Ernst Käsemann über 70 Jahre Theologie in seinem Leben: „Jeder Christ befindet sich im Gegenüber zur ganzen Welt. Er hat stets seinen Herrn zu bekennen, wo irdisch die Götzen herrschen, sei es im Zeichen der Machtgier oder des Aberglaubens oder des Mam­mons.“

Bei der akademischen Feier in der Aula der Universität Tübingen am 12. Juli 1996 aus Anlaß seines 90. Geburtstages blickte Ernst Käsemann (1906-1998) auf 70 Jahre eigener theologischer Existenz zurück:

70 Jahre Theologie in meinem Leben

Von Ernst Käsemann

Seit 70 Jahren hat Theologie mein Leben bestimmt. In unserem stürmischen Jahrhundert reih­te sich auch darin ein Abenteuer ans andere. Selbst in Kirche und Theologie ließ sich das nicht vermeiden. Zuweilen wird man sogar tief in den politischen Streit gerissen. Jedenfalls habe ich meinen eingeschlagenen Kurs von Zeit zu Zeit wechseln müssen. Dem Anfang habe ich jedoch stets die Treue gehalten.

Mein Vater war schon 1915 in Rußland gefallen. Meine Mutter mußte sich, in der Großstadt Essen von da ab recht isoliert, mit ihren beiden Kindern mühsam durch­schlagen. Ich fand, seit ich ins Burggymnasium kam, an der Grenze zwischen Kruppscher Kolonie und mehr ländli­chem Vorort, keine Freunde. Ich hätte sie nur in der Innenstadt finden können, in der auch die Schule lag. Noch nach dem Kriege hatte man bei jedem Einkauf vor den Läden Schlange zu stehen. Wenn dann noch die Schularbeiten zu machen waren, blieb für Spiel und Umwelt we­nig Zeit. Ich war auf das Lesen der Bücher meines Vaters angewiesen, geriet so mit 13 Jah­ren an Shakespeare, in merkwürdiger Folge zwei Jahre später an Karl May und in ähnli­chem Ab­stand an die deutschen Klassiker und Romantiker. Kurz gesagt: Meine Jugend war einsam und ziemlich freudlos.

Der Essener Jugendpfarrer Weigle

Klarheit kam erst in mein Leben, als ich in den letzten Schuljahren – auf mir heute nicht mehr erinnerte Weise – Zugang zum Essener Jugendpfarrer Weigle und seinem im Zentrum der Stadt gelegenen Jugendhaus fand und mich dafür zweimal in der Woche nachmittags frei machte. Das wurde Vorbereitung und schmaler Einstieg in die Theologie. Weigle war ein Charismatiker, wie ich keinen mehr erlebt habe. Er hat vor und nach dem ersten Weltkrieg Tausende von jungen Männern aus der Arbeiterschaft und, davon abgesondert, aus den höhe­ren Schulen bis zu seinem letzten Atemzug betreut und fast magnetisch angezogen. Seine Lo­sung war, Jesus zur Jugend zu bringen. Ich wage zu behaupten, daß ihm das auch bei Tausen­den gelungen ist.

Mir wurde durch ihn klar, was ich unbewußt gesucht hatte, nämlich den Herrn, dem ich mich ausliefern konnte und der mir Weg und Ziel im Leben wies. Vor aller mich später packenden Existenz-Theologie und ohne Kenntnis der Christopheruslegende wurde mir bewußt, daß jeder Mensch seine Eigentlichkeit, moderner gesagt: seine Identität, nur durch den Herrn oder Dämon erfährt, dem er sich selbst zu eigen gibt. Keiner gehört sich selbst. Den Menschen gibt es nur, in unterschiedlicher Weise, aus zu entdeckender Partizipation. Es genügt nicht, Texte mit Bultmann zu entmythologisieren. Vorher sind Welt und Mensch, etwa in ihrer Selbstherr­lichkeit, ihrer Ideologie, auch ihrem religiösen Aberglauben zu entmythologisieren, denen man sich preisgegeben hat. Das geschieht in der Kraft des Evangeliums. Von Weigle strömte diese Kraft aus. Seine Beerdigung ist mir unvergeßlich. Sie ging vom Jugendhaus aus, das der letzte Trauernde verließ, als der erste nach 20 Minuten zum Grabe kam.

