Hans Joachim Iwands Predigt über Römer 12,16b-21 von 1945: „Ihr seid die Überlegenen, ihr lebt auf der Lichtseite unter dem Schein seiner Gnade.“

Am 21. Januar 1945 hielt Hans Joachim Iwand im zerbombten Dortmund seine Predigt über Römer 12,16b-21:

Predigt über Römer 12,16b-21

Von Hans Joachim Iwand

Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet nie­mand Böses mit Bösem. Fleißiget euch der Ehrbarkeit gegen jeder­mann. Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn (Gottes); denn es steht geschrieben: «Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr!» So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Vom Sieg ist hier die Rede. Es ist davon die Rede, daß unser aller Leben, soweit wir zu dem Volke Gottes gehören und von der Barmherzigkeit Gottes getragen sind, auf Sieg ausgerichtet ist. Die Verheißung dieses Sieges, die uns mitgegeben ist, soll Wirklichkeit werden. Unser ganzes Tun und Lassen soll ein Bemühen sein um diesen Sieg.

Wir müssen uns freilich von vornherein klar machen, daß hier nicht von Sieg in einem welt­lichen Sinne die Rede ist, d. h. im Sinne eines Sich-durch-setzens gegenüber den Widerstän­den und Hindernissen, wie wir wohl sonst im Leben in solchen Fällen von Erfolg und Selbst­behauptung reden. Vielleicht meinen wir, den Gang des Christentums in der Welt in ähnlicher Weise verstehen zu können und denken uns, wenn vom Sieg die Rede ist, auch den Sieg des Christentums in diesem weltlichen Sinne. Gerade in der Bedrängnis unserer Tage können wir leicht dazu geneigt sein, da­nach Ausschau zu halten; wir meinen dann vielleicht, das Christen­tum sei eine geistige Großmacht, die alle Versuche der modernen Zeit, sie zu erschüttern und zu entwurzeln, eben doch schließlich nicht beseitigen können. Einmal werden diese Wider­stände weichen und sichtbar und spürbar vor unser aller Augen wird dann doch das Christen­tum oder die christliche Idee den Sieg an seine Fahnen heften. Es würde vielleicht auch pa­ckender und gewinnender für uns alle sein, wenn so vom Sieg die Rede wäre, es würde uns er­mutigen, auszuhalten in den Kämpfen und Anfechtungen, in denen wir stehen. Schließlich ist es doch eine große Sache, wenn man die Gewißheit hat, daß am Ende der Sieg steht. Dann erträgt man al­les viel leichter, was uns aufgebürdet wird. Es würde vielleicht auch von dieser Siegeszuversicht aus leichter gelingen, die wankenden und schwankenden Mitläufer wieder zu sammeln und sie neu unter dem Banner des Christentums zusammenzuscharen. Kein Wunder, daß darum uns allen die Versuchung nahe liegt, so zu reden und damit die müden und ver­zweifelten Herzen zu stärken.

