Milada Ganguli – Bei den Ao (Reise zu den Naga, 1967): „Bei meinem vorjährigen Aufent­halt in Mokokchung luden mich Freunde am ersten Weihnachtstag in ihre Kirche zum Hauptgottesdienst ein; dazu hatten sich an die zweitausend Menschen eingefunden. Über zwei Stunden lang lauschte ich dem in der Sprache der Ao verkündeten Wort Gottes.“

Nachdem in den fünfziger Jahren die amerikanischen Missionare aus den Naga Hills in Nordostindien von der indischen Regierung ausgewiesen worden waren und ein blutiger Unabhängigkeitskrieg zwischen indigenen Naga und der indischen Zentralregierung geführt wurde, war das Gebiet über Jahrzehnte hinweg für Ausländer wie auch für Inder kaum zugänglich. Milada Ganguli, als Tschechin 1913 in Přerov geboren und mit dem bengalischen Schriftsteller Mohanllal Ganguli verheiratet, gelang es zwischen 1963 und 1968 mehrmals in den neu gegründeten Bundesstaat Nagaland zu reisen. Ihre Reiseaufzeichnungen erschienen zuerst 1970 im Verlag Orbis in Prag unter dem Titel „Putování za lovci lebek“. Die deutsche Übersetzung erschien 1976 in Leipzig unter dem Titel „Reise zu den Naga“, bevor dann 1984 die englische Übersetzung unter dem Titel „A Pilgrimage to the Nagas“ veröffentlicht wurden. Über ihre Begegnung mit den Ao schreibt sie Folgendes:

Bei den Ao

Von Milada Ganguli

Obwohl die Angehörigen der Nagastämme in Brauchtum, Lebens­weise und Gedankengut viel Gemeinsames haben, gibt es doch eine ganze Reihe von Besonderheiten, durch die sich die einzelnen Stämme voneinander unterscheiden. Es sind dies Verschiedenheiten im physischen Typ, in der Kleidung und in herkömmlichen Bräuchen sowie gewaltige Sprachunterschiede. Obzwar es bestimmte An­haltspunkte gibt, die auf eine gemeinsame Herkunft dieser Stämme hindeuten, haben verschiedene äußere Einflüsse auf die physische und kulturelle Entwicklung der einzelnen Gruppen eingewirkt und beachtliche Veränderungen verursacht.

Die interessanteste ethnische Gruppe, deren Entwicklung Jahr­hunderte hindurch besonderen Einflüssen ausgesetzt war, sind die Ao. Forscher sind der Meinung, daß vor dem im 13. Jahr­hundert erfolgten Einfall der burmesischen Eroberer, der Ahorn, nach Assam zwischen den Naga und den Bewohnern der umliegenden Ebenen eine intensi­vere Verbindung bestanden habe als danach. Sie sind überzeugt, daß zur Zeit der Invasion der Ahomkönige viele Flücht­linge aus Assam eine Zuflucht in den Nagabergen gefunden haben, besonders in den Dörfern der Ao, mit denen sie sich dann vermischten. Deshalb haben die Ao mehr assamesisches Blut in ihren Adern als irgendein anderer Nagastamm.

Mündlich überlieferte Berichte über die Herkunft der Ao deuten darauf hin, daß ihre Vorfah­ren von ihren ursprünglichen Wohnsitzen aus Vorstöße über den Fluß Dikhu in den östlichen Teil des Gebirges unternommen, das Land besetzt und dessen Bewohner unterjocht haben. Die meisten Angehörigen der überwältigten Stämme zogen fort, und diejenigen, die blieben, vermischten sich mit den Ao.

J. P. Mills erwähnt in seiner Monographie über die Ao eine Sage, nach der die ersten Urväter der Ao auf einem Gebirgskamm am rechten Ufer des Dikhu an einem Ort, der Lungterok — »Sechs Steine« — genannt wird, aus dem Erdinneren hervorgekommen seien. Die Steine lie­gen unweit des Ursprungsdorfes der Ao, Chongliyimti. Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde einer dieser Steine in einem Anfall religiösen Eifers zerschlagen, und zwar von einem Prediger der amerikanischen christlichen Mission, die während der achtziger Jahre des ver­gangenen Jahrhunderts ihren Glauben im Land der Ao zu verbreiten begonnen hatte.

Die Urahnen des Mungsen-Clans traten als erste aus der Erde und ließen sich auf einem Kubok genannten Berghang oberhalb des Dikhu nieder. Nach ihnen tauchten die Urahnen des Chongli-Clans auf, die die Siedlung Chongliyimti gründeten. Und unmittelbar darauf be­gannen sie Krieg zu führen. Sie überfielen die Ansiedlung auf dem Kubok und zwangen die besiegten Mungsen, nach Chongliyimti umzuziehen und sich dort ein eigenes Dorfviertel aufzubauen, in unmittelbarer Nachbarschaft des Chongli-Clans. Damals begann das lange Zusammenleben der beiden Hauptgruppen der Ao — der Chongli und der Mungsen —, das bis zum heutigen Tag fortdauert. Von Chongliyimti aus unternahmen die Vorfahren der Ao aggressive Ausfälle weit nach Westen hin und besetzten ihr heutiges Territo­rium. Schließlich verließen fast alle ihr Stammland und begaben sich nach Westen. Nach Überschreiten des Dikhu verteilten sie sich. Eine Gruppe gründete das Dorf Lungkam, eine zweite siedelte sich auf dem Gebirgskamm Kuratong an. Eine weitere Gemeinschaft zog weiter nach Süden und gründete das Dorf Ungma. Ungma ist heute das größte Dorf der Ao-Naga, es hat 3000 Ein­wohner. Von diesen ur­sprünglichen Wohnsitzen aus breiteten sich die Clanmitglieder in der Umgebung aus und bauten Dörfer um Dörfer im ganzen Lande auf. Interessant sind die Berichte über die Menschen, die das Land be­sessen hatten, ehe die Ao einfielen. Es waren Angehörige der weniger kämpferischen Stämme Isangyonger, Nokrangr und Molungr, die sich der Herrschaft der Ao-Naga nicht unterordnen wollten. Sie flohen vor ihnen tiefer in das Landesinnere hinein, bis sie schließlich im Nordwestzipfel des Landes neue Heimstätten anlegten.

Aus Berichten ergibt sich, daß es dabei um Ahnen einiger Clans der Konyak-Naga ging. Sie waren angeblich geschickte Schmiede und Töpfer, banden sich die Haare hinten zu einem Knoten und be­festigten sie mit einem Bambusstäbchen, was auch jetzt noch bei den Männern der heutigen Konyak üblich ist. Auch Schmiedekunst und Töpferei sind bis heute bei den Konyak hoch entwickelt, nicht jedoch bei den Ao. Manche Flüchtlinge zogen noch weiter nach Norden, überschritten den Brahmaputra und ließen sich an seinem rechten Ufer im Gebirge nieder.

Die Ao besetzten ein ausgedehntes Gebiet, das von dem mittleren Massiv der Nagaberge bis zu den westlichen, in die Ebenen Assams übergehenden Ausläufern reicht. Jahrhundertelang unterhielten sie freundschaftliche Beziehungen zu den Ahomkönigen, den Herrschern von Assam; diese teilten einer ganzen Reihe von Aodörfern Län­dereien im Gebirgsvorland zu, und zwar im Austausch gegen ver­schiedene Geschenke und gegen das Versprechen, daß die Ao keine kriegerischen Unternehmungen gegen den im Flachland gelegenen Besitz der Ahorn durchführen würden. Dieses Versprechen wurde nur teilweise eingehalten.

Ao-Mädchen Dorf Khensa, Nagaland, Indien 1968 (Foto Milada Ganguli)

Die Macht der Ahorn hielt sechshundert Jahre an. Als sie im 19. Jahrhundert abnahm und Assam an Britisch-Indien angeschlossen wurde, hielten es die Engländer für notwendig und wünschenswert, die im benachbarten Gebirge ansässigen Naga von den eingetretenen Verän­derungen in Kenntnis zu setzen. Im Jahr 1844 sandten sie zu diesem Zweck die erste militä­rische Expedition in die Nagaberge, der weitere folgten. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es den Engländern im April 1889 endlich, als erstes das von den Ao be­wohnte Terri­torium zu besetzen und Assam anzugliedern. Bald darauf wurde in der Nähe des Dorfes Mokokchung ein britischer Verwaltungssitz geschaffen.

Der Stamm der Ao ist in drei bedeutende Clangruppen gespalten, die wahrscheinlich auf die einzelnen Eroberungswellen und die Clans von Angehörigen der damals unterjochten Stämme zurückzuführen sind. Die einzelnen Gruppen haben eigene, voneinander stark dif­ferenzierte Dialekte. Sie heißen Chongli, Mungsen und Changki und sind streng exogam. Das bedeutet, einem Mann ist es verwehrt, eine Frau aus seinem eigenen Clan oder eine Frau aus einem ver­wandten Clan einer anderen Gruppe zur Gattin zu nehmen.

Die Bezeichnung »Ao« ist die allgemein gebräuchliche, verkürzte Form des Wortes Aor, mit dem die Angehörigen dieses Stammes sich selbst benennen. Aor bedeutet »die, die gekommen sind«, und zwar über den Fluß Dikhu, zum Unterschied von dem Wort Mirir, »die, die nicht gekommen sind«, mit dem sie die östlichen Stämme, die Sangtam, Phom, Chang und andere bezeichnen, die jenseits des Dikhu leben.

Die Dörfer der Ao waren meistens von Gräben sowie von mit Hunderten Bambusspießen gespickten Holzzäunen umschlossen. Innerhalb der Befestigung, nahe am Dorfeingang, stand gewöhnlich das Morung. Morung ist, wie wir schon wissen, ein assamesischer Begriff, der allgemein im ganzen von den Naga bewohnten Gebiet Verwendung findet, für den aber jeder Stamm noch einen eigenen Terminus besitzt. In der Sprache der Lhota ist es das Wort »tschampo«, bei den Ao »aritschu«, bei den Chang »hagg«. Die Morungs waren gewöhnlich die größten und repräsentativsten Gebäude des Dorfes, aus qualitativ besserem Holz und Bambus errichtet und mit einem hohen Giebeldach und Palmenblättern versehen, das sich zehn oder mehr Meter über die Erde erhob. In seiner Ausschmückung widerspiegelte sich fast immer das ganze schöpferische Talent der Dorfbewohner. Besonders der Hauptträger an der Stirnseite pflegte reich geschnitzt zu sein.

Das Morung spielte auch hier im Leben der Dorfbewohner eine wichtige Rolle. Jedes Wohn­viertel hatte sein eigenes Morung, Viertel mit einer größeren Anzahl von Einwohnern minde­stens zwei, manch­mal auch mehr. Das Morung der Ao war gewöhnlich in zwei Räume unter­teilt. Der vordere Raum diente als Versammlungssaal, der zweite, durch einen hohen Balken und eine Bambuswand ab­getrennte, als Nachtquartier für die ledigen Männer. Ein Knabe wurde »aritschu«-Mitglied, sobald er einen mit Schurz und der für das Haumesser bestimmten Holzfassung versehenen Gürtel zu tragen begann, das heißt im Alter von zehn oder elf Jahren, und blieb es bis zu dem Tage, da er heiratete und einen eigenen Hausstand grün­dete.

Im Morung wurden Kriegszüge geplant sowie Waffen angefertigt; und nach einem siegrei­chen Angriff brachte man die Köpfe der Feinde hierher. Die Mitglieder des Morung bildeten die Hauptstreitmacht eines Clans.

Seit der Zeit, da die Ao aufgehört haben, ständig Fehden zu führen, hat sich der Charakter des Morungs wesentlich verändert. Verschwunden sind die Waffen, verschwunden auch die Wandbretter mit den Reihen feindlicher Schädel. Das Morung ist zwar Mittelpunkt des gesell­schaftlichen Lebens der Männer geblieben — Frauen haben keinen Zutritt—, aber weil man Unterhaltungen, Beratungen, ja sogar auch Gerichtsverhandlungen bequem unter freiem Him­mel vordem Morung oder irgendwo auf dem Dorfplatz abhalten kann, ist das Morung heute nicht mehr als ein Symbol. Es dient Ritualzwecken zur Zeit der jährlichen Feste sowie bei der Weihe neuer Mitglieder.

