Eduard Thurneysen, Seelsorge als Verkündigung (1962): „Der Seelsorger kommt vom Worte Gottes her und führt zum Worte Gottes hin. Und er tut, was er tut, in der Gewißheit und Kraft des einen, wahren Seelsorgers, der der Heilige Geist ist, und das wird immer heißen, in nicht erlahmender Fürbitte.“

Seelsorge als Verkündigung

Von Eduard Thurneysen

An der Festgabe zum 70. Geburtstag von Fritz Lieb darf sich ge­wiß auch der Vertreter der Praktischen Theologie beteiligen. „Prakti­sche Theologie ist“ — nach einer Formulierung von Karl Barth — „Theologie im Übergang zur Praxis der Gemeinde, das heißt aber zu deren Verkündigung.“ Sie krönt zwar nicht, aber sie schließt das Ge­samtbemühen aller echten theologischen Arbeit ab. Daß es zu einer lebendigen Verkündigung in der Gemeinde komme als Wort, das nicht nur der Gemeinde, sondern durch sie der Welt diene, in der die Gemeinde Jesu Christi je und je steht und lebt, das ist das Ziel aller theologischen Arbeit. Dieses Ziel hat Fritz Lieb in seiner ganzen Le­bensarbeit als Historiker und Systematiker und als der Welt zuge­wandter politischer Publizist vor Augen gehabt. Er hat auch direkt als praktischer Theolo­ge gewirkt, indem er hin und wieder Bibel­auslegung übte und indem er jahrelang in einer politischen Tages­zeitung der Arbeiterschaft zu den kirchlichen Festtagen in gehalt­vollen und zentral an der Bibel orientierten Darbietungen das Evan­gelium verkündigte. Wir danken ihm dafür. Als Zeichen solchen Dankes möchten auch die nachfolgenden Ausführungen über „Seel­sorge als Verkündigung“ verstanden sein.

Wir können über diesen unsern Gegenstand nicht wohl sprechen, ohne uns kurz darüber zu verständigen, was unter „Seelsorge“ zu verstehen ist. Im Evangelium nach Matthäus findet sich das Logion des Herrn: „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Dar­um bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende!“ (Matth. 9.37—38). In diesem Worte ruft Jesus im Unterschied zu an­dern Worten nicht zur Aussaat, sondern zum Ernten. Ein großes, rei­fes Ackerfeld sieht er vor sich, auf dem längst ausgesät worden ist, und das nun in der Erntezeit der Sichel wartet. Aber was heißt hier ernten? Ernten heißt Einholen, Herein­bringen der herangereiften Frucht. Ohne Bild und in Anwendung geredet: Es ist gepredigt wor­den, es ist auch getauft und unterrichtet worden. Der Tisch des Herrn wurde immer wieder gedeckt. Mit einem Wort: Die Gemeinde ist auf den Plan getreten und tut ihr Werk. Der Same des Wortes wird aus­geworfen. Aber damit ist es nicht getan. Nun muß noch etwas ge­schehen. Ein zweites Werk muß zum ersten hinzutreten. Aussaat allein genügt nicht. Man darf die auf­gehende und herangereifte Saat nicht sich selber überlassen. Man muß sie pflegen und, wenn sie her­angereift ist, schneiden, sonst verdirbt sie. Die ganze Aussaat wäre vergeblich, wenn dieses Pflegen und Sammeln und Hereinbringen der Ernte unterlassen würde.

Dieses zweite Werk geht vor sich in dem, was wir gemeinhin „Seel­sorge“ nennen. Dieses Wort ist wohl kein glücklich geprägtes, aber wer weiß ein besseres? Die Sache selber ist klar: Predigt, Verkündi­gung in jeder Gestalt bedeutet im Bilde geredet eben Aussaat, Pflege der aufgehenden Saat; Einsammeln der herangereiften Frucht aber wäre gemeint mit dem Wort Seelsorge. Seelsorge üben ist eben dieses Nachgehen hinter denen drein, die predigen, und dafür sorgen, daß die Predigt wirklich eindringe in das Leben der Menschen und darin Frucht trage, dieses Sammeln der Menschen um das Wort, so daß sie in die Gemeinde hinein wach­sen.

