Jizchak Katzenelsons „Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk“ von 1943/44 in der Nachdichtung von Wolf Biermann: „Zähl die Millionen Schädel, Finger zeigen auf mich. Gott, mir grinst Der Tod. Gesichter, Lippen, im Gebet erstarrt, im Schrei. Walpurgisnacht“

Wohl eines der beeindruckensten Lebenszeugnisse über die Massenvernichtung von Juden durch das deutsche NS-Regime ist das Jizchak Katzenelsons „Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk“ mit seinen 15 Gesängen gegliedert in 225 langen vierzeiligen Strophen, das Wolf Biermann (dessen Vater Dagobert 1943 im KZ Ausschwitz ermordet wurde) als Nachdichtung „Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ 1994 veröffentlicht hatte. Im zweiten Gesang nimmt Katzenelson die Vision von der Auferweckung Israels aus dem Totenfeld bei Hesekiel 37,1-14 in seine Gott anklagende Zwiesprache mit dem Propheten hinein:

Zweiter Gesang

Ich spiele

1
Ich spiele. Ja, ich hockte auf dem Boden, meine Harfe klang
Todtraurig: Um mich rum ein ganzes Volk, das meine, ach!
Die umgebrachten Juden standen da und lauschten dem Gesang
Millionenmal ein Mensch: ein einzig Leid, millionenfach

2
Ein Haufen Volks. Dies Feld voll Knochen, wie’s Jecheskel
Einst sah, ist nur ein Häuflein im Vergleich. und sicherlich
Hätt der nicht fromme Sprüche abgesondert noch geredet viel
Vor all den Toten hier, er hätte seine Händ gerungen, so wie ich

3
Wie ich verwirrt – verstört wär der Prophet, er hätte schief
Den Kopf gehoben, irre in des Himmels wüstes Grau geäugt
Und hätte seinen Kopf dann hängen lassen, tief tief tief
Ein Stein, auch er stünd da versteinert, stumm und erdgebeugt

4
Jecheskel, du Jid, hast angegafft im Tal von Babylon
Verdorrte Knochen unsres Volks. Mit deiner Prophetie
Hast du dich treudoof führen lassen von dem hoh’n
Gebieter. Doch heut stinken deine Worte mir wie böse Ironie

5
Von wegen neues Fleisch auf alte Knochen, die Verheissung trügt
Du weisst ja selber nicht, was wird, weisst weder Ja noch Nein
Was bleibt von deiner Auferstehungs-Prophetie. Sie lügt!
Nichts bleibt von unserm Volk, nicht einmal das Gebein

6
Kein Knöchelchen, auf das noch Fleisch möcht wachsen oder Haut
Und nichts, wo Gott reinblasen könnte neuen Lebensgeist
Sieh doch! mein ausgelöschtes Volk, es ist verbrannt, es schaut
Mich an mit starren Augen, so, als wärn sie in der Glut vereist

7
Zähl die Millionen Schädel, Finger zeigen auf mich. Gott, mir grinst
Der Tod. Gesichter, Lippen, im Gebet erstarrt, im Schrei. Walpurgisnacht
Der deutsche Hexensabbat fegte alles weg. Ein Hirngespinst
Warn all die Juden offenbar. Ich hatte mir mein Volk bloss ausgedacht

8
Es ist nicht da und wird auf dieser Erd auch nie mehr leben, bloss
Ein Phantasiegebilde war das Judenvolk. Doch all seine Qual
Die Wunden allerdings sind nicht erfunden, die sind gross
das Massaker ist echt, und unser Blut fliesst fürchterlich real

9
Schau her! Sieh, weit und breit stehn alle alle um mich rum
Und stiern mich an, ein Schauder schüttelt meinen Leib
Sie sehn mit meiner Söhne Augen, Ben und Jom
Sie starren stumm mit Schwermutsblicken wie mein Weib

10
Mit seinen Augen gross und blau, mein Bruder Berel, da! Allein!
Ich seh es ja, die Frage steht ihm bang im Angesicht
Sein Blick sagt alles, ach, er sucht, sucht seine Kinderlein
In dem Millionenheer … ich sags ihm lieber nicht

11
Verschleppt ist auch mein Chanele, Gott weiss wohin
Und unsre beiden Söhnchen mit ihr mit. Jedoch
Wo Zvi blieb, ahnt die Ärmste nicht, noch wo ich bin.
sie weiss nicht, was mein Unglück ist: ich lebe noch

12
Sie starrt mich an. Das ganze Volk starrt stumm
Als säh es durch mich durch und sieht mich nicht
Dein Schweigen sagt so viel, komm, Chana, komm
Ich bitt dich: höre meine Stimme, du! erkenne mich

13
Mein Benni, Frühgeniechen, du verstehst es mühelos
Des letzten Jidden letztes Klagelied. Und du mein Licht
Mein Jomele, mein Trost, wo blieb dein Lächeln bloss?
Ich bitt dich: Jom, nein lächel, lächle lieber nicht

14
Dein Lächeln schreckt mich so wie meins, Klein-Jom
Hör lieber den Gesang. Ich werf mein Herz
Wie eine Hand auf meine Harfe. Schlimmer komm
– es soll ja weh tun! – komme über mich, du Schmerz

15
Was Jecheskel. Was Jirmijahu. Ich brauch euch nicht. Lasst sein
Umsonst hab ich geschrien, gewartet: Ach, ihr … prophezeit
Statt dass ihr einem helft. Ihr haut mich nicht mehr raus hier, nein
Ich sing im Schmerz mein letztes Lied und geh kaputt im Leid.

[15.X.43]

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