„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen“. Zur Ethik der Anteilnahme

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Naomi bedrängt Rut und Orpa in das Land der Moabiter zurückzukehren (William Blake, 1795)

Anteilnahme ist ein Wort, das nicht nur im Trauerfall angesagt ist. Rut sagt sie ja ihrer Schwiegermutter Noomi auf eine gemeinsame Zukunft hin zu: „Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ (Rut 1,16f). Im Zusammenleben mit der anderen nehme ich an deren Leben Anteil, wofür im Hebräischen das Wort ḥæsæd steht. Anteilnahme ist mehr als nur Mitgefühl (bzw. compassion); sie schließt Freude wie auch Zugewinn mit ein. Großeltern, die am Leben ihrer eigenen Kinder Anteil nehmen (dürfen), erfahren dies ja im Leben der Enkel. Anteilnahme als Tugend steht nicht zur eigenen Wahl, sie geschieht vielmehr, lässt uns keine Wahl, wenn es um das Wohlergehen oder das Weh des anderen geht. Da macht man mitunter etwas mit, was an seelische und körperliche Grenzen führt. Und doch erschließt die Anteilnahme mir ein Leben, das über eigene Erlebnisse hinausführt. Wo ich die andere mit deren Erlebnisse intensiv erlebe, erwächst mir eine Lebensfülle, deren Nachhaltigkeit ich nicht durch eigene Erlebnismöglichkeiten gewinnen kann.

Warum wird die Anteilnahme in der Ethik – mit Ausnahme einer angewandten Ethik der Pflege – kaum bedacht lässt sich fragen. Ein Lexikonartikel findet sich jedenfalls nicht. Ein Grund mag dafür sein, dass die Wendung „Anteil nehmen“ erst im 18. Jahrhundert geläufig geworden ist. Ein englischsprachiges Synonym lässt sich nicht wirklich finden; sympathy steht eben nur für Mitgefühl. In ihrer zwischenmenschlichen Wechselseitigkeit ist die Anteil­nahme von der Partizipation, also der soziologisch verstandenen Teilnahme von Mitgliedern an einer Gruppe bzw. einer Organisation zu unterscheiden. Anteilnahme lässt der anderen immer auch etwas im Sinne der „Güte“ zukommen. Das wäre also eine Aufgabe, Anteilnahme im Zusammenleben ethisch zu erschließen.

Hier mein Text als pdf.

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