Paul Schempps Predigt über Epheser 4,1-6 von 1946: „Was für eine widerliche, unnatürliche Sache kann doch die Demut sein, diese hündische Apportiertugend, diese weiche Schleicherei und lächelnde Dienstwilligkeit und Zu-stimmungsbereitschaft, dieses Allesgeltenlassen und Nichtsverantwortenwollen!“

Kurz nach dem 2. Weltkrieg hielt Paul Schempp auf der Arbeitstagung der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg und der Gesellschaft für Evangelische Theologie im Oktober 1946 in Bad Boll eine eindringliche Predigt über Epheser 4,1-6:

Predigt über Epheser 4,1-6

Von Paul Schempp

„So ermahne nun euch ich Gefangener in dem Herrn, daß ihr wandelt, wie sich’s gebührt eurer Berufung, mit der ihr berufen seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, und vertraget einer den andern in der Liebe und seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch allen und durch euch alle und in euch allen.“ Amen.

Liebe Gemeinde!

„Der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen.“ Ist das der Glaube jedes einzelnen von uns? Der ganze Glaube: der Glaube an den Heiligen Geist, an die Kirche, an das Wort des Evangeliums, an den Herrn der Kirche und an die Offenbarung des Vaters, an den Dreieinigen Gott, an die Gnade meiner Schöpfung, meines Daseins, meiner Zukunft, an die Auferstehung und an das ewige Leben? Oder ist das eine Vermessenheit, eine Einbildung, eine Phrase? Wenn ein Sektenhaupt das sagt: „der Heilige Geist hat mich berufen“, oder der Papst auf Grund seiner Wahl im Konklave, ist es uns dann auch glaubwürdig? Aber der Apostel erinnert uns an unsere Berufung. Sie ist wahr, sie ist glaubwürdig, ob wir’s feierlich oder schüchtern sagen. Es ist so wahr wie die Berufung des Mose und der Propheten, des Abraham und der Richter, des David und der Apostel. Durchs Evangelium sind sie alle berufen vom Heiligen Geist eben zu Zeugen dieses Evangeliums, zum Licht für Juden und Heiden, zum Weiter­sagen und Weitergeben dieser Berufung an alle. Daß diese Berufung allen gilt: „Gehet hin in alle Welt!“, das ist die wunderbare Gnade dieser Berufung, die unaussprechliche Freude dieser Wahrheit, und das ist der Grund ihrer Gültigkeit und ihrer Glaubwürdigkeit für alle, für schlechthin jeden Menschen. Ihre Voraussetzung ist nur die Liebe Gottes, mit der er die Welt geliebt hat, die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, der der Welt Sünde trägt, und die Gemein­schaft des Heiligen Geistes: „Das ist’s, was durch den Propheten Jesaja zuvor gesagt ist: Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch!“ Unsere Voraussetzung ist nur die, daß wir zur Welt ge­hören, daß wir Sünder und Fleisch sind, und diese Voraussetzung müssen wiederum nicht mir machen, sondern die macht eben diese Berufung. Gerade die Berufung der Juden macht und bestätigt diese Voraussetzung: Von Abraham, der aus der Heidenwelt berufen wird, über die Beschneidung am Fleische, über die ganze Geschichte dieses halsstar­rigen Volkes bis zum entschlossenen Bündnis des Hohen Rats mit Pilatus gegen den auser­wählten Sohn und Knecht Gottes. Und so können wir diese Berufung nur hören als die wirk­lichen Menschen, die wir sind, als Weltmenschen, als halsstarrige Heiden, als Fleisch. So sind wir auch angeredet von fleischlichen Menschen – gerade Paulus sagt ja von sich: ich aber bin fleischlich – in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes! – Und so bekommen wir zu hören dieses Unerhörte: Der Heilige Geist hat dich durchs Evangelium berufen!

