Martin Luther über das Richten in seiner Predigt zu Lukas 6,36-42 von 1529: „Je frömmer und weiser einer ist, je mehr richtet er und hat kein barmher­zig Herz gegen die Sünde, alle misst er nach seiner eigenen Regel. Wenn man einen anders leben sieht als man selber lebt oder in Sünde fallen sieht, so lacht man und hat seine Freude dran. Also hat kein Herz Barmherzigkeit, wenn nicht der Glaube an Jesus Christus in ihm ist.“

Predigt über Lukas 6,36-42 „Richtet nicht!“ (1529)

Von Martin Luther

Vergeben, nicht richten, nicht verdammen sind die inneren, Geben die äußeren Werke. All diese Werke gelten nicht Gott, sondern dem Nächsten und geschehen nur dann recht, wenn sie im Glauben an Gottes Barmherzigkeit getan werden.

Dies Evangelium lehrt gute Werke und predigt von Früchten des Glaubens und wehrt dem Bösen. Seid barmherzig – in diesem Stück ist das alles auf einen Haufen zusammengefaßt. Da seht ihr nu erstlich, daß es von Werken spricht, die wir auf Erden gegen den Nächsten üben sollen. Es weist uns von der falschen Meinung und Lehre hinweg, die uns so sehr plagt und mit der wir Gott hofieren wollen, als ob es Werke wären, durch die wir Gott bezahlen und ihm dienen sollten. Wenn man diesen Text recht angesehen hätte, wäre man nicht in diesen Irrtum geraten. Er spricht: seid barmherzig! und zählt darnach die Stücke dieser Barmherzig­keit auf. Da siehst du, daß es lauter Werke sind, die wir nicht Gott erweisen. Es reimt sich ja doch nicht, daß ich mich Gottes erbarme; er braucht die Barmherzigkeit nicht. Paulus, Maria, ein Engel bedarf ihrer. Aber Christus bedarfs nicht, daß ich ihn richte verdamme oder verkla­ge, er will ungerichtet sein und bedarf auch meiner Ehrung nicht. Es tut nicht not, daß ich ihm Sün­den vergebe, Almosen gebe; die Güter hat er alle selber.

Also lehrt dies Evangelium keine Werke, die wir Gott erweisen sollen, sondern solche, die herunter gehören auf die Erde und deren die Menschen bedürfen. Dahin weist er uns. Darum ists eine leidige Plage, daß die Werkheiligen all diese Werke anstehn lassen und plagen und bläuen sich dafür mit solchen, die Gott nicht fordert; die er aber fordert, die unterlassen wir. Wenn wirs gewußt hätten, hät­ten wirs gewiß so gelesen, daß hier von Werken gesagt ist, die für die Menschen bestimmt sind. Er nennt ja auch ausdrücklich Menschen, die solcher Barmherzigkeit wert sind, nämlich die elenden jammervollen bedürftigen. Ihnen gebührt die Barmherzigkeit. Richtet nicht – das geht die an, die verdammt und gelästert und um ihre Ehre gebracht sind. Desgleichen ‚verge­bet‘ – das geht die an, die etwas gegen uns getan haben, die in Sünden stecken; ihnen kommt dies Werk zu. Desgleichen ‚gebet‘ – das geht die an, die nichts haben. So gibts ein Wort ums andre, daß dieser Text von solchen Leuten spricht, die unsrer Werke bedürfen. Das soll das erste sein, daß Christus hier gute Werke gebietet, die herunter gehören zu den Menschen, die ihrer bedürfen, und nicht hinauf zu Gott oder den Engeln.

Also besteht christliches Leben nicht in dem Wesen, das die Mönche erfunden haben, und jagt nicht in Wüsten und Klöster. Daß du die Menschen verlassen sollst, das befiehlt nur der Teufel. Gott aber schickt dich umgekehrt zu den Menschen, die deiner Werke bedür­fen. Welch falsche Weisheit, die Menschen zu verlassen, und welch erbärmlich Ding, in die Wüste zu laufen – da dienst du dem Teufel. Nein, willst du fromm sein, so bleib unter den Leuten, du wirst genug Menschen finden, die deiner Barmherzigkeit bedürfen. [74]