Diese Weihe wird bei der Aufnahmefeier vollzogen, und zwar einmal in drei Jahren für alle Jünglinge etwa gleichen Alters, die im selben Dorfviertel wohnen. Jeder Knabe wird von seinem Vater zur Zere­monie begleitet. Dieser bringt Eier mit, die er den Geistern opfert. Im Morung legt er sie auf den Boden und trägt dabei seine Bitte vor: »Möge mein Sohn in diesem Morung wachsen wie die Triebe des Feigenbaumes und in allem seinem Tun und Handeln Klugheit be­weisen.« Manche Familien bringen eine Henne, ein Schwein oder einen Büffel als Opfer dar; am Fleisch aber tun sich die Mitglieder des Morungs gütlich. Daheim veranstalten die Eltern ebenfalls eine kleine Feier und bewirten die Freunde des Hauses mit ausgesuchten Speisen und Reiswein.

Durch den Beitritt zum Aritschu wird der Jüngling gleichzeitig Mitglied der niedrigsten Altersklasse, die man als »sungphur« be­zeichnet. Für sie gelten während der nächsten drei Jahre strenge Vorschriften, die Befehle der älteren Morung-Mitglieder müssen befolgt wer­den. Bei der Erfüllung von Aufgaben und Pflichten gibt es zwischen den Mitgliedern dieser Gruppe keinerlei Unterschiede. Knaben aus reichen Familien müssen sich ebenso wie Söhne armer Dörfler während dieser ersten Zeitspanne einer harten Ausbildung unterziehen.

Während meines ersten Aufenthaltes in Mokokchung saß ich eines Abends mit meinem Gast­geber, dem Distriktskommissar Dschamir Ao, am brennenden Herdfeuer. Eine einzige Frage meinerseits, die Art der Knabenerziehung bei den Naga betreffend, hatte zur Folge, daß er leb­haft und ausführlichst über seine Erlebnisse zu plaudern begann, die er vor einigen vierzig Jahren im Morung seines Geburtsdorfes gehabt hatte.

»In der Aritschu-Gruppe herrschte eine geradezu militärische Dis­ziplin. Ihr mußte sich jedes Mitglied fügen — ohne Rücksicht auf die gesellschaftliche Stellung der Eltern. Wir waren dort alle gleich. Als Angehörige der niedrigsten Abteilung hatten wir während der ersten drei Jahre von den älteren Mitgliedern viel zu erdulden, aber trotzdem denke ich gern an diese Jahre zurück.

Tag für Tag mußten wir in den Dschungel marschieren und dort Brennholz hacken, ein rie­siges Bündel, das wir dann an einer Liane ins Morung zu schleppen hatten. Umfang und Län­ge des Bündels waren von der Morung-Leitung vorgeschrieben, und jeder wurde bestraft, der die Maße nicht eingehalten hatte. Holz brauchten wir nämlich ständig in großer Menge, weil von der Dämmerung bis zur Schlafenszeit im Morung ein großes Feuer unterhalten wurde, ein zweites in unserem Gemeinschaftsschlafraum.

Die älteren Morung-Mitglieder brachten uns Kampftaktik bei und prüften uns auf Herz und Nieren, indem sie uns schwierige Aufgaben stellten. Sie schickten uns nachts in den Dschun­gel, von wo wir ir­gendeinen verborgenen Gegenstand oder die Blüte beziehungsweise Frucht eines an einer gefährlichen Stelle wachsenden Baumes holen sollten. Ehe wir weggingen, schüchterten sie uns damit ein, daß uns unterwegs böse Geister oder Raubtiere überfallen würden. Ein der­artiges Erlebnis werde ich nie vergessen. Damals versteckte man im Dschun­gel, in einem hohlen Baum, etwa eine Wegstunde vom Dorf entfernt, einen hölzernen Hau­messerhalter, und ich sollte ihn um Mitternacht finden und ins Morung bringen. Dabei erlaub­te man mir nicht einmal, mit einer Fackel den Weg zu erleuchten; allein und ohne Licht mußte ich in die finstere Nacht hinaus. Ich war damals etwa zwölf Jahre alt. Nur Mondsichel und Sterne erhellten mir ein wenig den Weg, und nach längerem Suchen hatte ich endlich den betref­fenden Baum gefunden. Meine Freude war groß, als ich den alten hölzernen Halter ertastete. Glücklich, die gestellte Aufgabe beinahe erfüllt zu haben, zwängte ich mich durch das Gestrüpp und eilte dann auf bekannten Wegen nach Hause. Als ich mich siegessicher dem Dorfe näherte, ertönte plötzlich vor mir ein wildes Geschrei. Und schon sprangen mehrere Männer aus dem Dickicht. Ich erschrak so, daß mir der Halter aus der Hand fiel. Im nächsten Augenblick aber faßte ich mich; mich durchzuckte der Gedanke, es könne sich um eine Finte handeln, mit der mich meine älteren Morung-Gefährten auf die Probe stellen wollten. Hätte ich Furcht gezeigt und zu schreien begonnen, wäre ich für das ganze Dorf zum Gespött ge­worden. Leise machte ich ein paar Schritte rückwärts und duckte mich hinter einen Baum. Ich war auch noch so geistesgegenwärtig, daß ich den mühsam aufgespürten Haumesserhalter nicht im Grase liegen ließ. Ich weiß gar nicht, wie lange ich in dem Versteck dann gewartet habe. Erst als es hell zu werden begann, bahnte ich mir einen Weg durch das Strauchwerk und gelangte vorsichtig auf einem großen Umweg zum Dorf. Dort benützte ich nicht das Tor, son­dern überstieg an einer mir bekannten Stelle den Zaun und eilte durch ein Hintergäßchen zu unserem Morung.

Die größte Freude über meine glückliche Rückkehr hatte mein Vater. Er war froh, daß ich die schwere Prüfung erfolgreich hinter mich gebracht hatte und er sich meinetwegen nicht schä­men mußte.

Die Grausamkeit der älteren Morung-Mitglieder überstieg oft alle Grenzen. So geschah es zum Beispiel, daß sie manche Kameraden zwangen, mit auf dem Rücken zusammengebunde­nen Händen einen versteckten Gegenstand heranzuholen; sie mußten ihn dann im Mund tra­gen. Am schlimmsten war das Bewußtsein, daß sie sich, würden sie von wilden Tieren ange­fallen, nicht einmal wehren könnten. Manchmal wiederum quälten sie uns, indem sie uns abends, kaum daß wir eingeschlafen waren, mit kaltem Wasser begossen. Manchmal verdreh­ten sie uns die Ohren, ein Wunder, daß sie sie uns nicht abgerissen haben.«

Dschamir Ao blickte verträumt in das flackernde Feuer. Nach längerem Schweigen fuhr er fort:

»Zu den gefährlichsten Aufgaben, die die Morung-Leiter auch heute noch den jungen Bur­schen auferlegen, gehört das Fangen von Tigern, die das Dorf bedrohen. Man führt die Kann­ben zu vorbereiteten Fallen und läßt sie dort Wache halten. In einem Beutel nehmen sie sich Proviant mit, um lange Stunden hindurch, in Baumkronen sitzend, aushalten zu können. Wenn sich der Tiger nicht bis zum späten Nachmittag zeigt, kehren sie nach Hause zurück und gehen am nächsten Tag von neuem auf den Anstand. Oft dauert es eine ganze Woche, ehe es gelingt, den Tiger anzulocken. Ist die Raubkatze endlich gefangen, fallen die Burschen mit Speeren und Haumessern über sie her, erschlagen sie und schleppen sie ins Dorf.

Derart schwierige Aufgaben müssen alle Burschen unseres Stammes drei Jahre lang durch­stehen. Wenn sich einer davor drücken wollte, wäre es um sein Ansehen geschehen.

Nach Ablauf dieses beschwerlichsten Zeitraumes steigen die Jüng­linge in die nächste Abtei­lung, ›tenapang‹, auf, wo sie zwei Jahre verbleiben; schließlich werden sie in die dritte Abtei­lung aufgenom­men, die ›sarem merern« heißt. Die Angehörigen dieser drei Gruppen werden gemeinsam als ›aritschusangr‹ — Morung-Nachwuchs — be­zeichnet.

Den jungen Morung-Angehörigen, den Burschen bis zu etwa zwanzig Jahren, sind bestimme Pflichten auferlegt. So müssen sie für den Bedarfsfall im Morung immer hundert Bambus­fackeln bereithalten. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Bewachung des Dorfes. In frühe­ren Zeiten hielten sich die Wächter im Morung beisammen, denn dem Dorf drohte ständig die Gefahr eines feindlichen Überfalls. Deshalb mußten sie stets in Bereitschaft sein.

Ao-Männer Dorf Longküm, Nagaland, Indien 1968 (Foto Milada Ganguli)

Jetzt ist es üblich, daß einige Burschen auf Wache im Dorf verbleiben, um es vor unvorherge­sehenen Gefahren, zum Beispiel vor Feuer, zu schützen; die Dorfbewohner können also be­ruhigt der Feldarbeit nachgehen. Nachts stellt der Tiger die größte Gefahr dar. Manchmal schleicht er in der Dunkelheit bis an den Dorfrand heran und reißt ein Stück Vieh, das im Freien unter Bäumen nächtigt. Den Räuber im Finstern zu jagen ist fast unmöglich; deshalb muß stets ein Vorrat an Fackeln zur Hand sein. Diese dürfen zu keinem anderen Zweck ver­wendet werden.

Die Wächter werden aus den tapfersten Aritschusangr-Angehörigen ausgewählt und täglich abgelöst. In der Nacht gehen sie durch das Dorf und singen:

›Wind weht, Sterne erleuchten die Nacht,
von uns wird das Dorf heut’ sicher bewacht;
dadurch sei jungen Ehepaaren
ruhiger Schlaf gebracht.‹

Wenn die Burschen etwa zwanzig Jahre alt sind, treten sie in die Abteilung der stärksten Männer des Dorfes ein, die ›pangtschungr‹ genannt wird; darin verbleiben sie zehn Jahre. Während dieser Zeit heiraten sie und gründen eine eigene Familie. Die Pangtschungr- Gruppe, die schlagkräftigste Einheit des Dorfes, muß mindestens hundert Mitglieder haben.

In großen Dörfern, wie zum Beispiel in Ungma, besitzt jedes Wohn­viertel seine eigene hundertköpfige Pangtschungr-Abteilung. Wenn in dem Dorf nicht genügend Männer dieser Altersklasse wohnen, werden in die Pangtschungr-Einheit auch einige fähige Jünglinge aus der niedrigeren Abteilung oder einige Männer aus der folgenden Gruppe zugezogen; diese wird von den Chongli als ›susang‹ und in der Sprache der Mungsen als ›tschutschangba‹ bezeichnet. Dieser Bund umfaßt die umfangreichste Altersgruppe der Männer, und zwar die von dreißig bis zu sechzig oder auch fünfundsechzig Jahren.

Die Verwaltung des Dorfes liegt in der Hand eines Gemeinderates, dessen Mitglieder, ›tatar‹, aus einer Gruppe älterer, erfahrenerer Männer gewählt werden. Neben dem Gemeinderat hat jedes Viertel seinen eigenen Rat, der sich aus Vertretern aller Clans zusammen­setzt. Zur Lösung ernsterer Probleme, die das ganze Dorf betreffen, versammeln sich die Ratsmitglieder aller Dorfviertel zu Beratun­gen.

Leitung und Instandhaltung des Morungs obliegen seinen Mitglie­dern — den jungen ledigen Männern und deren Anführer. In früheren Zeiten war dieser Anführer gewöhnlich ein Häupt­lingssohn oder ein Nachkomme des Dorfgründers.