Das können wir also einander nicht absprechen, diesen vermessenen Satz: Der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen. Das können wir einander nur zusprechen. Eine andere als diese geistige Würde hat kein Prediger. Anders als so kann er sich nicht legitimieren, daß eben auch ihm das vom Evangelium gesagt ist und ihn eine Gemeinde beauftragt, ihr das wie­derum zu sagen: Erinnert euch an den Glauben eurer Väter, an den Glauben der ganzen Chri­stenheit auf Erden, erinnert euch an diese Würde des Menschen, an diese nie geschaute Hoheit des Menschen, die nur denen sichtbar wurde, die den wahrhaftigen und auferstandenen Men­schen Jesus von Nazareth gesehen haben. Vergeßt nicht diesen Ruf, daß wir Kinder Gottes heißen dürfen, daß wir berufen sind zu seiner ewigen Herrlichkeit mit himmlischer Berufung, wir Weltkinder, wir Heiden, wir zum Staub verurteilte Menschen aus Staub.

Wir gerade haben diese Erinnerung an diese Berufung besonders nötig, weil die meisten von uns die Worte Evangelium, Heiliger Geist, Wort Gottes, Christus, Kirche, Glauben so oft im Munde führen. Gerade wenn wir nicht bloße Rhetoren, in einem frommen Sprachschatz geschulte Würdenträger der Kirche sein wollen, son­dern fröhliche Boten dieser fröhlichen Botschaft, dann ist es fast unausbleiblich, daß wir im Glauben versucht werden und entweder halsstarrig auf diese Berufung eitel werden, ohne es zu merken, und die ernsten Christen, die rechten Gläubigen, die Bekenner und wahren Christen spielen, uns in diese Rolle hineinleben gegenüber der Welt und gegenüber den weniger ernsten und ernst zu nehmen­den Menschen, oder aber daß wir vor dieser Berufung erschrecken und sie vorsichtig abschwächen und die Bescheidenen spielen, die es nicht geradezu heraussagen wollen: „Der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen.“ Da haben wir gerade es sehr nötig, zu hören: Doch, der Heilige Geist, wirklich Gott der Heilige Geist hat dich berufen durchs Evangelium; nicht dein Geist, nicht deine Weisheit, nicht deine Theologie, nicht deine kirchliche Würde, nicht deine innige Frömmigkeit und Überzeugung, auch dein Glaube nicht, sondern der Heilige Geist hat sich so tief herabgelassen zu dir, in deine vermeintliche Höhe und Würde, die nichts ist gegenüber dieser herrlichen Berufung. Und er hat dich durchs Evangelium be­rufen, also frei, frisch, ohne Hemmung dich gemeint in deiner Rat­losigkeit, in deiner Angst um die Kirche, in deinem Seufzen über die wahrhaft entsetzliche äußere und innere Not und Verwahrlosung, Verwilde­rung und Verhärtung des Volkes, und in deine Zweifel und Anfechtungen hinein, weil du dich für so einsam, für so gemeinschafts- und kirchenlos hältst. Nun hör auch das einfache gültige: Steh auf und wandle! „Wandelt wie sich’s gebührt eurer Berufung, mit der ihr berufen seid!