Aber, nicht wahr, das ist das Wunderbare an den Worten, die wir eben gehört haben, daß der Apostel ganz und gar nicht so redet, wenn er uns hinweist auf den Sieg, den zu erringen wir berufen sind. Und es könnte uns vielleicht auffallen, wie wenig er und über­haupt die von Got­tes Geist bewegten Männer, die im Neuen Testa­ment zu uns reden, von der Frage bewegt sind, ob und wie sich das Christentum, weltlich gesehen, durchsetzen wird. Uns ist das heute eine sehr wichtige Frage geworden. Wie kommt es nur, daß die Apo­stel, denen ja eigentlich diese Frage noch viel wichtiger sein mußte, weil sie ja menschlich gesehen die Propagandi­sten und Agitatoren dieser neuen Religion waren, davon gar nicht reden? Es könnte sein, daß wir sie im tiefsten mißverstehen, wenn wir sie so sehen als Agita­toren einer Religion oder einer Welt- und Lebensanschauung, der sie durchaus zum Siege verhelfen wollten. Sie sind vielmehr, wenn man näher zusieht, von vornherein davon überzeugt, daß diese Frage längst erledigt ist. Gott ist Sieger. Der Tod und die Sünde haben verloren. In der Auferstehung des Herrn Christus ist der Sieg Gottes ein für allemal offenbar geworden. Es kommt also jetzt nicht mehr darauf an, was aus dieser Sache Gottes, was aus dem Evangelium von Jesus Chri­stus, weltlich gesehen, wird. Die Ent­scheidung darüber ist gefallen, sondern es kommt viel­mehr darauf an, wie weit wir an diesem Siege teilhaben. Den Aposteln Jesu Christi liegt daran, den Menschen die Augen dafür aufzuschließen, daß sie alle an diesem Sieg teilhaben können und ihnen die Kampfesweise zu lehren, wie sie recht kämpfend den Siegespreis erlan­gen können. Wenn sie nämlich so vom Sieg redeten, wie wir das viel­leicht erwarten, weil wir die Menschen, die sich für das Christen­tum einsetzen, so gewöhnt sind, reden zu hören, dann würde ja doch wieder dies alles «menschlich klug» gesprochen sein, wir müßten uns überle­gen, wie wir die verschiedenen Schichten, die Men­schen oben und die Menschen unten, die modernen Menschen, die gebildeten Menschen, wie wir den Soldaten und den Arbeiter oder den Bürger für die Sache des Christentums interessieren und ge­winnen könnten. Wir würden sehr klug sein müssen, wir würden sehr vorsichtig und sehr taktisch verfahren müssen, und wir wür­den damit wieder die menschliche Klugheit in den Gang einer Ge­schichte einschalten, die damit sehr wenig oder besser gesagt gar nichts zu tun hat. Denn der Gang dieser Geschich­te, der bei dem Stall von Bethlehem anhebt und bei dem Kreuz von Golgatha endet, hat mit menschlicher Klugheit sehr wenig zu tun und immer wie­der haben sich darum Menschen, die in dieser Welt Bescheid wissen, weil sie auf den Höhen der Macht wandeln und die Tiefen der Wis­senschaft erforschen, darüber gewundert und daran gestoßen, daß der Sieg Gottes einen solchen seltsamen, ohnmächtigen und sinnlosen Weg geht. Und wir haben uns gewiß alle schon daran geärgert und ärgern uns täglich daran.

Darum beginnt der Apostel mit den Worten: «Haltet euch nicht selbst für klug». Wenn ihr nämlich begreifen wollt, welches der Weg zum Siege ist, den Gott mit euch im Sinne hat, dann ist eure Klug­heit euch außerordentlich schädlich. Hier geht es nach ganz ande­ren Maßstäben, hier wird nicht um den Sieg gestritten, wie sonst in der Welt um den Sieg ge­stritten wird. Hier tut eine ganz andere Tapferkeit not und ein ganz anderer Glaube, als sonst in der Welt. Und darum, wenn ihr nach den Maßstäben eurer Klugheit diese Be­lehrungen Gottes beurteilt, dann werdet ihr alles weitere, was euch nun gesagt wird, von dem Weg zum Siege, von dieser seltsamen und wundersamen Strategie, die in Gottes Reich gilt und nach der auch ihr als Menschen dieses Reiches kämpfen sollt, ablehnen. Diese eure Klugheit wird euch selbst im Wege sein, wenn es darauf an­kommt, Gott und seine Ziele zu begreifen. Ihr werdet einfach alles, was ihr jetzt hören werdet, für Torheit halten, es wird einfach nicht hinein pas­sen und es kann nicht hineinpassen in das Schema eures weltlichen Denkens. Aber laßt es euch gesagt sein, diese Tor­heit Gottes ist weiser, als die Menschen sind. Es ist besser mit Gott ein Tor zu werden und als ein Narr dazustehen im Urteil der menschlichen Klugheit, als den Versuch zu machen, nach eigener Weisheit um den Sieg zu ringen, um den es hier geht.