Zwei Reihen Jugendlicher und Alternder standen gedrängt auf beiden Seiten der Straße, um nochmals dem zu danken, der ihnen zum Umbruch ihres Lebens verholfen hatte. Unvergeß­lich hat Weigle mir ebenso gezeigt, daß der deutsche Pietismus das reformatorische Erbe er­halten hat, freilich nur, wenn er nicht schwärmerisch und egozentrisch war. Ich habe das immer verteidigt, obgleich meine Theologie von Pietisten in vielen Ländern oft verdammt wurde.

Student bei Erik Peterson in Bonn

Im Mal 1925 wurde ich Student. Bonn lag am nächsten, und dort fand ich auch den Freund vor, den ich als Schüler am meisten schätzte. Er wollte, von Bultmann und aus Marburg kom­mend, sein erstes Examen in Koblenz machen, hatte aber noch Zeit, mir den akademischen Einstieg zu erleichtern und sich um meine Anfänge zu sorgen. Seine Sorge war nicht unbe­rechtigt. Ich hatte in der Universität alle Vorlesungen auch außerhalb der Theologie besucht, die meine Neugier reizten. Am dritten Tage faszinierte mich Erik Petersons Römerbrief-Kol­leg so, daß ich neben ihm auch das Seminar über Augustins Konfessionen belegte. Die wöchentlich einstündige Vorlesung über die Religionsgeschichte im Hellenismus nahm ich gleich mit, ohne zu ahnen, wie schnell die Gnosis zu einem Hauptproblem der liberalen, neu­testamentlichen Exegese werden sollte.

Daß Peterson schon damals zur Konversion entschlossen war, merkte ich, als dann im Kolleg dauernd sechs Katholiken Beifall trampelten und sechs Protestanten provoziert scharrten. Mich schlug vom ersten Augenblick an seine Ekklesiologie in den Bann. Gewöhnt war ich an eine Kirche, die sich der Jugend gegenüber als religiöser Verein gebärdete. Nun wurde ich dem weltweiten Christusleib konfrontiert, über den ich 1931 promoviert wurde. Nie wieder würde ich, wie meine Kirchenleitung es programmatisch und pietistisch tut, Seelsorge als Zentrum der Theologie bezeichnen. Darüber hinaus wurde mir jetzt auch Bultmanns Anthro­pologie problematisch, die von Pietismus und Aufklärung gemeinsam als selbstverständliche Perspektive der Exegese betrachtet wird. Bei Bultmann wird sie nicht einmal psychologisch vergewaltigt. Existenz-Theologie beschäftigte ihn, und zwar nicht als Weltanschauung.

Das zentrale Thema des Neuen Testamentes: die weltweite Herrschaft des Gekreuzigten

Heute neige ich der gewagten These zu, daß die ganze Bibel christologisch gelesen und inter­pretiert werden muß, also nicht einmal von einer Schöpfungstheologie her. Als Bultmann mir den Gebrauch des Wortes „Menschheit“ als abstrakt verleiden wollte, reagierte ich beinahe frech, das sei ebenso abstrakt, wie wenn man vom „Individuum“ spreche. Das zentrale Thema jedenfalls des Neuen Testamentes ist die weltweite Herrschaft des Gekreuzigten, und selbst die von mir keineswegs relativierte Seelsorge hat das in pastoraler Praxis zu konkretisieren.

Die Aufgabe des spezifischen Theologen ist nach Paulus die Unterscheidung der Geister. Der Fromme soll nicht immer frömmer werden. Er hat nicht „Religion“ unter anderen Religionen zu betreiben und zu demonstrieren. Die Nachfolge des Nazareners ist von ihm verlangt. Der Einzelne mag Modell in der Gemeinschaft sein. Das Priestertum aller Gläubigen ist aber nicht durch erbaulichen Individualismus zu ersetzen. Jeder Christ befindet sich im Gegenüber zur ganzen Welt und hat, selbst wenn er in seiner Umwelt isoliert wird, sowohl dem Idealismus wie dem Materialismus zu widerstehen. Er hat stets seinen Herrn zu bekennen, wo irdisch die Götzen herrschen, sei es im Zeichen der Machtgier oder des Aberglaubens oder des Mam­mons.

