„Am glücklichsten unter diesen Mystikern sind die Bild­schnitzer gewesen“ – Joseph Wittigs Erzählung „Der schwarze, der braune und der weiße König“ von 1914

IMG_3594 (Klein)
Foto: Matthias Sauter, Südwest Presse

„Der schwarze, der braune und der weiße König“ heißt die erste Erzählung von Joseph Wittig, die dieser als außerordentlichen Professor für Alte Kirchengeschichte und Christliche Archäologie in Breslau unter dem Pseudonym Dr. Johannes Strangfeld in der katholischen Monatsschrift Heliand (Nr. 6, 1914-15, S. 76-80) erstmals veröffentlicht hatte.  1922 erschien sie dann mit anderen Erzählungen in Wittigs Buch „Herrgottswissen von Wegrain und Straße“ bei Herder in Freiburg :

Der schwarze, der braune und der weiße König

Von Joseph Wittig

Die ersten Schneeflocken sind die kleinsten, leisesten und diskretesten Weihnachtsglocken. Ihren überleisen Ton kann man wohl nur in ganz stillen, einsamen Ber­gen hören. Aber es liegt in ihm ein wundersames Locken. Als ich noch Kind war, und töricht wie ein Kind, lockten mich diese ersten Weihnachtsglocken nach zwei ehrwürdigen Orten, erstens in den Busch, wo weiches, grünes Moos wächst, denn das brauchte mein Vater, um den Hirtenberg der Weih­nachtskrippe zu bauen, und zweitens nach dem dunklen Dachbo­den, den ich noch jetzt ohne Ehrfurcht nicht betreten kann, denn dort war gewissermaßen das heilige Mu­seum und Archiv unseres Geschlechtes: Dort lag noch das Zimmermannsbeil des Urgroßvaters, standen Ki­sten und Kästen voll Reliquien, Handwerkszeug, Nä­gel, Sägen und Bohrer, Webstühle und Spul­räder und – die Krippenfiguren, die mein Großvater geschnitzt hatte.

Dort herrschte die Königin Vergangenheit, dort web­ten und tanzten die Träume um ihren Thron.

Es waren später fremde Leute ein- und ausgezogen und hatten ganz im stillen die Schätze die­ser Königin be­raubt, ihr Reich sehr eingeengt und fast unzugänglich gemacht, und ich war unterdessen schon zu groß und dick geworden, um durch die Spalten und Luken hin­durch zu können. Und Studium und Amt und alle Freuden und Leiden, die das Leben mit sich bringt, ließen mich das Heiligtum vergessen.

Dorthin lockten mich die ersten Schneeflocken dieses Jahres. Ich wollte wieder einmal alles sehen, was mich einst so glücklich gemacht hatte, wollte alles zärtlich betrachten und beta­sten, was meiner Väter Hände in harter Arbeit oder zwischen Zimmerei und Weberei an der Schnitzbank geschaffen und berührt hatten, –  wollte vor allem Großvaters ›Geburtsmänn­chen‹ wie­derfinden.

»Die sind nicht mehr da«, sagte die Mutter abratend, »die hat der Roter Franze mitgenom­men.«

Aber ich hatte eine geradezu religiöse Sehnsucht nach diesen kleinen Heiligtümern. Ich mußte das Kindlein wiederfinden, das ich einst angebetet, ich mußte die drei Könige wiederfinden, die ich einst wochenlang sehnsüchtig erwartet und mit denen ich dann inbrün­stig zum Stern und Stall aufgeschaut und zum Gottes­kinde gebetet hatte.

