„Der Katholik treibt sich sein Leben lang in den Grenzgebieten des Reiches Gottes herum und fühlt sich stets von Strafen für Grenzüberschreitungen bedroht.“ – Joseph Wittig, Die Erlösten von 1922

S 168
Joseph Wittig (1879-1949)

Nachdem Joseph Wittig 1922 mit seinem Hochland-Essay „Die Erlösten“ die katholische Sündenlehre bzw. Beichtpraxis heftig kritisiert hatte, wurden im Juni 1925 sechs seiner Schriften in Rom auf den Index gesetzt. Da sich Wittig zudem weigerte, das Tridentinische
Glaubensbekenntnis und den Antimodernisteneid zu wiederholen, wurde er schließlich am 12. Juni 1926 exkommuniziert. Damit war die akademische Laufbahn Wittigs beendet. Fortan wirkte er als religiöser Schriftsteller, dessen Werke in evangelischen Verlagen veröffentlicht wurden. Über seine Erfahrungen mit der akademischen Lehre schreibt er in „Die Erlösten“:

Alle diese Dinge kamen mir wieder ein, als ich in meinen Studentenjahren das Kolleg über Dogmatik hören mußte. Wenn schon der Pfarrer und der Kaplan auf der Dorfkanzel den Ein­druck unüberwindlicher Sieghaftigkeit machen, so solltet ihr erst einmal einen Dogmatikpro­fessor auf dem Katheder der Universität sehen! Da gibt es überhaupt nichts mehr von Bedeu­tung außer ihm. Siegessicherer war selbst Alexander der Große nicht. Während Pfarrer und Kaplan wenigstens wirklich kämpfen, laut rufen, daß ein etwa anwesender Gegner schon vor der Stimme kapitulieren muß, mutig und trotzig nach allen Seiten sich wendend, die Brust vorstreckend wie ein Winkelried, mit den Armen fechtend gegen alle Feinde und die ganz böse Welt, die unterdessen noch ganz friedlich in dem schönen Sonntagsmorgenschlafe liegt oder eben den Sonntagsbraten in die Pfanne legt oder beim ersten Pfeiflein die Morgen­zeitung liest, begnügt sich der Dogmatikprofessor mit der Ruhe des obersten Kommandos. Er weiß, daß er recht hat. Er läßt seine Autoritäten aufmarschieren: Moses und die Propheten – sie haben schon ganz genau so gelehrt wie er – Christus und die Apostel – kein Zweifel, daß sie sich seiner Meinung anschließen –; und dann die Kirchenväter – sie folgen dem kommandie­renden Dogmatiker blindlings –; die Konzilien – trotz allein Widerstreit mußten sie immer am Schluß sagen, was der Dogmatiker für recht hält, und wenn er einmal sich von den verdamm­ten Ketzern zu sehr umdrängt sieht, tritt er unbesiegt hinter den eisenfesten Turm des unfehl­baren kirchlichen Lehramtes. Und er weiß: er braucht nur die Augen ein wenig zum Himmel zu erheben, und wenn sie auch nur zur Decke des Hörsaals reichen, so sieht er den Himmel geöffnet, und sein spekulativer Blick geht ins Unendliche. Und wenn auch das irdische Leben manchmal ganz anders ist, als man denkt, so ist doch das überirdische Leben ganz genau so, wie es sich der Dogmatiker denkt. Kein Wunder, daß wir Studenten von vornherein geneigt waren, uns ihm unbedingt zu unterwerfen. Und einige kamen nicht erst ins Kolleg, indem sie sagten: ‚Er hat ja doch recht.‘

Wir hatten schon die Lehre von Gott dem Einen und Gott dem Dreifaltigen gehört: Es waren Stunden voll tiefer Erbauung und freudiger Zustimmung gewesen. Auch die Lehre von der Schöpfung und Weltregierung, das Lieblingsgebiet meiner theologischen Veranlagung: Was gibt es für ein schöneres Thema als Natur und Menschheit, Vorsehung Gottes und das Ge­heim­nis von der unmittelbaren Mitwirkung Gottes bei allem, was geschieht, oder als die Engelwelt, zu der ja auch der treueste Gefährte meines Lebens, mein Schutzengel, gehört! Nun kam die Lehre von der Erlösung. Sie sollte die ganze Zeit von Herbstsemesteranfang bis Weihnachten beanspruchen. Da konnte ich ja endlich genug davon hören.