Bei Rudolf Bultmann in Marburg

Christlich wird das erste Gebot in Christus personifiziert, und dieses „solus Christus“ trennt alle Religionen und Weltanschauungen vom Evangelium, nicht selten sogar von einem bür­gerlichen oder proletarischen Christen­tum. Peterson hat auf seinem Wege nach Rom die Schwächen eines idealistischen Protestantismus herausgestellt. Ich habe ihm das immer ge­dankt. Meinem Freunde war das verdächtig. Er hatte in Marburg Petersons Verführungskraft an Heinrich Schlier gewahrt, der Petersons Weg konsequent bis zum Ende folgte. Ich war in Gefahr, das auch meinerseits fortzusetzen. So wurde ich veranlaßt, nach dem ersten Semester Bultmanns historische Kritik als Gegengift zu schlucken. Naiv akzeptierte ich nach Marburg zu gehen, zumal es mich reizte, dort in Schlier den besten Interpreten des Bonner Meisters vorzufinden und so eine begründete Entscheidung für meinen künftigen Weg treffen zu kön­nen. Ich bat also Bultmann um Aufnahme in sein Seminar über „Paulinische Anthropologie“. Ich bekam die Antwort, daß das dort übliche Limit bereits erreicht sei. Doch solle ich auf Em­pfehlung meines Freundes als Ausnahme betrachtet werden, wenn ich mit einer Skizze über die mir aus Petersons Kolleg vertraute An­thropologie im Paulusbrief meine Auf­nahme recht­fertigte. Ich lernte damals, daß Risiken nicht zu scheuen sind, wenn der Erfolg winkt. Bult­mann gegenüber lohn­te es sich, wenn ich auch darüber noch heute erstaunt bin. Ich hatte frei­lich im Sem­inar noch einen zwei­ten Test zu bestehen, als mir die Weih­nachtsferien durch die Forderung verdorben wurde, ein Protokoll über Kierkegaards Einfluß auf Barths Auslegung von Römer 7 im neuen Jahr vor­zulegen. Als mir das gelang, war ich dann im Kreis der Mar­burger Schule aner­kanntes Glied. Als solches war sowohl Heideggers Philoso­phie wie Bult­manns theologische Kritik täglich zu verkraften.

Im Anfang der 60er Jahre machte sich das bezahlt, als die Genfer Leitung der ökumenischen Bewegung das Problem erörterte, ob und welcher Spielraum der Kritik am Neuen Testament zu geben sei. Als Repräsentant der Bultmann-Schule wurde ich gebeten, bei der nächsten Tagung von „Faith and Order“ in Montreal einen Hauptvortrag über das Thema zu halten: „Gründet sich die Einheit der Kirche auf der Einheit der Bibel?“ Der Generalsekretär Visser’t Hooft hat mir nie verziehen, daß ich die konfessionelle Vielfalt aus der Vielfalt der biblischen Botschaft ableitete. Meine These ist dann später dankbar aufgegriffen worden. Als Folgerung war selbstverständlich, daß die Unter­scheidung der Geister theologisch notwendig und dafür historische Kritik unumgänglich, mit dem Verlauf der Kirchengeschichte sogar immer dringli­cher sei.

Bei Adolf Schlatter in Tübingen

Nun mußte ich mir allerdings unentwegt die Frage stellen lassen, wie ich meinen Pietismus mit radikaler historischer Kritik vereinen könnte. Im 5. Semester wechselte ich nochmals die Fakultät und ging, anders als Marburger zumeist, nicht nach Münster zu Barth, obgleich ich dessen Schriften heißhungrig verschlungen hatte. Ich erwartete größere Klarheit in Tübingen, vor allem bei Schlatter, wurde aber enttäuscht. Ausführlich läßt sich das jetzt und hier nicht behandeln. Schlatter liebte es zu provozieren, ließ sich aber ungern in öffentlichen Streit ein. So hatte er es schon in Berlin gehalten, als er im Gegensatz zu Harnack das Gleichgewicht von konservativ und liberal herstellen sollte. Er ließ sich nie im eigenen Gedankenkonzept beirren. Ich habe bei ihm viel profitiert und sehe in ihm meinen dritten Lehrer im Neuen Testament. Mein Problem wurde jedoch von ihm umgangen.