Es sind drei Gruppen von Menschen, denen die Seelsorge gilt. Da sind einmal solche, die dem Worte nicht in der rechten Weise begeg­net sind, deren Leben aber, ob sie es wissen oder nicht, darauf war­tet, daß sie ihm begegnen. Weiter sind ringsum solche, die das Wort wohl gehört haben, aber es muß ihnen in einer sie persönlich tref­fenden Weise in ihre Lebenswirk­lichkeit hinein durch das seelsorgerliche Gespräch ausgerichtet werden, damit sie sich dem Worte wirk­lich erschließen. Und endlich sind solche da, bei denen das Wort auf besondere Widerstände stößt, so daß es nicht zu ihnen hindurchdrin­gen konnte. Wir denken an das Gleichnis vom Säemann, das solche Widerstände bei allen Hörern des Wortes eindringlich vor Augen stellt. Nun muß die Seelsorge darauf bedacht sein, diese Widerstände, die Zweifel, Anfechtungen und inneren Gebundenheiten zu über­winden. Das gepredigte Wort muß durch ein Lehren — man denke an das didaskein des Taufbefehls — zum Lebensgehorsam führen. Da liegt die Aufgabe echter Seelsorge.

Es ist ein überaus wichtiges, ganze Mühe und Sorge erforderndes Werk. Es ist Einzelarbeit, auch da, wo es an vielen geschieht. — Es geschieht unter Kampf und Leiden. Geht es doch dabei um ein tiefes Solidarischwerden mit denen, die in Not und Sünde verstrickt sind und denen wir jetzt diesen Dienst der Seelsorge leisten dürfen. Sie sind Gebundene, und wir dür­fen sie lösen, Mühselige und Beladene, und wir dürfen sie trösten, so daß sie wieder aufatmen können. Die hebräische Vokabel für „trösten“ („nacham“) hat ja diesen Ursinn: einem helfen, daß er wieder Atem schöpfen kann. Sie sind Verlorene, und wir dürfen sie suchen. Wir den­ken an die Gleichnisse Jesu, die von solchem Suchen der Verlorenen handeln. Sollen Beispie­le ge­nannt werden für solche Seelsorge, so ist etwa an die beiden Blumhardt zu denken auf evangelischer Seite und an jenen Priester sel­tener Art auf katholischer Seite, der als Zeitge­nosse des ältern Blumhardt in Frankreich gewirkt hat: Jean Baptiste Vianney, den curé d’Ars, der in den Romanen von Bernanos in mehreren Prie­stergestalten seine Darstellung gefunden hat (so in dem „Journal d’un curé de Campagne“).

So viel wird aus diesen Andeutungen klar geworden sein: Es geht auch in der Seelsorge um nichts anderes, als was in jeder Art von Verkündigung in der Gemeinde geschieht: Es wird Evangelium aus­gerichtet. Nun aber in dieser besondern Art des seelsorgerlichen Dien­stes, der in Gespräch und Fürbitte geschieht. Auch der Seelsorger kommt vom Worte Gottes her und führt zum Worte Gottes hin. Und er tut, was er tut, in der Gewißheit und Kraft des einen, wah­ren Seelsorgers, der der Heilige Geist ist, und das wird immer heißen, in nicht erlahmen­der Fürbitte. So verstanden ist Seelsorge nichts ande­res als Verkündigung.