Ein Gebundener, ein Gefangener, ein der öffentlichen Wirksamkeit Entzogener sagt es uns, und gerade dieser Hinweis auf seine Ketten (es ist nicht das Pochen auf ein überstandenes Martyrium), dieser Hinweis des Apostels auf seine sehr unwürdige Lage (es hat sich ja man­cher seiner geschämt) ist nicht als Beglaubigung seiner Person, sondern als Beglaubigung seiner Botschaft zu verstehen, als Beispiel eben für die Würde dieser Berufung. „Ich Gefange­ner in dem Herrn ermahne euch!“ Nicht jeder Märtyrer seiner Überzeugung ist ein Gefange­ner in dem Herrn. Wir wissen, wie Paulus Abschied genom­men hat von den Ältesten von Ephesus: „Im Geist gebunden fahre ich hin nach Jerusalem: Bande und Trübsale warten mein daselbst.“ So frei, so freiwillig, so gehorsam wie der Herr selber ist er zum politischen Häft­ling geworden. So hat ihn der Heilige Geist durchs Evangelium berufen, so wandelt er nun dieser Berufung entspre­chend, ihrer würdig in seiner Zelle in Rom. Da ist er in sehr an­schaulicher Weise ein Peripatetiker (so heißt das griechische Wort für wandeln). Trübsale hat er in dem Herrn und das nicht erst seit er gefangen ist. Das kann ja nicht wundernehmen, wenn man einen Hingerichteten, unter die Mörder Gerechneten, zum Herrn hat. Jün­ger sein und Zeuge sein und Märtyrer sein, das ist ja das gleiche. Das beweist ja schon das Wort Mar­tyrium. Ist das! nicht eine herr­liche Wohltat für uns, ein Trost und eine Ermunterung, daß die Zeugen des Wortes Gottes vom Schmerz gezeichnete Menschen sind, daß sie nicht bloß zu Gott aus tiefer Not schreien, sondern auch uns aus tiefer Not gerade die frohe Botschaft ver­kündigen. „Ich glaube, darum rede ich, ich werde aber sehr geplagt!“ Ach, da hört ja das Auszanken, das Moralpredigen, die leutselige geistliche Erhabenheit und Herablassung und das beleidigende Mitleid ganz auf. Da sind Menschen, denen nichts Menschliches fremd ist, und wir wollen froh sein, daß das Leid uns heute alle anpackt und auch die Pfarrerschaft und die Gottesdienste nüchterner, ehrlicher, menschlicher macht. Und wir wollen dem ja nicht ausweichen in eine höhere Region sakraler oder liturgischer Festivität. Nicht der Geistliche besucht die armen Gefangenen und verschafft ihnen eine Stunde der Erbauung, sondern der Gefangene spricht zu den Freien: „Wandelt auch ihr wie sich’s gebührt eurer Berufung!“ In jeder äußeren Lage kann man dieser Berufung entsprechen. Der gebührende Wandel ist ein jeder Lage Gewachsensein, eine Überlegenheit in jeder Lage durch Demut, Sanftmut, Lang­mut. Das ist die innere Gefangenschaft in dem Herrn, das Gesinntsein wie Jesus Christus auch war. Dieser drei­fache Mut stand lange bei uns in schlechtem Kurs, aber wenn auch heute solche humanen Tugenden wieder mehr gepriesen werden, so ist es doch ein großer Unter­schied, ob sie aus dem Glauben an die Berufung zur Herrlichkeit stammen oder aus dem Zusammenbruch von Hochmut, Brutalität und Fanatismus.

Die Demut, die unserer Berufung entspricht, kommt nicht aus der Demütigung, sondern aus dem Glauben an unsere durch Christus schon vollzogene Erhöhung. Was für eine widerliche, unnatürliche Sache kann doch die Demut sein, diese hündische Apportiertugend, diese weiche Schleicherei und lächelnde Dienstwilligkeit und Zu­stimmungsbereitschaft, dieses Allesgelten­lassen und Nichtsverantwortenwollen! Und was für eine prächtige Ehrlichkeit ist sie da­gegen in der Bibel! Wie ungezwungen sind da die Menschen Gottes mitten in den Niedrigkeiten des Lebens und wie herzhaft menschlich ist ihre Selbstverleugnung, ihr Seufzen und ihr Zupa­cken, ihr Ver­ständnis für Schuld und Not und ihre Furchtlosigkeit in der Beschei­denheit und Bescheidung! Wie würdevoll, wie vornehm, wie ehrlich und anständig stehen die Gottesmen­schen mitten in der Widerwär­tigkeit der Anfeindung und der frommen Überheblichkeit und Eitel­keit, unter Verkennung, Haß und Verfolgung! Wie imponierend vor Königen und Herren ist ihre Demut und wie selbstverständlich und entschlossen ihre Gemeinschaft mit allen nach Wert, Moral und Charakter tief unter ihnen Stehenden! Diese vornehme Demut ent­spricht der Berufung. „Der Heilige Geist hat mich durchs Evange­lium berufen“. Das ist eine Höhe, über die niemand hinaussteigen kann. Da ist das Trachten nach hohen Dingen, der Ehrgeiz und die Eitelkeit, die Empfindlichkeit und der Neid eigentlich sinnlos. Da kann man sich ja immer nur wieder schämen, wenn solche Anwand­lungen kommen, wenn man wieder einmal vergißt, daß man nichts wert, und doch teuer erkauft ist.

