Karl Barth, Das Gebot des gnädigen Gottes: „Der Ausdruck ‘Gottes Gebot’ bedeutet, dass der gnädige Gott, indem er als solcher mit dem Menschen, für ihn und an ihm handelt, nicht schweigt, sondern ihm auch etwas sagt und zwar sagt, was er mit seinem göttlichen Tun von ihm haben will.“

Karl Barth 1961
Karl Barth 1961

In der Miskotte-Festschrift hatte Karl Barth 1961 in Sachen christliche Ethik einen kleinen Text „Das Gebot des gnädigen Gottes“ veröffentlicht, der lesenswert ist:

Das Gebot des gnädigen Gottes[1]

Von Karl Barth

Was will der gnädige Gott von dem ihm – nur ihm, ihm aber, weil er sein, der ihm gnädige Gott ist, unmittelbar und unausweichlich – verantwort­lichen Menschen?

Diese Frage ist natürlich nicht die Scheinfrage: ‘Was soll ich tun?’ des reichen Kornbauers (Lk. 12, 17), der, was er tun will, ja nur zu gut weiss. Sie ist die offene Frage des zum Täufer Johannes an den Jordan eilenden, durch seinen Bussruf in der Ankündigung des kommenden Richters auf­geschreckten Volkes, der Zöllner und der Soldaten: ‘Meister, was sollen wir tun?’ (Lk. 3, 10f.). Sie ist die offene Frage des reichen Jünglings, der nach Mk. 10, 17 auf Jesus zulief und sich vor ihm auf die Knie warf mit den Worten: ‘Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?’ und von dem es nachher ausdrücklich heisst, dass Jesus ihn liebte. Sie ist die offene Frage derer, denen, als sie die Pfingstrede des Petrus, seine Ver­kündigung Jesu, den Gott zum Herrn und Christus gemacht hat (‘den ihr gekreuzigt habt’), hörten, ein ‘Stich durchs Herz’ ging: ‘Was sollen wir tun?’ (Apg. 2, 36f.). Sie ist aber auch die offene Frage des Saulus an den ihm vor Damaskus jäh erscheinenden Jesus: ‘Was soll ich tun, Herr?’ (Apg. 22, 10). Es ist aber offenbar dieselbe offene Frage, zu der dann Paulus auch die Christen veranlassen und aufrufen will, wenn er die Spitze der von ihm geforderten ‘Wand­lung durch Erneuerung eures Denkens’ dahin beschreibt: sie möchten es lernen, zu prüfen, zu erforschen, zu erkennen, was der Wille Gottes sei, das ihnen gebotene gute, ihm wohl­gefälli­ge, vollkommene Tun (Röm. 12, 2, vgl. Phil. 1,10, Eph. 5,10, 17). [281]

