„Da fällt dann allerlei Böses zum Schaden von Leib und Seele ein“ – Bedenken D. Martin Luthers Warum Einsamkeit zu fliehen sei von 1534

Melencolia_I_(Durero) (Mittel)
Albrecht Dürer – Melencolia I (Kupferstich, 1514)

In Georg Rörers Sammlung von Martin Luthers Tischreden findet eine kurze Bemerkung über die Einsamkeit aus dem Jahr 1534, die ich in heutiges Deutsch übertragen habe:

Schwerere und größere Sünde tun die Leute viel eher, wenn sie allein sind, als wenn sie sich zu anderen gesellen und halten. Der Teufel verführte unsere erste Mutter Eva im Paradies, wo er sein Gespräch mit ihr allein hatte (Genesis 3). Mord, Raub, Diebstahl und allerlei Böses etc. geschehen im Allgemeinen an Orten, wenn Leute nicht vorhanden sind. Da ist Raum und Gelegenheit, dadurch der Satan die Leute reizen und dazu treiben kann, allerlei Sünde und Untugend zu begehen. Wo aber Leute beisammen sind, da muss doch ein Übeltäter aus Furcht oder wenigstens aus Scheu das Böse unterlassen – so er im Sinn hat es zu tun –, weil er weder Raum noch Gelegenheit hat, seine Untat auszuführen. Auch versuchte der Teufel Christus den Herrn in der Wüsten.

Weiterhin wurde David zum Ehebrecher und Mörder, als er allein und müßig war (2. Samuel 11). So habe ich oft erfahren, dass ich eben dann, wenn ich einsam war, in große, schwere Anfechtung und Verzweiflung gefallen bin. Zudem hat Gott den Menschen zur Gesellschaft und nicht zur Einsamkeit geschaffen, was sich darin zeigt, dass er beiderlei Geschlecht der vernünftigen und unvernünftigen Tiere, ein Männlein und Fräulein bzw. ein „Er“ und eine „Sie“ geschaffen hat.

Zudem hat er auch das Lehramt, die Sakramente und Predigten in der Kirche verordnet, so dass die Leute zusammenkommen sollen, um Gottes Wort zu hören, in der Gemeinde für allerlei Not der Christenheit zu beten und schließlich Trost in Beichte und Absolution zu erhalten. Auch spricht Christus, unser Herr (Matthäus 18): Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Dagegen bewirkt Einsamkeit Schwermut und Traurigkeit. Da fällt dann allerlei Böses zum Schaden von Leib und Seele ein; da bewegt und betrachtet auch der Mensch allein das, was böse ist, mit großem Fleiß. Und wenn ihn etwa ein Unglück drückt und ängstigt, dann bildet es sich ihm so schwer und gefährlich ein, dass er selbst denkt, es gäbe keinen unseligeren Menschen als ihn; es sei auch niemand, dem seine Situation sich verschlechtere und einen so bösen Ausgang nehmen werde, wie er eben es vorzusehen und sich vorzustellen weiß.

Kurz, ein solcher Mensch folgert immer eins aus dem anderen, und deutet alles zum Ärgsten. Um alle andere, so lässt er sich dünken, stehe es wohl, während es ihm weh tut und leid ist, dass es andern nach deren Willen hinausgeht, während ihm eben das Widerspiel begegne. Daher haben die Alten gesagt: Caput melancholicum est Diaboli paratum balneum (ein melancholischer Kopf ist eine Suhle des Teufels).

Hier der Text als pdf.

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