‚Du,‘ sagte ich meinem Freunde, ‚wenn er uns wieder weiß machen will, daß uns Christus von den Sünden erlöst hat, dann gehe ich nicht mehr ins Kolleg. Denn das ist nicht wahr. Ich bin gar nicht erlöst von meinen Sünden. Ich habe von Jahr zu Jahr gehofft, daß ich sie los werde. Ich habe gar keine Freude mehr gehabt an meiner schönen Jugend. Fortwährend mußte ich mich mit den Sünden plagen. Das nenne ich keine Erlösung.‘

,Du mußt halt deine Sünden beichten,« sagte mein wohlgefestigter Freund. Ach, ich ging ja alle Wochen zur hl. Beicht. Aber die Sünden gingen zu dem einen Beichtstuhlgitter hinein und zu dem anderen kamen sie wieder heraus, zunächst mit der schuldlosen Miene unver­schuldeter Anlage, dann mit dem verführerischen Gesicht der Versuchung, endlich mit dem Rachen des Löwen, von dem der hl. Petrus schon sagte, daß er ,suchet, wen er verschlinge‘. Kamen zum anderen Gitter wieder heraus, selbst in dem sehr kunstreich eingerichteten Beichtstuhl der Klosterkapelle, wo die Gitter mit Falltüren verschließbar waren, die sich abwechselnd vor dem einen und dann vor dem anderen Gitter herunterschieben ließen.

Wieder sagte mein zum Frieden geneigter Freund: ,Beichte nur gut bis zur Sterbestunde, dann bist du für alle Ewigkeit erlöst von allen Sünden!‘ ,Ja,‘ warf ich ein, ,dann kommt noch das Fegfeuer, oder vielmehr, dann werden erst meine Beichten nach den abertausend Vorbedin­gungen der Gültigkeit untersucht, und schließlich heißt es noch: „Bedaure!“‘

Und wenn schon immer alles auf die Ewigkeit geschoben wird! Da können uns die Theologen alles weiß machen, wenn man sie nicht schon auf der Erde dafür fassen kann. Es ist gar zu bequem, fragende und tragende Menschen auf die Ewigkeit zu vertrösten. Das hat der Heiland nie getan, sonst wären ihm alle Apostel davongelaufen außer etwa dem Johannes, den der Heiland so liebte, daß er auch auf der Erde schon seine Freude hatte.

‚Da mußt du halt ein Johannes werden,‘ schlug der Freund ein.

,Da mußt du halt!‘ sagte ich nun wirklich verärgert. ‚Wenn es von mir abhängig ist, dann ist es keine Erlösung durch Jesus Christus, sondern durch mich selbst. Da mußt du halt! Wenn ich nicht kann!‘

Da legte sich wieder fast unsichtbar, fast unmerkbar eine Hand auf meine Schulter, und es war, als spräche der Heiland wieder zu mir: ‚Vertraue!‘