Nu wollen wir ein Stück nach dem andern vornehmen. Seid barmherzig – in diesem Stück ist zusammengefaßt, was hernach vom Richten und Geben gesagt ist; das alles sind Stücke der Barmherzigkeit. Es steht aber dabei: gleichwie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Er ist barmherzig über alle, gibt und erweist Barmherzigkeit mit der Tat und verheißt sie auch für später. Wenn nicht Gott dir aus Erbarmen Geld gäbe, so wärst du ebenso arm als ein andrer Bettler, du hast es nicht um deiner blonden Haare willen, allein die Barmherzigkeit hat dich mit deinem Gelde von jenem Bettler unterschieden. Darum sei auch du wiederum barmherzig gegen ihn. Du hast dazu auch noch die Verheißung, daß du noch mehr Barmherzigkeit erlan­gen wirst; denn der Vater ist vorher und nachher barmherzig. Der andre hat nichts und Gott wills ihm durch dich zuteil werden lassen, denn auch du hast von einem andern empfangen. Hast du Verständnis der heiligen Schrift und der andre nicht, (so teil ihm von dem Deinen mit). So nimmt Christus mit diesem Wort ‚seid barmherzig‘ uns alles hinweg, zieht uns nackt und bloß aus, damit wir wissen sollen, daß wir alles von Gott haben, und uns andrer Leute erbarmen. Das ist das allgemeine Stück in diesem Evangelium, ‚seid barmherzigst‘.

Nu führt er aus, was er mit dieser Barmherzigkeit will. Die ersten drei Stücke betreffen den Geist: richtet nicht, verdammt nicht, vergebet. Vom weltlichen Richten spricht er hier nicht und verdammt es nicht. Du mußt sehen, mit wem er in diesem Evangelium spricht, nämlich mit seinen Jüngern, nicht mit Herodes Kaiphas und Pilatus. Mit der weltlichen Macht hat er nichts zu schaffen, die überläßt er dem Kaiser. Ihr habt ja nu schon viel davon gehört, daß man einen Unterschied machen muß zwischen den zwei Reichen. Das geistliche Reich richtet nicht, sondern besteht im Geben und Vergeben. Das weltliche Reich aber soll richten ver­dammen und nicht vergeben. Dessen aber nimmt sich Christus nicht an, denn er ist ein evan­gelischer Prediger. Er ist nicht zu Hofe und kein Jurist. Im weltlichen Regiment heißts: du sollst richten und verdammen und nicht vergeben. Bei Christus heißts: du sollst vergeben. Aber was geschieht? Was man tun soll, das läßt man, und was man lassen soll, das tut man. Ein jeder wollte gerne Gott sein und herrschen. Aber wenns zum Tref­fen kommt, dann tut die weltliche Macht, die nun doch in aller Welt richtet, gar nichts. Ich wollts auf einem Salzwagen hinausführen, (was an weltlichem Gericht tatsächlich geübt wird). Und gleichwie sie ihr Amt vernachlässigen, so wir das geistliche Regiment. Sie sind faul und lassen die Sünde ungestraft. Ich will lieber keine Unlust haben, sprechen sie, und all den Unflat ausfegen und damit allen Neid und Haß auf mich laden. Die nicht vergeben sollen, die vergeben, die aber vergeben sollen, die tuns nicht. Das weltli­che Regiment ist ein Regiment des Zorns, das töten morden hängen und radbrechen soll; darum führt es das Schwert. Aber Christi Regiment ist ein Regiment der Gnade und des Lebens, das nicht richtet, sondern vergibt. [75]