Ich wußte noch, daß der Schwarze ziemlich weitweg von der Krippe stand und auch nicht auf den Stern schaute. Ich hatte mich oft bei der Großmutter über ihn beklagt, und die Nachbar­kinder fürchteten sich sogar vor ihm und träumten von ihm. Die Großmutter aber sagte, sie habe ihn lieb, denn er sei doch auf dem Wege zur Krippe, auf dem Wege zu Jesus, auch wenn er so tue, als ob er von Stall und Stern nichts wissen wolle. Der Braune, geschmückt mit einer ganz hohen Krone, erhob die Hand zürn Sterne und wandte sich mit dem Antlitz dem Schwar­zen zu, als wollte er ihn mahnen, daß sie schon so nahe am Ziele seien. Er hatte ein hohes ver­klärtes Gesicht. Hochbergig standen die Augen­brauen über den weitgeöffneten Augen. Von ihm glaube ich am ehesten, daß er nicht nur König, sondern auch Weiser sei. Es war mein Lieblingskönig, und wenn meine Schwestern fragten, welcher von den Dreien ich sein möch­te, so sagte ich im Scherz: »Der Schwarze«, im Ernst: »Der Braune.« Das imponierte mir, daß er auf den Stern zeigen und doch den Kopf zum Schwarzen wenden konnte, und der Großva­ter sagte, das sei auch nicht leicht zum Schnitzen: Selbst den Weg zu Jesus zu finden und ihn andern zu zeigen. Der weiße König kniete schon ganz nahe beim Jesus­kinde. Vor ihm auf dem Boden lag die Königskrone und neben ihr stand ein Kästchen mit Gold, das alle Jahre neu vergoldet wurde, lief, tief beugte sich der weiße König, sah nicht auf Maria und Joseph, nicht auf das halbe Dutzend Engel, die hinter dem Kripplein auf- und niedersteigen, er tat, als ob das Kindlein ihm allein gehöre. Er tat wie ein Priester bei der heiligen Wand­lung. Weil ich als Junge noch nicht Priester werden wollte, sondern Lehrer oder Maler, so mochte ich nicht der weiße König sein. Ich verstand nicht, was er mit dem Jesuskindlein hätte. Und so inbrün­stig und unauf­hörlich beten meinte ich nie zu können, da ich schon am Weihnachtsrosen­kranze große Mühe hatte. Der Braune blieb mein Lieblingskönig. Aber Großvaters Lieblings­könig war der Weiße, obwohl er nicht Priester war. Ich dachte immer, wegen der weißen Haa­re. Aber es war anders.

Der Großvater war einer jener stillen Mystiker, deren Verhältnis zu Gott mit keinem irdischen Worte be­zeichnet werden kann. Die Grafschafter Berge kennen diese Art Menschen. Sie werden auf den einsamen We­gen, werden in den langen Wintern, in denen der Schnee die Häuslein von aller Welt abschneidet, wer­den in den kleinen, barocken Dorfkirchen. Es genügt ihnen nicht, an Gott zu glauben und seine Gebote zu halten. Sie wollen ihn als Gefährten auf ihren Wegen, als Hüter ihres Häusleins, als Segnet ihres Ackerstückes, als Gast an ihrem Tische. Er soll ihnen Vater, Bru­der und Kind sein. sie wollen ihn bald ehrfürchtig, bald zärt­lich liebhaben dürfen. Er soll nicht im Himmel bleiben, soll vielmehr unter ihnen wohnen, er selbst mit allen seinen Heiligen.

Am glücklichsten unter diesen Mystikern sind die Bild­schnitzer gewesen. Da wurde der Pfen­nig vom Munde abgespart, damit ein Stück gutes, duftendes Linden­holz und Schnitzmes­ser und Bohrer gekauft werden konnten. Und die kleinste Pause in der Berufsarbeit, im Winter bei der Weberei, wurde benutzt. Und nicht eher wurde geruht, bis das Christkind mit seinem gan­zen Hofstaate, den armen, erstaunten Eltern, mit Ochs und Esel, den Engeln, den Hirten und Einsiedlern, den vielen Schäflein, den drei Königen mit Kamel und Ele­fant fertig war; und viele Häuser für die Stadt Jerusa­lem und Hürden und Windmühlen für den Hirten­berg. Und ein Räderwerk mit Welle, von der Hunderte von Schnürchen nach kleineren Wellen lie­fen, so daß der Soldat seine Runde machen konnte, die Engel um das Kindlein fliegen, die Hirten ihre Schäflein eintrei­ben, die Windmühlen ihre Flügel drehen, die Juden ihre Weih­nachtsstriezel von Haus zu Haus tragen konnten.

Aber dieses sichtbare mechanische Leben sollte nur ein Symbol sein, daß das wahre Leben zur Welt gekommen war. Das ruhte nun in einer Krippe, die mit Stroh und einem feinen Spit­zendecklein gefüllt war. Mit aller Zärtlichkeit wurde es dort gebettet, das holzgeschnitzte Kindlein.