Als ich nun ruhig zu werden begann, fing auch mein Freund an, von der Bedeutung der Sünde im Leben des katholischen Menschen zu sprechen. Er gestand mir zu, daß wenigstens in den Jahren unserer Jugend das religiöse Leben fast nur Kampf und Quälerei sei: Gottesfrieden nur am Sonnabend nachmittag und Sonntag, von der Beicht an bis einige Stunden nach der hl. Kommunion, ein anstrengender Weg von Beicht bis zur Sünde, von Sünde zur Beicht, ein qualvoller Wechsel von Wiederherstellung und Verfall, Verfall und -Wiederherstellung. Der Katholik treibt sich sein Leben lang – solang damals schon unser Leben war – in den Grenz­gebieten des Reiches Gottes herum und fühlt sich stets von Strafen für Grenzüberschreitungen bedroht. Er hat gar keine Zeit, etwas nach der Mitte des Gottesreiches zu wandern, wo es eigentlich erst schön zu werden beginnt. Er muß fortwährend an der Grenze Grenzverlet­zungsprozesse mit seiner Seele, mit seinem Beichtvater, mit seinem Herrgott durchfechten. Er lernt die Geographie des Gottesreiches auswendig, nämlich die Dogmatik; er studiert das Jus des Gottesreiches, nämlich die Moral. Er weiß genau, wieviel Gramm Brot er essen darf, ohne das Fastengebot zu verletzen. Er schließt ziemlich viel Verträge ab mit seinem Gott: Gegen die und die Leistung erwartet er, freilich in aller Demut und mit dem Zugeständnis jedes Man­gels eines Rechtsanspruches, ganz bestimmte Leistungen von seiten Gottes. Er liebt Gott, aber immer aus der Ferne, von der Grenze her, wo er diese Liebe mit jeder Minute verlieren kann. Mehr noch fürchtet er Gott, freilich auch aus der Ferne, in der er doch manchmal denkt, schon etwas riskieren zu dürfen. Gegen das Land in der Mitte, gegen das Land der heiligen Mystik, hat er sogar ein starkes Mißtrauen. [8] Es läßt sich dogmatisch und juristisch nicht scharf genug erfassen und ist im ganzen zu unwissenschaftlich, so unwissenschaftlich, daß sogar der sehr reichlich angefüllte theologische Stundenplan nicht einmal den Namen davon nennt. Das religiöse Leben wird dem jungen Katholiken ja freilich eingeübt. Aber es sind eben nur Ein­übungen, Ausbildung der Technik, religiöses Leben nach bestimmtem Schema und unter mannigfaltigem sanftem Zwange. Auch da muß alles erkämpft werden. Wenig davon, daß das Joch Christi süß und seine Bürde leicht sei. Wenig von der Freiheit der Kinder Gottes. Acht Seligkeiten hat der Heiland verkündet, aber keine ist zu schmecken. Die einzige Ausnahme davon ist das süße Mahl des geliebten Meisters – wenn einer wirklich schon so weit ist, ohne Angst an diese Tafel der Liebe zu gehen, ohne die blutroten Worte zu sehen: ‚Wer unwürdig von diesem Brote ißt oder den Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig des Leibes und Blu­tes des Herrn.‘ Eine Unsumme von seelischer Kraft geht auf den Krieg und auf die beständige, angstvolle Wachsamkeit darauf. Und doch bleibt unendlich viel positive Arbeit zu leisten. Sie wird geleistet, aber es ist Kriegsware, ein Wort, das wir damals freilich noch nicht in der Be­deutung gänzlicher Minderwertigkeit verstanden.

,Vielleicht läßt sich hieraus die Inferiorität der Katholiken auf allen Gebieten erklären,‘ meinte ein Student aus dem zweiten Semester, mußte sich aber das Wort Inferiorität von meinem für die katholische Ehre lebenden und sterbenden Freund gehörig verweisen lassen: ,Die Katholiken sind nicht inferior, sie verwenden nur einen größeren Teil ihrer Kräfte auf ewige Dinge.‘

‚Nun,‘ sagte ich, dem dritten Studenten ein wenig beipflichtend, ‚ich hatte jedenfalls aufmerk­samer und kräftiger studieren können, wenn ich von der verdammten Sünde erlöst wäre. Schon das lange Warten am Beichtstuhl im Dom! Ich mußte als Gymnasiast diese Zeit ausnut­zen, indem ich Horazoden dabei lernte.‘

,Na, hör’ mal, mein Lieber, das ist aber auch eine Art …!‘ Und meines Freundes Antlitz wurde aufrichtig trüb.

Unterdessen hatten wir den Hörsaal erreicht, und es dauerte nicht lange, da kam der freund­liche Professor, der auf seinem Antlitz nicht nur die ganze Fülle irdischer Seligkeit, sondern auch schon einen deutlichen Schimmer überirdischen Glückes trug. Von diesem Manne hätte man sagen können, er sehe genau so aus, als sei er wirklich von allem Leid, allein Irrtum, allem Kampf erlöst, wofern er nicht überhaupt von Anfang an im Status naturae purae geblie­ben war.

Nein, meinte er: Mit einem schallen Mißton habe die geoffenbarte und von ihm tradierte Schöpfungslehre abgeschlossen: mit der Erbsünde. Jetzt kamen wir zu einem Kapitel, in dem die Geigen wieder gestimmt würden, so daß einmal das ewige Lied leidlich harmonisch aus­falle: zum Kapitel von der Erlösung.

‚Ja,‘ dachte ich, ‚das Geigestimmen merke ich deutlich in mir. Aber wenn die E-Saite rich­tig gespannt ist, rutscht mir schon wieder der Wirbel von der A-Saite, und während ich am Wirbel der unzerreißbaren D-Saite drehe, platzt mir die hochgespannte E-Saite.‘ …

Hier der vollständige Text Joseph Wittig, Die Erlösten als pdf.

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