Diese Frage kann, soll sie eine ernstliche, fruchtbare, weil echte Frage sehr, nicht im leeren Raum, sondern nur innerhalb einer bestimmten Situation gestellt werden: erwachsend aus der Erkenntnis dieser Situation und aus der dieser zugrunde liegenden Erkenntnis Gottes und des Men­schen. Es geht um die durch die Epiphanie Jesu Christi bestimmte Situation. Indem das Reich Gottes nahe herbeigekommen, indem es be­stimmten Menschen auf den Leib gerückt ist, indem sie sich auf einmal in den Umkreis des Gnadenbundes versetzt sehen, indem es ihnen an ihrem Ort deutlich wird, dass sie zu einer der Aktion Gottes entsprechenden Reak­tion aufgerufen und genötigt sind, indem es ihnen aber noch nicht oder nicht mehr deutlich ist, wie diese Reaktion, sollte sie verantwort­lich vollzogen werden, beschaffen sein müsste, indem es ihnen weiter ge­wiss ist, dass sie sich die Anweisung dazu nicht selbst geben können, dass sie ihnen als Befehlswort, als Gebot gegeben werden muss – so und damit kommt es zu ihrer Frage: Was sollen wir tun? Sie ist keine bloss rheto­rische Frage, als deren Antwort der Fra­gende doch nur das Echo der Ant­wort erwartet, die er sich selbst schon lange gegeben hat. Sie kommt aber auch nicht aus dem Unbestimmten und sie zielt nicht ins Unbestimmte. Sie ist nicht die Frage des sich selbst überlassenen Menschen, und so stellt sie sich nicht zufällig, nicht willkürlich, nicht aus irgendeiner mehr oder weniger dringlichen Neugier und auch nicht aus dem Bedürfnis, sich un­verbindlich irgendeiner Auskunft über das, was allenfalls zu tun sein möchte, umzusehen und zu erkundigen. Sie kann darum auch nicht da­nach fragen, was dem Menschen durch irgendeine höhere Macht oder Idee, durch irgendein ihm vorgegebenes Prinzip oder Leitbild zu tun nahegelegt sein möchte: durch eine Instanz, die womöglich erst zu eru­ieren, zu erforschen und zu definieren wäre, deren Autorität darum noch zweifelhaft und diskutierbar sein könnte. Hier fragt der Mensch, weil er gefragt ist, als selber Gefragter Antwort haben muss, selber aber keine Antwort weiss. Und er fragt nach dem Bescheid eben der Instanz, durch die er zuerst sich selber gefragt weiss. In diesem Sinn als echte Frage gestellt – in jedem anderen Sinn wäre sie uninteressant! – ist die Frage nach Gottes Gebot, nach dem, was der Mensch nach Gottes Willen tun soll, bereits der Ansatz zu der der göttli­chen Aktion angemessenen mensch­lichen Reaktion, ist der Mensch eben damit, dass er so fragt, schon auf den Weg des Gehorsams getreten. Schon bewährt sich die von Gott be­grün­dete und geschaffene Gemeinschaft zwischen ihm und dem Menschen jedenfalls darin, dass dieser, von Gott offenbar erreicht und ergriffen, nicht mehr einfach fortfahren kann, sich seinem Schicksal oder irgendeiner Eigengesetzlichkeit menschlichen Handelns