Brief eines Sendener Gemeindeglieds an den inhaftierten Pfarrverweser Karl Steinbauer vom Januar 1939: „Die Menschheit schläft und träumt und döst so dahin, und wenn sie dann, bildlich gesprochen, erwacht, ist es bei vielen zu spät, danken wir unserm Herrgott, daß wir so einen mutigen Pfarrer bekommen haben“.

Nachdem Karl Steinbauer am 15. Januar 1939 nach einem nächtlichen SA-Überfall auf das Pfarrhaus in Senden-Ay im Amtsgerichtsgefängnis Neu-Ulm inhaftiert worden war, schrieb ihm Anna Kreiser, Mitglied der Kirchengemeinde, folgenden Brief:

Senden, den 25.1.1939

Lieber Herr Pfarrer!

Es ist mir ein Herzensbedürfnis Ihnen, lieber Herr Pfarrer, ein paar Zeilen zu schreiben. Viele schöne Worte kann ich nicht machen, aber was mich im tiefsten Herzen bewegt, muß ich Ih­nen schreiben, daß Sie nicht mehr unter uns sein sollen, mit Ihrem fröhlichen gesunden Hu­mor, will uns gar nicht in den Sinn. Die Kinder und die Erwachsenen wurden ja ganz mithin­gerissen, durch Ihren Gottesglauben und Ihren aufrichtigen Sinn. Die Kinder sind ganz ge­drückt, man merkt ihnen an, daß ihnen etwas fehlt, denn die hingen ja sehr an Ihnen.

Nun stehen wir jetzt da, ohne geistigen Führer und einen solchen muß der Mensch haben, wenn er nicht abfallen will vom Glauben. Zu mir sagte mal jemand: „Der Pfarrer Steinbauer will einen mit Gewalt in Himmel bringen“. Ich sagte: „Ja, heutigentags muß ein Pfarrer seine ganze Energie und seine ganze Glaubenskraft einsetzen, um den Menschen wachzuhalten und wachzurütteln, denn die Menschheit schläft und träumt und döst so dahin, und wenn sie dann, bildlich gesprochen, erwacht, ist es bei vielen zu spät, danken wir unserm Herrgott, daß wir so einen mutigen Pfarrer bekommen haben“.

Ja, daß es aber so kommen würde u. die Gemeinde so schnell verwaist würde, hätte niemand gedacht. Aber seien Sie getrost, bereits die ganze Gemeinde steht hinter Ihnen mit dem Gebet und Fürbitte für Sie. Einen biblischen Trost kann ich Ihnen nicht geben, nur dies eine kann ich Ihnen zurufen: Ist Gott für mich, wer mag wider mich sein? Und das Lied, das so schön zu Ihrer jetzigen Lage paßt: Dennoch bleib ich stets an dir.

Nun seien Sie getrost, im Geiste sind und bleiben wir immer mit Ihnen vereint.

Und nun Gott befohlen

Ihre Glaubensgenossin

Anna Kreiser

Auch mein Mann läßt Sie vielmals grüßen und wünscht Ihnen alles Gute und hauptsächlich, daß Sie bald wieder unter uns sein können.

NB. Sie werden entschuldigen, daß ich Sie nicht mit „sehr ge­ehrt“ angesprochen habe, aber das kommt mir so fremd vor, wir sind doch eine einzige große Familie in Liebe verbunden durch unsere Herr Jesus Christus. Erlaube mir, Ihnen noch beiliegendes mitzuschicken, es wurde schon viele viele Male durchgelesen u. war mir immer wieder ein Ansporn u. eine Aufmunterung. Sie wer­den entschuldigen, weil es nimmer so schön aussieht.

A.K.

Hier der Brief als pdf.

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