Edmund Schlink über die Doxologie bzw. den Lobpreis in seiner Ökumenischen Dogmatik: „Gott ist zu preisen als der Herr, der in Freiheit seine großen Taten vollbracht hat, vollbringt und vollbringen wird.“

Edmund Schlink
Edmund Schlink (1903-1984)

Was Edmund Schlink 1983 in seiner Ökumenischen Dogmatik in Sachen Lobpreis und Doxologie geschrieben hat, ist immer noch lesenswert:

Die Doxologie

Wir würden Gott jedoch nicht in Wahrheit danksagen, wenn wir dabei nur auf das blicken würden, was wir durch sein Tun empfangen haben und was wir weiterhin für uns selbst und für die Mitmenschen von seinem Tun erwarten dürfen. Vielmehr erfolgt der Dank für Gottes Taten im Lobpreis Gottes. So hat die hebräische Sprache kein besonderes Wort für die Dank­sagung neben dem Lobpreis, sondern der Aufruf zum Dank ist im Aufruf zum Lobpreis ent­halten. In den neutestamentlichen Schriften sind für Dank und Lobpreis zwar verschiedene Worte verwendet, aber sie hängen auf das engste zusammen. Für Gottes Taten kann nicht gedankt werden, ohne daß Gott selbst gepriesen wird.

Gott ist zu preisen als der Herr, der in Freiheit seine großen Taten vollbracht hat, vollbringt und vollbringen wird. In seiner Freiheit hat er das All geschaffen. In seiner grundlosen Geduld hat er die Menschheit erhalten, wenngleich sie sich von ihm abgewandt hat und dem Tode verfallen war. Allein aus freiem Erbarmen hat er die israelitischen Stämme befreit und zu seinem Bundesvolk gemacht, wenngleich Israel „das kleinste unter allen Völkern“ (Dtn 7,7) und ein „halsstarriges Volk“ (Dtn 9,5) war. In der Freiheit seiner Liebe hat Gott seinen Sohn gesandt, wenngleich Israel den alten Bund gebrochen hatte, und er hat den Heiligen Geist ausgegossen, wenngleich Juden und Heiden Jesus ans Kreuz geschlagen hatten. Keine dieser Taten ist begründet im Wohlverhalten der Menschen. Vielmehr hat Gott sie vollbracht trotz des menschlichen Widerspruchs. Keine dieser Taten ist zwingend aus der vorangegangenen abzuleiten. Mit jeder von ihnen durchkreuzt er die Konsequenzen der menschlichen Sünde und überbietet die durch seine Verheißungen erweckten menschlichen Erwartungen. Gott ist immer mehr als seine Taten.

Gott ist nicht erst dadurch der Herr geworden, daß er das von ihm unterschiedene All erschuf, erhält und regiert, sondern als der Herr, der er ist, hat er das All geschaffen, erhalten und re­giert. Er ist auch nicht erst dadurch Herr geworden, daß seine Herrschaft durch Jesu Botschaft in diese Welt hereinbrach und er Jesus zum Herrn über das All erhöhte, — vollends nicht erst dadurch, daß Menschen dieser Botschaft Glauben schenkten und Jesus als Herrn bekannten. Sondern als der Herr, der er ist, hat er sein Werk der Erlösung getan und wird es in der Kraft des Heiligen Geistes vollenden. Gott ist auch nicht erst dadurch zu einem Liebenden gewor­den, daß er Geschöpfe ins Leben rief, denen er sich in Liebe zuwandte, sondern als der, der die Liebe ist, hat er ihnen das Leben gegeben, sie erlöst und wird sie vollends erneuern. Die Geduld, in der Gott die Sünder erhalten, das Erbarmen, mit dem er sich Israels angenommen, und die Liebe, in der er seinen Sohn für die Welt dahingegeben hat, sind Entscheidungen ein und derselben Liebe, die Gott immer schon ist.

Aufgrund der großen Taten seiner Macht und Liebe ist Gott anzuerkennen als der Herr, der von Ewigkeit zu Ewigkeit die Allmacht und die Liebe ist. In allen Aussagen über Gottes Taten ist die Anerkennung Gottes selbst enthalten. Denn in der Anerkennung der Freiheit, in der Gott seine Taten vollbracht hat, vollbringt und vollbringen wird, ist die Anerkennung enthalten, daß er schon vor seinen Taten war und immer sein wird. Die Anerkennung Gottes selbst ist auch enthalten in jedem Gebet. Denn die Beter rufen Gott an als den Vater, der schon weiß, was sie bedürfen, bevor sie ihn bitten, — ja, der sie schon kannte, bevor sie geboren wurden.