Der Berufung entspricht die Sanftmut. Auch da hat die Bibel ihre eigene Vorstellung. Freilich der brutale Herrenmensch ist in ihr fast eine komische Figur, fast bemitleidenswert in seiner Einbildung, ein Goliath, den zu fällen Gott ein Geringes, geradezu ein Kinder­spiel ist. Aber diese Sanftmut ist auch wieder nicht etwa die Lebensweisheit des Biedermanns, die Rundheit und Glattheit und Weichheit im Betragen und Verkehr, sondern eine sehr keusche, verborgene Sanftmut, eine innerste Weichheit, ein tiefes Erbarmen, ein Mitempfinden für alle menschli­chen Leidenschaften, Versuchun­gen, Fehler, Torheiten und Tollheiten und Verirrungen des Neben­menschen. Aus der Berufung zur Herrlichkeit, zur Gemeinschaft mit dem ewigen Gott und zum Leben aus seinem überströmenden Reichtum entsteht ein Handeln und Wandeln und Reden in mann­hafter Sanftmut. Da ist nichts von Romantik und Sentimentalität; da ist nüch­ternes, ehrliches Verständnis für die ganze wankende Weltordnung und für die Schwachheit und Aussätzigkeit und Blind­heit und Verbohrtheit des Menschen. Da ist besonnene Überle­gung, wie man helfen, lindern, hindern, werken, fördern, nützen kann; da kann auch gelegent­lich der Zorn und die Heftigkeit ein brauch­bares Mittel gerade der Sanftmut sein. „Der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen“, das heißt ja: ich kann von mir aus gar nichts ma­chen und einrenken oder mit Gesetz und Gewalt und kraft meiner Überlegenheit die Dinge und die Menschen in Ordnung bringen, aber der Heilige Geist, der kann’s der tut’s, das ist ein feiner, weiser, entschlossener, tätiger Geist, dem ich stillhalten muß, wenn er mich zum Werk­zeug gebrauchen will.

Darum auch die Ermahnung zur Geduld, zur Langmut als der ge­bührlichen Haltung, wie sie dem Berufenen zusteht und ansteht. Wer vom Evangelium gehört hat, daß die Berufung von Ewigkeit zu Ewigkeit gilt, daß sie beschlossen ist, ehe die Welt geschaffen wurde, und daß es Gottes Sache ist und bleibt, wann er es offenbar machen will, wie herrlich er alles durchführt und zum wirklich guten Ende bringt, — wer das hört, der hat Zeit. Er ist aber gar nicht ein Quietist, er resigniert nicht, er läßt weder die Welt noch die Kirche in Ruhe, er hält das Beste­hende durchaus nicht für einen gottgewoll­ten Zustand, sondern für einen gottgewollten Ab­lauf, in dem er seinen Platz, aber auch seine Richtung und seine Wegweisung hat. Er geht und wandelt stetig. Er sieht Kurven, Umwege, Hindernisse, Aufenthalte, nicht bloß in den Ver­hältnissen, sondern in den Men­schen. Er wird Rücksicht nehmen auf die Müden und auf die Schwerfälligen, auf die Ängstlichen und auf die Verirrten und Ver­führten. Aber diese Geduld ist durchaus keine endlose Geduld. Auch die Geduld Gottes hat ein Ende, und so ist die christ­liche Geduld nicht zu verwechseln mit Langsamkeit und Schläfrigkeit, mit Hän­gen an der Tradition und mit dem Geltenlassen des Verkehrten und des Unfugs und der Bosheit. „Der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen“: da gibt’s einen langen, weiten, mühse­ligen, anstrengenden Weg und Kampf. Da ist mit Sturm und Dampf und Eifer wenig ge­schafft, sonst gibt’s bloß Scheinerfolge und dann Rück­schläge und Verzagtheit und Bitterkeit und den ganzen aufgeregten Rummel von Scheinreformation. In der Berufung zur ewigen Herr­lichkeit kann man nichts erzwingen wollen, aber da will man auch nichts versäumen, sondern eben wandeln, sein Tagwerk tun und auch mitten im größten Eifer kann man da sehr langmütig sein, weil wir selber doch eigentlich für Gottes Sache sehr entbehrlich sind und es bloß seine unbegreifliche Langmut ist, daß er auch auf uns noch gewartet hat, auch uns noch mitherangezogen und ans Werk geschickt hat. Er könnte noch heute Schluß machen oder unsere Predigt, unsere Theologie, unsere Seelsorge heute noch sterilisieren und uns zu Komö­dianten einer albernen Weltanschauung machen. Der Berufung würdig und entsprechend ist eine sehr überlegene und überzeugende und darum sehr mobile Geduld und Langmut. Wer an die Berufung durch den Heiligen Geist glaubt, der hat auf alle Fälle einen längeren Atem und bessere Nerven als die zähesten Phlegmatiker und als die heftigsten Fanatiker. Er hat nämlich Zeit zum Sterben.