Ich nutzte die mir gelassene Freizeit. Die Fakultät hatte die Preisfrage gestellt, was der gegen­wärtige Stand der johanneischen Forschung sei. Wieder einmal stürzte ich mich naiv auf eins der schwierigsten exegetischen Themen und bekam es, oft bis Mitternacht, und viel zu jung mit einer riesigen Flut strittiger Literatur zu tun. Immerhin hatte ich ein Semester vorher Bult­manns erstmaliges Kolleg über das Johannes-Evangelium gehört. Den Preis erhielt ich auch, wenngleich mit der boshaften Anmerkung, daß ich alles außer Bultmann kritisiere. Das war auch berechtigt. Als ich 30 Jahre später mein eigenes Johannes-Kolleg abhielt, war ich aber gut vorbereitet und hatte meine Erkenntnisse noch sehr vertiefen können.

Weil mein Studium seinen Gipfel erreicht hatte, konnte ich mich nach einem Jahr im von mir bisher vernach­lässigtem theologischen Gelände zum ersten Examen in Koblenz melden. Das verlief auch, von einem Unfall abgesehen durchaus erfreulich. Total versagt hatte ich, als ich nach dem Unterschied zwischen reformatorischer und orthodoxer Ethik gefragt wurde. Damit hatte ich mich nie beschäftigt, holte das aber in der Folgezeit beschämt nach.

Mein Ergebnis will ich nicht verschweigen, obgleich oder vielleicht gerade weil es reichlich provokant sein dürfte. Der Begriff stammt, soviel ich weiß, aus hellenistischer Tradition und begründet das moderne Leistungsdenken. Eine Pflichtenlehre macht deutlich, was wir, durch Vernunft oder Gewissen oder Situation und Konvention geleitet, zu tun oder zu unterlassen haben. Wenn wir dem nicht entsprechen, sind wir schuldig. Wir sind also ständig im Denken und Handeln verantwortlich, sofern man sich nicht der Unterscheidung von gut und böse stellt. Aus der Bibel kann ich solche Disziplin und damit auch ihr Stichwort nicht ableiten.

Biblische Charismenlehre statt idealistischer Ethik

Die Bibel kennt nicht den für sein Heil verantwortlichen und darin selbständigen Menschen. Die paulinische Theologie verkündet die Rechtfertigung der Gottlosen und setzt an Stelle der „Ethik“ ihre Charismenlehre, die ihrerseits das erste Gebot spiegelt. Gott ist der gebietende Herr. Er ist es aber als der aus Ägyptenland Befreiende und verwirft, daß der Mensch andere Herren und Götter an seine Stelle setzt. In diesem Verbot dominiert Verheißung. Man braucht nicht mehr anderen Herren und Göttern zu dienen, wird also wie einst Israel in Ägypten befreit von allem Götzendienst. Genau darum geht es, wenn Paulus vom Charisma spricht. Es ist die Konkretion der Charis, die uns begnadigt. Am Anfang unseres Gottesdienstes steht also der dienende Gott, der uns freimacht. Wenn er gebietet, daß wir ihm dienen, verlangt er, daß wir in der von ihm geschenkten Freiheit von Ideologien und Illusionen verbleiben. Der Em­pfänger der Charis wird nun zugleich zum Träger der Charis und ihrer Befreiung in die Welt hinein. Sein Dienst wird jeweils und immer Bezeugung und Realisierung göttlicher Befrei­ungsmacht gegenüber dem Menschen, charismati­sches Handeln sein. Das erste Gebot ist in Wahrheit Evangelium. Es ruft uns auf, weiterzugeben, was uns gegeben wurde, nämlich Frei­heit der Gnade.

Nachfolge des Gekreuzigten ist Bewährung der göttlichen Befreiungsmacht in einer von Dämonen besessenen Welt

Das erste Gebot wird jedoch im Nazarener konkretisiert und in der Nachfolge des Gekreuzig­ten Bewährung der göttlichen Befreiungsmacht in einer von Dämonen beses­senen Welt. Ver­nunft, Gewissen, Verständnis für die Situa­tion haben dabei mitzuspielen, so daß wir hierin heidnischer Ethik nahekommen. Von dieser Ethik trennen wir uns jedoch darin, daß unsere Freiheit sich zunächst und geradezu revolutionär im Widerstand gegen die Besessenheiten der Welt äußert. Das aber ist die grundlegende Erfahrung meiner Generation gewesen. In der radi­kalen deutschen Bekenntnisgemeinde wurden wir stigmatisiert, weil wir als Jünger Jesu zu Partisanen des Evangeliums werden mußten und den Tod durch Tyrannen um protestantischer Freiheit willen riskierten.

