Hermann Diem in seiner Predigt über Matthäus 5, 33-37 zur Eidesfrage 1937: „Es könnte uns wohl bange werden, wenn wir auf die Wellen sehen, die der Sturm aufgewühlt hat. Aber wir sehen nicht auf die Wellen, sondern auf den Herrn der Wellen, auf den Herrn, der auch über die Wogen zu uns kommt und vor dessen Wort alle Stürme schweigen müssen.“

Eure Rede sei: Ja, Ja; Nein, Nein! Predigt über Matthäus 5, 33-37

Von Hermann Diem

Schriftlesung: Sirach 23, 9-15; Prediger 5, 3-5

Liebe Gemeinde!

Ihr wißt, warum ich heute diesen Text gewählt habe und, was ich sonst nicht tue, von der gegebenen Ordnung der Sonntagstexte einmal abgegangen bin. Wir müssen hören, was uns das Wort Gottes über das Schwören sagt, nachdem um das Recht des christ­lich verstandenen Eides unter uns dieser Kampf ausgebrochen ist. Es ging bei diesem Kampf, den wir Pfarrer in den letzten Wochen führen mußten, keineswegs darum, ob wir als Pfarrer das gefor­derte Gelöbnis ablegen konnten. Freilich standen wir zunächst vor der ganz bestimmten Frage, ob wir der Obrigkeit, die uns für unser Amt als Religionslehrer eben noch Weisungen gegeben hatte, die wir unmöglich halten können, Gehorsam geloben dürfen. Wenn wir nicht meineidig werden wollten, mußten wir das ablehnen; das war klar. Aber es ging ja noch um viel mehr.

Es ging um die Frage, ob unsere Obrigkeit überhaupt einen Eid entgegennehmen will, wie ihn der Christ allein leisten kann; ob sie es zuläßt, daß wir da, wo sie Gehorsam von uns verlangt, den Gott zum Zeugen anrufen, der uns das Gebot gegeben hat: »Ich hin der Herr, dein Gott; du sollst keine anderen Götter neben mir haben.« Es ging darum, ob sie es hören will, daß wir als Chri­sten nur Einem unbedingten und rückhaltlosen Gehorsam schuldig sind, eben dem Gott des ersten Gebotes, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Vater unseres Herrn Jesu Christi. Es ging darum, ob sie es sich sagen lassen will, daß wir gebunden sind an das offenbare Wort unseres Gottes, wie es uns gegeben ist in der Heiligen Schrift Alten und Neu­en Testamentes, und daß diese Bindung für uns jeder anderen Verpflichtung vorgeht.

Darum ging es, liebe Gemeinde: nicht nur, ob wir Pfarrer uns jetzt verpflichten lassen sollen, sondern ob die Obrigkeit jedes Ge­meindemitglied, ganz gleich in welcher Eigenschaft sie von ihm Ge­horsam verlangt, so schwören lassen will, wie er es als Christ allein verantworten kann.

Die Gemeinde hat lange genug darauf warten müssen, bis endlich die berufenen Diener der Kirche an die Obrigkeit diese Frage stellten; und wir sind durch unser Schweigen schuldig ge­worden, unendlich viel Gewissensnot gerade derer, die treu an Gottes Wort halten wollten, nicht gehört und ihnen nicht geholfen zu haben. Es sind, von den zehnjährigen Kindern an bis zu den Greisen viele unter uns, die schon einmal oder auch mehrmals ihren Gehorsam geloben mußten. Sie alle haben kaum eine Wahl gehabt, ob sie es tun wollten oder nicht, da sie auf das tägliche Brot nicht verzichten konnten. Viele von ihnen haben mit schlechtem Ge­wissen ge­schworen; und die Fälle mehren sich, wo sie mit Beru­fung auf ihren Eid gezwungen werden, auch in solchen Dingen zu gehorchen, wo sie es als Christen nicht mehr tun können.