Und nun ermuntert uns der Apostel zur christlichen Toleranz, nach­dem er uns zur Festigkeit in der echten, tiefen, menschlichen Niedrig­keit auf Grund unserer ewigen Hoheit und Würde ermahnt hat. Das sind heute bekannte Töne: vertragt einander, laßt einander Freiheit und laßt das Uniformieren und Gleichschalten und Bekehren und Vergewaltigen! Aber versteht: „Ver­tragt einander in der Liebe!“ Das heißt nicht: laßt jedem seinen Glauben oder Aberglauben, seine Meinung oder Überzeugung. Der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen und dich auch und will uns beide selig machen und geschickt machen zu allem guten Werk. Darum haben wir ein­ander lieb. Nicht weil wir absehen von dem, was respektabel und auch recht unrespektabel an uns ist, nicht weil wir die Augen und Ohren schließen vor der Torheit des einen und vor der Weisheit des andern. Nicht weil wir „im Grunde“ einig wären und des­halb „letzt­lich“ auch wohl dasselbe wollen und praktisch einig gehen könnten und da­zwi­schen wäre dann die Vielheit der Theorie und die inter­essante Diskussion. Nein, weil das das Evangelium ist, daß Gott Wohlgefallen an uns hat, uns wider alle Erwartung und alle Wür­digkeit seine Kinder sein läßt, darum haben wir einander lieb und ertragen einander, nehmen einander an und auf und darum tun wir einander den Gefallen und nehmen uns gegenseitig ernst und sind unsres Bruders Hüter und bezeugen einander das Evangelium im Wort und im ehrlichen entsprechenden Wandel, beten füreinander und mühen uns, einander zu verstehen.

Aber seht, Brüder, wenn wir im Glauben leben, so lieben wir auch im Glauben und nicht im Schauen. Gewiß muß sie offenbar werden, die Liebe und die Toleranz aus Liebe, aber glauben müssen wir sie einander doch. Man kann nicht mehr lieben als glauben, so wenig man mehr geben kann, als man hat, und mehr haben kann, als man empfangen hat. Der Glaube empfängt und die Liebe gibt. Wo der Glaube unser eigenes Kunststück ist, da ist die Liebe auch bloß unser Kunststück, ein Zauber, ein sehr verführerischer Zauber. An wen wir glauben, darin ist Gleichheit: man kann nur an den wahr­haftigen Gott glauben, der sich im Sohn durch den Geist offenbart. Aber wie klein oder groß unser Glaube ist, da ist große Verschie­denheit; das wechselt wohl von Stunde zu Stunde und darum ist auch unsere Liebe verschieden. Von Einem Glauben redet unser Text, aber nicht von Einer Liebe. Es ist nicht wahr, daß wir die gleiche Liebe haben. Jeder hat nur die seine. Da kann man nicht echt, nicht redlich, nicht natürlich, nicht menschlich genug sein. Da kann man nur seufzen, bitten, glauben, nehmen und geben, aber wer sich da Zwang antut, wer da meint, er selber und nicht die Liebe könne alles und jedes ertragen und vertragen ohne Ärgernis und ohne Heuchelei, der beruft sich selber, der macht sich selber zum Christ und betrügt sich und andere, der meint, man müsse ihm glauben, weil er so ernst, so lieb, so vertrauenswürdig ist, statt allein Christus und dem Heiligen Geist und dem Vater im Himmel.

„Vertraget einer den andern in der Liebe!“ Einer den andern! Nicht alle auf einmal, sondern jeden einzeln, jeden wieder anders, jeden als den, der er ist, um der Berufung willen, nicht um seiner Liebens­würdigkeit und schönen Seele willen! Ach wie arm muß sich da jeder beken­nen, weil man in der Kirche so oft meint, Liebe müsse erst organisiert werden oder beteuert werden und irgendwie gleichmäßig rationiert werden. Vertrage einer den andern in der ganzen Fremd­heit von Mensch zu Mensch und in der ganzen Nähe der vielfältigen Begegnung! Das geschieht immer wieder anders, bald indem man den andern in Ruhe läßt, und bald indem man ihm widerspricht, und bald auch indem man in Zustimmung und in Offenheit für Freude und Schmerz des andern eben teilnimmt und teilgibt am wirklichen trüben und hellen Dasein auf dieser armen Erde unter Gottes reicher Gnade.

