„Vor jeder großen Leidenszeit schickt der Herrgott eine solche große Freude“ – Joseph Wittigs Erzählung „Der Fremde am Palmsonntag“

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Image by Hans Braxmeier from Pixabay

Der Fremde am Palmsonntag

Von Joseph Wittig

Ein jedes Licht, ehe es verlischt, flammt noch einmal hell auf. So tat’s die alte Kerze aus Bienenwachs, so tat’s die Flamme der Erdöl­lampe, so tut’s der glühende Faden unserer heutigen Beleuchtung; so tut’s auch unser Lebenslicht, ehe es zum Sterben kommt.

Es war einer, der von sich sagte: „Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist“, und wiederum: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Und es war einer, dessen Worte nie in der Oberfläche des äußerlichen Vergleichs, sondern in den Tiefen der Wirklichkeit lebten. Er flammte auch noch einmal auf, ehe er in sein Leiden und Sterben einging. Wie ein jegliches Licht, wie ein jegliches Leben!

In mancher Nacht sah ich dem letzten Aufflackern meiner Lampe zu. Manchmal stand ich auch so wartend vor den verlöschenden Kerzen eines Altars. Und ich mußte die Hand auf mein Herz halten, da es auf jedes Zucken des Lichtes antwortete.

Das ist der Palmsonntag, der erste Tag der Karwoche, des Leidens und Sterbens jenes einen, der von sich sagte: „Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist“. Da er aber auch gesagt hat: „Ich bin das Leben“, so weiß ich, daß in jedem Leben ein solcher Tag vor einem bitteren Leiden kommt.

Lebte in unserem Dorf ein alter Mann, zu dem ich oft in die Stube kommen durfte. Er sprach viel vom Leben zu mir, vom zeitlichen wie vom ewigen, und die Leute sagten, wenn er ein trauriges Gesicht mache, so komme gewiß ein Unglück über das Dorf. Er erwiderte solche Rede oft mit dem Ausspruch: „Ach, wer solange gelebt hat wie ich, muß doch das Leben kennen.“ Da war eine Zeit besonderer Fröhlichkeit im Dorf. Auch der alte Mann stieg aus seinem Webstuhl heraus und kam zu mir an das Fenster, von dem aus wir das festliche Trei­ben auf der Straße beobachten konnten. Ein Bündel Sonnen­strahlen breitete sich über das schöne Greisenantlitz, das in diesem Licht zu lächeln schien. Da ich von dem Gerede der Leu­te wußte, war ich wie erlöst von diesem Lächeln und sagte unwillkürlich zu ihm: „Gelt, da freuen Sie sich auch!“ — „Ja“, antwortete er. „Freue dich, Tochter Zion! Siehe dein König kommt zu dir! — Vor jeder großen Leidenszeit schickt der Herrgott eine solche große Freude. Wer so lange gelebt hat wie ich, der muß das Leben kennen!“

Als er so antwortete, neigte er sich ein wenig zu mir, und sein Gesicht kam außerhalb des Be­reichs der Sonnenstrahlen und wurde im Schatten dunkel. „Wird was Schlimmes kommen für das Dorf?“ fragte ich sogleich. — „Es kommt darauf an, ob wir uns richtig freuen“, ant­wortete er; „es muß nicht nach jedem Palmsonntag ein Karfreitag kommen; bis zum Donners­tag kann man sich entscheiden!“

Ich konnte dies natürlich nicht recht verstehen; ich war noch sehr jung, und es war doch auch gar nicht Palmsonntag, sondern irgendein anderer schöner Sonntag im Jahr. Ich sagte: „Heute ist doch gar nicht Palmsonntag!“ Da schaute der Greis noch einmal zum Fenster hinaus und antwortete: „Wenn sich die Leute so freuen, ist immer Palmsonntag!“

Das war kurze Zeit vor dem großen Brande in unserem Dorfe. —

Sonst war der Palmsonntag immer eine große Freude für uns junge Leute. Ich will nicht sa­gen, daß wir uns in weltlicher Lustbar­keit ergingen; es war eine andere Freude. Ich muß ehr­lich sagen, daß ich auch heute noch keine richtige Karwochentrauer aufbringe. Oft scheint gerade in dieser Woche die Sonne herrlich; der Frühling zeigt seine ganze beglückende Macht; die Menschen haben meist ein fest­liches Aussehen und sind freundlicher als in anderen Wochen; manchmal kommen sogar besonders gute Nachrichten in diesen Tagen. Wohl lese ich mit andächtiger Teilnahme die Passion aus dem Evangelium, bleibe auch gern an den Kreuzwegstationen auf unserem Berge stehen, länger als sonst auch an dem Kreuzes­bild in meiner Stube. Ich kann wohl sogar von einer tiefen Ergriffenheit sprechen, aber es ist keine Trauer; es ist eine gewisse Seligkeit. Das Leiden Christi ist verklärt. Die Tragödie von Golgatha hat andere Wirkungen als die antike Tragödie.