Daß Gott selbst von seinen Taten zu unterscheiden ist, kommt am deutlichsten zum Ausdruck in der Doxologie. Die Doxologie gründet in Gottes geschichtlicher Heilstat. Aber aufgrund der Heilstat rühmt sie Gott selbst. In ihrer Grundform lautet sie: „Herrlichkeit ist Gott“ (indi­kativisch) oder auch „Herrlichkeit sei Gott“ (optativisch) — dies aber nicht in dem Sinn, als ob ihm erst durch die Doxologie die Herrlichkeit zuteil würde, vielmehr wird hier die Herr­lichkeit gepriesen, die er von Ewigkeit zu Ewigkeit ist und hat, und es wird darum gebetet, daß alle diese Herrlichkeit anbeten. Zwar sind in der Doxologie gelegentlich auch die Taten genannt, aufgrund derer Gott verherrlicht wird. Dies gilt besonders von der Anbetung Gottes und Christi in Eulogien und Hymnen, die im weiteren Sinn ebenfalls als doxologische Ant­worten des Glaubens bezeichnet werden können. Aber die Doxologie bleibt nicht bei dem Lobpreis der göttlichen Taten stehen, sondern rühmt den ewigen Herrn, der sie vollbracht hat. Die Taten sind weniger Inhalt als vielmehr Anlaß des Lobpreises. „Preis, Ehre und Dank“ wird dem entgegengebracht, „der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Apk 4,9 f.). Der­selbe Gott, der sich in seinen Taten offenbart hat, wird als der Ewige gepriesen.

Wie Gottes vollbrachte Taten zwar Voraussetzung, aber nicht der eigentliche Inhalt der Do­xologie sind, so sind es auch nicht Gottes zukünftige Taten. Gott wird vielmehr angebetet als der Herr, von dessen Selbigkeit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Welt um­griffen und bestimmt sind. Dem entspricht es, daß in der Doxologie das Du der Anrede Gottes zu­rücktritt und Gott vor allem in der dritten Person, als Er, gepriesen wird. Denn es geht hier um den Lobpreis von Gott selbst, dessen Existenz nicht von uns als seinem Gegenüber ab­hängt, sondern der „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ derselbe Heilige, Allmächtige und Liebende ist.

Die Bedeutung der Doxologie würde mißverstanden, wenn man die Aussagen über Gott selbst für ein Produkt der doxologischen Aussagestruktur halten würde. Dasselbe Mißverständnis wurde bereits oben jeweils am Ende der ersten drei Hauptteile dieser Dogmatik zurückge­wiesen, nämlich in den Ausführungen über den ewigen Vater, den ewigen Sohn und den ewigen Geist. In der Doxologie kommt das lediglich zur expliziten Aussage, was implizit in allen theologischen Aussagen vorausgesetzt und enthalten ist, gleich auch in welcher Aussa­gestruktur sie geschehen. Jedes Gebet, jedes Zeugnis, jedes Bekenntnis hat seine Wahrheit und Kraft von daher, daß Gott in seiner Freiheit sich der Welt zugewandt hat, ja in sie einge­gangen ist.

Der Lobpreis Gottes selbst und der Dank für seine großen Taten gehören engstens zusammen. Denn aufgrund seiner Taten erkennen wir Gottes ewige Macht und Liebe, und wiederum er­kennen wir seine Taten als Entscheidungen dieser liebenden Macht. Zugleich aber ist zwi­schen Gott selbst und seinen Taten zu unterscheiden. Denn er tut seine Taten in seiner Freiheit ohne äußere oder innere Notwendigkeit. Wird zwischen Gott selbst und seinen Taten nicht unterschieden, dann kann es nicht ausbleiben, daß seine Taten schließlich nicht mehr als Gottes Taten anerkannt werden, sondern sich in Aussagen über die Welt und die Menschen auflösen: In kosmischer Allgemeinheit geschieht dies im Pantheismus und im anthropologi­schen Bereich in der Verallgemeinerung mystischer Erfahrungen der Einheit von Gott und Ich. Die Auflösung kann auch dadurch geschehen, daß Gott als Korrelat der Welt und des Menschen verstanden wird, als ob er nur mit dem Geschaffenen zusammen existiere. In wie­der anderer Weise kommt es zur Aufhebung des Gegenübers von Gott und Mensch, wenn die Weltgeschichte als Selbstentfaltung Gottes, zum Beispiel als der Weg verstanden wird, auf dem die unbewußte Gottheit zum personalen Bewußtsein gelangt. Aber alle Kirchen unter­scheiden zwischen Gott selbst in seiner ewigen Unbedingtheit, Freiheit und Selbigkeit und seinen Taten der Schöpfung, Erlösung und Neuschöpfung. Keine Kirche hat auf Bekenntnis- und Lehraussagen über Gott selbst in seiner ewigen Identität verzichtet. Wenn die Aussagen über Gott selbst nicht mehr gewagt werden, das heißt zugleich, wenn die Doxologie in der Kirche verstummt, dann werden auch die Gebete, die Zeugnisse sowie die Lehre und das Bekenntnis kraftlos und in sich zusammenfallen.

Hier das vollständige Kapitel XXV: Der Lobpreis Gottes als pdf.

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