„Das Leben ist ein Abgrund an Schmerz, aber auch ein Abgrund an Hoffnung“ – Reinhold Schneider „Über den Selbstmord“ von 1947

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Reinhold Schneider Plädoyee gegen die Selbsttötung zeigt zugleich sein beeindruckendes Einfühlungsvermögen in deren Motive. Kein Wunder, hatte sich der 19jährige Schneider 1922 in der Nachfolge seines Vaters an einer eigenen Selbsttötung versucht:

Dem Christen ist der Selbstmord nicht erlaubt. Er soll nicht allein dulden wie die antiken Helden; sein Tod soll viel mehr sein – ebenso wie alles Lei­den mehr sein soll –: das letzte Vollbringen seines Glaubens. Er soll Christus an sei­nem Leibe verherrlichen, »sei es durch Leben, sei es durch Tod« (Phil 1, 20); darum muß er, wie der Apostel sagte, als er von seiner Sehnsucht nach Christus sprach, »im Fleische blei­ben«. Der Christ soll Christus ähnlich werden im Tode (Phil 3,10). Es kann nur geschehen, indem er den Tod leidet, den er nicht gesucht, nicht gewollt und den er, da er über ihn kommt, aus Liebe zu Christus annimmt und »will«. In diesem Tode ist die wunderbarste Ver­heißung des Ähnlichwerdens; an diesem Tode wird der Gerechte erkannt werden am Tage des Ge­richts. Dem Menschen ist der Leib gegeben, daß in ihm die Seele sich bewähre und der Voll­endung entgegenstrebe durch alle Auf­gaben, Versuchungen, Schmerzen, die das Gefan­gen­sein im Leibe bereitet. »Weil er das Fleisch an sich trägt, muß er Schmerzen ha­ben, und weil seine Seele noch bei ihm ist, muß er Leiden tragen« (Hiob 14, 22). Ohne den Leib könnte die Seele sich nicht läutern für Gott, und dafür soll die Seele den Leib verklären und mit em­por­tragen; insoweit sie beide Christus ähnlich sind, werden sie ge­rettet werden. Der Leib trägt Christi Sterben an sich und wird den Herrn dadurch verherrlichen; auch die Schmach der Ge­fangen­schaft und Verspottung, der Mißhandlung und Entkleidung hat Christus vorweg­ge­nommen, im voraus erlitten. Es kann keine Schmach mehr geben, die im Gedanken an Chri­stus, in der Liebe zu ihm, nicht tragbar wäre. Eine jede Schmach aber, die vor dem Dornen­gekrönten erduldet wird, krönt den Erniedrigten. Der Mensch, der dem gekreuzigten König unbeirrbar angehört, im Elend der Krankheit und unter der Gewalt verbrecherischer Ver­folger, wird zum höchsten Menschenbilde emporgehoben, von ihm mit einem Widerscheine be­schenkt. Der Mensch, der zum Gottmenschen hingewendet ist, wird das Bewußtsein seines Wer­tes nicht mehr einbüßen. Wie könnte er, der sich verantworten muß für seinen Leib, vor Gott erscheinen unter den Malen der Zerstörung, die er sich zugefügt? Solche Wunden und Narben nehmen den Glanz der Ähnlichkeit nicht an. Aber aus den dun­kelsten Leiden noch können die weißen Kleider gewirkt werden, die der Seher von Patmos erblickte; es sind die Gewänder derer, die aus »großer Trübsal« (Offb 7,14) kommen vor Gottes Thron: »Sie wer­den nicht mehr hungern noch dürsten, es wird nicht auf sie fallen die Sonne noch irgendeine Hitze.« Das weiße Kleid wird die Gebrochene, tödlich Gekränkte umschirmen, und »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen«.

Im Tode neigt sich Christus zu uns; mit unserem armen Ster­ben wollen wir Ihn. Damit ist der Tod nicht Vernichter, sondern Vollender, Wandlung ins Unvergängliche. Er ist der letzte Ruf Christi an uns, seiner Liebesmacht, die alles an sich ziehen will. Wie dürften wir gehen, ehe wir den Ruf vernehmen? Und erst von dieser Wahrheit vom Tode her festigt sich das Leben: es gibt keine Flucht, keine Ungewißheit, keinen »Schlaf«, keinen Augenblick des Lebens, der nicht höchsten Wertes wäre, weil ein jeder die Möglichkeit der Entscheidung umschließt. Das Verlangen nach Zerstörung ist die Abkehr von Christus und damit die Abkehr des Menschen von sich selbst, seinem eigensten Kleinod, von der Krone, die ihm aufbehalten ist. Der Selbst­vernichter kann nicht herrschen, nicht ordnen, weil er dem Grund widerstreitet, der von An­fang gelegt ist, und dessengleichen niemand mehr legen kann bis zum Ende der Zeiten. Aber die Herrschaft des Selbstvernichters verbreitet die große Gefahr, den Menschen abzuziehen vom christlichen Tod, vom Rufe, der alles Zerstreute sammeln und ver­einen will für die Ewigkeit. Der Selbstmörder frevelt an der heili­gen Einheit unsterblichen Lebens, an Christus, der auferstehen will in unser Aller einigem Leben. Er frevelt an dem Leibe, seinem Bruder, und an einem jeden Menschenbruder, in dessen ewiger Lebensfülle der Anteil am Leben des Bruders ist.