Schon in den letzten Tagen vor dem Palmsonntag begann jene geheime Freude. Wir Jungen hatten die Aufgabe, für das eigene Haus und für die Häuser, in denen keine Jungen waren, die Palmen zu schneiden, die wir am Palmsonntage in die Kirche zur Weihe trugen und am Oster­sonntage in feierlich-fröhlichem Bittgänge an die Ecken unserer Felder steckten, zum Zei­chen, daß nun der Tod glorreich überwunden, sowohl der Tod des Winters auf den Feldern wie auch der Tod der Sünde in den Menschenherzen. Natürlich wuchsen auf unseren Feldrai­nen und in unseren Gebüschen keine Palmen, wohl aber übernatürlich, in dem Bereich der vollgültigen Stellvertretung und der gnadenhaften Verwandlung. Salweiden wuchsen, an ihren Zweigen so wunderlieblich silberleuchtende Staubblüten schon zur Osterzeit, daß sie wohl gleich den Palmen des Morgenlandes über Winter und Tod triumphierten und zur fröhli­chen Ehre Gottes dienten. Wir kennen sie kaum unter ihrem botani­schen Namen Salweide; wir nennen sie Palmen von ihrem liturgi­schen Dienst zur Osterzeit, wissen wohl auch etwas von der Ähnlich­keit ihres Lebens mit dem ewigen Leben: schneidet man ihre Zweige vor der Blütezeit, so daß sie keinen Saft mehr von Stamm und Wurzel empfangen können, und setzt man sie ins Wasser, so treiben sie eigene Wurzeln wie das ewige Leben der Christen im Was­ser der Taufe.

Wir gingen also aus und schnitten Zweige von den Bäumen, genau so wie es im Evangelium heißt: „Manche hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.“ Und wir waren froh und stolz, daß wir wenigstens diesen Teil des Evangeliums vom Palm­sonntage recht und ehrlich erfüllen konnten. Es war unser Teil. Die älteren Leute waren vielleicht schon darüber hinaus, und die Stadt­leute gar beschäftigten sich nur noch mit den sublimsten Teilen des Evangeliums und kauften die Palmzweige in der Blumenhandlung.

Unser Teil war es aber auch, daß wir am Palmsonntag alle Wege zur Kirche und dann die Hal­le der Kirche selbst belebten und schmückten mit unseren Weidenbündeln. Wenn die Tröpf­lein des Weihwassers darüber rieselten, war es uns, als ob die Füße des Herrn selber darüber gegangen wären. Es kam etwas von dem Jubel über uns, der jenen Tag vor dem bitteren Lei­den und Sterben unseres Herrn durchbrauste.

Und dann der selige Heimzug mit den gebenedeiten Palmen! Manchmal zogen wir zusammen wie in einer Prozession; manchmal ging ich allein; immer aber waren Engel um uns.

Einmal überholte ich mit meinem Palmenbündel einen fremden Mann. Ich sah es seiner Klei­dung an, daß er ein Städter war, und wollte schnell an ihm vorüber. Der aber hielt mich an und sagte, was es für eine Bewandtnis mit dem Bündel habe. „Wissen Sie das nicht?“ antwortete ich ihm; „das sind doch die Palmen, die wir heute haben in der Kirche weihen lassen und die wir nächsten Sonntag auf unsere Felder stecken!“ Er fragte aber weiter, warum und weshalb, und obwohl mir diese Unterhaltung nicht angenehm war — wir liebten die hochmütigen oder, wenn anders, gnädigen Städter nicht —, so mußte ich ihm nach und nach, immer weiter ge­fragt, das ganze Evan­gelium vom Palmsonntag erzählen und noch manches Stück aus der Karwoche, die ganze Geschichte vom Hosianna bis zum „Kreuzige ihn!“ Ich merkte ja, daß er alles von allein wenigstens ebensogut wußte wie ich, aber ich mußte weiter erzählen. Er sprach mir vieles leise nach, bis er auf einmal einige mir ganz fremdartige Worte sagte. Es waren Verse; ich glaube, ich habe sie später in den Werken des spanischen Politikers und Dichters Quevedo y Vellegas wiederge­funden; ich höre sie immer wieder klingen:

Den Stamm, von dem sie brachen Ehrenäste,
daraus sie morgen Ruten dir bereiten,
den bieten sie dir nackt zu anderm Feste!
Und Schilf und Dorn statt dieser Lilg und Rosen!
Und wenn sie ihre Kleider heut dir spreiten,
ist es, die deinen morgen zu verlosen.

Da waren wir auch schon an dem Weglein angelangt, das von der Straße zu meinem väterli­chen Hause führt. Der Fremde merkte, daß ich abbiegen wollte. Er hielt ein und griff nach meiner Hand; ich spüre noch seinen Blick in meinem Auge und höre noch, wie er zu mir sagte: „Du, Junge, schenk mir eins von diesen Zweiglein! Ich — habe einen schweren Gang vor mir!“

Das ging mir so ans Herz, daß ich ihm nicht nur ein, sondern drei Zweiglein schenkte und noch dazu sagen mußte: „Es wird schon alles gut werden!“

Ich weiß nicht, wie alles geworden ist; ich habe den fremden Mann niemals mehr wiedergese­hen. Bist du es etwa, der du dies liest oder hörst?

Quelle: Joseph Wittig, Getröst, getröst, wir sind erlöst. Ein Buch von den Osterzeiten des Lebens mit zahlreichen anderen Ostergeschichten, Leimen: Marx Verlag 1994, S. 25-30.

Hier Wittigs Text als pdf.

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