Richtet nicht! Was ist das? Daß man im Geist urteilt: der ist ein Sünder, ein Ketzer, lebt in Sünden. Richtet nicht d.h. ihr sollt nicht klug und Meister sein wollen. Aber alle Welt hat eben damit zu schaffen. Da fällt der Bauer über uns her: tötet er uns nicht mit dem Schwert, so doch mit der Lüge: das ist ein verdammter Mensch! Alle Welt richtet und verdammt die Un­schuldigen, wie man vordem die Märtyrer verdammt hat. Sie tut das aus großer Klugheit und meint, was sie richtet, sei recht. Und so verfällt sie darauf, die zu richten, die ihre Richter sein sollten. So haut auch der Pöbel einen jeden auf die Fleischbank. Die besten Leute stecken tief in diesem Laster. Je frömmer und weiser einer ist, je mehr richtet er und hat kein barmher­zig Herz gegen die Sünde, alle mißt er nach seiner eigenen Regel. Wenn man einen anders leben sieht als man selber lebt oder in Sünde fallen sieht, so lacht man und hat seine Freude dran. Also hat kein Herz Barmherzigkeit, wenn nicht der Glaube an Jesus Christus in ihm ist. Sonst ists voll von solchem Gericht, und je rechtschaffener und begabter einer ist, desto mehr. Je heiliger und eingezogener einer ist und lebt, desto mehr richtet er ande­re. Die ehrbarsten Weiber haben die giftigsten Mäuler: sieh der! sieh die! Denn sie vergleichen ihr Leben mit dem des andern; da muß solch Gericht folgen. Ein Christ tut das nicht, denn er hat aus dem Evangelium gelernt, daß Christus gekommen ist, um dem Richten und Urteilen zu steuern. Er hat alle Werke und all unsre Gerechtigkeiten abge­tan, so daß niemand mehr einen andern richten kann. Niemand wird durch seine Werke selig. Rein ab damit, sonst rieht ich mir nur ein Unglück an. Ein Christ weiß: es ist einer so fromm als der andre, Paulus kommt nicht anders daher als der Schächer am Kreuz und die ehrbare Jungfrau nicht anders als Maria Magdalena. So muß sich einer in sein Herz hinein schämen, wenn er einen andern richtet. Ich bin aber doch kein Ehebrecher, Hurer und Bösewicht, sprichst du. Aber das ist die Rechtschaffenheit der Werke und Sitten, die der Pharisäer hatte (Lk. 18,11), darauf gründest du dein Urteil.

Wenn aber nu einer käme und risse diesen Baum aus und sprä­che zu dir: deine Gerechtigkeit ist verdammt, dann verdorrt der Baum. Das tut Christus, in­dem er spricht: vor Gott gilt dein gut und heilig Leben nicht. Ja, vor der Welt ists ein gewal­tig Ding, wenn ein Weib von guten Sitten ist. Vor der Welt soll sie größere Ehre haben als ein schlechtes Weib, desgleichen ein rechtschaffener Mann. Es soll kein Bube kommen und sprechen: zwar bin ich ein Bube und du ein gutes Weib, aber ich bin dennoch ebenso gut als du! Auf Erden ist der eine besser als der andre: da bist du ein Schelm und jener ein frommer Mann. Da sollst du nicht daherstolzieren mit dem Evangelium, sonst ists dreifach ärger als zuvor. Du sollst anerkennen, daß du ein rechtschaffen Leben führen sollst vor der Welt. Aber vor Gott gilts nicht. Da kann eine Hure in einer Stunde den besten Glauben erlan­gen und Gott angenehm sein. Darum hab ich gesagt: solch Werk der Barmherzigkeit, daß er einen andern nicht richtet, tut niemand als ein Christ. Ein andrer hat die Meinung, die Werke tätens. Wer in dieser Meinung steht, der richtet und spricht: dieser ist verdammt. Darum ler­net, daß niemand [76] einen andern richte d.h. sich nicht über den andern erhebe. Denn einer wie der andre be­darf der Gnade Gottes, das ehrbare Weib gleichermaßen als die unzüch­tige Hure, es ist eine einzige Gnade über alle. Dann kann man das Richten lassen. Denk viel­mehr so: jene sündigt mit Ehebruch, ich mit Hochmut, jener mit Zorn, ich mit Unglauben. Dennoch bleibts vor der Welt wahr, daß jene eine Ehebrecherin ist, ich aber nicht. Aber dar­auf bau ich nicht, weil vor Gott alle gleich gelten, wiewohl sie vor der Welt ungleich sind. So reißt der Glaube den Junker aus, der andre richtet. Die Jungfrau bedarf der Gnade ebenso wie die Mutter, der Mann ebenso wie das Weib. So ist unser Leben unter die Sünde verschlos­sen, auf daß es sich aller erbarme.