Der Stammesglauben der Ao besteht darin, die traditionellen Feste im Jahresablauf streng einzuhalten und den Stammesgottheiten Opfer darzubringen. Die ältesten und erfahrensten Männer, die mit den gesellschaftlichen und religiösen Bräuchen am besten vertraut sind, werden in ihrem letzten Lebensabschnitt geistliche Oberhäupter ihres Clans, sogenannte ›putir‹. Außer privaten religiösen Riten in den Häusern der Dorfbewohner vollziehen sie auch die vorgeschriebenen Zeremonien bei den jährlichen Festen. Alle drei Jahre, beim Eintritt der neuen Knabengruppe in das Morung, erbitten sie für die Ge­weihten von den Stammesgeistern Gesundheit, und Glück und schlachten Opfertiere. Obwohl die priesterlichen Pflichten für sie keine große Belastung bedeuten, erhalten sie für ihre Dienste von den Dorfbewohnern reiche Zuteilungen an Getreide und Reisbier, vor allem aber große Fleischportionen von den Opfertieren. Kein Haus­vater ist darüber ungehalten, denn er weiß, daß er im Alter die gleichen Vorteile genießen wird.«

Trommeln und Feste

Die Morungs der Ao sind heute nur noch Bambushütten von sym­bolischer Bedeutung; sie sollen an entschwundene Zeiten erinnern, in denen die Vorfahren dieses Stammes noch Krie­ger waren. Heute sieht man keine Notwendigkeit mehr, Morungs zu gründen oder zu erhalten, denn es ist nicht mehr erforderlich, ständig vor feindlichen Einfällen auf der Hut zu sein. Die Morungs sind nun zu einem Ort geworden, an dem man manche religiösen Zeremonien abhält und Opfertiere schlachtet. Die Knaben verbringen hier nur eine Nacht, und zwar am Tage ihrer feierlichen Aufnahme in das Morung; sonst schlafen sie in neuen, geräumigen Unter­künften.

Nur die riesigen Signaltrommeln, die unter einem Schutzdach an der Seite des Morungs unter­gebracht sind, bewahrten sich ihren tra­ditionellen Charakter und ihre Monumentalität. An vielen Orten, zum Beispiel am Westeingang des Dorfes Khensa, ist das Morung längst einge­stürzt und bisher durch kein neues ersetzt worden; aber die hölzerne Signaltrommel, herge­stellt im Jahr 1953, findet heute noch Verwendung.

Jedes Dorfviertel der Ao hat seine Signaltrommel; im Chongli-Dialekt wird sie als »sung­kong«, bei den Mungsen als »tungten« bezeich­net. Die Trommeln sind die beachtenswer­testen Schöpfungen dieses Stammes; zu ihrer Herstellung ist außergewöhnliche Fertigkeit er­forderlich. Man verwendet dazu in der Regel einen mächtigen, bis zu zwölf Meter langen Baumstamm mit einem Durchmesser von mehr als einem Meter. Auf der Oberseite des zuge­hauenen Stammes wird eine lange, schmale Öffnung ausgestemmt, durch die dann das Innere Stück für Stück mit Haumesser und Axt ausgehöhlt und schließlich mit Feuer ausge­brannt wird, bis nur noch eine etwa vier Zentimeter starke Wand übrigbleibt. Beide Enden bleiben geschlossen. Dem vorderen Ende geben kunstfertige Schnitzer meist die Form eines Büffel­kopfes mit riesigen, geschwungenen Hörnern, die an der Trommelwand anliegen; aus dem Maul ragen zwei Reihen von Zähnen hervor. Die Zähne bemalt man mit weißer und ziegel­roter Farbe; mit den gleichen Farben malt man Ringe um die Augen und Streifen auf die Kehle. Das hintere Ende der Trommel hat die Form eines kräftigen Schwanzes. Schade, daß die Ao heute nicht mehr erklären können, wie es zu dieser Form der Trommeln gekommen ist. Sie sagen einfach, daß sie sie so schnitzen, wie sie auch von den Vorfahren geschnitzt worden waren. Das vordere Ende bezeichnen sie als Kopf der Trommel, die Büffelhörner als deren Hände.

Die Trommeln werden im Wald angefertigt, unmittelbar an der Stelle, wo der dafür auserse­hene Baum geschlagen worden war. Die Herstellung erfordert viel Mühe und Energie, ebenso auch die Be­förderung des fertigen Instruments ins Dorf. Hierbei beteiligen sich pflichtgemäß alle rüstigen Männer und Burschen des Morungs, für das die Trommel bestimmt ist. Ist die Trommel sehr groß und der Weg ins Dorf weit und steil, kann der Transport auch mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Das Weiterrücken erleichtert man sich durch Unterlegen höl­zerner Walzen sowie durch fröhliche Zurufe; trotzdem aber kommt es vor, daß man an man­chen Stellen einfach stecken­bleibt. Das schreibt man dann allerdings nicht der eigenen Schwä­che oder Unfähigkeit zu, sondern dem bösen Willen und dem Eigensinn der Trommel. Unter­wegs ruht man ab und zu und stärkt sich für den nächsten Abschnitt mit einem ausgiebigen Imbiß und mit Reisbier; für Nachschub sorgen Frauen und Mädchen.

Wenn es endlich gelungen ist, die Trommel an den Bestimmungsort zu bringen, zieht man sie über stufenförmig quergelegte Hölzer auf ein Holzgerüst hinauf. Das Ende der ganzen Aktion wird von stür­mischem Jubel der gesamten Dorfbevölkerung begleitet.

Am folgenden Tag vollzieht der Zeremonienleiter einen Ritus, bei dem er die neue Trommel mit dem Blut von Tieren bestreicht, die zu diesem Anlaß im Morung geopfert werden. In jedem Haushalt — die Frauen haben schon große Mengen von Reisbier vorbereitet — wird eine Kuh oder ein Schwein geschlachtet, und so hält das Schlemmen und gegenseitige Bewir­ten mehrere Tage an.

Wenn man in Betracht zieht, wieviel Mühe zur Anfertigung und Herbeischaffung einer Trom­mel erforderlich ist, darf man sich nicht wundern, daß es, wenn im Dorf ein Feuer ausbricht, als erste Pflicht aller Morungmitglieder angesehen wird, das Dach des Vorbaues herunter­zu­reißen, unter dem die Trommel steht, und diese vor dem Feuer zu schützen. Wird das Instru­ment von den Flammen erreicht, muß ihm ein Hahn geopfert werden, um es zu versöhnen. Auch bei Trockenheit und Unfruchtbarkeit weiht man der Trommel ver­schiedene Opfergaben; man kann sie also geradezu als eine Art Fetisch betrachten.

Damit die Trommel einen möglichst kräftigen Ton hergibt, liegt sie auf einem massiven Bam­busständer, etwa einen halben Meter über der Erde, die Öffnung nach oben gerichtet. Durch Schlagen auf die Außenwand kommt sie so stark zum Klingen, daß sie über große Entfernun­gen hin zu hören ist. Burschen aus dem Morung und junge Männer stellen sich zu diesem Zweck zu beiden Seiten der Trommel, einander zugewandt, auf, und jeder ergreift ein Paar dicke Holz­schlegel, die auf dem Trommelboden bereitliegen. In der Mitte der einen Reihe steht ein kräftiger Geselle, der zwei schwere, an einem Seitenbalken befestigte Knüppel im Takt auf- und abschwingt. Auf seinen Befehl hin schlägt jeder Mann wuchtig mit den Keulen auf die Kante der Öffnung, und dann beginnen alle gleichzeitig im an­gegebenen Rhythmus zu trommeln, wie es die jeweilige Situation erfordert. Jeder Rhythmus hat nämlich seine beson­dere Bedeutung. Burschen aus dem Dorf Khensa führten mir zum ersten Mal das Tungten-Trommeln vor. Nie werde ich das vergessen! Zu jeder Seite der Trommel gruppierten sich etwa zwanzig Mann, der Gaobura Imti Ao packte die schweren Knüppel. Ich trat an den Rand des Schutz­daches, um besser sehen zu können. Kaum aber schlugen sie mit den Schlegeln auf die Trommel, erklang aus deren Innerem ein so be­täubendes Dröhnen, daß ich mir unwillkür­lich die Ohren zustopfte und weglief. Die versammelten Dorfleute fingen selbstverständlich lauthals zu lachen an, doch die Trommler schlugen eifrig weiter. In früheren Zeiten verwen­dete man diese Art von Trommeln vor allem zu Kriegszwecken. Man signalisierte damit eine plötzliche Gefahr, einen feindlichen Überfall. Wenn die Krieger aus einem siegreichen Feld­zug mit erbeuteten Köpfen zurückkehrten, erklang die Trommel in anderem Rhythmus.

Welche Rolle die Signaltrommel heute im Leben der Ao spielt, hatte ich ein Jahr zuvor bei meinem Aufenthalt in Chungtia erfahren, etwa 45 Kilometer nördlich von Mokokchung. Die überwiegende Mehrzahl der Dorfbewohner bekennt sich dort zur ursprünglichen Stammes- religion; viele alte Bräuche sind noch immer lebendig, und sie werden von den Menschen gepflegt.

Auf dem höchsten Punkt des Dorfviertels, in dem ich im Hause eines angesehenen »tatar« (Mitglied des Dorfrates) untergebracht war, stand ein stattliches Morung und an seiner Seite unter einem langen Schutzdach eine neubemalte Signaltrommel. Ich erfuhr, daß sie im Jahre 1943 hierhergebracht worden war. Über den Nacken der Trommel waren mehrere Ringe aus starkem Rohr gehängt. Die Dorfleute machten mir klar, daß dies Halsschmuck sei, mit dem sie den Geist der Trommel, Tungten, beim letzten Fest geehrt hätten. Sie betrachten ihn als gütig und verehren die Trommel mit großem Prunk, vor allem an einem »muatss« genannten alljährlichen Fest der Ao. Das findet im Juni statt, wenn der Reis auf den Feldern reift, und mittels Opfergaben will man von dem Geist der Trommel eine reiche Ernte erwirken.

Daß die Signaltrommel tatsächlich ein Gegenstand der Verehrung ist, bewies ein Bambusaltar an ihrem Kopfende. Daran hingen eine Reihe kleiner Körbchen, in denen die Einwohner Eier und Fische geopfert hatten, sowie ein vertrockneter Hahnenkopf vom letzten Muatss-Fest, das vier Monate vor meinem Besuch stattgefunden hatte. Meine neuen Freunde erklärten dazu, daß der Putir am Festtag hier ein Schwein und einen wunderschönen Hahn geopfert habe. Den getöteten Vogel habe er dann nach altem Brauch zerlegt; dann habe er aus den Eingeweiden geweissagt, wie die Ernte in diesem Jahr ausfallen würde. Während der ganzen Zeremonie hatten die Männer die Trommel geschlagen.

Die Weissagung des Zeremonienleiters hatte sich erfüllt: Chungtia, eines der malerischsten Aodörfer, hatte in jenem Jahr tatsächlich eine reiche Ernte. Bauern standen vor den Häusern und flochten neue, riesengroße Körbe, um den ganzen Reisvorrat unterbringen zu können. In den vorhandenen Körben hätte nicht alles Platz gefun­den.

Die Trommel der Ao hat nicht nur rituelle Bedeutung, sie erfüllt auch wichtige praktische Aufgaben. Die Burschen, die mit der Dorf­bewachung betraut sind, trommeln darauf, um den auf den umlie­genden Feldern arbeitenden Menschen anzuzeigen, daß sie auch tatsächlich wachen und daß im Dorf alles in Ordnung ist. Sie trom­meln einige Minuten, und wenn sie aufhören, antworten ihnen Trommelklänge aus einem anderen Dorfviertel. Mit Trommeln ver­kündigt man Ratssitzungen, verschiedene Versammlungen sowie den Beginn von Festen. Stirbt ein angesehener Stammesangehöriger, der Verdienstfeste veranstaltet hatte, so wird sein Tod den umliegenden Dörfern mit einem »Totengeläut«, zu dem die Signaltrommel in besonderem Rhythmus geschlagen wird, kundgetan.

