Martin Luthers Auslegung von Matthäus 14,22-33: „Der Glaube macht aus dem Meer einen trockenen Weg und der Zweifel wiederum macht aus dem trockenen Weg das alte Meer.“

Roland Litzenburger - Herr, rette mich
Roland Peter Litzenburger – Herr, ich ertrinke (Tinte und Tusche, 1952)

Auslegung von Matthäus 14,22-33 (Jesus und der sinkende Petrus auf dem Meer)

Von Martin Luther

Und alsbald trieb Jesus sein« Jünger, daß sie in das Schiff traten und vor ihm herüberführen, bis er das Volk von sich ließe. Und da er das Volk von sich gelassen hatte, stieg er auf einen Berg alleine, daß er betete. Und am Abend war er alleine daselbst. Und das Schiff war schon mitten auf dem Meer und litt Not von den Wellen; denn der Wind war wider sie. Aber in der vierten Nachwache kam Jesus zu ihnen und ging aus dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen aus dem Meer gehen, erschraken sie und sprachen: es ist ein Gespenst! und schrieen vor Furcht. Aber alsbald redet« Jesus mit ihnen und sprach: seid getrost, ich bins, fürchtet euch nicht!
Petrus aber antwortet« ihm und sprach: Herr, bist du e«, so heiß mich zu dir kommen aus dem Wasser. Und er sprach: komm her! Und Petrus trat aus dem Schiff und ging aus dem Wasser, daß er zu Jesus käme. Er sah aber einen starken Wind; da erschrak er und hub an zu sinken, schrie und sprach: Herr, hilf mir! Jesus aber reckt« bald die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: 3 o du Kleingläubiger, warum zweifeltest du? Und sie traten in das Schiff und der Wind legte sich. Die aber im Schiff waren, kamen und fielen vor ihm nieder und spra­chen: du bist wahrlich Gottes Sohn!
(Matth. 14,22-33)

In dieser Geschichte sind zwei Stücke zu beachten. Erstlich, daß Christus selber seine auf dem Meer verlassenen Jünger erschreckt. Daß sie von Wind und Meer geplagt wurden, wäre wohl des Schreckens genug gewesen; sie hätten viel eher Trost und Hilfe gebraucht. Er aber häuft Furcht auf Furcht, Gefahr auf Gefahr und erscheint ihnen nach ihrem langen Kampf auf dem Meer noch dazu schweigend und auf dem Meer wandelnd. Sie haben ja nicht daran den­ken können, daß er, den sie am Ufer zurückgelassen hatten, nun übers Meer zu ihnen käme: und wenn er schon auf dem Meere geht, so hätt er sie nicht so erschrecken und sich nicht so fremd stellen sollen. …

Warum tut er solches seinen geliebten Freunden und Jüngern an? Antwort: damit wir daraus lernen sollen, wie er den allerbesten Willen zu uns hat und aufs lieblichste mit uns spielt, wenn wir meinen, alles sei gänzlich verloren. Nur unsre Sünde ist schuld, daß wir nicht mer­ken, wie er gegenwärtig ist, und ihn für ein Gespenst oder für den Teufel halten, weil er etwas anders aussieht, als wir es denken, und schweigt. In der Anfechtung meinen wir immer, er sei am Ufer oder auf dem Berge, wo wir ihn verlassen haben, und könnens nicht fassen, daß er gegenwärtig ist. Darum gibt er uns hier die Regel: in allen Anfechtungen erdichten wir uns immer einen andern Gott als wie er wirklich ist….