Deshalb haben wir Pfarrer, als wir selbst verpflichtet werden sollten, vor der Obrigkeit be­zeugt, wie wir als Christen allein ge­horchen können. Es konnte nicht ausbleiben, daß unser Handeln falsch verstanden wurde, nicht nur bei der Obrigkeit, sondern auch in den Gemein­den. Wir mußten mit unserem Handeln ein Zeichen aufrichten, das an jedermann die Frage stellt: Wollt ihr es euch ge­fallen lassen, daß in dieser Welt die Fahne Christi aufgezogen ist? Wollt ihr es dulden, daß für jene, die unter dieser Fahne stehen, das erste Gebot vor allem andern gilt? Wollt ihr dem kommenden Gottesreich unter euch Raum geben oder soll euer Reich selbst das Reich Gottes sein? Wollt ihr darum die Kirche Christi gelten las­sen, die euch das nahe Gottesreich verkündigt, oder soll sie keinen Platz mehr in unserem Volke haben?

Das Zeichen, das wir mit dieser Frage aufrichten, hat Sturm erregt im Land; und es könnte uns wohl bange werden, wenn wir auf die Wellen sehen, die der Sturm aufgewühlt hat. Aber wir sehen nicht auf die Wellen, sondern auf den Herrn der Wellen, auf den Herrn, der auch über die Wogen zu uns kommt und vor dessen Wort alle Stürme schweigen müssen.

Zu diesem Wort wollen wir uns flüchten. Es soll uns helfen, unbeirrt den uns befohlenen Weg zu gehen, und dieses Weges ganz gewiß und auf ihm froh und getrost zu werden.

Was unser Herr uns über das Schwören sagt, faßt er zusam­men in die Worte:

»Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« Alles, was ihr mehr dazu sagen müßt, eure Beteue­rungen und Beschwörungen, sie stammen von dem Bösen, der in dieser Welt herrscht. Wenn ihr aus der Wahrheit wäret, so wie ich es bin, will Christus sagen, dann wäret ihr auch wahrhaftig in all eurem Reden und Tun. Dann würdet ihr nichts als die Wahrheit sagen, und die Lüge und die Heimlichkeit hätte keinen Raum bei euch. Ihr könn­tet dann nicht mehr sagen als Ja oder Nein; denn jedes weitere Wort, das ihr hinzufügt, jede Versicherung und Be­teuerung, daß ihr diesmal ganz sicher die Wahrheit sagen wollt, verrät ja schon, daß ihr es mit der Wahrheit nicht immer so genau nehmt. Jeder Eid, den ihr ablegt, be­stätigt es doch, daß ihr da, wo ihr nicht geschworen habt, euch nicht so streng verpflichtet glaubt, bei der Wahrheit bleiben zu müssen.

Das heißt einfach: wo man überhaupt unterscheidet zwischen solchen Verpflichtungen, die man beschworen hat und die man darum unbedingt halten muß, und solchen, die man nicht beschwo­ren hat und die man darum auch nicht so unbedingt zu halten braucht, da ist man nicht aus der Wahrheit; da hat schon der Böse seine Hand mit im Spiel. Wo ihr bereit seid, zu schwören, da gebt ihr zu, daß man euch mit Recht nicht traut. Und wo man das Schwören von euch verlangt, da tut man es, weil eure Unzuver­lässigkeit bekannt ist. Darum hat dort, wo die Wahrheit herrscht, das Schwören keinen Platz mehr.

Aber herrscht denn die Wahrheit bei uns? Leben wir denn in einer Welt, in der man einen Eid nicht fordern darf, weil das schon eine Beleidigung unserer Wahrhaftigkeit wäre? Sind wir denn selbst solche, die den Anspruch machen dürfen, daß man ihnen ihr bloßes Ja oder Nein glaubt?

Liebe Freunde, wir wissen, wie es um uns und die Welt steht, in der der Böse herrscht, wel­cher der Vater der Lüge genannt wird (Joh. 8, 44). Wir können nicht bestreiten, daß wir auch als Chri­sten noch unter der Macht des Bösen stehen, daß wir mit den an­dern zusammen der Unwahrhaftigkeit schuldig sind, und darum auch die Folgen dieser gemeinsamen Schuld tra­gen müssen. Wir selbst dürfen keinen Unterschied machen zwischen dem, was wir beschwo­ren und dem, was wir nicht beschworen haben, weil wir in allem gleich wahrhaftig sein müs­sen. Aber wir können von der Welt nicht verlangen, daß sie uns für besser hält als die andern. Wir können z. B. nicht verlangen, daß ein Richter, der uns als Zeuge vor Gericht zu verneh­men hat, uns nicht vereidigen darf, weil er unserem Wort auch so glauben müßte. Wir können auch nicht verlangen, daß die Obrigkeit, wenn sie von ihren Unter­tanen die Pflicht zum Ge­horsam sich beschwören läßt, uns Christen davon ausnimmt, weil sie annehmen müßte, wir würden ihr von selbst gehorchen, wie Gottes Gebot es verlangt.