Trommeltöne geben auch Alarm, wenn ein Feuer ausbricht oder wenn in der Umgebung des Dorfes ein Tiger auftaucht. Der Tiger bedeutet im Land der Ao eine der größten Gefahren; er schleppt sogar kleinere Rinder weg, und wenn ein Mensch in den Klauen dieses Raubtieres umkommt, so bringt dies Schande und Unglück nicht nur über dessen Familie, sondern über den ganzen Clan.

Wenn also jemand einen Tiger erblickt, ist er verpflichtet, ins Dorf zu laufen und die dienstha­benden Wächter aufmerksam zu machen. Diese gruppieren sich mit militärischer Bereitschaft um die Trommel und rufen durch ihr Schlagen die Leute zur Jagd zusammen. Jeder kennt genau die Bedeutung dieses Signals, und sobald er es hört, läßt er alles liegen und eilt so schnell wie möglich ins Dorf.

In Ungma, das unter den Dörfern der Ao im Juli 1967 einen Rekord erzielte — man fing und tötete dort während eines einzigen Monats fünf ausgewachsene Tiger —, beschrieb mir mein dortiger Begleiter, der alte Dobhaschi Senayangba, die ortsübliche Jagdmethode.

Er führte mich in das am tiefsten gelegene Dorfviertel und zeigte mir dort eine riesige, etwa fünfzig Jahre alte Signaltrommel. Es wäre jedoch nicht ratsam gewesen, daß mir seine Freun­de das Signal vorgeführt hätten, mit dem die Wächter die Männer zur Tigerjagd zusammen­trommeln. Er deutete mir deshalb diese Klänge nur an: »Kram — kram — kram — kram — kruu — kruu …« Sie werden an­geblich weit übers Land getragen und auch von Leuten gehört, die auf entfernteren Feldern arbeiten; alle rennen dann eilig ins Dorf. Sie versammeln sich beim Morung und organisieren sogleich eine Jagd­expedition. Die Männer bewaffnen sich mit festen Bambusschilden, Speeren und Haumessern. Im Falle einer nächtlichen Jagd nehmen sie auch Fackeln mit, die ja zu diesem Zweck im Morung bereitliegen. Die Frauen richten eine ausreichende Menge von Speisen und Reisbier her, denn es dauert manchmal mehrere Tage, ehe der Tiger erlegt wird, und die Jäger müssen gut versorgt werden.

‘Dann begibt man sich gemeinsam zu der Stelle, an der der Tiger gesichtet worden war. An der Spitze des Zuges marschiert die hundertköpfige Pangtschungr-Gruppe, die kräftigsten Männer des Dorfes. Die übrigen Einwohner halten sich dicht hinter ihnen. Die Männer führen ein Kalb oder eine Kuh als Köder mit sich. Hinter ihnen eilen Frauen und Mädchen, Körbe mit Speisen auf dem Rücken. Man sagt, es seien vor allem die Frauen, die die Männer zur Jagd anfeuern. Aber in der Regel brauchen die Männer gar nicht angefeuert zu werden.

Wenn man dort angekommen ist, wo der Tiger zuletzt gesehen worden war, gehen die Pangt­schungr-Angehörigen seiner Spur nach. Die übrigen Expeditionsmitglieder begeben sich zurück ins Dorf. Sogleich beginnen die Vorbereitungen auf die eigentliche Jagd. Man mar­kiert einen großen Kreis und entzündet Feuer entlang dieser Linie. Die nächste Aufgabe besteht darin, kleinere Bäume und Gestrüpp in­nerhalb des markierten Kreises zu beseitigen, um einen freieren Ausblick zu gewinnen. Dabei arbeitet man in Zweiergruppen. Einer haut jeweils mit dem Haumesser das Gebüsch um, der zweite, mit Schild und bereitgehaltenem Speer, beobachtet die Umgebung.

Sobald die Jäger alles Unterholz aus dem Kreis entfernt haben, binden sie in seinem Mittel­punkt die Kuh als Köder an. Auf der einen Seite errichten sie in Form eines stumpfen Winkels eine vier Meter hohe Palisade aus starken Pfählen. Zwischen den Pfählen lassen sie schmale Zwischenräume, die aber so breit sein müssen, daß man durch sie hindurch Speere auf den Tiger schleudern kann, sobald er sich dem Hindernis nähert.

Nach Beendigung dieser Vorbereitungen schickt der Leiter des Pangtschungr einen Eilboten ins Dorf, die übrigen Jäger heranzuru­fen. Alle in Frage kommenden Männer, die schon — bis an die Zähne bewaffnet — bereitstehen, eilen augenblicklich den Freunden zu Hilfe. Sie stel­len sich am Rand des Kreises zwischen den übrigen Treibern auf. Nur ein Teil der Pangt­schungr-Mannschaft wartet hinter der Palisade, an deren einem Ende sich ein hoher Beobach­tungsplatz für den Jagdleiter befindet. Der Jagdleiter muß ein erfahrener und vor­ausschauen­der Mann sein, der die traditionellen Jagdbräuche gut kennt.

Manchmal geschieht es, daß die Kuh noch am gleichen Tag den Tiger anlockt und die Jagd beginnen kann. In anderen Fällen taucht das Raubtier auch bis zum Abend des nächsten Tages nicht auf. Danrt kehren die Jäger in der Dämmerung nach Hause zurück; nur die Pangt­schungr-Leute, die physisch Widerstandsfähigsten und Tap­fersten, bleiben auf der Lauer. Sie entzünden Feuer und halten während der ganzen Nacht abwechselnd Wache. Am nächsten Morgen trifft dann wieder die Verstärkung aus dem Dorf ein. Die Jäger gehen an ihre Plätze, ducken sich und warten lautlos im Schutze der Schilde. Dabei erleben sie Augenblicke großer Spannung und Erregung. Sie müssen jedoch Besonnenheit und kaltes Blut bewahren, denn der Tiger setzt sich oft gegen die Jäger zur Wehr, greift blind­wütig an und ist dann äußerst gefährlich.

Wenn der Tiger endlich erscheint, springen die Jäger unter wildem Geheul auf, lärmen mit Petroleumkanistern, ziehen den Kreis enger und treiben das Tier bis zur Palisade. Dort bricht es unter einem Hagel von Speeren zusammen; aus den heiser gebrüllten Kehlen der Jäger dringt ein Schrei unbändiger Freude. Einige Männer verfertigen schnell eine riesige Trage, binden die Beute darauf und tragen sie unter nicht enden wollendem Jubel ins Dorf. Bemer­kenswert ist, daß ausschließlich verheiratete Männer einen toten Tiger tragen dürfen. Die Frauen haben inzwischen von dem erfolgreichen Abschluß der Jagd erfahren und eilen den Jägern mit Krügen voll bestem Wein entgegen.

Nach altem Brauch zieht man mit der Beute um das ganze Dorf herum. Dann wird sie von den Jägern auf ein hohes Gerüst gelegt, damit sie von allen bewundert werden kann. Nach zwei Tagen bringt man den Kadaver aus dem Dorf heraus und läßt ihn auf einer Bam­busplatte am Rand eines Feldweges liegen.

Ich wunderte mich, daß die Ao das Fell des Tigers nicht aufbewahren, ja nicht einmal die stark gekrümmten Reißzähne, die bei den Chang, Phom und anderen Nagastämmen einen kostbaren Schmuck sowie ein Zeichen von Kraft und Heldentum darstellen.

»Als mein Vater noch lebte, fingen unsere Leute hier in der Umgebung von Ungma einmal sieben Tiger an einem Tag«, ergänzte der Dobhaschi Senayangba seine Jagdbeschreibung. »Unzählige Tiger haben wir schon vernichtet, aber trotzdem ist es uns nicht gelungen, sie völlig auszurotten. Sie verursachen große Schäden, besonders an der reifen­den Ernte.«

Senayangba war trotz seiner mehr als sechzig Jahre bei Tigerjagden immer noch der Anführer der Treiber. Er zeichnete mir in mein Notizbuch einen Plan des gesamten Jagdraumes und deutete darin die Palisade an sowie den Ort, an dem er seinen Ausguck hatte und den Jägern Befehle erteilte.

»Wenn Sie zu uns gekommen wären, während wir auf Tigerjagd sind, hätten Sie vor unserer Rückkehr nicht Weggehen dürfen. Es ist nämlich Brauch: Wenn jemand bei einer solchen Begebenheit ein Dorf besucht, ist es ihm nicht gestattet, es zu verlassen, solange sich der erlegte Tiger nicht im Dorf befindet. Unsere Pflicht ist es, während dieser ganzen Zeit dem Gast Speise und Unterkunft zu gewähren.« Senayangba hat wohl kaum geahnt, wie sehr ich mir innerlich wünschte, bei einer solchen Gelegenheit in seinem Dorf festgehalten zu werden, denn der Jagdausklang wäre sicher ein unvergeßliches Schauspiel gewesen.

Das gesellschaftliche Leben der Ao kulminiert in den jährlichen Festen und großen, prunkvol­len Festmählern, die wohlhabende Dorfbewohner für ihre Stammesgenossen veranstalten. Beides bringt will­kommene Abwechslung in die nie endende Plackerei auf dem Feld — die Leute finden dabei Unterhaltung und Entspannung.

Weil es keine Stammesorganisation gibt, ist die größte gesellschaft­liche Einheit das Dorf. In seiner Gesamtheit tritt es nicht nur bei der Verrichtung bestimmter öffentlicher Handlungen, sondern auch bei Feiern in Erscheinung. Da der Anbau des Reises, der Nutzpflanze dieses Stammes, Angelegenheit aller ist, schließen sich zur Durch­führung der bäuerlichen Feste alle Einwohner eines Dorfes zusam­men. Die Feste dauern manchmal bis zu sechs Tagen; sie haben überwiegend religiösen Charakter und werden »genna« genannt.

Das Wort Genna kann zweierlei Bedeutung haben. Einerseits ver­steht man unter »genna« ein Fest, andererseits etwas Verbotenes. Es bezieht sich auf eine große Reihe von Verboten, die ein wesentliches Element im gesellschaftlichen und religiösen Leben nicht nur der Ao, sond­ern auch der anderen verwandten Gebirgsstämme darstellen. Die Verbote gelten entweder für den einzelnen oder für Gruppen, die aus einer Familie, einem Clan oder einem ganzen Dorf bestehen können. Manche Gennas gelten zeitweilig, manche immer.

Alle religiösen Feste sind mit bestimmten Verboten verbunden und fallen deshalb unter den Terminus »genna«. Am häufigsten erstreckt sich dieses Verbot auf die Arbeit. Während der Genna-Zeit muß jedwede Alltagstätigkeit eingestellt oder eingeschränkt werden, damit die Geister, denen jeweils die Verehrung gilt, den Einwohnern Wohlergehen und Erfolg besche­ren und Mißernten und Unglücke von ihnen fernhalten. Mit Ausnahme des Wassertragens und Kochens darf keine Hausarbeit verrichtet werden. Gewöhnlich aber beziehen sich die Verbote nur auf die Feldarbeit. Die Menschen bleiben dann im Dorf und feiern einen Ruhetag, den Sonntag. Bei manchen Festen genießen die Bewohner am ersten Genna-Tag völlige Freiheit, doch schon am zweiten Tag dürfen sie nicht einmal den Reis für den täglichen Bedarf schälen.

Manchmal sind die Verbote nicht nur auf die Arbeit beschränkt. Während mancher Feste ist es keinem Einwohner gestattet, das Dorf zu verlassen, und wenn Besuch von auswärts käme, dürfte mit ihm nicht gesprochen werden. Zu solchen Zeiten ist es fremden Menschen streng verboten, Wohnhäuser von Dorfbewohnern zu betreten.