Denn wie ihr wohl gehört habt, es geht um den Sieg über das Böse: «Besiege im Guten das Böse!» Das ist die Aufgabe, die uns gestellt ist. Und nun sehen wir erst, daß es dem Christen­tum, recht verstanden, nicht um sich selbst geht und daß es der Kirche, recht verstanden, nicht um sich selbst geht, wie es ja auch ihrem Herrn Jesus Christus niemals um sich selber ging. Denn darin unterschei­det er sich von uns allen, daß es ihm nie um sich selber ging. Sobald wir das vergessen und sobald wir meinen, der Zweck heilige die Mittel, und wo es um die Kirche und um das Christentum geht, da dürften wir auch einmal das Böse gut sein lassen, weil sie ja schließ­lich alle dem Siege Gottes dienen, sobald wir so denken, haben wir Gott die Sache schon aus der Hand genommen und aus dem Sieg ganz gewiß schon eine Niederlage gemacht. Das ist gerade das Wunderbare und das Große an der Sache Gottes, daß sie zusam­menfällt mit dem Sieg des Guten und das ist es gerade, was so schwer und doch wieder so herrlich zu glau­ben ist, daß die Sache Gottes der Sieg des Guten ist.

Freilich, es könnte sein, daß der eine oder andere unter uns im Stillen denkt, das interessiere ihn wenig, die andere Frage, der Sieg des Christentums, die Wiedereinsetzung der Kirche in ihre öffent­liche Macht und Geltung, das bewege uns alle, dafür lohne es sich, zu kämpfen. Aber der Sieg des Guten? Wer so denkt, den möchten wir einmal fragen, ob er denn an diesen Sieg des Guten glauben kann, ob er denn daran glauben kann, daß es möglich ist, das Böse mit dem Guten zu besiegen. Und vielleicht haben wir uns alle in jene anderen und falschen Gleise abdrängen lassen, weil uns je­ner schlichte und große Glaube an diesen Sieg fehlt. Weil wir ver­gessen haben, daß der Sieg des Christentums in der Welt nichts an­deres ist als der Sieg des Guten über das Böse. Und wir werden wohl alle zugeben müssen, daß das Böse um uns her, und gerade um dieses Böse geht es, um das Böse, das von außen her uns ent­gegentritt, um das Böse, das in der Welt herrscht, eine solche Macht ist, daß wir gar nicht mehr glauben kön­nen, daß diese Macht be­siegt werden kann. Aber wenn das nicht geht, wenn das Böse in der Welt unbesiegbar ist, dann können wir eigentlich auch nicht mehr an Gott glauben, jedenfalls nicht mehr an den Gott, der hier auf Erden unser Herr und Heiland ist. Dann überlassen wir die Welt dem Bösen und reservieren Gott den Himmel. Und wir selbst in unserem eigenen Leben ziehen uns ganz zurück und versuchen, was ja doch nicht geht, einen Strich zu ziehen zwischen uns und dem Bösen. Aber im Grunde genommen ist das alles Unglaube. Im Grunde genommen hängt der Glaube an Gott und daran, daß Gott Sieger ist, an der Siegesgewißheit, mit der wir dem Bösen wider­stehen. «Dein Wille geschehe», so beten wir doch, «wie im Himmel also auch auf Erden.» Und darum, weil wir das beten, können wir nicht die Welt dem Bösen überlassen und uns selbst vor der Welt zurückziehen, sondern wir müssen den Kampf mit dem Bösen auf­nehmen und müssen ihn aufnehmen mit der Gewißheit, es zu be­siegen.