Zum Wandel, wie er der göttlichen Berufung entspricht, gehört auch das Festhalten an der Einigkeit. Die vornehme Demut, die mann­hafte Sanftmut, die mobile Geduld und die Tole­ranz der Liebe stellen uns nicht bloß in die rauhe, armselige, recht irdische Wirk­lichkeit unseres Daseins und Beisammenseins, sondern sie machen uns vor allem zu freien, selbstän­digen Menschen, die sich durchaus nicht nach einem christlichen Einheitsmodell schnitzen lassen und die ihren Wandel und ihre Ansichten und auch ihre Theologie und ihre Kirchlich­keit und ihre Politik durchaus nicht normieren und sich vorschreiben lassen. Und da ist dann die Einigkeit großen Belastun­gen ausgesetzt, Wären Demut, Sanftmut und Geduld die Unter­wür­figkeit, der knechtische Geist, mit dem sie so gerne verwechselt wer­den, dann wäre die Einigkeit leicht. Dann kann man sogar christliche Weltkirchen von geradezu imponierender Einheit und Stabilität machen. Aber in Freiheit einig sein, das kostet Mühe und Fleiß. Und nun sagt der Apostel mit Bedacht: Haltet die Einigkeit fest! und nicht: stellt sie her, laßt im­mer die Einigkeit euer Ziel sein und strebt nach der Union, nach der Verwirklichung der Una Sankta. Umgekehrt, liebe Freunde, die Einigkeit des Geistes ist da! Der Heilige Geist kann gar nicht ein Geist der Zwietracht sein. Das ist einfach ein Widersinn: Gott mit sich selber uneins! Es hat ihm aber gefallen; nicht bloß mit sich, sondern auch mit uns Menschen eins zu sein. Jesus Christus heißt die Einigkeit im Geist bei uns Men­schen. Es gibt gewiß viele treff­liche Einigkeit im Fleisch, von der Ehe bis zur Völkerverständigung, und wir werden sie auch bei uns, beim Essen wie beim Reden und in der Hausordnung nicht einfach aus­schließen wollen, aber dauerhaft, auf alle Fälle festzuhalten und unsere Einsamkeit wirklich beendend ist solche Einigkeit nicht, auch nicht bei der innigsten Freundschaft. Jesus Christus, und das ist das Evangelium, und das ist unsere Berufung durch den Heiligen Geist, ist die Dolle Einigkeit. Er vertritt mich und Dich. Er vertritt auch unsere Gegner und Feinde. Er vertritt sogar seine eigenen Feinde. Auch die dürfen Hände und Füße nur regen, solange er sie schont und für sie eintritt. Und so sind wir aneinandergebunden durch ihn, und das heißt friedlich, im Frieden verbunden und gefan­gen. Wer? Alle Menschen oder nur alle Christen oder alle Kirchen oder alle Konfessionen? Ja, alle. „Ost und westliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände.“ Friede auf Erden auch gestern im Welt­krieg, auch heute in der Weltnot, aber in Jesus, dem Friedefürst, dem rechten Salomo. Und nur soweit wir glauben, haben wir teil an diesem Frieden, ruhen wir sicher im Schutz dieses Friedens und dieser Friede bewahrt uns sicherer als ein Friedhof die Toten bewahrt. Wir sind ja aufgerufen zu diesem Glauben, wir müßten ja mit Protest den Gottesdienst und vollends das heilige Abendmahl verlassen und meiden, wenn wir nicht in seinem Namen zusammen und also auch von ihm in den Frieden eingeschlossen und in seinem Geiste einig zu sein glauben dürften. Der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen, wie er das an der ganzen Christenheit auf Erden tut.