Für das ganze Dorf geltende Gennas gibt es anläßlich der jährlichen Hochfeste, wenn den Geistern die üblichen Opfergaben dargebracht werden. Außer diesen traditionsgebundenen Gennas existieren auch noch außerordentliche, die durch besondere Umstände bedingt wer­den. Wenn der Blitz im Dorf einschlägt, wenn durch Windeinfluß oder aus einem anderen Grund einer der großen Bäume am Dorf­eingang umstürzt oder wenn die Siedlung ganz beziehungsweise zum Teil abbrennt, hält man es für notwendig, zur Versöhnung der Geister und Dämonen ein eintägiges Genna anzusetzen. Wenn jemand eines unnatürlichen Todes stirbt, wird dies einem göttlichen Fluch zugeschrieben. Bei einem derartigen Unglück hält das Dorf sechs Tage lang Genna, die Familie des Verstorbenen jedoch einen ganzen Monat. Dann wird über dem Hauseingang ein grüner Zweig auf­gehängt. Er gilt als Warnung, daß das Haus nicht betreten werden darf. Die meisten der allgemein mit dem Terminus Genna bezeich­neten Feste stehen mit der Ernte in Zusammenhang. Sie sind mit traditionellen Zeremonien verbun­den, bei denen man von den Na­turgöttern günstige Bedingungen für das Keimen des Samens, für das Gedeihen des Reises und der anderen Pflanzen sowie für eine reiche Ernte erbittet.

Die Ao glauben an eine Reihe von Göttern oder, besser gesagt, Geistern, die man alle als »tsungrem« bezeichnet; der bedeutendste von ihnen ist »litschaba«. Die Tsungrems sind all­gegenwärtig: im Dorf, auf dem Feld, im Urwald und beim Fluß, sie verbergen sich in Bäumen und in größeren Felsen am Wegrand. Sie bedrohen die Ernte und verursachen Krankheiten, Viehsterben und Hungersnot. Von ihrem Wohlwollen und ihrer Gunst hängen Gesundheit und Glück für jeden einzelnen ab. Deshalb werden sie alle an Festen von den Dorfbewohnern mit Opfern geehrt und versöhnt.

Im Frühjahr, ehe die Reissaat beginnt, feiern die Ao das »tenden mung« genannte Fest. Am Morgen dieses Tages geht der Opfer­priester in Richtung eines neu angelegten Feldes, sucht — etwa in der Hälfte des Weges — eine geeignete Stelle und vollzieht einen Ritus zu Ehren Litschabas. Er opfert ihm einen Hahn, Eier und Reis, und mit vorgeschriebenem Wortlaut erbittet er von ihm für die Dorf­bewohner Gesundheit und Glück im kommenden Jahr sowie eine reiche Ernte. Im Vertrauen darauf, daß er nunmehr durch das Opfer die Gunst der Gott­heit gewonnen hat, sät er auf einem kleinen Stückchen Boden einige Reissamen aus und um­gibt die Stelle mit einem niedrigen Zaun. Der folgende Tag ist für das Dorf ein obligatorischer Ruhetag; danach können die Bauern mit der Reisaus­saat auf ihren Feldern beginnen.

Wenn der Reis einigermaßen herangewachsen ist, veranstalten die Ao das beliebteste Fest des ganzen Jahres, das »muatss«-Fest (mu = junger Reis, atss = emporziehen). Es dauert sechs Tage. Während der Zeremonien erbitten die Dorfbewohner von den Gottheiten eine möglichst reiche Ernte. Jede Familie opfert — den jeweiligen Besitzverhältnissen entsprechend — einen Hahn, ein Schwein oder eine Kuh.

Im Dorf Ungma hatte kurz vor meinem Besuch der Dobhaschi Senayangba anläßlich des Muatss-Festes einen großen Stier geopfert. Leider traf ich erst nach dem Fest in Ungma ein. Aber was davon noch zu sehen war, wies darauf hin, daß es sich um eine großartige, ganz außergewöhnliche Begebenheit gehandelt hatte. Vor dem Ein­gang in Senayangbas Haus stand eine kunstvoll geschnitzte, ge­spaltene »sungsong«-Säule. Die Schnitzereien an den Spitzen versinn­bildlichten Köpfe von Nashornvögeln, deren mächtige Schnäbel mit dem Blut des geopferten Tieres bestrichen worden waren. Während der Zeremonie, die der Vater des Besit­zers in der Funktion des Opferpriesters vollzogen hatte, war das Opfertier an diese Säule angebunden worden.

Senayangba hatte sechs zum neuen Glauben bekehrte Kinder, die in der Missionsschule erzo­gen worden waren. Sein ältester Sohn, Tschuba Tuschi Dschamir, war sein größter Stolz; er war nämlich vor kurzem zum Minister der indischen Zentralregierung gewählt worden und lebte in Delhi.

Senayangbas Frau lud mich freundlich ins Haus. Um wieviel luftiger und geräumiger sind doch die Häuser der Ao gegenüber den Wohn­stätten ihrer südlichen Nachbarn, der Rengma und Lhota! Ein großes Haus zu haben ist unbedingt erforderlich, denn bei Feierlichkeiten werden nicht nur Gäste aus dem Ort, sondern auch zahlreiche Stammesgenossen aus den umliegenden Dörfern darin bewirtet.

Von der breiten, steinigen Gasse aus führt — über eine hohe Schwelle — der Zugang zu einem düsteren Vorraum, in dem man Reis schält und die Schweine füttert. Von hier aus gelangt man über drei Stufen hinauf in die reichlich große Wohnstube, deren Fußboden mit einem haltbaren Geflecht aus gespaltenem Bambus ausgelegt ist. In der Mitte des Raumes befindet sich auf festgestampfter Erde die Feuerstelle, um sie herum niedrige Hocker. Entlang der Wände liegen niedrige glänzende Platten: die Schlafstellen der Familienmitglieder.

Jedes Haus hat an der Hinterseite eine offene, auf hohen Bambus­pfählen errichtete Terrasse, auf der die Frauen weben, Getreide trocknen und verschiedene Hausarbeiten verrichten. Diese behag­liche Terrasse ist auch der geeignetste Ort, Gäste zu empfangen.

Die Senayangbas besaßen ebenfalls eine geräumige Wohnstube, und obwohl sie am Muatss-Fest eine große Menschenmenge bewirtet hatten, hingen an der Bambusplatte über der Feuer­stelle und überall ringsherum an den Querbalken neben den Fellen noch Fleischstücke von den aus diesem Anlaß geschlachteten Tieren zum Räuchern.

Während die Hausfrau das Mahl anrichtete, fragte ich Senayangba, warum nicht auch er — wie viele seiner Stammesgenossen — das Christentum angenommen habe. Der Dobhaschi lächelte und ant­wortete, daß er die alten Bräuche seiner Vorfahren hoch in Ehren halte; wenn er sich taufen ließe, müßte er sich von ihnen lösen. Tsungrem habe ihn gesegnet und ihm Reichtum geschenkt. Um diesen Gottessegen weiterzuschenken, hatte er eine Woche zuvor, am Muatts-Fest, ein Gastmahl für vierhundert Stammesgenossen ge­geben.

Auf meinen Wunsch hin erfuhr ich von ihm, wie das Muatss-Fest verläuft. Tonangebend sind dabei die Knaben und jungen Männer; die Opfermänner und Alten der Gemeinde bleiben im Hintergrund. Die Knaben sorgen für Sauberkeit und Ordnung in ihren Morungs, in denen sie dann Schlemmermahle veranstalten. Wasser und große Holzmengen werden herbeigeschleppt. Das Holz braucht man später zum Heizen unter den gewaltigen Kesseln, in denen Reis sowie das Fleisch der Opfertiere gekocht wird. In jedem Morung schlachtet man mindestens eine Kuh und ein Schwein. Die Tiere bezahlt man aus der Gemeinschaftskasse der Morung-Mit­glieder, in die der auf den Feldern der Reichen verdiente Arbeitslohn geflossen war. Die Burschen laden die älteren Männer sowie Freunde aus anderen Morungs zur Teilnahme an den Gelagen ein. Dann ziehen sie ge­meinsam singend von Haus zu Haus. In jeder Familie werden sie mit Unmengen von Speisen und großen Zubern voll Reisbier bewirtet.

Nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch die älteren Dorf­leute spielen dann gern verschiedene Spiele. Eines der beliebtesten ist das Tauziehen. Angeblich stellt es symbolhaft dar, daß man den wachsenden Reis strecken möchte. Knabenmannschaften kämpfen gegen Mädchenmannschaften, und wenn danach die verheirateten Frauen ihre Kinder den Großmüt­tern zur Betreuung übergeben haben, können auch sie am Wettstreit teilnehmen. Oft besiegen sie die Männer, denn es wird ihnen in der Regel gestattet, ihre Gegner bergabwärts zu ziehen.

Bereits einige Tage vor dem Fest bespannen Burschen die im Morung aufbewahrten großen Trommeln mit neuen Fellen. Darauf trommelt man den Rhythmus für die Tänzer, die am Abend vor dem Morung zu einer großen Tanzveranstaltung, dem Gipfelpunkt des glanzvollen Festes, zusammenkommen. Oft wird bis zum Morgen durch­getanzt.

Während der ganzen Muatss-Tage darf kein Einwohner das Dorf verlassen; die durch die Opfer geschaffene Aussicht auf eine reiche Ernte könnte mit ihm Weggehen.

In der Regenzeit feiern die Ao einen eigenartigen, aber wichtigen Festtag: »talen pusong«. Er ist mit einem Ritus verbunden, den die dafür Zuständigen auf dem durch die Felder führenden Hauptweg vollziehen. An einer geeigneten Wegkreuzung errichten sie einen kleinen Bambus­altar und opfern dort einen Hahn und ein Schwein. Während sie mit Gebeten von den Göttern eine ergiebige Ernte und Schutz für die Einwohner bei ihrem Gang zu den Feldern erflehen, gehen die Männer nach allen Richtungen auseinander, um die Pfade freizumachen. Bei feuch­tem Wetter wachsen die Wege unglaublich schnell zu, und ohne regelmäßiges Säubern wären sie bald von einem Gewirr aus Schlingpflanzen und Unkraut versperrt; deshalb darf diese Arbeit niemals vernachlässigt werden.

Auch bei dieser Zeremonie wird das Fleisch der geopferten Tiere gleich an Ort und Stelle gekocht. Die größten Anteile fallen den Zeremonienleitern zu. Sobald sich diese sattgegessen haben, erhält jeder Anwesende ein Stückchen Fleisch und ein Krüglein Reisbier zur Stärkung.

Nach den im Frühjahr abgehaltenen Muatss kommt das zweitgrößte jährliche Fest der Ao, »tsungremung«. Es findet im August statt, und zwar entweder zu Beginn der Reisernte oder nach der Einbringung, je nach dem örtlichen Brauch dieses oder jenes Dorfes. Es handelt sich dabei eigentlich um ein Erntefest, bei dem allen Arten von Geistern der Tsungrem-Gruppe Verehrung gezollt wird. Als Dankes­bezeigung für die üppige Ernte bringen ihnen die Reisbauern, ähnlich wie beim Muatss-Fest, reiche Opfer.

Tsungremung dauert drei Tage und mehr. In dieser Zeit darf keiner auf dem Feld arbeiten; Fischfang ist jedoch gestattet. Die Dorfleute geben sich ganz dem Vergnügen und heiterem Zeitvertreib hin. Sie veranstalten Wettkämpfe und Tauziehen, Knaben und erwachsene Män­ner treiben Kreisel, Frauen und Mädchen spielen verschiedene Spiele mit der getrockne­ten Frucht einer Schlingpflanze, die einer großen Bohne ähnlich ist. Am Abend werden in jedem Haushalt dem Hauptgeist Litschaba einige Körner vom neuen Reis und einige Stückchen Fleisch von den geschlachteten Tieren geopfert. Die Opfergaben werden auf erhitzte Steine der Feuerstelle gelegt, und wenn sie gebraten sind, werden sie von den Kindern gegessen. Wer selbst keine Kinder hat, lädt Nachbarskinder ein. Am letzten Tag des Festes nehmen alle ein Bad im Fluß.