Das lehrt der Glaube, nicht die Vernunft. Die Vernunft richtet. Darum ist Nicht-richten ein Werk der Barmherzigkeit. Und wenn ein Mensch ohne Glauben lebt und nach der Vernunft, so ists unmöglich, daß er könnte barmherzig sein, nicht richten und geben. Denn der allein ist barmherzig, der nicht richtet. Der Mensch außerhalb der Gnade und des Glaubens ist, je hei­liger er ist, desto wütiger und tyrannischer und ohn alles Erbarmen, wie heutzutage die Ver­folger des Evangeliums sind. Was hilfts, daß du einen Menschen, der gefallen ist, auch noch richtest? Ist der nicht ein Tyrann, der seinen Nächsten im Elend liegen sieht und ihn auch noch verdammt? Es ist, wie wenn du einen der Ärmsten schier Hungers sterben sähst und es brächte ihm einer ein Stück Brot, du aber nähmst es ihm weg und sprächst: er ists nicht wert, daß er am Leben bleibt! So sind all die gesinnt, die einen irrenden und fallenden Menschen richten. Wenn man ihn der Gnade beraubt, ist er in Gefahr, von der Kirche abgesondert zu werden und in des Teufels Stricke zu fallen. Mit allen Kräften solltest du ihn Herausreißen. Aber du lachst: ei, ist der ein solcher! Die Vernunft erkennt solch tyrannische Herzen nicht. Das sind die allergrößten Tyrannen auf Erden, die so unbarmherzig sind. Der, der der größten Barmherzigkeit bedarf, an dessen Schande freu ich mich noch, da ich doch das Widerspiel tun sollte! Drum versteht die Vernunft nicht, was dieser Text heute sagt. Auf allen Kathedern wis­sen sie nicht, was sie reden. Es ist ein hohes Werk der Barmherzigkeit, wenn du nicht richtest und vielmehr dem Fallenden aufhilfst. Aber du kaufst darüber hin. Drum sei still und richte nicht in deinem Herzen, sondern erzeige die Frucht der Barmherzigkeit. Richte nicht, sondern schilt vermahne und bete für ihn. Kitzle dich nicht damit, daß er so schmutzig ist und du nicht; du bist zehnmal schlimmer. Wie du missest, so wird auch dir gemessen werden. Du siehst den Splitter in deines Bruders Auge, aber in deinem Auge ist ein Balken. Du bist blind und willst ein Meister sein, eh du gelernt hast. Summa summarum: wer nicht glaubt, der bleibt ein Tyrann und ein unbarmherziger Mensch, der kein Mitleid hat. Darum hat St. Gregor recht gesagt: die wahre Gerechtigkeit hat Mitleid, die falsche ist ein Wüterich. Es ist einer der besten Sprüche, die er gesagt hat. Wenn einer auf seine eigene Gerechtigkeit vertraut, ist er unbarmherzig. Die wahrhaftige Gerechtigkeit aber glaubt an Christus und wird um seiner Gnade willen, die allen gilt, nicht übermütig. Da sehen die Christen, [77] was ihnen fehlt. Christen sind demütige Leute und lassen sich von den Niedrigsten helfen, helfen auch andern von Herzen gern. Sie haben das Wort: richtet nicht. Andre müssen Wüteriche sein.

Verdammen, das heißt richten im Herzen, daß man so oder so in seinem Herzen denkt. Das Wort zeigt an, wie wir unser Herz gegen den Nächsten stellen sollen, wenn er fällt. Wir sollen ihn nicht richten, sondern uns selber an ihm zurechtweisen, wie man in den Väterleben von einem Altvater liest, daß er gesagt habe: jener hats gestern getan, ich heute. Er spricht nicht: jener gestern, ich morgen, sondern er setzt die Zeit noch näher an den andern heran. Der hat den Fall des Nächsten sich selbst zu einem Schrecken und nicht zu einem Urteil (über den Nächsten) werden lassen. Äußeren Fall in grobe Sünden erkennt ein jeder, aber das geistliche Fallen ist verborgen, das sehen die Werkheiligen nicht. Wenn ein Christ einen andern fallen sieht, erschrickt er darum vor seinem eigenen Fall, richtet nicht und redet nicht. Solch ver­dammen geht mit dem Munde, daß man einen andern vor der Welt so verdammt, wie man ihn schon zuvor im Herzen verdammt hat.