Oh, wir werden das nicht glauben können ohne der Sünde unserer Uneinigkeit, der Sünde der Vielheit der Kirchen, der Sünde unseres Unfriedens zu gedenken. Aber nicht wahr, wir wollen auch da nicht sentimental werden, und dann, wie es gewöhnlich geschieht, ins Gegenteil ver­fallen und mit Pathos „Friede, Friede“ rufen, wo kein Friede ist. Hier sind wir beieinander, Bekannte und Unbekannte. Hier hören wir das Geheimnis, „daß die Heiden Miterben seien und mit eingeleibt und Mitgenossen seiner Verheißung in Christo durch das Evangelium“. Was hindert uns, daß wir hier und jetzt dem Geist des Evangeliums Raum geben und die Ehre geben und glau­ben, daß Gott selber uns zusammen haben will unter seiner Herr­schaft, in seiner Liebe, in seinem Schutz, in seiner leiblichen und geistigen Fürsorge, daß er Gedanken des Friedens über uns hat und daß wir also auch friedfertig sein dürfen, an der Einigkeit fest­halten dürfen unter uns.

Aber wenn dem so ist, wenn wir wie Brüder einträchtig beieinander wohnen, so ist das nicht unserer Gesinnung, unserer bibelfesten Frömmigkeit oder auch unserer Selbstbeherrschung und Mäßigung zuzuschreiben, sondern so ist das eine Frucht des Geistes. Tagungen sind oft eine schöne Sache, da gibt’s nicht bloß geistige Bereicherung, da kann man manchmal recht tröstliche und stärkende Gemeinschaft erleben. Aber Tagungen, auch Synoden und Konzilien, sind eben doch unverkennbar recht menschliche Konferenzen, wo man seine Anliegen, auch wenn es sehr wichtige und dringliche kirchliche An­liegen sind, zusammenträgt und sie auch wieder mit davonträgt. Seit die Apostel selber in Jerusalem hart aneinander geraten sind, kann man sich eigentlich nur immer wieder wundern, daß unter dem Wind und Gebläse der menschlichen Geister und Lehren das fest geblieben ist: der Heilige Geist beruft und sammelt und erhält bei Jesus Christus im rechten einigen Glauben. Nicht im geheimen, nicht hinter der Bühne der Kirchen- und Dogmengeschichte, nicht in unsichtbarer Überbrückung all unserer Diaspora und Zerstreuung und Gegensätze, sondern laut als klarer Ruf: „Her zu mir, wer dem Herrn angehört!“ Sind wir so zuversichtlich und kühn, bei uns diesen Ruf vernehmlich hören zu lassen, gerade weil wir demütig, sanftmütig, langmütig, aber eben so unserer Berufung entsprechend wandeln wollen? Wir können da nur hören und uns einstellen, wo dieser Ruf laut wird und getrost und mit aller Zuversicht glauben, daß mir dazu gehören, daß mir ge­meint sind mit denen, die dem Herrn angehören, und dann es uns aber auch gefallen lassen, daß wir gefragt werden, wie wir es meinen, ja es auch ungefragt beken­nen mit Lob und Dank: „Er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben!“ Jawohl, bei uns! Darum und nur darum gehören wir wirklich zusammen. Audi die Heuchler und Bösewichter sind mit dabei. Freilich in der ganzen Christenheit wird es nicht viel anders gehen als mit den Natio­nalsozialisten. Erst meint man, alle seien echt, und wenn man genau prüft, sind nicht einmal die Echtesten echt. Das ist schlimm, das beschämt uns und macht uns bescheiden, aber das hebt es nicht auf, daß Er bei uns wohl auf dem Plan ist. Das bestätigt nur, daß wir eben ohne Ihn nicht einig sind, und fordert uns auf, daß wir an Ihm bleiben, dem treuen Heiland. Die Heuchler und Bösewichter sind ja gewarnt, sie gewinnen nichts bei uns, sie können uns nichts nehmen und bei uns nichts profitieren. Sie sind da und dürfen da sein. Wenn sie nicht entlarvt sein wollen, so müssen sie ja mitbekennen, was Paulus als Grund und Garantie der Einheit bekennt: Ein Leib, Ein Geist, Eine Hoffnung. Sie müssen so tun, als gehörten sie mit zu dem Einen Leib. Wir glauben aber, daß der Eine Leib der Leib Jesu Christi ist, der uns gegebene Leib, das Fleisch und Blut, das wir essen und trinken, der Leib, in den wir eingeleibt sind, der uns gehört, unser Leib ist, unser gemein- sanier Leib. Und wo von Leib die Rede ist, – Gott Lob, daß die Bibel so herrlich materialistisch ist, so wie wir’s jetzt wieder zu sein gelernt haben, auch die feinsten Idealisten unter uns – wo vom Leib die Rede ist, da ist von Äußer­lichkeit, von Gestalt, von Sichtbarkeit und vor allem von Begrenztheit die Rede. Da fängt man mit der Einigkeit und Einheit der Kirche nicht bei der Ökumene an und nicht bei den hohen Geistern und auch nicht bei den verborgenen Christen, sondern bei der jeweiligen Körper­schaft, zu der wir kon­stituiert sind, wenn wir beisammen sind: viele oder 2 oder 5, in der Kirche oder im Haus oder auf der Straße. Da gedenke an die Beru­fung! Ein Leib! Der Leib Jesu, für uns alle dahingegeben und dar­um Ein Geist, der Heilige Geist, den wir auf die Ein­ladung Jesu nicht vergeblich erbitten, ja den er uns schon auf die Erde geschickt hat, ehe wir ihn darum baten. Und darum Eine Hoffnung! Die Hoff­nung auf Einigung, Verständigung, Erfolg, gar auf Reformation der Kirche? An zweiter, dritter und vierter Stelle hat auch diese Hoff­nung Platz und Recht, aber die Hoffnung unserer Berufung ist es nicht. Diese Hoffnung heißt: Er kommt! Sie heißt: Auferstehung des Leibes und ein ewiges Leben. Sie heißt: Unser Herr allein ist Gott. Er wird’s wohl machen. Von dort her, vom Himmel her kommt unsere Einigkeit, nach dorthin richtet sie uns aus und darum hat unsere Gemeinschaft, unser leibli­ches und geistiges menschliches Bei­sammensein den wirklich gleichen Brennpunkt: „Ihr esset oder trin­ket oder was ihr tut, so tut es alles in dem Namen des Herrn Jesu und danket Gott dem Vater!“

„Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe.“ Das ist unser Glaube, daß der Herr die Seinen kennt, und daß er uns durch die Taufe das Zeichen, die Bürgschaft, die Versicherung gibt und gege­ben hat, daß wir die Seinen sind. Schon daß wir uns zu diesem Einen Herrn, diesem Einen Evangelium, zu diesem Einen Glauben, zu dieser Einen Taufe, zu dieser Einen Hoffnung bekennen, ist eine Anfrage an die andern, an die vielen Kirchen der Welt, ob sie da mit uns übereinstimmen.’ Wir werden nicht grundsätzlich zweifeln, denn sie haben ja auch die Taufe, das Credo, das Vaterunser, die Bibel. Aber wir werden auch nicht ungeprüft glauben. Es gibt so viel verdächtiges Bekennen, das auf einen andern Brennpunkt, auf einen andern Leib und Geist, auf eine andere Hoffnung, auf einen anderen Glauben und Herrn schließen lassen könn­te. „Prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind!“ Anders als in eigener Bußfertigkeit kann man keine Kirchengrenze stehenlassen. Aber im Glauben an die Berufung wird man sie auch ohne Überhebung stehenlassen können, ja wenn es nicht anders sein kann, sie noch befestigen, nicht trotzdem, sondern weil Gott der Vater aller ist, über allen, durch alle und in allen. Denn zu Gott Vater sagen, ihn als Vater anrufen, alles Gute und nur Gutes von Ihm erwarten und so vor Gott der Vertreter der Einen Christenheit, der Einen heiligen christlichen Kirche und zu­gleich eben damit auch der Vertreter der unerlösten Welt zu sein, das kann man nur im Hören und Glauben: „Der Heilige Geist hat uns durchs Evangelium berufen!“ Darum „laßt uns mit Freudigkeit hinzutreten zu dem Gnadenstuhl“, denn „Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder und Er gedenkt ewiglich an Seinen Bund“. Amen.

Gehalten am Sonntag, den 13. Oktober 1946, in Bad Boll (Württemberg).

Quelle: Paul Schempp (Hrsg.), Evangelische Selbstprüfung. Beiträge und Berichte von der gemeinsamen Arbeitstagung der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg und der Gesellschaft für Evangelische Theologie, Sektion Süddeutschland im Kurhaus Bad Boll vom 12. bis 16. Oktober 1946, Stuttgart: Kohlhammer, 1947, S. 9-20.

Hier die Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s