Dietrich Bonhoeffer – Ethik: „Die Gestalt des Gerichteten und Gekreuzigten bleibt einer Welt, in der der Erfolg das Maß und die Rechtfertigung aller Dinge ist, fremd“

Corinth_Ecce_homo
Lovis Corinth – “Ecce homo” (1913, Basel, Kunstmuseum)

Die Gestalt des Gerichteten und Gekreuzigten

Von Dietrich Bonhoeffer

Ecce homo – seht den von Gott gerichteten Menschen! Die Gestalt des Jammers und des Schmerzes. So sieht der Weltversöhner aus. Die Schuld der Menschheit ist auf ihn gefallen, sie stößt ihn in Schande und Tod unter Gottes Gericht. So teuer wird Gott die Versöh­nung mit der Welt. Nur indem Gott an sich selbst das Gericht vollzieht, kann Friede werden zwischen ihm und der Welt und zwischen Mensch und Mensch. Das Geheimnis aber dieses Gerichtes, dieses Leidens und Sterbens, ist die Liebe Gottes zur Welt, zum Menschen. Was Christus widerfuhr, das widerfuhr in ihm allen Menschen. Nur als von Gott gerichteter kann der Mensch vor Gott leben, nur der gekreuzigte Mensch ist im Frieden mit Gott. In der Gestalt des Gekreuzigten erkennt und findet der Mensch sich selbst. Von Gott angenommen, im Kreuze gerichtet und versöhnt, das ist die Wirklichkeit der Menschheit.

Die Gestalt des Gerichteten und Gekreuzigten bleibt einer Welt, in der der Erfolg das Maß und die Rechtfertigung aller Dinge ist, fremd und im besten Falle bemitleidenswert. Die Welt will und muß durch den Erfolg überwunden werden. Nicht Ideen oder Gesinnungen, sondern die Taten entscheiden. Der Erfolg allein rechtfertigt geschehenes Unrecht. Die Schuld ver­narbt im Erfolg. Es ist sinnlos, dem Erfolgreichen seine Methoden vorzuwerfen. Man bleibt damit im Vergangenen und währenddessen schreitet der Erfolgreiche weiter von Tat zu Tat, gewinnt die Zukunft und macht das Vergangene unwiderruflich. Der Erfolgreiche schafft Tatbestände, die nie mehr rückgängig zu machen sind, was er zerstört, ist nie wiederherzu­stellen, was er aufbaut, hat mindestens in der folgenden Generation das Recht des Bestehen­den für sich. Keine Anklage kann die Schuld, die der Erfolgreiche durchschritt, wiedergut­machen. Die Anklage verstummt im Laufe der Zeit, der Erfolg bleibt und bestimmt die Ge­schichte. Die Richter der Geschichte spielen neben ihren Gestaltern eine traurige Rolle. Die Geschichte geht über sie hinweg. Keine irdische Macht kann es wagen den Satz, daß der Zweck die Mittel heilige, so freimütig und selbstverständlich für sich in Anspruch zu nehmen wie die Geschichte dies tut.

Bei dem Gesagten handelt es sich um Tatsachen, noch nicht um Bewertungen. Es gibt drei verschiedene Verhaltungsweisen der Menschen und Zeiten zu diesen Tatsachen.

Wo die Gestalt eines Erfolgreichen besonders sichtbar in Erscheinung tritt, dort verfällt die Mehrzahl der Vergötzung des Erfolges. Sie wird blind für Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge, Anstand und Niedertracht. Sie sieht nur noch die Tat, den Erfolg. Das ethische und intellektuelle Urteilsvermögen stumpft ab vor dem Glanz des Erfolges und vor dem Verlan­gen, an diesem Erfolg irgendwie teilzubekommen. Es fehlt sogar die Erkenntnis, daß die Schuld im Erfolg vernarbt, eben weil die Schuld garnicht mehr erkannt wird. Der Erfolg ist das Gute schlechthin. Diese Haltung ist allein im Zustand des Berauschtseins echt und ver­zeihlich. Nach eingetretener Ernüchterung ist sie nur mit tiefer innerer Verlogenheit, mit bewußtem Selbstbetrug zu erkaufen. Es kommt dann zu einer inneren Verderbnis, aus der es schwerlich eine Gesundung gibt.