Das dritte ist: ein christlich Herz soll vergeben, wenn der Nächste wider es sündigt. So soll dein Herz gerichtet sein, daß du verzeihst. Das können die Werkheiligen auch nicht. Sie kön­nen nur richten und verdammen. Wenn man sie trifft und ihnen Unrecht geschieht, so haben sie kein Erbarmen, sondern nur Rache und Zorn. Sie sprechen: ich Hab Recht, jener tut mir Unrecht; das kann ich nicht ungestraft lassen, man soll das Recht lieben und das Böse hassen. So gehn sie dahin. Man kanns heute an den Tyrannen sehen, wie sie so rachgierig sind. Was man ihnen auch tut, ist alles zu wenig. Dabei bin ich doch gleichermaßen ein Sünder wie der Dieb, den man hängt. Unser keiner wird das Vaterunser umstoßen: vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unfern Schuldigem. Wenn du also selber Sünde hast, so mußt du sprechen: vor Gott geschieht mir Recht, (wenn der Nächste mir ein Lied zufügt). Vor der Welt kanns wohl sein, daß dir Unrecht widerfährt, aber vor Gott ist nicht darauf zu bauen. Vor Gott muß man sprechen: es geschieht mir kein Unrecht, wenn der andere mir ein Leid tut, ich will mich drum nicht rächen. Darum muß das Herz zerfließen und sprechen: Lieber, Lieber, fürchte dich nicht vor mir, ich werd dir die Nase nicht abbeißen, du tust mir wohl Unrecht vor der Welt, aber vor Gott geschieht mir nicht Unrecht, denn ich sündige täglich. So sieht ein Christ allzeit seine eigene Schuld an und daß der Nächste sich selber mehr Schaden tut als einem Christen. Darum kann ein christlich Herz barmherzig sein und vergeben. Vernunft aber sieht allein das eigene Recht und des andern Unrecht. Wenn einer einen andern bis nach Rom getragen hätte und setzt ihn einmal unsanft nieder, so ist vergessen alle Guttat. Da ist der Grund dazu gelegt, daß man nicht mehr barmherzig sein kann. Christen aber, die urteilen, daß ihnen Recht ge­schehen sei, haben keine Ursache mehr, sich zu rächen, zu zürnen und zu hassen. Darum pre­digt man dies den Gottlosen und den Frommen, den Gottlosen, daß sie sich bessern, den Chri­sten zum Trost, damit sie fortfahren, nicht zu richten. [78]

Gebet, so wird euch gegeben. Das geht nu von innen nach außen und sind die äußeren Werke der Barmherzigkeit. Die Werke zuvor waren geistlicher Art, nämlich nicht richten, sondern Mitleid haben mit allen Gebrechen, die da geschehen, und das mit Herz und Mund. Da sind soviel Haufen guter Werke, daß wir viel zu wenig Säcke dazu haben, wenn ein Mensch nur (z.B.) mit allen irrenden Herzen Geduld hat. Solche Werke, daß man mit den Irrenden Mitleid hätte und für sie betete und seufzte mit Herz und Mund, säh ich gern in den Klöstern. Aber nach diesen Werken gehts nu hinaus ins Zeitliche, daß man die Nackten kleide, die Hungrigen speise, die Durstigen tränke, wie Mt. 25 geschrieben steht. All diese Werke sind gefaßt in das Wort ‚Gebet‘. Wir sind geneigt zum Nehmen, aber schwerfällig zum Geben, wiewohl alles, was wir haben, Geld, Haus, gesunde Glieder lauter Gabe ist. Von Kind auf sind wir das Neh­men gewohnt, wenns aber zum Geben kommen soll, (dann gehts nicht). Ein gottlos Herz ist unbarmherzig auch in den äußeren Werken; denn, was es hat, schreibt es alles seiner eigenen Arbeit zu und spricht: das Gut ist mein, ich mag damit machen, was ich will. Solang solch Denken bleibt, ists unmöglich, barmherzig zu sein. Ein Christ aber weiß, daß nichts sein eigen und alles dazu gegeben ist, daß er andern damit diene, wo es not tut, und es nicht brauche nach seinem eigenen Dünken. Wo es not tut, sage ich; denn viele stellen sich nur arm und bescheißen uns. Das ist der Obrig­keit Schuld. Man sollte in jedem Land wissen, wer bedürftig ist. Das kann man in einer jegli­chen Stadt wohl erfahren und sollte die Schälke nicht verwöhnen. Wo aber Schwache sind, die nicht arbeiten können, (denen soll man helfen). Denn Christus spricht: kleidet die Nack­ten, speiset die Hungrigen usw. Er spricht nicht: kleidet die Bekleideten und speiset die, die satt sind: Ein Christ bedenkt, daß seine Güter nicht sein sind, sondern ihm aus lauter Barm­herzigkeit gegeben. Darum ist er barmherzig und gibt, wo es not tut, Brot, Rock oder Essen. Und solch Werk soll geschehen und ist befohlen für die, die es nicht tun; und die es tun, sollen Trost daraus empfangen.