Aber nun darf diese Feststellung auch umgekehrt gebraucht werden: Verkündigung ist Seel­sorge. Sie ist gewiß nicht nur das. Verkündi­gung ist umfassender zu verstehen, sie ist eben das schon Genannte: Sie ereignet sich in der Predigt und in den heiligen Handlungen. Sie ist si­cher auch Unterricht, sie ist auch Diakonie. Sie geht auch vor sich in der Arbeit der Theologie. Aber sie ist dazu immer auch noch Seelsorge. Und zwar müssen wir das so verstehen: Daß in, mit und unter allem, was in der Verkündigung geschieht, auch Seelsorge sich ereignet. Eine Predigt, die nicht seelsorgerlich ausgerichtet wäre, eine Taufe, eine Abendmahlsfeier, die nicht auch und zwar sehr direkt Ausrichtung des Evangeliums an den einzelnen wäre, also seelsorger­lichen Charakter trüge — was wäre das schon? Das gilt auch für die eigentlich theologische Arbeit. Was wäre eine Theologie, die nicht zur Seelsorge hinleitete? Denken wir an die Reformation: sie war wahrhaftig eine Bewegung, die aus der Sorge um die Seelen der Menschen erwuchs. Aber die Kraft der Bewegung erwuchs aus der strengen theologischen Besinnung auf die Botschaft der Bibel. Und umgekehrt: Calvin hat als sein theologisches Hauptwerk die Institutio verfaßt, aber er hat als Seelsorger seiner Gemeinden hunderte von Briefen geschrieben. Eines hängt hier am andern. Wir dürfen das seelsorgerliche Handeln nicht als etwas Isoliertes betrachten. Wohl ist es etwas Gesondertes, ein Werk für sich, aber immer ist es einge­schlossen in allen andern Werken der Verkündigung. Evangelium ist inhaltlich gesehen das Wort der Vergebung, das uns freispricht von unsern Sünden. Es be­wirkt die Rechtfertigung des Ungerechten. Aber dieses Wort kommt zu uns immer in der Gestalt des Gebotes, also als ein Wort, das uns in Beschlag nimmt. Es ruft uns heraus aus dem alten und versetzt uns hinein in das neue Leben vor Gott in Chri­stus. Darum ist es als solches, ist es von Haus aus ein seelsorgerliches Wort. Das heißt: es verlangt und bewirkt, daß es zur Seelsorge kom­me. Es rechtfertigt den Sünder, aber indem es uns gerecht macht vor Gott, heiligt es uns. Es reißt uns heraus aus dem Dienst der mancher­lei falschen Herren, denen wir unweigerlich dienen müssen, solange wir das Wort des einen Herrn, der unser Erretter ist, nicht gehört haben. Es trifft uns in unserer Existenz und verwandelt uns. Seel­sorge üben heißt begriffen sein in einer Ausrichtung des Gotteswor­tes, die um diese umwandelnde Kraft des Wortes weiß. Sie trägt nichts Neues herzu zur Botschaft des Wortes, aber sie trägt die Bot­schaft mit Nachdruck hinein in das Leben der Menschen, die vom Worte angeredet werden. Sie folgt damit nur dem Gefälle des Wor­tes selber, das anders gar nicht ergehen kann also so, daß es den Menschen in seiner Lebenswirklichkeit treffen, bewegen und er­neuern will. Das Bibelwort, das die Verkündigung ausrichtet, ist ja nicht nur ein historischer Bericht über die Geschichte Gottes mit dem Menschen, sondern es ist ein Botenwort, das die Taten Gottes aus­richtet an den Menschen, um deswillen diese Taten geschehen sind. Die Verkündigung des Evangeliums ist, nach dem Apostelwort (Röm 1,16) Kraft, Kraft Gottes zur Rettung für alle, die daran glauben. Und glauben heißt mitgehen, dabeisein und zwar mit Leib und Seele bei dem, was mir verkündigt wird. Eben solches Mitgehen, solches Dabeisein ist gemeint, wenn wir von seelsorgerlicher Ausrichtung der Frohbotschaft reden. Wenn es aber so steht, dann ist Verkündi­gung und Seelsorgeüben ein und dasselbe. Seelsorge wäre dann nichts anderes als die Unterstreichung dieses Sachverhaltes.