zu fügen, im Anschluss an das, was ‘man’ in seiner näheren oder ferneren Umgebung für richtig hält oder nach eigener Willkür dies und das zu tun. Schon hat er jedenfalls [282] seinen Meister als solchen entdeckt und sich selbst als diesem Meister ver­pflichtet und verantwortlich erkannt. Schon hat er jedenfalls auch das entdeckt, dass er sein bisheriges Tun nur unter schwerem Zweifel, kaum oder gar nicht mit seiner Begegnung mit diesem Meister und mit seiner sich aus ihr ergebenden Verpflichtung und Verantwortlichkeit vereinigen könnte. Schon ist er jedenfalls erschüttert, schon von der Unruhe des Aus­blicks nach einem anderen, der Situation, in die er sich versetzt findet, besser entsprechenden Tun betroffen. Schon kann er es auch nicht dabei bewenden lassen, danach gefragt zu sein. Schon muss er sich die Frage zu eigen machen, sie als seine eigene zu stellen. Und schon muss er sich mit dieser Frage eben dorthin wenden, von woher sie ihm selbst gestellt ist – das Volk von Judäa an den Täufer, die Leute von Jerusalem an die Apostel, der reiche Jüngling und später Saulus an Jesus selber. Er tut das offenbar bereits auf Grund einer gegenüber dem, was er zuvor war oder zu sein meinte, neuen Bestimmung seiner Existenz. Es leuchtet aber ein, dass sie ihm als Frage ein für allemal ge­stellt ist und bleibt, dass er sie, falls er ein­mal Antwort auf sie bekommen und den Weg des ihm befohlenen Tuns ein Stück weit beschritten haben sollte, nicht etwa als erledigt hinter sich lassen kann, sondern sie als Frage immer wieder wird stellen müssen. Wie wäre sie seine echte Frage, wenn er sie fallen lassen, wenn er irgendeinmal der Meinung werden könnte, es nicht weiter nötig zu haben, sie neu zu stellen? Wann hätte er es nicht nötig, auf dem Weg des Gehor­sams neue, weitere Schritte zu tun und nach neuer Weisung dazu zu fragen? Wie könnte es im Verhältnis zwischen dem freien gnädigen Gott und dem ihm als solchem verbundenen, verpflichteten und verantwort­lichen freien Menschen anders zu einem Weitergehen im Ge­horsam, zu einer kontinuierlich der göttlichen Aktion entsprechenden menschlichen Reaktion kommen, als – das ist offenbar der Sinn des an solche, die bereits Christen sind, gerichteten Wortes Röm. 12, 2 – indem auch der Ansatz dazu und also die Frage nach dem Willen und Gebot Gottes immer neu Ereignis wird? Gerade Kontinuität seines Gehorsams kann von Sei­ten des Menschen nur dadurch garantiert sein, dass er es nicht verschmäht, immer neu mit dem Anfang und also mit dieser Frage anzufangen. Gerade wer Antwort auf diese Frage schon bekommen hat, wird sich also (das gehört zum Grundgesetz der Situation, in der er sie allein bekommen konnte) für darauf angewiesen halten, sie wieder und wieder hören und also wieder und wieder nach ihr fragen zu müssen, vielmehr: zu dürfen.