Es gibt manche Sekten, die das Wort der Bergpredigt so auf­fassen, und die das, was Christus, der Wahrhaftige, für sich in Anspruch nehmen mußte, auch für sich selbst verlangen und dar­um jeden Eid ablehnen. So geht das nicht. Wir sind nicht Christus selbst. Wir brauchen noch das Gesetz, das uns zwingt, wahrhaftig zu sein, weil wir es eben nicht sind. So müssen wir uns unter Um­ständen auch herbeilassen, zu schwören, wo man uns ohne das unsere Wahr­haftigkeit nicht glauben kann.

Dann gilt auch für uns das Gesetz, »das zu den Alten gesagt ist: Du sollst keinen falschen Eid tun und sollst Gott deinen Eid hal­ten.« Auch dieses Gesetz ist wie alle andern für den Christen nicht aufgehoben. Zur Einleitung seiner Predigt über den neuen Gehor­sam sagte es Jesus aus­drücklich: »Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten auf­zulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.«

Wenn wir als Christen schwören müssen, dann schwören wir also so, wie es Gottes Gesetz hier verlangt, daß wir Gott unsern Eid halten und nicht einem Menschen, und daß wir darum keinen falschen Eid tun. Das ist heute keineswegs mehr selbstverständlich. Der Fahneneid, den wir früher als Soldaten schwören mußten, be­gann mit den Worten: »Ich schwöre bei Gott dem Allmächti­gen …« Ebenso war es bei den übrigen Eidesformeln im alten Reich. Es sollte ausgesprochen werden, daß wir Gott zum Zeugen für unser Versprechen anrufen, der uns in seinen Gehorsam ge­nommen hat. Der Eid sollte geschworen werden im Glauben an die Maje­stät Gottes, der uns in keinem Augenblick und für kein Ge­biet unseres Handelns von dem ersten Gebot entbindet. Er sollte aber auch geschworen werden im Glauben an die Barmher­zigkeit Gottes, der das trotz aller Bemühungen unzureichende Verspre­chen eines schuldhaften Menschen rechtfertigt. Und wenn in An­rufung des Gottes, der das erste Gebot gegeben hat, der Obrigkeit Gehorsam geschworen wurde, so wurde damit gesagt, daß auch diese Obrigkeit selbst vor diesem Gott Rechenschaft ablegen muß, und daß jeder Gehorsam, den sie verlangt, an dem offenbaren Willen Gottes, wie er in der Heiligen Schrift uns begegnet, seine Grenze hat.

Das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Abgesehen da­von, daß uns immer wieder gesagt wird, der Eid habe heute eine ganz neue und umfassendere Bedeutung, weist auch schon der Wortlaut der heute gebräuchlichen Eidesformeln in eine andere Richtung als bisher. Man schwört nicht mehr bei Gott, sondern, ohne daß der Name Gottes genannt wird, muß man sich an den Willen eines Menschen binden. Daß der offenbare Gotteswille als letzter Maßstab über beiden steht, über dem, der schwört genauso wie über dem, der den Gehorsam verlangt, wird nicht mehr gesagt.

Unter diesen Umständen müssen wir es ausdrücklich sagen, daß wir als Christen nie anders schwören können, mag die Eides­formel lauten wie sie will, als bei dem Namen des dreieini­gen Gottes, und daß allein sein Wille unseren Gehorsam bestimmt und begrenzt. Wir würden den, dem wir schwören, betrügen, wenn wir das nicht sagen würden. Und wir würden unsere christliche Zeugenpflicht versäumen, wenn wir der Obrigkeit das Zeugnis schuldig bleiben würden, daß auch ihre Macht von dem Willen unseres Gottes lebt und an ihm ihr Ende findet. Wenn die Obrig­keit uns so nicht schwören läßt, wie es für uns als Christen allein möglich und selbstverständlich ist, dann, liebe Freunde, können wir eben in Gottes Namen nicht schwören.