Wir haben uns 1933 Verbrechern ausgeliefert

Ich überspringe die Zeit meiner kirchlichen Ausbildung, um so kurz wie möglich über den Kirchenkampf in meiner Gemeinde Gelsenkirchen-Rotthausen zu berichten, die bei einem Gebietsaustausch zwischen den Zechen vom Rheinland nach Westfalen ausgegliedert wurde. Zuvor habe ich zu gestehen, daß auch ich von 1930 bis 1933 Hitler gewählt habe. Meine Ar­beit in der Gemeinde und für meine Dissertation ließ mir wenig Zeit zur politischen Beschäf­tigung. Als Synodalvikar in Barmen mußte ich anderthalb Jahre hindurch jede Nacht vom Bürgerkrieg bis vor meine Türe Kenntnis nehmen und sehnte harte Ordnung herbei. In Fami­lie und Schule hatten wir ständig zu hören bekommen, daß der Friedensvertrag in Versailles uns Deutsche schändlich gedemütigt habe. Schließlich hinterließ der verlorene Krieg sechs Millionen Arbeitslose in unserem Lande. Meine Freunde und ich stimmten deshalb darin überein, daß nur eine starke Regierung uns aufhelfen konnte. Hitler mißtraute ich nach seinem Einsatz für einen verbrecherischen SA-Mann in Schlesien. Doch war ich naiv genug, um anzunehmen, daß wir ihn nach vier Jahren in der nächsten Wahl wieder loswerden könnten. Inzwischen hatte sich kirchlich die Partei der Deutschen Christen gebildet. Ihre Zahl erhöhte sich im Sommer 1933 von vier auf 45 Gliedern in meiner Gemeindevertretung. Als dann der sogenannte Reichsbischof die evangelischen Jugendverbände der Hitlerjugend einreihte und der Röhm-Putsch innerhalb der Naziführung Differenzen durch vielfachen Mord beseitigen ließ, war nicht mehr zu übersehen, daß wir Verbrechern ausgeliefert waren, die unentwegt Gewalt demonstrierten und nur der Gewalt weichen würden.

Die Begründung der Bekenntnisgemeinde in Wuppertal führte in die politische Opposition. Ich hatte schon im Herbst 1933 den Reichsbischof für einen Verräter an der evangelischen Kirche erklärt, wurde von da an den Nazis verhaßt, in späteren Jahren vom Kreisleiter in Gel­senkir­chen auf dem Marktplatz als Volksverräter proklamiert und den höheren Behörden zur Aufnahme in ein KZ empfohlen. Unser Kirchmeister unterstützte das in einem Appell an die höchste Dienststelle in Berlin. Für beide Seiten gab es dann kein Zurück mehr. Das bekundete sich in den Sitzungen der Gemeindevertretung, der ich als Präses der Gemeinde kirchliche Autorität absprach und nur profane Wichtigkeit beließ.

Kirchenkampf in Gelsenkirchen-Rotthausen

Im Herbst 1934 erfuhr ich vertraulich, daß die Bekenntnisgemeinschaft sich offiziell von den Deutschen Christen zu trennen gedachte. Mit zwei Kollegen und 12 Gliedern der Bekennen­den Gemeinde beschlossen wir nun sofort anzugreifen und zum Bußtag am 15.11.1934 die 45 Deutschen Christen aus dem Kirchendienst zu entlassen. Das wurde nach der Kirchenord­nung an drei Sonntagen vorher in den Gottesdiensten öffentlich bekanntgegeben und am Buß­tag in feierlichem Gottesdienst durchgeführt. Vor dem Altar wurden 45 Glieder der bekennen­den Gemeinde als Ersatz für die entlassenen Deutschen Christen präsentiert. Wir waren wohl die erste Gemeinde in Deutschland, die das wagte. Was wir wagten, wäre allerdings wohl nie gelungen, wenn nicht passiert wäre, was uns als Wunder erschien. Am Bußtag bereitete sich ein Krawall auf dem Platz um die Kirche vor. Nazis aus Gelsenkirchen hatten ausgemacht, daß sie unser Vorhaben nicht dulden wollten. Die Pastoren sollten aus der Kirche herausge­prügelt, der Gottesdienst verhindert werden. Dagegen standen viele Frauen aus unserer Frau­enhilfe, dem Rückgrat der Gemeinde, die den Männern zwar nicht mit dem Besen drohten, aber aggressiv mitzumachen versprachen. Neugierige jeden Alters und Standes begrenzten das Kampffeld.