Hier ist zu warnen vor jenem modernen Mißverständnis, das darauf hinausläuft, das ganze Tun der Verkündigung müsse sich auf lösen lassen in Seelsorge. Keinesfalls! Sondern es muß gepredigt werden. Das Verkündigen, das keryssein, das Predigen im eigentlichen Sinne des Wortes, ist immer wieder das Erste, das Übergeordnete, das eigentliche Tun, um das es in der Gemeinde geht. Das Leben der Kirche hängt daran, daß wir Prediger haben, daß getauft und Abend­mahl gehalten wird, wie es die Väter verlangten. Es würde sofort absterben, wenn wir die Predigt und die sie begleitenden Hand­lungen zu Gunsten bloßer Seelsorge in Form von Gesprächen und Begegnungen zurückschieben wollten. Es würde dann gerade auch die Seel­sorge absterben, wie ein Baum absterben muß, wenn man die Wurzel nicht mehr pflegt und nur die Früchte pflücken wollte. Also Predigt und um ihretwillen auch Lehre, Theologie, denn sie ist jene Wurzelpflege, die der Baum nötig hat, wenn er Früchte tragen soll. Man soll nicht die Predigtarbeit und die dazu so notwendige Lehre vernachlässigen unter der Behauptung, da gehe es nur um Theorie, und dann nach Seelsorge rufen, weil dies die eigentliche Praxis sei. Umgekehrt ist gefahren! Da wo recht gelehrt und gepredigt wird, da erst wird auch die rechte Seelsorge gedeihen. Man kann kein ein­ziges seelsorgerliches Gespräch recht führen, wenn keine rechte Theologie und Predigt dahinterstehen. Dabei sei nicht verkannt, daß es Lehre und Predigt gibt, die bloße Theorie sind im schlechten Sinne des Wortes. Das zeigt sich sofort daran, daß von solcher Lehre und Predigt kein Antrieb ausgeht zur Seelsorge. Rechte Theolo­gie und rechte Predigt erzeugen rechte Seelsorge. Und rechte Seelsorge führt hin zur rechten Predigt und zur wahren Lehre. In allen guten Zeiten der Kirche, das heißt in den Zeiten, da lebendig gepredigt und rechte Theologie getrieben wurde, war auch die Seelsorge lebendig.

Man kann diesen Zusammenhang zwischen Seelsorge und Verkün­digung aus der Heiligen Schrift selber belegen. Es sei hingewiesen auf den tiefen und grundsätzlichen Zusammenhang, in welchem in den paulinischen Briefen Lehre und Verkündigung mit der Seelsorge ste­hen. Der Apostel Paulus war ein Theologe und ein Prediger, aber wer meinen möchte, es bestehe ein Gegensatz zwischen klarer Erkenntnis und Predigt auf der einen und Seelsorge auf der andern Seite, der kann bei Paulus lernen, wie tief das eine mit dem andern verbunden ist. Pau­lus war lebenslang ein Verkündiger des Wortes Christi. Christus redet selber durch ihn zu seiner Gemeinde. Aber gerade so war der Apostel der große Seelsorger seiner Gemeinden. Bei ihm ist die Ausrichtung des Evangeliums immer Seelsorge an den Men­schen, denen er das Evangelium verkündigt hat. Er hat wahrhaftig Theologie getrieben, er war Lehrer der Ge­meinde. Aber alle jene gro­ßen, klassischen Stellen in seinen Briefen, wo er Lehre vermittelt, stehen in seelsorgerlichem Dienst. Wir denken an Philipper 2, 5-11, wo der Weg Christi dar­gestellt wird vom Thron Gottes zur Krippe, zum Kreuz und zur Auferstehung, wo es also im eminenten Sinne um Person und Werk Christi geht. Diese christologische Stelle steht im Zusammenhang mit einem rein seelsorgerlichen Anliegen in der Ge­meinde. Die Gemeinde ist zerrissen. Paulus kämpft um die Einheit der Gemeinde. Er sieht: Die Gemeinde geht zu Grun­de, wenn nicht ein­gegriffen wird. Und nun redet der Apostel von Christus so, wie er an dieser Stelle von ihm redet. Er redet theologisch. Aber nicht um der Theologie willen, sondern um die Gemeinde seelsorgerlich zurecht­zubringen. Da ist beides: Verkündigung auf Grund der Christus­erkenntnis, aber da ist auch Ausrichtung dieser Erkenntnis in eine bestimmte Situa­tion der Gemeinde. Eines nicht ohne das andere! Hätte er die Spaltung nicht auch anders, sozusagen rein „praktisch“, taktisch zu heilen versuchen können? So wie wir in solchen Fäl­len, wenn es um Spaltungen in den Gemeinden geht, mit Moral oder Psy­chologie sogenannte „Seelsorge“ üben? Aber wäre das noch Seel­sorge? Es wäre es darum nicht, weil es nur die Christuserkenntnis ist und also Ausrichtung wahrer Botschaft, die als solche der wahren Sorge für die Seelen dienlich ist, und die als solche allein die Kraft hat, tiefe Schäden zu heilen.

