Dietrich Bonhoeffer: „Das Freisein von etwas erfährt seine Erfüllung erst in dem Freisein für etwas. Freisein allein um des Frei­seins willen aber führt zur Anarchie.“ (Gedanken zu William Patons Schrift “The Church and the New Order in Europe”)

Dietrich Bonhoeffer
Dietrich Bonhoeffer als Statue an der Westfront der Westminster Abbey in London Märtyrern des 20. Jahrhunderts

Aufschlussreich sind Dietrich Bonhoeffers Gedanken zu William Patons Friedensschrift “The Church and the New Order in Europe” vom Sommer 1941, die während seines Aufenthalts am Lac Champaix 5.-9. 9. 1941 entstanden sind und nur noch unvollständig erhalten sind:

 

Gedanken zu William Patons Schrift “The Church and the New Order in Europe”

Von Dietrich Bonhoeffer

1. Jede ernste Besinnung des Christen auf die Zukunft steht unter folgenden Vorbehalten:

a) die conditio Jacobea (Jakobus 4, 15), d.h. das Ernstnehmen dessen, daß die Zukunft ganz in Gottes Hand ist.

b) „Jeder Tag hat seine eigene Plage“ (Matth. 6, 34), d.h. der Glaube an Christus will täglich neu gewonnen und im Leben bewährt werden. [537]

c) Die Besinnung auf die Zukunft darf nicht zur Flucht in die Phantasie werden, sondern muß ein konkreter Dienst am Nächsten sein.

Diese drei Vorbehalte stehen spürbar hinter Paton’s Buch und so dürfen wir es als ernstes und verantwortliches christliches Zeugnis begrüßen. Es ist kein Zufall, daß ein solches Buch heute nicht aus Deutschland kommt. Die absolute Ungesichertheit des menschlichen Existierens führt dort auch bei den Christen fast überall zum völligen Verzicht auf jeden Gedanken an die Zukunft, was wiederum eine stark apokalyptische Haltung zur Folge hat. Unter dem Eindruck der Nähe des Jüngsten Tages geht der Blick für die geschichtliche Zukunft leicht verloren. Wiederum könnte der deutsche Leser des Patonschen Buches das völlige Fehlen einer eschatologischen Ausrichtung vermissen. |

2. Why peace aims?

Zu den von Paton aufgezählten, überzeugenden Argumenten kommt die innenpolitische Situation Deutschlands als wichtiges Argument hinzu. Es mag sein, daß bei der amtlichen Formulierung der Friedensziele die Berücksichtigung der innenpolitischen Situation Deutschlands nicht möglich ist; dennoch muß man darüber klar sein, daß die in letzter Zeit von der englischen Radiopropaganda besonders stark betonte Forderung der einseitigen Entwaffnung Deutschlands sich auf die innenpolitische Situation ungünstig auswirkt. Da kräftemäßig ausschließlich das Militär zur Beseitigung des gegenwärtigen Regimes fähig ist (jeder Arbeiteraufstand würde von der SS blutig niedergeschlagen), so muß man dies bei der Bekanntgabe der Friedensziele nach Deutschland berücksichtigen. Das wenige, das bisher von der großen kirchlichen Diskussion über den new order nach Deutschland [538] gedrungen ist, hat in wichtigen Kreisen der politischen Opposition einen sehr günstigen und starken Ein­druck gemacht. Warum schweigt die englische Radiopropaganda in ihren deutschen Sendun­gen darüber?

3. Das Chaos der ethischen Begriffe in Deutschland ist nicht so sehr durch die offen erklärte Feindschaft gegen die christliche Ethik entstanden – diese ist vielmehr klärend und insofern zu begrüßen – der tiefste Grund der ethischen Verwirrung liegt vielmehr in der Tatsache, daß die höchste Ungerechtigkeit, wie sie im nationalsozialistischen Regime verkörpert ist, sich in das Gewand relativer historischer und sozialer Gerechtigkeit kleiden konnte. Der Wagen von Compiègne ist geradezu das Symbol dafür, wie sich das Böse von einer Scheingerechtigkeit nährt. Für den, der die Dämonie des Bösen, das in der Gestalt des Gerechten erscheint, nicht durchschaut, liegt hier die Giftquelle aller ethischen Zersetzung. Daß es Hitler möglich wurde, sich zum Vollstrecker einer relativen historischen Gerechtigkeit zu machen, liegt nicht zum Geringsten in der Bereitwilligkeit Englands, Hitler seit 1933 alle diejenigen Konzessionen zu machen, die es der Weimarer Republik verweigert hatte. Damit stand England – gewiß be­stärkt durch die Loyalität weiter kirchlicher Kreise Deutschlands gegenüber Hitler – auf der Seite Hitlers gegen seine innenpolitische Opposition. Hitler empfing so von außen wie von innen die moralische Unterstützung für seinen Anspruch, der gottgesandte Vollstrecker histo­rischer Gerechtigkeit zu sein, und es konnte nur noch eine kleine Schar sein, die gerade hier den Satan in der Gestalt des Engels des Lichtes erkannte. [539]