Da tauchte plötzlich der Referent für Kirchenwesen in der Gauleitung Westfalen-Nord, Graf Stosch auf, von etwa 50 Polizisten begleitet, und gebot die Räumung des Platzes im Namen der Staatsgewalt. Er selber nahm am Gottesdienst teil, der nun wie programmiert ablief. Ich predigte über Jeremia 7,1-15, einer ungewöhnlich geballten Kritik am Hause Israel, und führte dann 45 Glieder der Bekenntnisgemeinde als Ersatz der entlassenen Deutschen Christen ein. Man konnte da ältere Männer weinen sehen. Graf Stosch hatte uns am vorherigen Tag mitge­teilt, daß er von Berlin beauftragt wäre, die Pastoren in Schutzhaft zu nehmen und den Gottes­dienst zu verhindern. Als wir seine Frage, ob wir dennoch bei unserer Ankündigung bleiben würden bejahten, hatte er uns seines Schutzes versichert. Berlin war von ihm informiert wor­den, daß er die Ordnung garantiere. Ich weiß nicht, was ihn trieb. Familientradition im Schle­sischen Adel mochte ihn hindern, Gewalt gegen die Kirche einzusetzen. Vielleicht hatte er aber beim Röhm-Putsch und der Ermordung schlesischer SA-Führer sich von der Tyrannei zu distanzieren gelernt. Er ist dann aus der Gauleitung geschieden und Regierungs­präsident in Minden geworden. Ich habe sein Gedächtnis zu bewahren. Mit ihm verbindet sich für mich der Gipfel unseres Kampfes.

Keine Kompromisse mit unseren Gegnern

Der Kampf ging freilich weiter. Nicht einmal unsere Synode in Westfalen sah in uns die Vor­hut des eigenen Weges. Man wolle erst abwarten, wie unser Experiment ausgehe, so hat man mir geschrieben. Wir blieben sogar durch unsere Leitung isoliert. Von einer damals vorhan­denen, kirchlichen Ethik des Wider­standes sollte man heute nicht sprechen. Wir waren Par­tisanen. Unser Erbe ist dann auch nach dem Kriege schon in Treysa um der Volkskirche des vorherigen Jahrhunderts willen vergraben worden. Versöhnung gerade auch im religiösen Bereich ist die Losung weltweit geworden. Mir wurde solche Ideologie ausgetrieben, als 1937 Niemöller ins KZ und gleichzeitig 700 evangelische Pastoren ins Gefängnis mußten. Damals hatte ich in einem Fürbittegottesdienst über Jesaja 26,13 zu predigen: „Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns denn Du. Aber wir gedenken doch allein Dein und Deines Namens.“ Ich habe schon damals in Zorn und Schmerz festgestellt, daß Versöhnung Gottes mit uns nicht in Kompromissen mit unseren Gegnern fortgesetzt werden dürfe. Die Kehrseite der Freiheit ist und bleibt kirchlich der Widerstand gegen die Götzendiener. Am folgenden Tag hat mich dann die Gestapo abgeholt. Sie war sehr vorsichtig und ging mir 30 Schritte voraus. Bergarbeiter können immerhin auch gewalttätig werden und Behörden den Respekt verweigern, den der normale Bürger nie verweigern wird.

