Günther Bornkamms Nachwort zu Jean Paul, Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei: „Nun steht er, Christus selbst, der die Schrecken bannen und die Leiden lösen sollte, da er doch, wie der Glaube wähnte, dem Herzen des Vaters entsprungen, das Herz des Vaters erschloß, für die furchtbare Wahrheit der Enttäuschung ein: Er ist nicht!“

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Neutestamentler Günther Bornkamm Jean Pauls Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei (Lüneburg: Heliand Verlag 1947) als Separatdruck zur Veröffentlichung gebracht und mit einem eigenen Nachwort versehen:

Nachwort zu Jean Paul, Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei

Von Günther Bornkamm

Ungezählte Menschen unserer Tage sind heute in eben der Lage, die Jean Paul in seiner Dich­tung als bedrohliche Möglichkeit über seinem Leben herausziehen sieht. Ihr Herz ist „so un­glücklich und ausgestorben, daß in ihm alle Gefühle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstört“ sind. Wir alle kennen heute dieses „Aussterben“ des Herzens, das unter der erdrückenden Last und Fülle des Erlebten schier nichts mehr erlebt, so arm geworden, daß es nicht einmal mehr trauern kann, so zu Asche verbrannt, daß keine Flamme es mehr zum Glühen und Lodern bringt. Mitteninne zwischen dem erloschenen Glanz der Vergangenheit und dem undurch­dringlichen Dunkel der Zukunft treibt eine sinnlose Gegenwart das Leben aus der dumpfen Mühsal des einen Tages dem nächsten zu. Das Verhängnis der Vernichtung brütet über unse­ren Erinnerungen und erdrückt unsere Hoffnungen, die fahle Maske des Nichts starrt uns tau­sendfach aus den Gesichtern der Menschen und den Trümmern unserer gestürzten Welt an. In dem gierigen Strudel des Nichts droht alles zu versinken: Leben und Tod, Welt und Gott.

In dieser Abgründigkeit enthüllt sich der Atheismus als das, was er ist. Er ist von seinem Grunde her nicht eine weltanschauliche Theorie – er mag sich solcher [12] bedienen –, son­dern Anfechtung und Verhängnis unseres menschlichen Daseins überhaupt. Die Zeit ist vor­bei, da Menschen ernstlich wähnen konnten, daß mit der großen Entdeckung „Gott ist tot“ (Nietzsche) die große Stunde des Menschen heraufzöge. Wo der „große Mittag“ heraufziehen sollte, breitet sich Nacht. Der Mythos des Übermenschen ist zerschlagen, der Untermensch ist geblieben. Der Stolz des Prometheus. der „seine“ Erde behauptet und verteidigt gegenüber dem Herrenrecht Gottes, ist zu Spott geworden. Geblieben sind die furchtbaren Fesseln, mit denen der Aufrührer an den Felsen der Welt geschmiedet ist. Geblieben ist die bittere Er­kenntnis, daß jene trotzige Forderung des Prometheus von keinem Gott im Himmel ange­nommen und erfüllt ist:

Mußt mir meine Erde
doch lassen stehn
und meine Hütte,
die du nicht gebaut,
und meinen Herd,
um dessen Glut
du mich beneidest.

Erde, Hütte und Herd sind nicht stehengeblieben, sondern in Stücke geschlagen. Der Mensch, der Gott stürzen sah, ist selbst gestürzt. Die Leugnung Gottes hat nicht unter Gott, sondern unter uns den Abgrund ausgerissen. Der Atheismus ist nicht zu einer Bedrohung Gottes, son­dern unseres eigenen Daseins geworden.

Freilich, niemand meine, dass solche Einsicht in das, was der Atheismus unter uns und in uns anrichtet, schon ein neuer Anfang des Glaubens an Gott sei, als ließen Atheismus und Nihilis­mus, denen wir zu verfallen drohen, [13] mit Gründen sich widerlegen, als wäre der Weg zu­rück eine verfügbare, freie Möglichkeit. Nur eine Hilfe steht dem vom Atheismus bedrohten und befallenen Menschen im Horizont seiner eigenen Möglichkeiten bereit. Diese Hilfe will Jean Pauls seltsam großartige und unheimliche Dichtung ihm gewähren. Sie besteht in nichts anderem als in der radikalen Enthüllung dessen, was Atheismus wirklich bedeutet. Sie nimmt ihn beim Wort und gibt Dasein und Welt in einem apokalyptischen Traum seiner zerstörenden Gewalt preis. Die Eiseskälte des Todes breitet sich über das All und wandelt die Welt in einen unermeßlichen Leichnam. Die Stunde, auf die sie mit allen Toten, die in ihren Gräbern ruhen, gewartet hat mit ängstlichem Harren, die Stunde, da ihre Gestalt vergeht, ihre Nichtigkeit ein Ende hat und die Herrlichkeit der Kinder Gottes offenbar werden soll, wird hier zu der Stunde, in der der Glaube enttäuscht wird. Es ist der Tag. von dem der Hymnus der Kirche singt:

dies irae, dies illa solvet saeclum in favilla.

Es zieht der Tag des Zorns herauf, löst die Welt in Asche auf.

Aber kein Richter und kein Retter führt ihn heraus, sondern „die kalte, ewige Notwendigkeit“, der „wahnsinnige Zufall“, und der, der den Glauben weckte an den unendlichen Vater, kommt, diesem selben Glauben ein schreckliches Ende zu bereiten. Seine Stimme hat die un­ermeßlichen Weiten und Wüsten des Himmels, die Abgründe aller Welten durchdrungen und ist im Leeren verhallt. Nun steht er, Christus selbst, der die Schrecken bannen und die Leiden lösen sollte, da er doch, wie der Glaube wähnte, dem Herzen des Vaters entsprungen, das Herz des Vaters erschloß, [14] für die furchtbare Wahrheit der Enttäuschung ein: Er ist nicht!

Wahrlich ein sinnverwirrender Rollentausch! In einer früheren Fassung hatte Jean Paul diese Rede des toten Christus dem toten Shakespeare in den Mund gelegt. In dieser letzten, an die Grenze der Lästerung rührenden Fassung ist sie zur Rede des toten Christus geworden, da dem Atheismus auch das Wort des Bürgen der göttlichen Wahrheit sich in sein Gegenteil ver­kehrt – bewegend und aufrührend freilich doch darin, daß er als der menschlichste Mensch zum Munde der klagenden Menschheit wird. So muß er, der für den Glauben der Geringsten eintrat und ihre Engel allezeit vor Gottes Angesicht stehen sah, sie in das Nichts hinabsinken lassen. Nun ist die Ewigkeit zur unendlichen Leere geworden, die Welt zum Chaos. das Leben zum flatternden Schatten, das Dasein zur unermeßlichen Einsamkeit: „Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alls!“ – „Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo.“ Und die Kirche auf Erden, die Stätte, da die Welt ihren Grund finden sollte, ist zur Stätte geworden, da sie diesen Grund ver­liert und ins Bodenlose stürzt.

Daß es ein Traum ist, was hier geträumt ward: Er ist nicht! Und daß es Wirklichkeit ist, die den Erwachten umfängt, die ihm Tränen und Freude, den unendlichen Vater und eine fro­he, vergängliche Welt wiedergibt, Wirklichkeit, die nur anbetend ergriffen werden kann: Er ist! – Wie soll es dafür Beweise geben? Der Glaube hat für sie keine andere Bürgschaft als den, der die Liebe des Vaters selbst ist und über Lebendigen und Toten das Licht der Hoff­nung entfacht, Jesus Christus. Die Wirklichkeit seines Lebens [15] inmitten von Tod und Grauen, die Wirklichkeit seines Lebens aus dem Tod, die eine Welt aus Sterben und Vernich­tung heim bringt in den Frieden des unendlichen Vaters, ist der einzige Grund, der den Glau­ben über den Abgründen des Nichts gründet. Im Blick aus ihn wird die gegenwärtige Trübsal zeitlich und leicht, ihre unermeßliche Last bekommt Maß und Ziel, ihre unabsehbare Zeit wird absehbar. Kein anderer Grund wird den Atheismus überwinden, auch nicht die Erfahrung sei­ner eigenen Unerträglichkeit.

Der Träumende hört das Wort des toten Christus vom Weltgebäude herab, unter dem das Weltall zerbricht und alles Leben hinsinkt in ein Totenmeer: „Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.“ Der Erwachte hört das Wort des Lebendigen: „Ich will euch nicht Waisen lassen, ich komme zu euch.“

Quell: Jean Paul, Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei, Lübeck: Heliand, 1947, S. 11-15.

Hier Bornkamms Text als pdf.

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