Aber es gibt noch andere, schwerwiegende Konflikte in den paulinischen Gemeinden: Da sind die Juden- und die Heiden Christen. Und es muß darum gerungen werden, daß aus beiden eine Gemeinde wird. Eine Lebensfrage größten Ausmaßes, nicht kleiner als die heute zwischen Ost und West. Und nun schreibt der Apostel jene drei gro­ßen Kapitel im Römerbrief, die wir als schwere theologische Ausein­andersetzung kennen. Aber dies alles dazu, daß die Kirche den Weg finde zwischen Juden und Heiden, und die Botschaft in die Weiten der Völkerwelt drin­gen kann. Israel ist die Wurzel, aus der die Gemeinde der an Christus Glaubenden empor­wächst. Israel darf nicht losgelas­sen werden, weil an ihm die Treue Gottes sich erweist, die von Israel her auf die Völkerwelt übergreift. Wie anders können die Völker an Gottes Treue glauben lernen als so, daß sie mit Israel zusammen sich zur Gemeinde des Jesus Christus zusammenfinden. Jesus muß in aller Welt als der Messias Israels und so als der Retter erkannt werden, in dessen Namen dereinst alle im Gericht der Endzeit gerettet werden sollen. Wieder­um wird da der Theologe zum Seelsorger, der Seel­sorger zum Theologen. Wiederum hängt hier eines am andern. Wie­derum wird Seelsorge geübt als Ausrichtung des Evangeliums.

Als Aufgabe steht vor uns, der Gemeinde von heute zu helfen zu solch theologisch gegründe­ter, seelsorgerlicher Ausrichtung des Evange­liums. Das heißt, daß nach einer neuen Gestalt der Predigt gesucht werden muß. Ihr Geheimnis ist die verborgene Einheit von Evange­lium und Gebot, von Rechtfertigung und Heiligung. Rechte Prediger müssen erweckt werden, die rechte Theologen sind und von da aus auch rechte Seelsorger, also keine bloßen Rhetoriker, auch keine blo­ßen Gelehrten, sondern wirkliche Zeugen. Drei Gesichtspunkte sind es, die hier gelten:

Einmal: Jede Predigt und jeder seelsorgerliche Zuspruch — aber dies beides ist untrennbar zusammengebunden, weil rechte Predigt in sich selber seelsorgerlicher Zuspruch ist, und weil jeder seelsorgerliche Zuspruch in sich selber Ausrichtung des Wortes Gottes ist — muß der Linie des Bibelwortes entlang gehen, sie wiederholen, so daß das Bibelwort heute zu reden beginnt und also zur frohen Botschaft wer­den kann. Aber das heißt nicht schulmeisterliche Zerfaserung des Textes. Sondern es heißt Auslegung. Solche Auslegung kann gesche­hen in Gestalt eines aus dem Texte erwachsenden Aufrufes oder eines den Text erhellenden Lebens­berichtes oder einer schlichten, aber schlagenden Nacherzählung des Textes. So werden die Auslegungen zu Anrufen, zu lebendigen Tröstungen und erregenden Darlegungen. Das ist gemeint mit seelsorgerlicher Verkündigung. Weiter: Es muß so verkündigt werden, daß der Herr der Gemeinde selber, in dessen Auftrag gepredigt und seelsorgerlich zugesprochen wird, sich zu die­ser Verkündigung bekennen kann. Jesus Christus ist doch der, den nach dem Worte Luthers die ganze Heilige Schrift „treibt“, sein Evan­gelium ist der ganze und alleinige Inhalt aller Worte der Propheten und der Apostel. Die Heilige Schrift kann nur der auslegen, der die­se Mitte aller ihrer Worte erkannt hat und sich daran bindet. Daß die in der Heiligen Schrift zusammengefaßten Bücher diese Mitte haben, macht sie zum Kanon, zur Richtschnur der Predigt. Theologie muß uns anleiten, das zu erkennen. Er, der Herr seines Wortes, will im armseligen Gehäuse unserer Verkündigung einziehen. Er will sein Wort reden, und dazu dürfen unsere Worte ihm dienen, indem sie ihm die Herberge bereiten, in der er Wohnung nehmen, in der er uns be­gegnen will. Das bedeutet, daß unsere Menschenworte in der Verkün­digung sozusagen transparent werden, sie transzendieren den Bereich menschlicher Rede, sie werden, indem sie der Horizontale des jeweili­gen Textes folgen, zur Einschlagstelle, an der die hohe Vertikale des göttlichen Redens den Hörer trifft, und der Prediger selber ist mit allen denen, an die er sich wendet, nichts anderes als solch ein Hören­der. Daß dies geschehe, liegt nicht in unserer Macht. Darum kann nur gebetet werden.

Und dies ist das zweite Merkmal echter, die Seele des Hörers bewe­gender, mahnender und aufrichtender Verkündigung, daß sie durch­drungen sei vom Gebet, vom Gebet um den Hei­ligen Geist, und das heißt um das Hervortreten Gottes selber im Wort seines Sohnes. Keine Aussage der Predigt, die nicht den Charakter der Auslegung an sich trüge, aber auch keine Aussage, die nicht aus der Anrufung Gottes käme.

Und endlich: Jede rechte Verkündigung stellt uns Satz für Satz ganz hinein in die kommende, in, mit und unter der Verkündigung anbre­chende Welt Gottes, aber so, daß sie wiederum Satz für Satz hinein­greift in die alte Welt des Menschen, in der wir hier immer noch leben, dar­niedergehalten von Sünde, Krankheit und Tod. Sie komme ganz von oben und gehe ganz nach unten und führe wieder empor nach oben. So mahnt sie, tröstet und erneuert sie. Das schließt in sich eine neue Sprache, eine Sprache, die uns trifft, indem sie die Botschaft der Bibel ganz aufnimmt und hineinarbeitet in unsere heutigen Denk- und Lebensnöte. Zum Moment der Auslegung, der doctrina, und zum Moment des Gebetes, der Liturgie, tritt das Moment der Existentialität oder, wie man etwa gerne sagt, der Wirklichkeits-, der Lebens­nähe. Das Wort Gottes will zu uns reden, hier und jetzt, um dieses Hier und Jetzt umzuwandeln in das Dort und Dann des anbrechenden Reiches. Noch ist dieses Reich eine verborgene Sache, gleichsam Same unter dem Schnee. Aber die Frühlingsstürme Gottes wehen, das Eis schmilzt, der neue Tag bricht an. Das Licht leuchtet, noch hinter Wol­ken, aber es leuchtet. Daß wir im Glauben dieses Licht erschauen und darin getrost und fröhlich werden im Dunkel der Zeiten, dazu er­geht Verkündigung, dazu werden unsere Seelen (und Leiber!) aufgerichtet. Dazu bricht die Gemeinde Gottes heute schon auf, um als ein Leib mit vielen Gliedern unter seinem Haupte, Christus, der Welt voranzu­gehen, sie mitzunehmen dem Tag aller Tage entgegen.

Evangelische Theologie 22 (1962), S. 297-303.

Hier Thurneysens Text als pdf.

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