Die erste Regel aber in diesem Kampf mit dem Bösen ist nun die, daß wir um Gottes Willen hier nicht in den Fehler verfallen, Gott spielen zu wollen. «Vergeltet nicht Böses mit Bösem.» Denn in der Tat: das kann allein Gott. Wenn ihr euch darauf einlaßt, den Richter und Rächer des Unrechts in der Welt zu spielen, dann werdet ihr damit eine Lawine auslösen, die euch selbst unter sich begraben wird. Es ist auch dies eine der Arten, zu der der Feind Gottes den Menschen verführt, den Thron Gottes einzunehmen und das Weltgericht zu beginnen. Wer kann diese Waage der göttlichen Gerechtigkeit in seiner Hand halten? Wer kennt des Men­schen Herz? Wer ist selbst so rein, daß er dieses scharfe, zweischneidige Schwert handhaben könnte, ohne daß es sich gegen ihn selbst richtet? Nein, der Raum für die Gerichte Gottes sei euch verschlossen, ihr kommt her von der göttlichen Barmherzigkeit, ihr habt ein anderes Gesetz gelernt, ihr kennt eine andere Gerechtigkeit, ihr kennt Gott anders, ihr kennt ihn von der Vergebung her, ihr kennt ihn als Freund und als Vater, und wenn das im Obersatz eures Glaubensbekenntnisses steht, dann dürft ihr in den Untersatz, in euer praktisches Tun und Lassen hinein, nicht die gegenteilige Sentenz aufnehmen. Gewiß, es gibt dies, den Zorn Got­tes, es gibt die großen Gerichte, von denen er selbst redet, der eifrige Gott, der die Sünden der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied, es gibt Sodom und Go­morra, es gibt das zer­störte Jerusalem, von dessen Straßen das Blut der erschlagenen Gotteszeugen zum Himmel schrie, aber vermei­det doch in die Nähe dieser Zone zu geraten! Ihr seid hinaus ge­rufen, euer Weg geht vorwärts, schaut nicht zurück, um nicht zur Salzsäule zu werden! Ihr seid nicht dazu da, das zu rächen, was euch an Unrecht angetan worden ist, ihr seid vielmehr dazu da, vor Gott einzutreten, fürbittend, daß das vergossene unschuldige Blut und das begangene Unrecht nicht über die Welt komme. Ihr seid die Überlegenen, ihr lebt auf der Lichtseite unter dem Schein seiner Gnade. Hier soll das Böse nicht vergolten werden, sondern hier soll und hier kann die Stätte sein, wo das Böse besiegt wird vom Guten. Wisset ihr nun, wes Geistes Kin­der ihr seid?

Und weil dem so ist, so dürft ihr bei allen Menschen, die euch begegnen, das Gute vorausset­zen, ihr dürft an sie glauben. Meint ihr nicht, daß sie alle darauf warten, daß einer sie erlöst aus dem Zauberbann des Bösen, meint ihr nicht, daß alle Welt darauf war­tet, einmal darauf angesprochen zu werden, daß das Böse selbst auf ihr lastet wie ein Fluch, von dem sie erlöst werden möchte? Wer wird sie darauf ansprechen? Etwa der Staat oder die Gesell­schaft? Ihr wißt ja ganz genau, daß die das nicht können und daß immer, wo das versucht worden ist, ein großes Fiasko das Ende war. Aber ihr, ihr seid dazu von Gott berufen, denn ihr wißt ja ganz genau, warum ihr bei allen Menschen das Gute voraussetzen dürft. Nicht etwa darum, weil sie selbst in der Lage sind, es zu wollen, sondern darum, weil euer Heiland und Herr Jesus Chri­stus für alle gestorben ist, weil es hier keine Ausnahme gibt, weil ihr keine Partei der Guten seid, weil die Tür, durch die ihr eingegan­gen seid, eine offene Tür ist und für alle offen steht. Darum hat euer Umgang mit den Menschen ein neues Gesicht bekommen. Ihr könnt sie ein­fach nicht mehr hoffnungslos, hilflos, erbarmungslos dem Bösen und seiner folgerichtigen inneren Zersetzung und Ge­richtsbarkeit preisgegeben sehen, sondern ihr müßt glauben, daß auch ihr Heiland da ist, daß auch sie auf ihn warten, daß auch sie zum Guten berufen sind, daß auch sie sich nicht eher froh und glück­lich fühlen werden, als bis ihr Leben unter die Macht seiner Barm­herzigkeit und seiner Vergebung tritt. Alle Menschen, die euch be­gegnen, müssen euch die Christusfrage stellen. Sie müssen euch die Frage stellen: Glaubst du, daß auch dieser Mensch freiwerden kann? Und wenn ihr das glaubt, dann müßt ihr sie als Brüder schon anse­hen, in der großen Hoffnung, daß auch ihnen das Gute näher liegt als das Böse. Ihr werdet das Böse, das ihr an ihnen seht, zwar sehen, aber nicht glauben, und das Gute, das ihr an ihnen noch nicht seht, das werdet ihr an ihnen glauben, ohne zu sehen.