Eine grundsätzliche Erinnerung ist hier einzuschalten. Der Begriff des Gebotes Gottes be­zeichnet eine dynamische Wirklichkeit. Es handelt sich um das Gebot des lebendigen Gottes. Und so redet der Begriff von Gottes Tun, sofern dieses auch ein ganz bestimmtes an den Men­schen gerichtetes Wort ist. Der Ausdruck ‘Gottes Gebot’ bedeutet, dass der gnädige Gott, indem er als solcher mit dem Menschen, für ihn und an ihm handelt, nicht schweigt, sondern ihm auch etwas sagt und zwar sagt, was er mit seinem göttlichen Tun von ihm haben will, was der Mensch seinerseits tun soll. Er redet von Gottes in und mit seinem Tun stattfinden­dem Weisen, For­dern, Befehlen, mit dem er an die Freiheit appelliert, die er ihm in seiner eigenen Freiheit als sein Schöpfer und Versöhner gegeben hat. Das Gebot Gottes ist das Ereignis, in welchem Gott das tut: in welchem er gebietet. Es ist aber in jeder besonderen Gestalt seines Verkehrs mit dem Menschen, in jeder besonderen Zeit, im Blick auf die Vor­aussetzungen, Möglich­keiten und Konsequenzen, jedes besonderen Dranseins jedes Menschen ein besonderes Gebieten. Es ist je Eines, je etwas ganz Bestimmtes, was Gott von diesem und diesem Menschen fordert. So ist sein Gebot kein dem Menschen offenbartes und auferlegtes Prinzip seines Handelns oder eine Sammlung solcher Prinzipien, die dieser dann, um im Ein­zelnen das Rechte zu treffen und zu tun, nach bestem eigenen Wissen und Gewissen auszule­gen oder auch nach dem Rat oder in Beugung unter die Autorität Anderer auszulegen und anzuwenden hätte. Gerade hinsichtlich der Richtung und Art seines konkreten Tuns heute und hier wäre er ja dann doch dem Schicksal oder dem Zufall oder eben sich selbst, seinem Er­mes­sen und Gutfinden oder dem jener Anderen überlassen. Gott sagt ihm vielmehr in seinem Gebot je ganz konkret, was er jetzt, hier, unter diesen und diesen Umständen tun und lassen soll. Er begleitet den Weg des Menschen mit immer lebendiger, neuer, direkter Weisung. Im­mer ist es Gott, der das Gute für ihn gewählt hat und als Sache seiner Wahl ihm be­kannt macht. Und Sache des freien Menschen ist es immer, Gottes Gebot als Gottes konkreten An­spruch, seine konkrete Entscheidung, sein kon­kretes Gericht zu vernehmen und also Gottes Wahl nachzuvollziehen, das von Gott Gewählte als das Gute ins Werk zu setzen. Für diesen Nachvoll­zug der von Gott vollzogenen Wahl in seiner eigenen Erkenntnis, seinem eigenen Willen, seiner eigenen Tat ist der Mensch verantwortlich. So fragt die Frage: ‘Was soll ich tun?’ nach der von Gott heute, hier voll­zogenen Wahl des Guten, nach der Weisung, in der Gott sie ihm bekannt macht, damit er sich an sie halte. Sie fragt nach der je ganz besonderen, konkreten Gestalt und Art des Tuns, das Gott vom Menschen haben will. Dementsprechend wird auch des Menschen Tun, indem es dem Gebieten Gottes Schritt für Schritt zu folgen hat, ein je immer wieder besonderes sein müssen: Gehorsam, sofern es aus dem rechten Hören des göttlichen Befehls hervorgeht und was ihm befohlen ist, ins Werk setzt – Ungehorsam, sofern es entweder gar nicht aus solchem Hören stammt oder das Gehörte nicht wie ihm befohlen ins Werk setzt. So oder so: Es handelt sich in der Begegnung und in dem Zusammensein von Gott und Mensch wie überhaupt, so auch in seinem ethischen Charakter nicht um ein statisches Gegenüber, dessen [284] Art und Gestalt sich ein für allemal fixieren liesse, sondern – weil der freie Gott und der freie Mensch sich da begegnen und zusammen sind – immer um je ein Stück ihrer gemeinsamen Geschichte, immer um ein je beson­deres, in seiner Konkretion einmaliges und einzigartiges Ereignis, bzw. um eine fortgehende Reihe solcher Ereignisse. Eben darum kann denn auch die Frage: Was soll ich, bzw. was sollen wir tun? nie zur schon erledigten Frage werden. Keine Ethik kann dieses Ereignis, bzw. diese Ereignisse antezipie­ren. Ihre Art und Gestalt werden immer und überall das Geheim­nis des je so oder so gebie­tenden Gottes und des je so oder so gehorsamen oder ungehorsamen Menschen sein. Ethik kann und soll wohl darauf hin­weisen, dass es sich zwischen Gott und Mensch immer und überall um dieses Ereignis, bzw. um diese Ereignisse gehandelt hat und handeln wird. Uber das, was Gott vom Menschen will, kann sie weder vorher noch nachher entscheiden. Sie kann also die Frage: Was soll ich tun? nicht beantworten wollen. Gottes Gebot, wie es sich dem Menschen je jetzt und hier erschliesst, ist ihre Beantwortung. Keine Ethik kann denn auch über des Menschen Gehorsam oder Ungehorsam entscheiden wollen. Darüber entscheidet und richtet der gebietende Gott selber, er ganz allein. Ethik kann wieder nur darauf hinweisen, dass in jedem Jetzt und Hier auch des Menschen Gehorsam oder Ungehorsam in seinem Ver­hältnis zu Gottes Gebot Ereignis wurde, wird und werden wird. Ethik kann also nicht selbst Weisung, sondern nur Unterweisung geben: Unterricht in der Kirnst, jene Frage jeweils sach­gemäss zu stellen und ihrer Beantwortung, die Gott allein geben kann und gibt, jeweils offen, aufmerksam, willig entgegen zu sehen.

