dem Märtyrer [Heiligen] kann man also sagen, daß er am meisten »Mensch« ist.

Christus nennt sich den »Menschensohn«, weil er den Menschen transzendiert hat. Der »Men­schensohn« ist der, der Steh in den Krankheiten der Menschen begreift, indem er sie auf sich nimmt. Der Menschensohn ist der, der sich in den Besessenen sieht, indem er die Dämonen ausfahren heißt. Der Menschensohn ist der, der sich in den Sündern versteht, denen er die Füße zum Kuß hinhält. Der Menschensohn ist der, der sich in den Armen erblickt als der um unsertwillen arm Gewordene. Der Menschensohn ist der, der sich in den Händen der Men­schen weiß, damit er die Menschen in seinem Opfer ihrem Selbstsein und ihrem Selbstverhaf­tetsein als Menschen entreiße. Der Menschensohn ist der, der Mensch ward, um den Men­schen in seine göttliche Person aufzunehmen.

Wir alle, die wir vor den Menschensohn gestellt werden, der der­einst zum Gericht wieder­kommen wird, wir alle fangen an zu zit­tern, wenn wir sehen, was das heißt, so vorwitzig gefragt haben: »Was ist der Mensch?« Dann fangen wir an, zu überlegen und wei­ter zu fragen: Sollte es denn nicht möglich sein, noch in anderer Weise Mensch zu sein? Als Heide etwa? Oh, wir wissen ja, daß er die Geister ausgetrieben hat! Oder als Jude? Wir wissen ja, daß wir nicht mit gutem Gewissen Pharisäer werden können. Oder als Humanist? Auch das wissen wir ja, daß der Humanist nicht über sich selbst verfügen kann, wenn sogar der Men­schensohn an seiner eigenen göttlichen Gestalt [Phil. 2, 6] nicht Genüge fand. Oder in den Formen eines allgemeinen »Frommseins« überhaupt? Auch das wird uns nichts helfen, denn das Blut des Menschensohnes ist ver­gossen und hat eine Realität geschaffen, die in dem Opfer der Kir­che fortlebend ein Opfer fordert, das über alles bloße Fromm- und Ehrfürchtigsein weit hinausgeht. So laßt uns denn zusehen, daß wir den Menschensohn nicht wie Judas mit einem Kuß verraten. Nicht mit den falschen Küssen unserer Sentimentalität, nicht mit dem Handkuß eines Glaubens, der alles Wissen hat und nichts opfert. Laßt uns mit ihm opfern, indem wir willig sind, mit ihm zu leiden. Der Weg des Leidens mit dem Menschensohn ist die Antwort auf die Frage: »Wie werde ich ein Mensch?«

Ursprünglich erschienen in der Zeitschrift »Wort und Wahrheit«, Jahrgang 3, 1948, S. 241-247.

Quelle: Erik Peterson, Theologische Traktate, Ausgewählte Schriften 1, hrsg. v. Barbara Nichtweiß, Würzburg: Echter, 1994, S. 131-139.

Hier der Text als pdf.

1 Kommentar

  1. …selig die Weinenden,sie werden einst lachen…wenn man das für das Jenseits glauben kann,dann kann man sich richtig auf Weihnachten freuen…..ansonsten gilt:Menschen helfen nur dort,wo Menschen sind….wir alle sind aufgerufen durch Wohlwollen(Nächstenliebe ist ein zu großes Wort) eine für alle Menschen und Tiere und Zukunft bessere Welt aufzubauen……

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