Dem Satz, daß der Erfolg das Gute sei, tritt der andere gegenüber, der die Bedingungen eines bleibenden Erfolges ins Auge faßt, nämlich daß nur das Gute erfolgreich sei. Hier wird das Urteilsvermögen dem Erfolge gegenüber gewahrt, hier bleibt Recht Recht und Unrecht Un­recht. Hier drückt man nicht im entscheidenden Augenblick ein Auge zu, um es erst nach geschehener Tat wieder zu öffnen. Auch wird hier ein Gesetz der Welt bewußt oder unbewußt erkannt, demgemäß Recht, Wahrheit, Ordnung auf die lange Sicht beständiger sind als Gewalttat, Lüge und Willkür. Dennoch führt diese optimistische These in die Irre: entweder müssen die geschichtlichen Tatsachen gefälscht werden, um die Erfolglosigkeit des Bösen nachzuweisen und man wird dabei sehr rasch wieder bei dem umgekehrten Satz, daß der Erfolg das Gute sei, ankommen, oder aber man scheitert angesichts der Tatsachen mit seinem Optimismus und endet bei einer Verketzerung aller geschichtlichen Erfolge.

Daß aller Erfolg vom Bösen sei, ist dann das ewige Lamento der Ankläger der Geschichte. In unfruchtbarer und pharisäischer Kritik am Geschehenen kommt man selbst nie zur Gegen­wart, zum Handeln, zum Erfolg und sieht gerade darin wieder die Bestätigung der Schlech­tigkeit des Erfolgreichen. Ohne es zu wollen macht man aber auch hier den Erfolg zum – wenn auch negativen – Maßstab aller Dinge und es ist kein wesentlicher Unterschied, ob der Erfolg der positive oder der negative Maßstab aller Dinge ist.

Die Gestalt des Gekreuzigten setzt alles am Erfolg ausgerichtete Denken außer Kraft; denn es ist eine Verleugnung des Gerichtes. Weder der Triumph der Erfolgreichen noch auch der bittere Haß der Gescheiterten gegen die Erfolgreichen wird zuletzt mit der Welt fertig. Jesus ist gewiß kein Anwalt der Erfolgreichen in der Geschichte, aber erführt auch nicht den Auf­stand der gescheiterten Existenzen gegen die Erfolgreichen. Es geht bei ihm nicht um Erfolg oder Mißerfolg, sondern um das willige Annehmen des Gerichtes Gottes. Nur im Gericht gibt es Versöhnung mit Gott und unter den Menschen. Allem um Erfolg und Mißerfolg kreisenden Denken stellt Christus den von Gott gerichteten Menschen, den Erfolgreichen wie den Erfolg­losen, gegenüber. Weil Gott den Menschen vor sich bestehen lassen will aus lauter Liebe, darum richtet er ihn. Es ist ein Gericht der Gnade, das Gott in Christus über den Menschen bringt. Dem Erfolgreichen gegenüber erweist Gott im Kreuz Christi die Heiligung des Schmerzes, der Niedrigkeit, des Scheiterns, der Armut, der Einsamkeit, der Verzweif­lung. Nicht als hätte dies alles einen Wert in sich selbst. Aber es empfängt seine Heiligung durch die Liebe Gottes, die dies alles als Gericht auf sich nimmt. Das Ja Gottes zum Kreuz ist das Gericht über den Erfolgreichen. Der Erfolglose aber muß erkennen, daß nicht seine Er­folglosigkeit, nicht seine Pariastellung als solche, sondern allein die Annahme des Gerichtes der göttlichen Liebe ihn vor Gott bestehen läßt. Daß dann gerade das Kreuz Christi, also sein Scheitern an der Welt, wiederum zum geschichtlichen Erfolg führt, ist ein Geheimnis des göttlichen Weltregiments, aus dem keine Regel gemacht werden kann, das sich aber in dem Leiden seiner Gemeinde hier und dort wiederholt.

Allein im Kreuz Christi und das heißt als gerichtete kommt die Menschheit zu ihrer wahren Gestalt.

Hier der Text als pdf.

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