Wenn Moral und Natur nichts miteinander zu tun haben. Vom Unterschied zwischen westlicher und nicht-westlicher Wirk­lichkeitswahrnehmung (Flaw of the Excluded Middle)

In unserer westlichen, nachaufklärerischen Kultur wird – in Anlehnung an Aristoteles – zwischen Moral und Natur bzw. Ethik und Physik kategorisch unterschieden. Folglich kann moralisch-sittliches Verhalten keine Auswirkung auf die physische Gesundheit zeitigen. Ebenso kategorisch wird zwischen Immanenz (sichtbares bzw. erfahrbares „Diesseits“ und Transzendenz (unsichtbares „Jenseits“) unterschieden. Das Jenseits (was nicht in Raum und Zeit für uns zu erreichen ist) ist überzeitlich, ewig, absolut und kann nur im Denken, also geistig erreicht werden. In das Jenseits kann ich mit meinem leiblichen Handeln und Verhalten nicht eindringen. Umgekehrt wirkt aus dem Jenseits nichts auf mich ein. Gott transzendent (jenseitig) denken bewirkt nichts für mein Leben. Wo der Gottesgedanke sich bewusstgemacht wird, lässt sich daraus allenfalls indirekte Wirkungen auf mein irdisches Leben (tröstlich, sinnstiftend, kompensatorisch) erwarten. In diesem Sinne kann der Gottesgedanke als „Kontingenzbewältigung“ (Niklas Luhmann) funktional verstanden werden.

Das Jenseits in nicht-westlichen Kulturen gestaltet sich anderes: Auch wenn es ebenfalls unsichtbar bzw. nicht räumlich zugänglich ist, werden dort jedoch unsichtbare Kräfte, Mächte, Geister verortet, die auf das diesseitige Leben wirklich leiblich und seelisch Einfluss haben (nicht nur im geistigen Bewusstsein). Eigenes Fehlverhalten kann negative Auswirkun­gen an Leib und Seele zeitigen. Übersinnliche Kräfte und Mächte können sich im eigenen Leben entweder segensreich oder dämonisch-schädlich (z.B. durch Zauberei oder Hexerei) auswirken. Daher ist die Einhaltung von moralischen Regeln bzw. die Umkehr zur Moral (Buße) oder aber das Erbringen von materiellen oder sittlichen Opfern im Hinblick auf die unsichtbaren Mächte geboten. Der amerikanische Missionstheologe Paul G. Hiebert spricht davon, dass diese jenseitige Wirklichkeitsebene in der westlichen Kultur ausgefallen sei (Flaw of the Excluded Middle).

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