Aber auch wenn wir schwören, sind hier noch zwei Dinge zu beachten. Einmal das Selbstver­ständliche, daß wir nichts beschwö­ren, von dem wir von vornherein wissen, daß wir es nicht halten können. Wir haben vorhin die Worte des Predigers gehört: »Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du ge­lobest. Laß deinem Mund nicht zu, daß er dein Fleisch verführe; und sprich vor dem Engel nicht: Es war ein Versehen. Gott möchte erzürnen über deine Stimme, und verderben alle Werke deiner Hände« (Pred. 5, 4f.). »Du sollst Gott deinen Eid halten«, hören wir es, liebe Gemeinde, Gott, nicht nur einem Menschen; darum dürfen wir ihn nicht schwören, wo wir ihn nicht halten können. Das ist das Eine.

Und das Andere: weil im Angesichte Gottes und bei seinem Namen geschworen wird, darum kann man nicht leichtfertig und nicht immer wieder schwören. »Gewöhne deinen Mund nicht zum Schwören und Gottes Namen zu führen. Denn gleichwie ein Knecht, der oft gestäupt wird, nicht ohne Striemen ist, also kann auch der nicht rein von Sünden sein, der oft schwört und Gottes Namen führt … Schwört er und versteht’s nicht, so sündigt er gleichwohl, versteht er’s aber und verachtet’s, so sündigt er zwiefältig.« So hörten wir bei Jesus Sirach (23, 9-13), und wir wollen das doch allen Ernstes bedenken, wenn wir sehen, wie das Schwö­ren bei uns überhand nimmt, wie ein und derselbe immer wieder schwören muß, einmal als Beamter, dann wieder als Soldat, dann wieder als Parteigenosse, dann wieder in jeder einzelnen Organi­sation, in der er steht; oder wie die kleinen Kinder vereidigt wer­den, die wahrhaftig nicht wissen können, was sie hier tun; oder wenn auch noch die Ehrlichkeit im sportlichen Wett­kampf mit einem feierlichen Eid beschworen werden muß. Man kann nicht so mit den heili­gen Dingen umgehen, ohne daß die Menschen Schaden nehmen an ihrer Seele und schließlich überhaupt nichts mehr ernst nehmen.

»Wer oft schwört, der sündigt oft, und die Plage wird von seinem Hause nicht bleiben,« sagt der alte Weise; und wir wissen es nun durch Jesus Christus, in welchem tiefen Sinn das wahr ist. Auch da, wo wir mit dem besten Gewissen schwören, ist es ja im­mer noch etwas, das eigentlich nicht sein soll. Auch wo Christus uns in das Gesetz hineinweist um unserer Un­wahrhaftigkeit wil­len und uns schwören läßt, da geht er mit und sagt uns unaufhör­lich: »Ich aber sage euch, daß ihr überhaupt nicht schwören sollt.« Er will uns mit seinem Wort in den Ohren liegen, damit wir uns nicht beruhigen bei dem, was wir tun. Er will uns im Tiefsten be­unruhigen, auch da, wo wir schwören müssen und es auch nach Gottes Gesetz tun können. Er will uns jene Unruhe schaffen, die daher stammt, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, wir aber immer noch in der alten, vergehenden Welt leben müssen, in welcher der Vater der Lüge auch über uns Macht hat und wir dar­um nicht im Reich der hellen, fleckenlosen Wahrheit wandeln.

Nach diesem Reich sehnen wir uns. In ihm leben wir mit unse­rer Hoffnung und mit unserem Glauben. Wenn wir schwören, dann tun wir es bei dem Namen dessen, der uns durch seinen Sohn in das Reich der ‚Wahrheit versetzt hat und bekennen uns damit schuldig, mit zu der Welt zu gehören, die vergehen muß. Und wenn wir nicht schwören, dann tun wir es ebenfalls im Namen dessen, der uns von dieser Welt erlöst hat und bezeugen sein Kommen.

Gott mache jeden von uns seines Weges gewiß, ob er das Eine oder das Andere tun muß, und lasse uns so oder so Zeugen des nahe herbeigekommenen Gottesreiches sein. Amen.

Gehalten am 11. Juli 1937 in Ebersbach an der Fils.

Quelle: Hermann Diem, Ja oder Nein. 50 Jahre Theologe in Kirche und Staat, Stuttgart-Berlin: Kreuz, 1974, S. 71-77.

Hier Diems Predigt als pdf.

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