Karl Barths Andacht für Karfreitag: „Kehre dich jetzt einmal ab auch von deiner Ehrlichkeit und Ohnmacht.“

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Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für Karfreitag:

Karfreitag

Wer ist nun willig, seine Hand heute dem Herrn zu füllen? 1. Chron. 29, 5

Das war die Frage des Königs David an die Fürsten und an das Volk von Israel, als es sich darum handelte, Gold und Silber zu geben zum Schmuck des Tempels. Und wir erfahren, daß sie reichlich und freudig gaben, und die rechte Erklärung dieses Vorganges fehlt auch nicht: «Von Dir ist alles kommen, und von Deiner Hand haben wir Dir’s gegeben» [1. Chr. 29, 14]. Ist es nicht das Geheimnis des Karfreitags, was da zu uns redet? Wir sind wahrlich mit jenen Vätern allen Ernstes aufgerufen, dem Herrn heute unsere Hand zu füllen, nicht mit Gold und Silber, sondern, wie es in Calvins Wappen zu sehen ist, mit unserem eigenen brennenden Her­zen, das er mit unserem ganzen Dasein für sich, zur Mehrung seiner Ehre und Herrlichkeit haben will. Ist das ein peinlicher Aufruf? Müssen wir vielleicht zurückhalten, weil wir wissen, daß wir vor dem Gesetz Gottes, das unser Herz und Leben fordert, ja doch versagen, daß das Glimmen unserer Liebe zu dem geforderten Brennen ja doch in keinem Verhältnis steht? Ist jetzt der Augenblick, von der notwendigen Ehrlichkeit und von unserer Ohnmacht zum Guten zu reden? Wir würden dann doch wohl zu sehr dem faulen Knecht gleichen, der sein empfan­genes Pfund nahm und vergrub es. Nein, sagt uns der Karfreitag: Um das alles kann es sich jetzt nicht handeln. Um unserer Sünden willen ist Christus dahingegeben. Auf sie kannst und sollst du dich jetzt also gerade nicht berufen. Kehre dich jetzt einmal ab auch von deiner Ehrlichkeit und Ohnmacht. Hörst du es nicht, daß eben dieser ehrliche und ohnmächtige Mensch mit Christus am Kreuze gestorben ist? Und diesem Gekreuzigten zugekehrt, ihm zugekehrt, der alle Sünde getragen hat, höre nun den Aufruf und die Frage Davids noch einmal: Wer ist nun willig, seine Hand heute dem Herrn zu füllen? Du sagst: Aber ich bin noch immer arm, ratlos, hilflos und unwillig. Ja, wie solltest du nicht! Aber nun bring endlich das alles ihm dar: Eben deine Armut, deine Ratlosig­keit und Hilflosigkeit und Unwilligkeit. Eben das alles ist ja dein Herz und dein Leben. Eben das ist es, was Gott von dir haben will. Schenk her, was du hast, nichts anderes, nichts Besse­res, aber schenke es wirklich her. Meine nicht, daß das brennende Herz Calvins etwas anderes gewesen sei als die Gabe eines ganz Besitzlosen. Nach dieser Gabe gelüstet es Gott. In sol­chen Opfern lebt und webt seine Herrlichkeit mitten unter seinem Volk. Und das Volk, das solche Opfer bringt, wird es nicht anders wissen: «Von Dir ist alles kommen, und von Deiner Hand haben wir Dir’s gegeben.»

Herr Jesus Christus! All Sünd hast Du getragen. So laß uns einstimmen in das Hallelujah der Befreiten, die von sich gar nichts, aber von Dir alles erwarten! Gib Du uns das ganz demütige und ganz frohe Herz Deiner Heiligen, damit wir es Dir wieder geben und bei Dir geborgen seien. Amen.

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