Das sollen vor allem solche Leute merken, die in einem göttlichen Amt und Beruf stehen, wie hier die Jünger auf dem Meer; denn sie fuhren dort nicht aus eigenem Mutwillen, sondern auf Befehl und Heißen Christi selber, der sie zum Hinüberfahren getrieben hatte. Solchen Leuten widerfahren solche Dinge, damit sie sich bewähren. So ward auch Abraham versucht, seinen Sohn Isaak zu opfern. So kämpfte Jakob mit dem Engel. Das sind Anfechtungen, die mit Got­tes eigenen Verheißungen und Berufungen zu streiten scheinen. Da muß man feststehen und sprechen: wenn auch Gott selbst das Widerspiel geböte, so will ich dennoch nicht von dem Platze weichen, an den ich gestellt bin; denn entweder versucht er mich im Scherz oder, wenn ich zugrunde gehen soll, so wird er mich wieder auferwecken. So steht dann der Glaube bei dem obersten Gebot der göttlichen Berufung fest und spricht mit geschlossenen Augen: auch wenn Christus selbst anders sagte, so will ich doch nicht weichen, denn entweder ist es nicht wirklich Christus oder er will mit mir scherzen. So spricht auch Paulus Gal. 1 (V. 8): wenn auch ein Engel vom Himmel Evangelium predigte anders, denn wir euch gepredigt haben, der sei verflucht! Denn es ist eben nicht möglich, daß ein Engel vom Himmel im Ernst anders spricht. Drum, wenn er anders spricht, so glaube, daß er aus Liebe zu dir mit dir spielt, wie ein Vater mit seinem Kind spielt, um es zu versuchen. Das kann man mit Wort und Beispielen weit ausführen….

Das Auge ist dem Hören immer im Wege. Die sichtbaren Dinge nehmen das Wort und die unsichtbaren Dinge weg. Denn der Glaube hats mit unsichtbarem Dingen zu tun (Hebr. 11). Solange Petrus das Wörtlein „komm!“ hörte und nicht darauf sah, wie das Meer ihn tragen könne, ging er sicher auf dem Wasser. Aber als er anfing, den Wind zu sehen, da verlor er das Hören jenes Wörtleins „komm!“, da ging er dahin und versank. Der Glaube hat bei ihm stark begonnen, aber durch den Wind wird er schwach. Das ist ein Bild, das man weiter ausmalen müßte. Petrus wird ja auch so gemalt, damit wir uns nicht vermessen sollen, auch wenn wir «inen guten Anfang mit dem Glauben In der Anfechtung scheint Gott anders als er ist gemacht haben, sondern vielmehr Gott fürchten, an uns und unsern Kräften verzweifeln und allein ihn anflehen und bitten um seine Gnade.

Es ist aber auch für den versinkenden Petrus noch ein Trost und Heil vorhanden, daß er näm­lich ruft: Herr, hilf mir! Und Christus läßt den Schreienden nicht warte» und nicht im Stich, sondern hilft ihm alsbald in einem Augenblick. Es war auch wahrlich Zeit, sonst wäre Petrus fischen gangen unter das Meer und hätt« keine Fische mehr auf den Markt zu Bethsaida ge­bracht. Aber Christus erzeigt sich als einen Helfer in der Not, wie Psalm 9 (V. 10) geschrieben steht.

Darnach schilt ihn Christus, daß er so kleingläubig gewesen und gezweifelt habe und lädt die Schuld Petrus allein auf, nicht dem Meer und nicht dem Wind. Denn er spricht nicht: du Meer und Wetter, warum hast du das getan, warum hast du meinen Apostel wollen ersäufen? Son­dern so spricht er: Petrus, warum hast du gezweifelt? das Meer hat keine Schuld, es hat nur getan, was seine Art und Wesen ist, und du hast auch leiden müssen, was deine Art und We­sen ist! hättest du tapfer geglaubt und deine Art und Wesen ausgezogen, so hätte auch das Meer seine Art und Wesen ausgezogen und du wärest auf ihm weiter gegangen und es wäre dir fester Fels und Boden gewesen und geblieben. Zweifel und Glaube machen alles anders. Der Glaube macht aus dem Meer einen trockenen Weg und der Zweifel wiederum macht aus dem trockenen Weg das alte Meer. Dem Gläubigen ist alles möglich, dem Zweifler wiederum ist alles unmöglich. Der Glaube macht Götter d.h. Gotteskinder und Wundertäter, der Zweifel macht Menschen d.h. elende Leute.

WA 38, 574,3-10 und 17-25; 574,30-580,3; 580,21-581,4 (Annotationes in aliquot capita Matthaei)

Hier der Text als pdf.

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