Martin Luthers Brief an Ludwig Senfl (1530): „Meine Liebe zur Musik, die mich öfters erquickt und von großer Seelenpein befreit hat, ist über die Maßen groß und sprudelt so heraus.“

Luthers Wertschätzung der Musik kommt in seinem Brief an Ludwig Senfl (um 1490-1543), Hofkomponist des bayerischen Herzogs Wilhelm IV., besonders schön zur Sprache:

Veste Koburg, 1. (4.?) Oktober 1530

Es besteht kein Zweifel, daß viele Ansätze zu guten Eigenschaften in solchen Gemütern bestehen, die von der Musik ergriffen werden; von denen, die aber dadurch nicht angerührt werden, glaube ich, daß sie Klötzen und Blöcken ganz ähnlich sind. Denn wir wissen, daß die Musik auch den Dämonen verhaßt und unerträglich ist. Und ich urteile rundheraus und scheue mich nicht zu behaupten, daß es nach der Theologie keine Kunst gibt, die der Musik gleichgestellt werden könnte. Sie allein bringt nach der Theologie das zuwege, nämlich ein ruhiges und fröhliches Herz. Dafür ist ein klarer Beweis, daß der Teufel, der Urheber trauriger Sorgen und beängstigender Unruhen, beim Klang der Musik fast genauso wie beim Wort der Theologie flieht. Daher kam es, daß die Propheten sich keiner Kunst so bedient haben wie der Musik. Sie haben eben ihre Theologie nicht in die Geometrie, nicht in die Arithmetik, nicht in die Astronomie gefaßt, sondern in die Musik, so daß sie die Theologie und die Musik eng miteinander verbanden und die Wahrheit in Psalmen und Liedern verkündigten.Aber was lobe ich jetzt die Musik und versuche, eine so große Sache auf einem so kleinen Stück Papier abzumalen oder vielmehr zu verunstalten? Doch meine Liebe zur Musik, die mich öfters erquickt und von großer Seelenpein befreit hat, ist über die Maßen groß und sprudelt so heraus.

Ich komme zu Dir zurück und bitte: wenn Du ein Exemplar dieses Gesanges hast (Ps. 4, 9) »Ich liege und schlafe ganz mit Frieden«, laß es mir bitte umschreiben und senden. Denn diese Melodie hat mich von Jugend auf erfreut und jetzt noch viel mehr, nachdem ich auch die Worte verstehe. Denn ich habe diese Antiphone nie mehr mehrstimmig gesetzt gesehen. Ich will Dir aber nicht mit der Arbeit zur Last fallen, sie zu komponieren, sondern vermute, daß Du sie anderswoher (bereits) komponiert (vorzuliegen) hast. Ich hoffe in der Tat, daß mein Lebensende nahe ist. Die Welt haßt mich und kann mich nicht leiden; ich habe umgekehrt Ekel vor der Welt und verabscheue sie. Daher möge der beste und getreue Hirte (1. Petr. 2, 25) meine Seele zu sich nehmen (1. Kön. 19, 4). Deshalb habe ich bereits angefangen, diese Antiphone zu singen und möchte sie gern komponiert hören. Wenn Du sie nicht hast oder nicht kennst, so schicke ich sie hier mit ihren Noten (für den Tenor) geschrieben, die Du, wenn Du willst, und sei es nach meinem Tode, komponieren kannst. Der Herr Jesus sei mit Dir in Ewigkeit, Amen. Verzeihe meine Kühnheit und meine Weitschweifigkeit. Grüße mir Deinen ganzen Musikchor ehrerbietig.

Quelle: Luther Deutsch. Die Werke Luthers in Auswahl, hrsg. v. Kurt Aland, Bd. 10: Die Briefe, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2. A., 1983, S. 219f.

Hier Luthers Brief als pdf.

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