Darum auch «so weit an euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden». Auch dies ist wieder eine Etappe auf dem Wege zum Sieg. Im Umgang mit euch, im Zusammenleben mit euch, soll den Menschen etwas davon aufgehen, daß der Kampf ums Dasein eben nicht das Grund­gesetz ihres Lebens ist. Es soll etwas davon auf­leuchten, daß es nicht heißt: Entweder du oder ich; es soll zu einer Entschärfung kommen all des Dynamits, das wir Menschen von Na­tur aus nach unserem Temperament, unseren Wünschen und Begier­den, unseren Meinungen und Dogmatiken in uns tragen. Daß Friede ist zwischen Gott und euch, daß ihr nicht nur den Vater, sondern auch den Bruder wiedergefunden habt, das muß hand­greiflich werden in eurem Umgang mit aller Welt. Die Welt soll erkennen, daß es wirklich eine Erfüllung gibt ihrer Sehnsucht nach Frieden. All euer Umgang mit ihnen soll ein Hinweis sein, ein Zei­chen auf den, der euer Friede ist. Frieden halten, das hieße doch, daß ihr den anderen gelten laßt, daß er sich nicht durch euch ver­drängt fühlt, daß deutlich wird, daß in eures Vaters Hause viele Wohnungen sind. Mag sein, daß eure Friedensbereitschaft nicht immer verstanden, nicht immer erwidert wird, aber bleibt auch dann die Überlegenen, laßt euch niemals darauf ein, Haß mit Haß und Ablehnung mit Ablehnung zu vergelten! Ihr könnt das schon darum, weil ihr wißt, daß ein Anderer die Vergeltung übernimmt, daß alles Böse und Haßerfüllte, alles Brudermörderische und Un­gute in sich selbst ein solches Gefälle hat, daß es die Menschen, die sich ihm verschreiben, der Auflösung entgegentreibt. Im Gegenteil, erschrecken müßtet ihr, wenn ihr das Kainzeichen des Zornes Got­tes auf der Stirn eures Bruders seht, wenn ihr seht, wie der Blitz des göttlichen Zornes in der Wolke zückt, und euere Brüder gar nicht wis­sen, in welcher furchtbaren Gefahr sie sich befinden.

Darum gibt es für euch im Grunde genommen keinen Feind. Im Gegenteil, ihr werdet eine wunderbare Solidarität gerade dem Feinde gegenüber erweisen, seine Not, sein Hunger, sein Durst, seine Verlassenheit, alles das werden Stationen sein, um ihm zu zeigen, daß er nicht euer Feind ist. Freut euch nicht darüber, wenn das Un­glück sie trifft, zeigt nicht mit Fingern auf sie und sagt nicht, nun hat sie Gott gerichtet, sondern, wissend, daß dies Gerichte Gottes sind, tretet mitten hinein, so wie Christus mitten zu euch getreten ist! Jawohl, es ist wahr, es kommt das Gericht Gottes über die Men­schen, aber durch euch soll die Barmherzigkeit zu ihnen kommen. Mögen dann auch solche Barmherzigkeiten auf ihrem Haupt bren­nen wie glühende Kohlen, mögen sie auch es euch nicht danken, es kommt ja darauf an, daß sie die Barmherzigkeit Gottes spüren, es kommt darauf an, daß der Glaube an den Sieg des Guten auch sie in die Entscheidung treibt.

Und darum noch einmal zum Schluß: Ihr sollt immer wissen, das Böse kann auch euch besie­gen. Wer Pech angreift, besudelt sich. In­dem ihr euch einlaßt, das Böse auf gleicher Ebene zu bekämpfen, begebt ihr euch eures Sieges. Beklagt euch dann nicht, daß das Böse in der Welt herrscht, ihr habt das Erstgeburtsrecht preisgegeben, das euch als Kindern Gottes verliehen ist. Ihr könnt Sieger sein; denn Gott ist Sieger.

Gehalten am 21. Januar 1945 (3. Sonntag nach Epiphanias) in Dortmund.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 128-135.

Hier die Predigt als pdf.

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