Wenn ihr diese vier Stücke treibt, so seid ihr voll guter Werke und könnt euch mit solchen Werken eurer Berufung und Erwählung versichern, wie 2. Petr. 1, (V. 10) geschrieben steht. Du brauchst nicht nach guten Werken suchen, hier hast du genug, sie sind befohlen und müs­sen sein, dazu sind ihnen Verheißungen und Drohungen hinzugefügt: mit eben dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen. Wenn wir fromm wären, so sähen wir Verhei­ßung und Drohung gar nicht an, sondern es sollte einem sanft tun, daß man solch großen Haufen guter Werke tun darf. Aber der Herr läßts nicht dabei bleiben, sondern verheißt und spricht: wenn ihr nicht richtet, sollt auch ihr nicht gerichtet werden, ich will mich eures Fehls und Gebrechens annehmen und darnach trachten, daß ihr daraus herausgerissen werdet. Das sollte einen bewegen, daß man das Maul hielte und nicht richtete. So werdet auch ihr nicht gerichtet, so werdet ihr nicht verdammt, – was könnte Herrlicheres verheißen werden! Ich, spricht Gott, und alle Kreaturen und Engel werden dich nicht richten, sondern Mitleid mit dir [79] haben; wenn du vergibst, so vergebe ich dir und soll nimmermehr dessen gedacht sein, was du getan hast. Wir hören solche Worte viel zu kalt an; wir sinds nicht wert, Wasser zu trinken, geschweige solch Malvasier. Ein voll gedrückt gerüttelt und überflüssig Maß will er uns geben d.h.: gibst du einen ‚lundischen‘ Rock, so will ich dir einen samtenen geben. Aber was hilfts, daß er solch herrliche Verheißung gibt: wenn du gibst, so sollst du und deine Nach­kommen genug haben, denn das Maß soll voll und gerüttelt und überflüssig sein. Daher kommts auch, daß die Geschlechter, die barmherzig waren, bleiben und umgekehrt die Burgen (der Unbarmherzigen) fallen. Diese Verheißungen bedürften einer eigenen Predigt.

Sieh aber auch die Drohungen und Flüche an: wenn du nicht barmherzig bist und richtest, so wirst du gerichtet. Wenn du nicht gibst, ists soviel, als wenn du nähmest, und es soll dir wieder genommen werden. Und so gehts auch in der Welt. Jeder Reiche, spricht Hieronymus, ist entweder ein Bösewicht oder eines Bösewichts Erbe. Christus nennt den Reichtum Mam­mon, weil er ein gestohlen Gut ist. Nimmst du, so soll dir wieder genommen werden. Wollt ihr nicht geben, so laßt es; es soll einer kommen, der wirds nehmen. Ich Habs euch oft gesagt, wenn ihr eurem Nächsten nichts gebt, so wird Junker Hans Landsknecht kommen, Sankt Velten, Quirin und Pestilenz schreien und wird dirs lohnen. Alles reißt und sammelt nur für sich. Ihr nehmt und gebet nicht, darum wird auch euch wiederum gleiches widerfahren. Ich will sehen, ob ihr den Mann Christus zum Lügner macht, der da spricht: wer nicht gibt, dem wird auch nicht gegeben. Aber ihr glaubets nicht, bis der Junker Hans Landsknecht kommt. Jetzt lacht ihr und legt die Schreckenberger zusammen, darnach wirds euch auch gehen. Man hat jetzt einen gemeinen Kasten, aber niemand gibt etwas dafür, ein jeder denkt, es sei genug gegeben. Aber es wird ein Fürst oder Landsknecht kommen, der soll euch plagen, daß die Schwarten krachen. Das sage nicht ich, sondern der, der Christus heißt. Was du hast, soll dir schändlich genommen werden, weil du sprichst, es sei dein, und ist doch nicht dein, sondern des, der es bedarf. Einen andern Dieb hängt man, du aber hasts hundertfach verdient. Wers nicht glauben will, der erfahrs. Ich Hab euch oft vermahnt, daß ihr zum gemeinen Kasten geben sollt, aber ihr seid so gesinnt: wenn wir nur das Evangelium los wären und das Geld selber hätten! Aber ihr werdet das Euere damit verlieren und wird euch nach dem Evangelium gehen: mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Du bist ein Dieb, darnach wird dirs gehen; du nimmst, man wird dir auch das Deine nehmen. Darum vermahne ich euch, daß ihr euch angreift und den armen Leuten helft. Ich gebe mein Teil zum Kasten, wiewohl ich ein armer Bettler bin. Willst du nicht, so mußt du dem antworten, der hier im Evangelium spricht, nicht mir.

WA 29, 402-412 (Rörer- bzw. Lauterbach-Nachschrift einer Predigt vom 20. Juni 1529).

Quelle: Erwin Mühlhaupt (Hrsg.), D. Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Dritter Teil: Markus- und Lukasevangelium, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 41968, S. 73-79.

Hier die Predigt als pdf.

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