Und doch sahen wir im Schatten dieser Jahre Menschen ver­zweifeln, deren Glauben wir bewunderten, und einen Tod suchen, der diesem Glauben widersprach. Wir können nicht urteilen, nicht rechtfertigen. Wir ahnen unerhörtes Leid und möchten es ehren. Aber dieses Leid ist ein Vorwurf, und es trifft uns alle. Hätte sich der Bruder gelöst von uns, wenn wir uns von ihm nicht gelöst hätten? Darauf, daß wir eins sind, eins sein wollen, gründet Gottes Gebot und Ordnung. Kein einzelner wird es erfüllen. Wie aber, wenn nun doch einzelne sind, wenn sie verlassen waren im schrecklichsten Augenblick? Haben nicht wir sie verlassen? Wo waren wir – und wo war unser Gebet? War es stark genug? Half es dem ihren, sie stark zu machen gegen die Verführung? Wer richtet die Frau, die sich barg hinterm Tod, weil sie allein war gegen­über der Gewalt? Wer den Erben und letzten Verfechter einer Tra­dition, der mit dieser Tradition die Welt zerbrechen sah und nicht mehr leben wollte, weil er kein Rittertum mehr fand? Niemand sagte ihm in der dunkelsten Stunde, daß Gott waltet über der Schöpfung und in ihr unendlich viel mehr beschlossen ist, als Menschen jemals vollbracht, jemals ver­erbt, verwaltet, in Ehren gehalten haben? Wer wies ihn an Gottes Reich, als die Trauer um das Irdische zu mächtig in ihm war? Und wo ist die Liebe, die die Drohung der Not entkräftete tausend und tausendmal? Als die Angst einen Einsamen überwältigte, hätte es vielleicht nur eines geringen Zuspruchs bedurft, der Gegenwart ruhigen Mutes, männlicher Zuversicht, um ihn zu retten. Und es mag schon un­sere Schuld sein, daß er niemanden rief oder zu müde geworden war, um zu rufen. Der überall Unrecht antraf, nahm die Seinen bei der Hand und eilte zu Gott, um Recht zu erlangen von der Ge­rechtigkeit selbst. Es mögen viele Tode ge­storben worden sein, die nur ein Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit waren. Und wie viele sind aus der Welt geflohen, weil wir mitgeholfen haben, die Welt zu verderben! Der Prozeß um all diese Schicksale ist nicht zu Ende; wir sind in die Verantwortung für sie ge­rufen.

Und so geben wir die scheinbar verlorenen Glieder des einen Lebens nicht auf. Wir wissen, es waltet eine Barmherzigkeit, die über unser Begreifen ist. Es ist möglich, daß ein Gepeinigter sich über den Tod hinweg hinwirft vor Gottes Thron; daß eine Zertre­tene von Menschen, von sich selbst keine Wiederherstellung ihrer Würde mehr erwartet und sie unmittelbar erfleht von Gott; daß im Düster der Schwermut dieser Jahre unter so vielen Schatten der Gewesenen und den Schatten der Edlen selbst einige abschei­den, um bei Christo zu sein. Vielleicht reicht das Gebet so weit wie das Totenreich. Im Gebet ist das Leben aller, die Gegenwart aller, die star­ke Hoffnung auf die Rettung der Toten.

Aber hier auf Erden, im Diesseits des Gebets, muß eine Kraft sich entgegensetzen dem Zug zum Tode, der Versuchung zu sterben. Es ist die Kraft des Geistes, der entschlossen ist, das Sein zu denken statt des Nichts, und die Kraft der Liebe, die zum höchsten Menschenbild sich wendet und von ihm über die Menschheit, vom Nächsten zum Nächsten, sich verteilt. Sie wäre unsäglich arm und völlig ungenügend, wenn ihr eine Kraft nicht entgegenkäme: Gottes Macht, der uns das Leben überantwortet hat, auf daß wir es verwalten im Wirken und Leiden und im Tode noch. Er führt uns, wohin wir nicht gewollt, als wir uns noch selber gürteten: Gerade das ist die Verheißung des uns auferlegten Todes, die mit einem jeden Sterben gewon­nen, bestätigt werden will für alle. Der Selbst­mord ist das sichere Zeichen der Verwirrung aller Ordnungen, die Sünde, die Empörung selbst. Mit dem Heiligen von Assisi dürfen wir den Tod grüßen als unseren »Bruder« und die Schmerzen als »Schwestern«. Der Tod, in den wir uns ergeben in Christi Namen, wird uns retten, uns alle vereinen für immer.

Hier der vollständige Essay als pdf.

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