Manche reichen Dorfbewohner betrachten das Erntefest Tsungre­mung als günstigste Gele­genheit zur Veranstaltung großangelegter Gastmahle für ihre Stammesgenossen. Diese setzen sich wie bei allen Nagastämmen aus einer Reihe vorgeschriebener, sich ständig steigernder Zeremonien zusammen, die schließlich in der Opferung eines Gayals gipfeln. Innigster Wunsch jedes Hausvaters ist es, in dieser Festfolge möglichst weit emporzukommen, um damit für sich bei Lebzeiten und nach dem Tode Ansehen und Verehrung zu ge­winnen sowie um für seinen Clan und das Dorf die Gunst der Geister herabzurufen.

Die Reihenfolge der Gastmahle kann der Hausherr in beliebigen Intervallen nach Maßgabe seiner Besitzverhältnisse fortsetzen, nie­mals jedoch vor Abschluß der Reisernte. Auch kann nur ein ver­heirateter Mann Verdienstfeste ausrichten, weil seine Frau dabei eine wichtige Rolle zu spielen hat.

Die Durchführung von Verdienstfesten berechtigt den Gastgeber sowie die Mitglieder seiner Familie zum Tragen prunkvoller Kleidung und reichen Schmucks. Auch der Baustil und die Verzierung des Hauses, das er bewohnt, verraten seine hohe gesellschaftliche Stel­lung.

Den Verdienstfesten gehen komplizierte Riten voraus, bei denen vor dem Haus des Veranstal­ters verschiedene Haustiere geopfert werden. Bei der Abschlußzeremonie, die nur von den wohlhabendsten Ein­wohnern eines Dorfes erreicht werden kann, ist das Opfertier ein Gayal. Der wird vor Beginn der Zeremonie in der Regel durch das Dorf getrieben oder bereits vorher auf der öffentlichen Opferstätte am Dorfplatz an einen Pfahl gebunden. Dort wird er nicht vom Zeremonienmeister, sondern von irgendeinem Verwandten des Gast­gebers getötet, der ihm das Herz mit einer scharfen Bambusklinge durchbohrt.

Wer durch eine Siedlung der Ao geht, erkennt gleich an der Form der Häuser, welcher der Bewohner Verdienstfeste veranstaltet hat. Vor allem in den Dörfern der Mungsen-Gruppe, zum Beispiel in Khensa oder in Chungtia, fallen die Häuser der Reichen, die sich auf diese Weise ausgezeichnet haben, durch besonders kunstvolle Ausführung ins Auge. Ihre Stirnseite ist nicht, wie bei den übrigen Behausungen, gerade, sondern gewölbt und von der Giebelspitze bis zum schmalen Hauseingang mit einer dicken Schicht aus Palmenlaub bedeckt. Der Dach­first, der in Form eines gefälligen Vordachs übersteht, ist in seiner ganzen Länge mit einer Reihe gekreuzter Bambusstäbe ver­ziert — ein Symbol für bei festlichem Tanz umschlungene Hände. In Khensa hatten 1967, als ich dieses Dorf aufsuchte, nur zwei Begüterte — der Gao­bura Longkoksaschi und der Gaobura Tschibangr — Ver­dienstfeste durchgeführt. Ihre prunk­vollen Häuser standen am Hauptweg im oberen Viertel. Wer sie betrat, erblickte als erstes ganze Reihen von Schädeln jener Tiere, die bei den verschiedenen Festen geopfert worden waren; sie hingen an einer Bambuswand im dämm­rigen Vorraum. Den Ehrenplatz nahm der Gayalkopf mit seinen glatten, glänzenden Hörnern ein.

Besonders sehenswert war wohl Longkoksaschis Haus, das oberhalb eines Felshanges errich­tet worden war. Vorn hatte es eine Veranda aus starken Bambusstämmen aufzuweisen, die verriet, daß der Be­sitzer die Zeremonienserie abgeschlossen hatte.

Longkoksaschi, ein großer, hagerer Greis, schritt stolz die Veranda auf und ab, vom Kinn bis zur Ferse in den prächtigen »tsungkotepss«-Umhang eingehüllt; auf dem Kopf trug er eine Mütze aus zottigem Bärenfell. Aber seine zerfurchten Gesichtszüge zeugten von den Plagen, die er viele Jahre lang auf sich zu nehmen hatte, um die Mittel für die Bewirtung Hunderter seiner Stammesgenossen zu erwerben. Von Freunden habe ich erfahren, daß sich manche Ao beim Wettstreit um gesellschaftliches Prestige mit ihren Familien fast bis zu Tode abrackern, um ein Vermögen anzuhäufen, wie es zur Deckung der mit der Durchführung von Verdienst­festen verbundenen Kosten erforderlich ist.

Als ich einmal in Khensa Gemeindeälteste fragte, wie es komme, daß manche Einwohner reich und andere arm seien, wurden mir mehrere interessante Antworten zuteil. Einer sagte mit Lächeln: »Die Menschen sind von Natur aus entweder strebsam und fleißig oder faul. Die Fleißigen erwerben mit ihrer Arbeit ein Vermögen, die Faulen bleiben gewöhnlich arm.«— Ein Zweiter erklärte mir die Sache anders: »In Häusern, in denen der Vater kränklich ist und von der Frau versorgt werden muß, verbleibt nur wenig Zeit für die Feld­arbeit und den Er­werb von Lebensmitteln. Die Familie verarmt und ist auf die Unterstützung durch Angehörige ihres Clans angewiesen.« Ein weiterer Alter aus Khensa ergänzte: »Manche Leute bei uns sind reich, weil sie besseren und größeren Bodenbesitz haben. Bei der Anlage neuer Felder bekommen die älteren Angehörigen des Clans gewöhnlich die besten Parzellen, weil sie von den Stammesgenossen geehrt und geschätzt werden. Den jüngeren Bauern wird schlechterer, steinigerer Boden zugeteilt, den sie nur durch Zähigkeit und Aus­dauer in fruchtbare Felder umgestalten können. Aus diesem Grunde wünschen sie sich viele Kinder, die ihnen dann dabei helfen sollen. Oft erbt man Äcker nicht nur von den Eltern, sondern auch von Verwand­ten. Die wohlhabendsten aber sind gewöhnlich jene, die aus alten reichen Familien oder aus der Familie des Dorfgründers stam­men. Dieser bekam immer den größten Bodenanteil, wenn Umsiedler an einem neuen Ort seßhaft wurden. Allerdings ist es eine Frage der Klugheit, den von den Vorfahren ererbten Besitz zu erhalten und zu vermehren.«

In Chungtia lernte ich eine vermögende Witwe namens Pentangsanla kennen. Ihr Mann, Takatsulak, war der letzte gewesen, der in diesem Dorf eine abgeschlossene Reihe von Ver­dienstfesten veranstaltet und zwei Gayals geopfert hatte. Deren mit gewaltigen Hörnern gekrönte Schädel waren am Eingang zum inneren Teil des Hauses aufgehängt; sie waren Gegenstand frommer Verehrung. Geschmückt waren sie mit dem Laub von Pflanzen, die kurz zuvor beim Tsungremung-Fest geopfert worden waren. Takatsulak hatte an allen Hauptfesten des Jahres einen besonderen Ritus vollzogen. Seit seinem Tode bringt seine greise Ehefrau Pentangsanla vor den Gayalköpfen die erfor­derlichen Opfer dar.

Auf meine Bitte hin legte die Frau das Festgewand und den klin­gelnden Schmuck an, den sie bei den Zeremonien trägt. In der Hand schwenkte sie als unerläßliches Requisit ein schön ver­ziertes Hau­messer, das die Teilnahme der Frau am Ritus der Gayalopferung symbolisierte.

Auch Speicher und Grabmal Takatsulaks trugen typische Verzie­rungen als Zeichen, daß er Verdienstfeste durchgeführt hatte. Die Grabstätte, die ihm seine Freunde auf dem kleinen Friedhof außerhalb des Dorfes errichtet hatten, war geradezu eine Zur­schaustellung der schöpferischen Begabungen der Ao. Sie wirkte wie eine exotische Gartenlaube, zusammenge­zimmert aus Balken, in die zahlreiche typische Nagaornamente eingeschnitzt worden waren. An den Querbalken hingen Körbchen und Bambuskrüge mit Opfergaben sowie Festkleider, Helme und Schmuckstücke des Verstorbenen. Zu beiden Seiten der Grabstelle waren Speere in die Erde gespießt, die er während seines ruhmvollen Lebens benützt hatte.

Die Einheimischen, die mich eines Tages auf den Friedhof geführt hatten, schütteten mir an seinem Grab ihr Herz aus: »Takatsulak war der letzte, der bei uns ein richtiges Festmahl gegeben hat. Heute überlegen es sich die Reichen zweimal, ehe sie ihr zusammengerafftes Vermögen auf diese Weise vertun. Lieber schicken sie ihre Kinder zur Schule, und wenn diese klug sind, lassen sie sie an der Hochschule studieren, eventuell sogar im Ausland.

Außerdem nimmt die Zahl der Christen bei uns ständig zu, und diejenigen, die an den alten Bräuchen festhalten, sind zahlenmäßig so gering, daß keine großen Kollektivfeste mehr zustandekommen. Dieses Grabmal, das Sie hier sehen, wird wahrscheinlich schon das letzte dieser Art sein«, fügte ein alter Opferpriester hinzu. »Wir hatten Takatsulak gern, deshalb haben wir ihm ein Grab gebaut, wie es unsere Vorfahren den würdigsten Stammesgenossen zu errichten pflegten. Die nächste Generation wird dies sicher nicht mehr tun!«

Aus dem Leben der Ao

Obwohl sich die Angehörigen der verschiedenen Nagagruppen in ihrem Aussehen nicht allzu­sehr voneinander unterscheiden, haben die Ao in ihrem Äußeren etwas Besonderes, etwas, was sie von den anderen Stämmen abhebt, was sich jedoch schwer in Worten wieder­geben läßt. Sie sind mittelgroß, und ihre Hautfarbe ist, ähnlich wie bei den anderen Naga, von hell- bis dunkelbraun nuanciert. Ein zartrosa Teint mit einem Hauch Röte ist jedoch vor allem bei jungen Leuten keine seltene Erscheinung. Ihre Haare sind in den Kinderjah­ren dunkelbraun, bei den Erwachsenen schwarz.

Die Männer schneiden ihr Haar ähnlich wie die Angehörigen der Nachbarstämme; die Frisur sitzt wie eine runde, oberhalb der Ohren endende Mütze auf dem Kopf. Die über den Schläfen und hinten am Hals wachsenden Haare werden rasiert. Früher benutzte man dazu — wie Mills schreibt — Stücke einer zerbrochenen Messingplatte, der sogenannten »laja«, die bei ihnen auch als Wertgegenstand gilt. Man schnitt die Haare, indem man sie mit Bambusschlegeln an die unter­gehaltene Haumesserschneide anschlug. Diese äußerst einfache Art des Haarschnei­dens ist bei einigen nordöstlichen Stämmen bis heute erhalten geblieben; davon konnte ich mich in den Dörfern des Tuensang-Distrikts überzeugen. Die Ao aber verwenden schon lange billige, aus dem indischen Flachland eingeführte Scheren und Ra­sierklingen.