Ich habe 1937 in Erinnerung, weil ich am Karfreitag sieben Stunden in vier Gottesdiensten aushalten mußte, um in der Osterwoche Kindern und Enkeln der Glieder ostpreußischer Gebetsvereine das Abendmahl zu reichen. Solange es möglich war, hatte ein Drittel meiner Gemeinde SPD oder KPD gewählt. Ich habe damals nicht „Versöhnung“ kon­statiert, aber Gemeinschaft von Christen und Proletariern, die es vorher in Deutschland nicht gegeben hatte. In den Gottesdienst kamen manche mit der Begründung, daß der Pastor auch zu ihnen gekommen sei, und andere aus Neugier, wann endlich es um meinen Hals gehen würde. Drei Jahre lang vor dem Kriege haben wir Nacht für Nacht Sicherheit nicht gekannt, die es nur für willfährige Staats­bürger gab. Sicher aber war ich außer bei einem Konrektor, der mir sein Haus verbot, bei meinen kommunistischen Masuren, und ich vergesse ihnen das nicht.

„Das wandernde Gottesvolk“ und das Gelsenkirchener Gefängnis

Die rund 25 Tage vor der Amnestierung ohne Verhör waren für mich sogar beruhigend. Ich hatte nicht täglich von einem Haus zum anderen zu hetzen, brauchte nicht nachts Sterbenden das Abendmahl zu geben. Man hat mir nie ein böses Wort gesagt. Der Inspektor des Gefäng­nisses besorgte mir eine Kiste von Brasilzigarren und erlaubte, daß mir Bücher, Exzerpte und Papier geschickt würden, damit ich meine Studie zum Hebräerbrief „Das wandernde Gottes­volk“ abschließen könnte. Ab und zu besuchte mich abends ein Wärter, um zu fragen, wie ein Pfarrer hinter Schloß und Riegel kommen könnte, wie es mit mir als erstem Theologen in der Geschichte Gelsenkirchens geschah. Am Sonntagmorgen blies der Posaunenchor vom gegen­überliegenden Krankenhaus aus: „Wach auf, wach auf, du deutsches Land. Du hast genug geschlafen“ und anderes Stärkendes. Die Gräten in der Heringssuppe am Mittwoch und die Sorge, bei Entlassung auf der Treppe des Gefängnisses von der Gestapo verhaftet zu werden, störten allein meinen Frieden. Die Gemeinde hat sich bis zum Kriege, zuletzt mit einer Fahrt von sechs netten Frauen und sechs stabilen Kumpeln zum Oberkirchenrat in Berlin nicht in die Defensive drängen lassen. Als sie dort nicht angenommen wurden, setzten sie sich auf die Treppenstufen und hielten aus bis Präsident, die Vizepräsidenten und Oberkirchenräte ihre Zimmer verlassen mußten und von ihnen feminin streichelnd, maskulin grob über Rotthausen aufgeklärt wurden. Wir haben erreicht, daß unsere Akten bis zum Kriegsende verschoben wurden und wie das aber aussehen würde, ist mir nicht einen Augenblick lang fraglich gewesen.

„Résistez!“ Nachfolge des Gekreuzigten führt notwendig zum Widerstand gegen Götzendienst an jeder Front.

Ich möchte hier abbrechen. Wenn ich erzählen sollte, wie ich für drei Jahre Soldat werden mußte, vielleicht sogar vom Bezirkskommando fürsorglich vor einem Eingriff der Nazis, mich außer Griffweite zu bringen, wie ich endlich das Lager in Kreuznach, in dem 70.000 Gefangene hungerten, überstand, dann in eine stark zerbombte Gemeinde zurückkehrte und gleich erfuhr, daß ich als Neutestamentler für Münster ausgewählt worden war, aber wegen einer Denunziation statt dessen in Mainz landete, führte zu weit in Biographie. Über die theologischen Probleme die in Mainz, Göttingen und 37 Jahre lang in Tübingen erwuchsen, geben meine Studenten und meine Schriften Auskunft. Ich danke ihnen allen für geduldiges Zuhören und mehr noch dafür, daß Sie mich heute ehren. Gern würde ich jedem von Ihnen die Hand und meinen Dank geben, ohne es zu können. Das Alter verhindert Zeichen erhaltener Freundschaft. Lassen Sie mich darum als letztes Wort und als mein Erbe Ihnen hugenottisch zurufen: „Résistez!“ Denn die Nachfolge des Gekreuzigten führt notwendig zum Widerstand gegen Götzendienst an jeder Front, und dieser Widerstand ist und hat zu sein das wichtigste Merkmal christlicher Freiheit.

Hier Käsemanns Rede als pdf.

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