4. […] Die Begründung einer neuen Ordnung der Welt kann in dem in Jesus Christus offen­barten Willen Gottes gesucht werden. Weil die Welt nur „in Christus“ und „auf Christus hin“ (Kol. 1) ihren Bestand hat, darum ist jede Betrachtung des Menschen „an sich“ oder der Welt und ihrer Ordnung „an sich“ eine Abstraktion. Alles steht nach Gottes Willen in Bezug auf Christus, ob es darum weiß oder nicht. Gott hat in den 10 Geboten die Grenzen offenbart, die nicht überschritten werden dürfen, wenn Christus in der Welt sein soll. Der Dekalog ist nega­tiv gefaßt. Die positiven Gestalten werden durch die lebendige Geschichte hervorgebracht und erfahren ihre Begrenzung und Kritik durch den Dekalog. Eine weltliche Ordnung, die sich innerhalb des Dekalogs hält, wird offen sein für Christus, d.h. für die Verkündigung der Kir­che und für das Leben nach seinem Wort. Eine solche Ordnung ist zwar nicht „christlich“, aber sie ist rechte irdische Ordnung nach Gottes Willen. Um die Aufrichtung einer solchen Ordnung geht es. Diese Ordnung war bis vor kurzem bedroht durch eine liberale Anarchie auf allen Lebensgebieten. Sie ist heute bedroht durch die Staats–Omnipotenz (sie könnte dem­nächst bedroht sein durch eine Wirtschaftsomnipotenz). Diese Staatsomnipotenz muß gebro­chen werden im Namen einer rechten Ordnung, die sich dem Gebot Gottes unterwirft.

Die angelsächsische Welt faßt heute ihren Kampf gegen die Staatsomnipotenz unter dem Be­griff der Freiheit zusammen. Sie versteht darunter die Wahrung der von Gott gegebenen Men­schenrechte gegenüber jeder Vergewaltigung. Der Deutsche empfindet die Staatsomnipo­tenz stärker als die willkürliche Auflösung aller echten Bindungen (Familie, Freundschaft, Heimat, Volk, Obrigkeit, Menschheit, Wissenschaft, Arbeit etc.) und [540] kämpft gegen die Staats­omnipotenz für die Aufrichtung echter Bindungen. Der Sache nach geht es auf beiden Seiten um dasselbe, nämlich um die Wiederherstellung einer echten weltlichen Ordnung unter Gottes Gebot. Die verschiedenen Ausdrucksformen haben verschiedene historische und gei­stesge­schichtliche Hintergründe. Der Begriff der Freiheit ist auch in der deutschen Geistesge­schich­te ein hohes Gut (Idealismus). Aber er bedarf der näheren Bestimmung. Das Freisein von etwas erfährt seine Erfüllung erst in dem Freisein für etwas. Freisein allein um des Frei­seins willen aber führt zur Anarchie.

Freiheit bedeutet biblisch: Freisein für den Dienst an Gott und am Nächsten, Freisein für den Gehorsam gegen die Gebote Gottes. Das setzt voraus: Freisein von jedem inneren und äuße­ren Zwang, der uns an diesem Dienst hindert. Freiheit bedeutet also nicht Auflösung aller Autorität, sondern es bedeutet: leben innerhalb der durch Gottes Wort geordneten und be­grenzten Autoritäten und Bindungen.

Die Frage der individuellen Freiheiten, wie Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit etc. ist erst in diesem übergeordneten Zusammenhang zu beantworten. Es kommt darauf an, wieweit diese Freiheiten notwendig und geeignet sind, die Freiheit des Lebens nach den Geboten Gottes zu fördern und sicherzustellen. Freiheit ist eben nicht in erster Linie ein indi­viduelles Recht, sondern eine Verantwortung, | Freiheit ist nicht in erster Linie ausgerich­tet am Individuum, sondern am Nächsten. […]

5. […] Die konkreten politischen Folgen dieser Überlegungen sind nun deutlich. Es kommt darauf an, ob in Deutschland eine staatliche Ordnung verwirklicht wird, die sich den Geboten Gottes verantwortlich weiß.

Das wird sichtbar werden an der restlosen Beseitigung des NS–Systems einschließlich und speziell der Gestapo, an der Wiederherstellung der Hoheit des gleichen Rechtes für alle, an einer Presse, die der Wahrheit dient, an der Wiederherstellung der Freiheit der Kirche, das Wort Gottes in Gebot und Evangelium [541] aller Welt zu predigen. Die ganze Frage ist, ob man in England und Amerika bereit sein wird, mit einer Regierung zu verhandeln, die auf dieser Grundlage steht, auch, wenn sie zunächst nicht im angelsächsischen Sinn des Wortes demokratisch aussieht. Eine solche Regierung könnte sich plötzlich bilden. Es käme viel darauf an, ob sie dann mit der sofortigen Unterstützung der Alliierten rechnen könnte. […]

6. […] widerspricht solange den wirklichen Kräfteverhältnissen, als die Sowjetunion unbesiegt ist. Nicht der Pangermanismus, sondern der Panslawismus ist die kommende Gefahr. Da ein neues Deutschland ganz von selbst – schon aus wirtschaftlichen Gründen – den Wunsch ha­ben wird, abzurüsten, ist es nicht geschickt – besonders im jetzigen Zeitpunkt – dieses immer wieder als Hauptforderung herauszustellen.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 16: Konspiration und Haft 1940-1945, hrsg. v. Jør­gen Glenthøj, Ulrich Kabitz und Wolf Krötke, München: Chr. Kaiser Verlag 1996, S. 536-541.

Hier der Text als pdf.

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