Die Frauen stechen von denen der übrigen Stämme nicht nur durch schöne, bunte Kleidung und reichen Schmuck ab, sondern auch durch ihre bemerkenswerte Frisur. Obwohl sie alle die Haare zu einem Knoten binden, erkennt man auf den ersten Blick an der Frisur, ob eine Frau zu den Chongli, Changki oder Mungsen gehört. Fast alle Angehörigen der Changki-Gruppe sind zum Christentum bekehrt worden; die Frauen trage einfache, feste Knoten oder moderne Frisuren nach der letzten europäischen Mode. Die Chongli- und Mungsen-Frauen — mit Aus­nahme der Christinnen — kämmen jedoch ihr Haar bis zum heutigen Tag in traditioneller Weise zu einem besonderen Knoten. Die Chongli binden ihn mit einem aus aus­gekämmten Haaren angefertigten Geflecht zusammen, die Mungsen mit einer mehr als meterlangen Sträh­ne weißer Baumwollfäden, »mungsen kubuk« genannt. Aus den Haaren bilden sie zwei frei­stehende, fächerförmige Schlingen, eine über der anderen, und die Fransen am Ende des Ku­buk lassen sie an den Seiten frei herunter­hängen.

Im Dorf Khensa, das ausschließlich von Mungsen bewohnt wird, kann man die Frauen beob­achten, wie sie mit dieser eigenartigen, geradezu festlichen Haartracht schwere Wasser­gefäße aus Bambus auf dem Rücken schleppen, das Getreide stampfen und ihre Alltags­arbeit verrichten.

Khensa war das erste Dorf der Ao, das ich nach meiner Ankunft in Mokokchung aufsuchte. Als ich in einer Familie einer solche Frisur bewunderte, öffnete Oma Tekadschila lächelnd eine Truhe und suchte einen neuen, schneeweißen Mungsen-Kubuk hervor. Mit einer Hand­bewegung forderte sie mich auf, vor ihr Platz zu nehmen; sie würde mich kämmen. Sie zog die gelösten Haare fest zusammen, umwickelte sie viele Male und formte daraus zwei Schlin­gen. In drei Minuten war die klassische Haartracht fertig, aber sie belastete meinen Kopf so stark, daß ich aufrichtig froh war, sie nicht, wie die Mungsen-Frauen, ein ganzes Leben lang tragen zu müssen.

Zu Festzeiten vervollständigen die Frauen ihre Frisur durch auf­fälligen Zierat, der über die gesellschaftliche Stellung der Trägerin Aufschluß gibt: zum Beispiel durch schwere Messing­ringe, groß wie Armreifen, die als »yongmen« bezeichnet und zu beiden Seiten des Kopfes getragen werden. Früher wurden sie durch in den oberen Teil des Ohrläppchens gestochene Löcher gesteckt und über dem Scheitel mit einem Bändchen zusammengehalten. Heute wer­den sie von den Frauen mit Hilfe schwarzer Schleifen befestigt. Yongmen-Ringe zu tragen gehört zu den Vorrechten einiger Clans. Zum Tanz flechten sich die Frauen und Töchter reicher Dorfbewohner außerdem noch eine Messingkette in das Haar ein.

Ein sehr auffälliger Kopfputz, der Privileg von Frauen und Töchtern jener Reichen ist, die Verdienstfeste durchgeführt und einen Gayal geopfert haben, sind weiße Federn aus dem Schwanz des Nashorn­vogels, die in den Knoten gesteckt werden. Die Anzahl der Federn richtet sich nach der Anzahl der geopferten Tiere.

Oma Tekadschila in Khensa steckt sich an Festen sechs schneeweiße Nashornvogelfedern in den Haarknoten; während der übrigen Zeit verwahrt sie sie sorgsam in ihrer Holztruhe bei der Festtracht. Damit die Federn nicht beschädigt werden, legt sie sie in ein besonderes Etui, das aus steifen, auf Bambusstämmen wachsenden Blättern her­gestellt ist. Der Nashornvogel ist bei den Naga ein Symbol der Tapferkeit und des Reichtums. Seine Schwanzfedern sind weiß und haben in der Mitte einen schwarzen Querstreifen. Die Auszeichnung, diese Federn tragen zu dürfen, galt nicht nur für erfolgreiche Krieger und reiche Dorfbewohner, sondern auch für deren Familien; dies hatte zur Folge, daß der Nashornvogel in den Nagabergen fast ausgerot­tet wurde. Die Eigentümer hüten seine heute so seltenen und teueren Federn wie ihren Augap­fel. Viele Ao verwahren sie in den Speichern außerhalb des Dorfes — aus Angst, daß sie sie einbüßen könnten, falls ein Feuer ausbräche.

Mokokchung ist das Verwaltungszentrum des von den Ao be­wohnten Gebiets und Sitz eines Distriktskommissars. Das Städtchen hat sich über die umliegenden Berghänge ausgedehnt und lockt mit seinen kleinen Läden und den verschiedenartigsten Waren die Menschen von weit und breit an. In den Gassen erblickt man fröhliche Menschengruppen, geschmückt mit bunten Kleidern, als gingen sie zu einem Fest. Nach mehrtätigem Aufenthalt stellt man jedoch fest, daß sich die Angehörigen dieses Stammes auch ohne besonderen Anlaß leidenschaftlich gern in Gala werfen. An den Umhängen der Männer sowie an den Schals und Röcken der Frauen überwiegen Rot und Schwarz; die eingewebten Streifen und Muster aber zeigen die ver­schie­denartigsten Farben und haben ganz spezifische Bedeutung.

Bei den Männern verrät die Art des Umhangs die gesellschaftliche Stellung des Eigentümers oder seiner Familie. Bei den Frauen ist vor allem der bunte Rock ein Erkennungszeichen. Nach Farbe und Muster des Rocks erkennt man nicht nur, zu welcher Volksgruppe und Gesellschaftsschicht eine Frau gehört, sondern auch, aus welchem Dorf sie stammt. Jedes Dorf besitzt besondere, eigenständige Muster. In Changki ziehen die Mädchen und Frauen ausschließlich schwarze Röcke an, die ganz mit gefälligen Karos aus roter Schaf- oder Hundewolle durchwebt sind. Im größten Dorf, in Ungma, in dem ausschließlich Chongli-Bewohnerschaft lebt, kleiden sich die Frauen in tiefrote, mit verschiedenfarbigen Mustern versehene Röcke. Festtagsröcke sind am Saum außerdem noch mit glänzenden Perlen bestickt.

Den Rock bildet ein festes, etwa eineinhalb Meter langes Stoffstück, das eng um die Hüften geschlungen wird. Nachdem die Mehrzahl der Ao zum Christentum bekehrt worden ist, tragen die Frauen jetzt allgemein zum Rock eine Bluse.

Die Kleidung der Männer ist sehr einfach. Sie besteht aus einem schmalen Baumwollgürtel, der vorn in einem kleinen Schurz endet, und aus einem breiten Umhang. Der Schurz ist ge­wöhnlich blau; meist ist ein rotes Muster eingewebt. Knaben beginnen ihn mit fünf bis sechs Jahren zu tragen, sobald sie ihr erstes kleines Haumesserbehält­nis bekommen, das sie hinten am Gurt befestigen. Der hausgewebte Umhang aus Baumwolle oder Wolle wird gewöhnlich auf dem bloßen Körper getragen; nur die Fortschrittlicheren ziehen darunter Trikots und Shorts an, die sie auf dem Basar in Mokokchung erstanden haben.

Es gibt mehrere Arten von Männerumhängen. Knaben und einfache Bauern verwenden gewöhnlich leichte blaue Umhänge mit schwarzen Streifen. Die Muster auf den Umhängen vermögender Dorfbewohner pflegen verschiedenartig angeordnet zu sein und lassen den jeweiligen Reichtum des Besitzers erkennen. Der prunkvollste Umhang der Ao, dessen Benutzung nur Veranstaltern von Verdienstfesten und deren Söhnen vorbehalten ist, wird als »tsungkotepss« oder »mangkotepss« bezeichnet. Er ist aus vier langen wollenen Gewebe­stücken zusam­mengenäht; die kräftigroten Randstücke haben schwarze Streifen, die beiden inneren Teile sind schwarz und haben schmale rote Streifen. In der Mitte ist in der ganzen Länge des Umhangs ein weißer, etwa fünfzehn Zentimeter breiter Streifen aufgenäht; dieser ist mit schwarzen, gemalten Abbildungen bedeckt und heißt »tsungkotep« oder »mangkotep«. (Die Endung »-ss« bedeutet »Umhang«.)

Die Vogel- und Tiermotive dieser Abbildungen sind nicht nur zur Verzierung da, wie man etwa denken könnte; jede Abbildung hat ihre spezifische Bedeutung. In Ungma, wo ich einmal das Bemalen eines Tsungkotep beobachten konnte, erklärte mir der Künstler, was die einzelnen Zeichnungen versinnbildlichen. In früheren Zeiten durfte sich nur ein sehr erfolg­reicher Krieger auf den Mittelstreifen seines Umhangs die erbeuteten Feindesköpfe aufmalen lassen, ebenso Mond und Sterne, die ihm bei seinem nächtlichen Kriegszug geleuchtet hatten. Heute, da die Ao keine Kriege mehr führen, erwerben manche Männer ein Anrecht auf dieses Zeichen von Mut und Heldentum, indem sie einen bestimmten Betrag an den zuständigen Dorfrat entrichten.

Von größter Bedeutung ist auf dem Tsungkotep die Abbildung eines mächtigen Gayals, des wichtigsten Opfertieres. Da die Ao leiden­schaftliche Jäger sind, dürfen auf dem Mittelstreifen weder Tiger noch Elefanten fehlen, die der Umhangsbesitzer erlegt hat. Auf die freien Stellen werden Hähne gezeichnet, denn das Opfern von Hähnen ist Bestandteil aller Riten und Feiern.

Der zum Malen der Abbildungen verwendete Farbstoff wird her­gestellt, indem man den Saft eines Baumes, der im Chongli-Dialekt »tsangku« und bei den Mungsen »tangko« heißt, mit etwas Reiswein und der Asche von Bambuslaub mischt. Es entsteht eine dicke graubraune Lösung, die mit Hilfe eines spitzen Bambusstäbchens auf den weißen Webstreifen aufgetra­gen wird. Ich konnte mich nicht genug wundern, daß der einfache Volkskünstler Tako, ein Bauer, der sich mit dieser Arbeit einen zusätzlichen Verdienst schaffte, alle diese Motive freihändig, ohne sich das Muster vorzuzeichnen, malte, und zwar mit einer solchen Sicherheit und Gewandtheit, als hätte er eine Fachschule absolviert. Als Anhaltspunkte dienten ihm die Faden­reihen. Zum Bemalen eines fast zwei Meter langen Streifens brauchte er fast einen ganzen Vormittag. Als ich gegen Abend meinen Tsungkotep abholen wollte, waren die Abbil­dungen zwar noch nicht völlig getrocknet, doch waren sie so schwarz geworden, als hätte sie Tako mit bester chinesischer Tusche ausgeführt. Bei einigen alten Um­hängen, die mir von Einheimischen gezeigt wurden, konnte ich mich davon überzeugen, daß die Malerei des Tsungkotep lange Jahre überdauert, selbst wenn der Umhang täglich getragen wird.

Der kostbarste Umhang ist der »rongsuss«. Er darf ausschließlich von einem Mann getragen werden, der selbst, ebenso wie bereits sein Großvater und Vater, die vollständige Reihe aller Festmahle ab­gehalten hat. Man betrachtet dies als außergewöhnliches Verdienst, denn es kommt oft vor, daß ein Menschenleben nicht ausreicht, um die vorgeschriebene Anzahl von Festen durchführen zu können. Der Engländer Mills beschreibt in seinem Forschungsbericht das Muster dieses Umhangs, das sich aus dunkelblauen und roten Streifen zu­sammensetzt und mit Noppen aus rotgefärbter Hundewolle durch­wirkt ist. An beiden Enden hängen schwarze und rote Quasten aus gefärbtem Ziegenhaar, verziert mit kleinen Muscheln.

Während meines Aufenthaltes habe ich oft die enorme Fingerfertig­keit der Ao-Frauen bewun­dert, die alle diese prächtigen Gewebe mit ihren harten, abgearbeiteten Händen zu gestalten verstehen, und zwar neben aller Plackerei im Haus und auf dem Felde. Ebenso bewunderns­wert ist auch die Phantasie, die zur Erfindung heute noch getragener Schmuckstücke erforder­lich war.