Ethik kann aber jenen Hinweis auf das Ereignis der Begegnung zwischen Gott und Mensch, auf jenes Geheimnis des je besonderen göttlichen Anord­nens, Weisens und Befehlens und des je besonderen menschlichen Gehor­sams oder Ungehorsams – sie kann Unterweisung in der Kunst des rich­tigen Fragens nach Gottes Willen und des offenen Hörens auf sein Gebot geben. Sie kann es darum, weil es in aller Besonderheit seines Gebietens jetzt und hier der gnädige Gott ist, der in der Situation des Gnadenbundes dem ihm als solchen verantwortli­chen Menschen begegnet. So ist das Ge­heimnis seiner Begegnung mit dem Menschen nun doch keine Finsternis, in der Alles und Jedes möglich sein und wirklich werden könnte. So ist das je ganz Besondere, das der freie Gott vom Menschen jetzt und hier getan haben will – der Inhalt seines Gebotes also – wohl ganz und gar Sache seines jeweiligen Verfügens. Es ge­schieht aber dieses sein freies, je­weiliges Verfügen auf alle Fälle in dem Zusammenhang, in der Ordnung, die eben damit vorgegeben ist, dass es kein gestaltloses und dunkles No­men, sondern der allmächtige Herr ist, der dem ihm verantwortlichen Menschen wohl will, der sei­ne eigene Ehre eben darin sucht, des Menschen [285] Heiland zu sein. Als solcher ist er sein Herr. Als solcher nimmt er ihn in Anspruch, entscheidet er über ihn, richtet er ihn. Als solcher ist er sein Gebieter. Wir können und sollen damit rechnen, dass sein freies Gebieten auf alle Fälle immer und überall dadurch charakterisiert sein wird, dass er dieser und kein anderer Gott ist. Und dementsprechend ist nun auch der diesem Gott begegnende Mensch kein unbe­schriebenes Blatt, seine Verantwortlichkeit keine neutrale, keine unbestimmte, in deren Wahr­nehmung er wohl heute im Gehorsam zu tun hätte, was gestern wirklich Ungehorsam war, heute als Ungehorsam zu lassen hätte, was gestern wirklich Gehorsam war. Der Weg, auf dem er dem freien Gebieten Gottes in vorbehaltloser Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zu fol­gen hat, ist vielmehr insofern ein ganz bestimmter Weg, als er, was er nach Gottes Gebot zu tun und zu lassen hat, auf alle Fälle nur als der Mensch zu tun und zu lassen hat, der dem ihm gnädigen Gott und keinem Anderen ver­bunden und verpflichtet ist. Kann also die konkrete Weisung, die Gott dem Menschen je jetzt und hier gibt, durch keine dem Menschen über­las­sene, von ihm selbst zu findende oder von anderen Menschen ihm vor­zuschreibende Ausle­gung und Anwendung allgemeiner Prinzipien er­setzt werden, so gibt es doch ein Kriterium, an Hand dessen die dem Men­schen von Gott in seinem Gebot gegebene Weisung von seinen eigenen Einfällen oder von den Eingebungen irgendwelcher anderer Geister und Mächte klar und deutlich unterschieden werden kann. Das Gebot Gottes wird auf alle Fälle daran als sol­ches erkennbar sein, dass es ihm als das Gebot Jesu Christi des einen Mittlers zwischen Gott und den Menschen in der Gestalt der Gnade begegnet: gewiss nicht als Exponent seiner eige­nen Phantasien, Wünsche und Begierden also, aber auch nicht als das Diktat einer ihn fremd oder gar feindlich überfallenden Gottheit, sondern als Weisung dessen, der ihn ohne und gegen sein Zutun und Verdienst von Ewigkeit her geliebt hat, der ihn besser versteht, als er sich selber versteht, es besser mit ihm meint, als er selbst es mit sich meinen kann, um ihn in diesem seinem besseren Wissen und Meinen zu seinem Heil an seine Frei­heit zu erinnern, in seiner Freiheit ernst zu nehmen, ihn zu deren allein möglichen Gebrauch aufzurufen. Das Gebot Gottes wird sich unfehlbar als das Gesetz des Evangeliums zu erkennen geben. Einer strengen Anwen­dung dieses Kriteriums dürften keine Einfälle des Menschen selbst und keine Einflüsterungen und Zumutungen anderer Geister standhalten. Denn dass der Gott, der die Welt in Jesus Christus mit sich selbst versöhnt hat, der wahre Gott, der in ihm mit Gott ver­söhnte Mensch der wahre Mensch ist, das ‘hat kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, ist in keines Menschen Herz emporgestiegen – das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben’ (1. Kor. 2,9). Das bedeutet hier: Gottes Gebot ist denen bereitet, die Gott daraufhin, dass er sie zuerst geliebt hat, wieder lieben dürfen. [286]

Dieses Kriterium hat die Ethik aufzunehmen und in ihrem Hinweis auf jenes Ereignis, auf das Geheimnis des göttlichen Befehlens und der menschlichen Verantwortung je jetzt und hier in Anwendung zu bringen.

Quelle: Woord en wereld. Opgedragen aan Prof. Dr. K.H. Miskotte naar aanleiding van zijn aftreden als kerkelijk hoogleraar te Leiden op 14 december 1959 [Redactie A.J. Rasker, M.H. Bolkestein, J.M. Hasselaar, G.P.H. Locher, W.C. Snethlage], Amsterdam 1961, S. 280-286.

[1] Das Folgende ist eine Kostprobe aus dem jetzt in Entstehung begriffenen Band IV, 4 der KD, deren frühere Bände mein Freund Heiko Miskotte mit einem so freudigen Verständnis und mit so verständnisvoller Freude begrüsst hat, dass ich ihm hier einmal öffentlich dafür danken möchte. [Vgl. Karl Barth, Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV,4. Fragmente aus dem Nachlaß Vorlesungen 1959-1961, hrsg. v. Hans-Anton Drews und Eberhard Jüngel, Zürich: TVZ 1976, S. 46-54.]

Hier der Text als pdf.

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