Ja freilich war es nur ein Kindlein aus Lindenholz, und niemand hätte sagen mögen, es sei der Herrgott selber. Aber es ging doch eine Art Konsekration oder heilige Wandlung vor sich, sobald das kleine Kind auf sein Spitzendecklein gelegt wurde. Niemand hätte ihm mehr wehe tun wollen, niemand durfte es anrühren oder gar herausnehmen. Und zu gleicher Stunde er­wachten auch die Engel und Hirten zu persönlichem Leben, und sobald Epiphania herankam, auch die Hei­ligen Drei Könige. Ein richtiges vollzähliges Weihnach­ten ward es in der armen Wirtschaftsstube, und ein Nachbar nach dem andern kam, um »die Geburt« zu betrachten und dann zu sagen: »Das ist aber hübsch! « Das alles ist nicht mehr. Die neue Zeit hat das alles be­seitigt. Ein Ableger dieser Grafschafter Krippenbau­kunst wird noch in Albendorf gezeigt, aber es ist jetzt nichts weiter als ein mechanisches Kunststück. Die My­stik ist geschwunden. Das arme Schnitzwerk wird aber nicht mehr erfüllt mit göttlicher Herrlichkeit. Es fehlen die Strah­len.

Ja, man darf in unserer klugen, wirklichkeitsnüchter­nen Zeit kaum von den holdseligen, reli­giösen Torhei­ten, von dieser göttlichen Weisheit an der Krippe re­den, von diesem süßen Zauber, von diesem wonnigen Leben, von diesen treuen Freundschaften, die man mit den stolzen Königen und den weißjackigen Schäfern pflegte, und von der ganz zärtlichen Liebe zu dem Kindlein aus Lindenholz und zu der Jungfrau neben ihm. Oder man darf reden und es sogar drucken lassen, aber man findet keinen ehrlichen Glauben dafür. Der Wunderbaum der Mystik, der schon im Paradiese wur­zelte, im Heidentum aufkeimte, im ersten Christentum seine Krone entfaltete, im Mittelalter, in der Zeit des heiligen Bernhard und des heiligen Franz, des seligen Heinrich Seuse, über und über erblühte, ist jetzt abge­blüht, vielleicht um nach und nach Früchte anzusetzen, die viel kostbarer werden als die Blüten vom Mai. Es will ja auch niemand belästigt werden mit dem gehei­men Leben der Seele, da doch das Leben der rauhen Wirklichkeit so viel Probleme stellt, so viel Unrast bringt, daß die rechte »Gelassen­heit der Seele«, die Vorbedingung für den Eintritt in die Schule der Mysti­ker, nicht möglich ist.

Unter solchen Gedanken hatte ich endlich die Dach­kammer erreicht, die noch Aussicht auf Entdeckungen bot. Wie gern setzt man sich wieder einmal auf die al­ten, blumigen Truhen und atmet den Dürft des Alter­tums ein, den die immer frisch durchs Dach strei­chende Luft nie ganz, zu vertreiben vermag. Ich meine nicht die Moderluft, nicht Ruß und Staub, sondern den Geruch alten und edlen Holzes, für den wir fast keinen Sinn mehr haben. Das wußte ich noch, daß besonders die Krippenfiguren im Winter diesen Duft ausatmen. Da schonte ich weder meine Kleidung noch die reingewa­schenen Hände, noch meinen Stolz, und suchte krie­chend in die vielfach versperrte Kammer unter der Dachschräge zu gelangen. Das Mauerloch am Ende war mir wie der Stern von Bethlehem. Er führte mich gut. Denn hinter Webstühlen und Spulrädern, verro­steten Sägen und Hobeln stand ein Kästlein mit den letzten Überresten von Großvaters Krippe. Ich mußte es an Ort und Stelle öffnen. Ach, der Elefant und das Kamel obenauf, dann Engel und Schafe! Vielleicht ist da unten noch wohlverwahrt das Kindlein vom Linden­holz. Aber da muß ich mir erst die schwarz gewordenen Hände waschen.

Mühseliger als einstens die Könige den Weg ins Mor­genland fand ich den Weg zurück, den Kasten mit dem wiedergefundenen Weihnachtsglück bald vor mir her­schiebend, bald hinter mir nachziehend. Als ich in die Stube trat, sah ich aus wie der dritte König.

Laßt mich schweigen über die Seligkeit des Aufpackens und des Auspackens. Wie ein lange verschlosse­ner Quell aus dem Erdboden, so schoß auf und spru­delte die Freude hervor aus dem Kästlein. Dem brau­nen König war der Arm gebrochen, mit dem er nach dem Stern gewiesen hatte. Aber im andern Arme, ganz am Herzen, lag das Gotteskind nun schon über zwanzig Jahre lang. Der weiße König war nicht mehr zu finden. Er mußte wohl gestorben sein. Nur seine Krone lag noch auf dem Boden des Kästleins unter ab­gebrochenen Engels­flügeln und Ochsenhörnern und einigen Schwänzlein von der bethlehemitischen Schaf­herde.

Hier die Erzählung als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s