Ein für die Frauen aller Ao typischer Schmuck sind die Kristallohr­gehänge »tongbang«, etwa vier mal sechs Zentimeter große Rechtecke aus geschliffenem Kristall mit einer runden Öff­nung in der Mitte. Die in das Ohrläppchen der kleinen Mädchen eingestochenen Löcher wer­den nach und nach mit Hilfe von Bambusstäbchen ausgeweitet, bis die umfangreichen Tong­bang-Ohrgehänge darin Platz finden. Die Frauen tragen sie bei der Arbeit, daheim ebenso wie auf dem Feld, und legen sie nicht einmal zur Nacht ab. Ich hätte gedacht, daß es schrecklich unbequem sein müßte, mit einem Stück Kristall von der Größe einer kleineren Streichholz­schachtel zwischen dem Hals und der hölzernen Nackenstütze zu schlafen. Aber anscheinend haben sich die Frauen so daran gewöhnt, daß sie es nicht als hinderlich emp­finden. Die Ohr­läppchen sind von den schweren Kristallen so aus­gedehnt, daß man an Festtagen leicht phan­tasievolle Schmuckstücke hineinstecken kann: Sträußchen aus dünnen Vogelfedern verschie­dener Farbschattierungen und Troddeln aus Palmenblättern, die das Gesicht einrahmen und einen zarten Schatten auf die Wangen werfen.

Der Tanz der Ao-Frauen ist zum Glück langsam und anspruchslos; ansonsten würden sie wohl kaum zu dem schweren Zierat im Haar und in den Ohren auch noch breite Metallarmreifen sowie Hals­schmuck in großer Menge schleppen können und außerdem noch mit Messing­glöckchen versehene Ketten, die sie bei festlichen Gelegen­heiten kreuzweise über die Brust hängen. Diese Glöckchenketten dürfen nur Frauen und Töchter derer tragen, die einen Gayal geopfert und ein Festmahl veranstaltet haben.

Jede Frau, selbst die ärmste, trägt wochentags mindestens eine Schnur aus braunroten ge­schliffenen Halbedelsteinen, aus »mesemyok« (einer Art Chalzedon). Die Mesemyok-Schnur ist auch Grundlage für reichhaltigere Festhalsketten, bei denen die länglichen glänzenden Steine und in Röhrchenform auslaufende Messing- oder Silberglöckchen beziehungsweise andere Silberanhänger abwech­selnd aufgereiht sind. Eine solche Kette dürfen Frauen aller Grup­pen und Clans tragen, wenn sie ihnen vom Vater oder Gatten gekauft beziehungsweise von der Mutter oder Schwiegermutter vererbt wird.

Von allem Frauenschmuck gefiel mir am besten eine Halskette, die sich aus mehreren orange­farbenen Perlenschnüren zusammensetzt; vorn wird sie von einem beinernen Ornament zu­sammengehalten. Man sieht sie nur bei Frauen der Mungsen-Gruppe.

Früher wurde der Halsschmuck eingeführt; jetzt wird er von ne­palesischen, in Mokokchung ansässigen Silberschmieden herge­stellt.

Bis in die jüngste Vergangenheit hinein forderte ein feststehender Brauch, daß die Mädchen der Ao tätowiert werden mußten. Ein Mädchen, das sich dieser Vorschrift nicht fügte, konnte mit keiner guten Partie rechnen. Das Tätowieren wurde als Vorrecht der Frauen betrachtet; die Männer haben sich nie dieser Prozedur unterzogen. Den Mädchen wurden in der Pubertätszeit verschiedene Zeichen in die Haut eingestochen: vier senkrechte Striche auf das Kinn, und auf die Brust, die Schultern, die Handgelenke und die Waden verschie­dene Gabeln, Pfeile und Rhomben. Für die Tätowierung des ganzen Körpers waren in der Regel fünf Jahre erforder­lich. Nach Beendigung der ersten Tätowierungsetappe wurde das Mädchen als vollgültiges Mitglied ihres Clans und der Gesellschaft betrachtet.

Alle ungefähr gleichaltrigen Mädchen eines Dorfes wurden gewöhn­lich im gleichen Jahr tätowiert, meist während der kühlen Winters­zeit, wenn die durch die Einstiche verursachten Wunden schnell heilten. Das Tätowieren besorgte eine weibliche Fachkraft aus einer Familie, deren Frauen sich Generationen hindurch mit dieser Kunst beschäftigt hatten. Zuerst zeichnete sie die Figuren vor, und zwar mit einem Holzstäbchen, das in einen aus dem Saft des Baumes »naphti« hergestellten Farbstoff getaucht wurde. Für die Einstiche verwen­dete sie ein Bündel Rohrspitzen. Nach Abschluß der Arbeit wischte sie das Blut ab und strich die Wunden neuer­dings mit Farbstoff ein. Die Operation war immer äußerst schmerzhaft, und es geschah nicht selten, daß das Tätowieren ernste Vergiftungen oder gar den Tod auslöste.

Die Missionare verboten das Tätowieren. Wenn man deshalb im Ao-Gebiet einem untätowier­ten Mädchen begegnet, erkennt man gleich, daß sie Christin ist. Neuerdings nehmen unter dem Druck der modernen Zeit aber auch jene Ao von dem Brauch Abstand, die den Glauben noch nicht gewechselt haben.

Die Ao waren der erste Nagastamm, bei dem amerikanische Mis­sionare in den achtziger Jah­ren des vergangenen Jahrhunderts ihre Missionstätigkeit aufnahmen. Hier wurde 1894 in Im­pur ein wich­tiger Stützpunkt der »American Baptist Mission« gegründet, und zwar mit einer Schule, in die manche Vorsteher und Dorfreichen ihre Söhne zu schicken begannen. Die Mis­sio­nare wirkten nicht nur in bezug auf die Schule bahnbrechend, sondern auch hinsichtlich des Gesundheitswesens. Mit großer Intensität verkündeten sie das Wort Gottes, unterrichteten Kinder sowie Erwachsene und heilten Kranke im ganzen Land. Allerdings vernichteten sie dabei die ursprüngliche Kultur der Naga. Wer den christlichen Glauben angenommen hatte, durfte nicht mehr am frohen Morung-Leben teilhaben, durfte die alten Kriegstänze nicht tan­zen und keine traditionellen Feste ver­anstalten. Auch war ihm nicht gestattet, das Fleisch des Gayals zu essen — weil dieser bei den alten heidnischen Zeremonien als Opfertier gedient hatte —, noch Reiswein zu trinken, das Nationalgetränk der Naga.

Vielleicht waren gerade das die Gründe dafür, daß sich anfangs nur eine kleine Anzahl von Naga taufen ließ. Im Jahr 1891 gab es 211 christliche Naga, zehn Jahre später 579. Die Mis­sionare setzten jedoch begeistert und mit großer Ausdauer ihre Tätigkeit fort, bis sich im Verlauf der Zeit ihr Wirken auf den ganzen mittleren und südlichen Teil des Nagaberglandes erstreckte. Heute besitzt die zentrale christ­liche Organisation »The Naga Baptist Christian Convention«, in der alle größeren Nagastämme vertreten sind, über 80 000 Mitglieder und unterhält über sechshundert Kirchen. Jede Kirche hat ihren Pastor, der von seiner Gemeinde ernährt wird.

Als Indiens Selbständigkeit proklamiert wurde, verwies die neue Regierung die fremden Mis­sionare des Landes. Zu dieser Zeit konnten sie aber schon durch ausgebildete Pastoren aus den Reihen der be­kehrten Ao ersetzt werden. Bei dem Bemühen, eine möglichst große Anzahl von Einwohnern zum neuen Glauben zu bekehren, hatten die einheimischen, mit den örtlichen Idiomen vertrauten Pastoren weit­aus größere Erfolge als die fremden Missionare. Heute sind mehr als achtzig Prozent der Ao Christen.

In jedem größeren Dorf des Ao-Landes steht eine geräumige Holz­kirche, die sich namentlich zu Weihnachten mit andächtigen Gläu­bigen füllt. Die Weihnachtstage wurden zu den größten Feiertagen und ersetzen — vom gesellschaftlichen Standpunkt aus gesehen — im wesentli­chen die alten Festmahle. Bei meinem vorjährigen Aufent­halt in Mokokchung luden mich Freunde am ersten Weihnachtstag in ihre Kirche zum Hauptgottesdienst ein; dazu hatten sich an die zweitausend Menschen eingefunden. Über zwei Stunden lang lauschte ich dem in der Sprache der Ao verkündeten Wort Gottes. Der Di­striktskommissar Dschamir Ao und seine Frau, mit denen ich in der ersten Bank saß, zeigten mir mit dem Finger im Liederbuch die Textzeilen, die die Gläubigen zwischen den Gebeten und der Predigt sangen. Alle Gesänge hatten europäische, von den Missionaren über­nommene Melodien.

Höhepunkt des Gottesdienstes war das zweistimmig gesungene Lied »Stille Nacht, heilige Nacht«:

»Temeschi amang nung
tanur o tetsu den
sungdschema sentsu prang lir
temeschi kinu aso
tesunup nung lir
tesunup nung lir.«

Nach dem Festgottesdienst, der am Nachmittag um halb zwei Uhr endete, mußte ich mit meinen Gastgebern bei allen angesehenen christlichen Familien des Städtchens Besuche machen. In jedem Haus bot man uns eine Schüssel gekochtes und gewürztes Fleisch, im­portierte Kekse und Tee an. Die Köpfe der Gayals — nach dem Weggang der fremden Mis­sionare haben die christlichen Ao das Verbot, Gayalfleisch zu essen, aufgehoben, weil es sich um ein sehr schmackhaftes Fleisch handelt —, der Büffel und Schweine, die für die Weih­nachtstafel geschlachtet worden waren, steckten auf Pfählen vor den Häusern der Christen, so wie es auch bei früheren Festessen Brauch gewesen war.

Die Ao, die Christen geworden sind, schicken ihre Kinder in Schulen und sind bestrebt, sie möglichst viel studieren zu lassen. Deshalb hat dieser Stamm eine besonders große Anzahl gebildeter Menschen auf­zuweisen. Allein aus dem Ort Changki haben mehr als vierhundert junge Männer und Mädchen an indischen Universitäten akademische Grade erworben. Sie wurden Lehrer, Professoren, Ärzte und Mini­ster.

Und gerade die gebildeten Kreise sind es, die während der letzten Jahre das Bestreben zeigen, die alten Nagabräuche neu aufleben zu lassen. Während meines vorjährigen Aufenthaltes in Mokokchung ver­anstalteten Lehrer und Studenten der Mittelschule ein auf­sehenerregendes Fest, bei dem sie uns eine ganze Reihe von Zeremonial- und Kriegstänzen sowie eine Auslese stammesgebundener Bräuche vorführten. In den prächtigen, bunten Gewändern, die Waffen ihrer Vorfahren in der Hand, sahen die jungen Tänzerinnen und Tänzer so reizvoll aus, daß ich keinen Blick von ihnen wenden konnte. Und trotzdem erweckte ihr Anblick in mir die Sehnsucht, Naga kennenzulernen, die bislang noch nicht so vielen Zivilisations­einflüssen ausgesetzt waren wie die Ao, Naga kennenzulernen und zu erforschen, die heute noch so leben, wie ihre Vorfahren in längst ver­gangener Zeit gelebt haben. Die Erfüllung dieses Wun­sches konnte ich jedoch nur in den abgelegensten östlichen Gebirgsteilen finden, wohin weder fremde Missionare noch die britische Verwaltung vor­gedrungen waren.

Quelle: Milada Ganguli, Reise zu den Naga, aus dem Tschechischen übersetzt von Ernst und Helene Hamburger, Leipzig: Edition Leipzig, 1976, S. 103-138.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s