„In der Beichte brechen wir durch zur echten Gemeinschaft des Kreuzes Jesu Christi“ – Dietrich Bonhoeffer in Gemeinsames Leben (1938)

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Was Dietrich Bonhoeffer in Gemeinsames Leben bezüglich der Beichte geschrieben hat, ist immer noch eine geistliche Herausforderung:

Über die Beichte

Von Dietrich Bonhoeffer

„Bekennet einer dem andern seine Sünden“ (Jak. 5, 16). Wer mit seinem Bösen allein bleibt, der bleibt ganz allein. Es kann sein, daß Christen trotz gemeinsamer Andacht, gemeinsamen Gebetes, trotz aller Gemeinschaft im Dienst allein gelassen bleiben, daß der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft mitein­ander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder. Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muß jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen. Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre. Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und der Heuchelei; denn wir sind nun ein­mal Sünder.

Es ist aber die Gnade des Evangeliums, die für den Frommen so schwer zu begreifen ist, daß es uns in die Wahrheit stellt und sagt: du bist ein Sünder, ein großer heilloser Sünder und nun komm als dieser Sünder, der du bist, zu deinem Gott, der dich liebt. Er will dich so, wie du bist, er will nicht irgend etwas von dir, ein Opfer, ein Werk, sondern er will allein dich. „Gib mir, mein Sohn, dein Herz“ (Spr. 23, 26). Gott ist zu dir gekommen, um den Sünder selig zu machen. Freue dich! Diese Botschaft ist Befreiung durch Wahrheit. Vor Gott kannst du dich nicht verbergen. Vor ihm nützt die Maske nichts, die du vor den Menschen trägst. Er will dich sehen wie du bist, und er will dir gnädig sein. Du brauchst dich selbst und deinen Bruder nicht mehr zu belügen, als wärest du ohne Sünde, du darfst ein Sünder I sein, danke Gott dafür; denn er liebt den Sünder, aber er haßt die Sünde.

Christus wurde unser Bruder im Fleisch, damit wir ihm glaubten. In ihm war die Liebe Gottes zu dem Sünder gekommen. Vor ihm durften die Menschen Sünder sein und nur so wurde ihnen geholfen. Aller Schein hatte vor Christus ein Ende. Das Elend des Sünders und die Barmherzigkeit Gottes, das war die Wahrheit des Evangeliums in Jesus Christus. In [94] dieser Wahrheit sollte seine Gemeinde leben. Darum gab er den Seinen die Vollmacht, das Bekenntnis der Sünde zu hören und die Sünde in seinem Namen zu vergeben. „Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben, welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behal­ten“ (Joh. 20, 23).

Damit hat Christus uns die Gemeinde und in ihr den Bruder zur Gnade gemacht. Er steht nun an Christi Statt. Vor ihm brauche ich nicht mehr zu heucheln. Vor ihm allein in der ganzen Welt darf ich der Sünder sein, der ich bin; denn hier regiert die Wahrheit Jesu Christi und seine Barmherzigkeit. Christus wurde unser Bruder, um uns zu helfen; nun ist durch ihn unser Bruder für uns zum Christus geworden in der Vollmacht seines Auftrages. Der Bruder steht vor uns als das Zeichen der Wahrheit und der Gnade Gottes. Er ist uns zur Hilfe gegeben. Er hört unser Sündenbekenntnis an Christi Statt, und er vergibt uns unsere Sünde an Christi Statt. Er bewahrt das Geheimnis unserer Beichte, wie Gott es bewahrt. Gehe ich zur brüderlichen Beichte, so gehe ich zu Gott.

So ergeht in der christlichen Gemeinschaft der Ruf zur brüderlichen Beichte und Vergebung als zu der großen Gnade Gottes in der Gemeinde.

In der Beichte geschieht der Durchbruch zur Gemeinschaft. Die Sünde will mit dem Men­schen allein sein. Sie entzieht ihn der Gemeinschaft. Je einsamer der Mensch wird, desto zerstörender wird die Macht der Sünde über ihn, und je tiefer wieder die Verstrickung, desto heilloser die Einsamkeit. Sünde will unerkannt bleiben. Sie scheut das Licht. Im Dunkel des Unausgesprochenen vergiftet sie das ganze Wesen des Menschen. Das kann mitten in der frommen Gemeinschaft geschehen. In der Beichte bricht das Licht des Evangeliums in die Finsternis und Verschlossenheit des Herzens hinein. Die Sünde muß ans Licht. Das Unaus­gesprochene wird offen gesagt und bekannt. Alles Heimliche und Verborgene kommt nun an den Tag. Es ist ein harter Kampf, bis die Sünde im Geständnis über die Lippen kommt. Aber Gott zerbricht eherne Türen und eiserne Riegel (Ps. 107, 16). Indem das Sündenbekenntnis im Angesicht des christlichen Bruders geschieht, wird die letzte Festung der Selbstrechtfertigung preisgegeben. Der Sünder liefert sich aus, er gibt all sein Böses hin, er gibt sein Herz Gott, und er findet [95] die Vergebung aller seiner Sünde in der Gemeinschaft Jesu Christi und des Bruders. Die ausgesprochene, bekannte Sünde hat alle Macht verloren. Sie ist als Sünde offenbar geworden und gerichtet. Sie vermag die Gemeinschaft nicht mehr zu zerreißen. Nun trägt die Gemeinschaft die Sünde des Bruders. Er ist mit seinem Bösen nicht mehr allein, son­dern er hat sein Böses mit der Beichte „abgelegt“, Gott hingegeben. Es ist ihm abgenommen. Nun steht er in der Gemeinschaft der Sünder, die von der Gnade Gottes im Kreuze Jesu Chri­sti leben. Nun darf er Sünder sein und doch der Gnade Gottes froh werden. Er darf seine Sün­den bekennen und gerade darin erst Gemeinschaft finden. Die verborgene Sünde trennte ihn von der Gemeinschaft, machte alle scheinbare Gemeinschaft unwahr, die bekannte Sünde half ihm zur wahren Gemeinschaft mit den Brüdern in Jesus Christus.

Dabei ist hier allein von der Beichte zwischen zwei Christen die Rede. Um die Gemeinschaft mit der ganzen Gemeinde wieder zu finden, bedarf es nicht eines Sündenbekenntnisses vor allen Gemeindegliedern. In dem einen Bruder, dem ich meine Sünde bekenne und der mir meine Sünden vergibt, begegnet mir schon die ganze Gemeinde. In der Gemeinschaft, die ich mit dem einen Bruder finde, ist mir schon die Gemeinschaft der ganzen Gemeinde geschenkt; denn hier handelt ja keiner im eigenen Auftrag und in eigener Vollmacht, sondern im Auftrag Jesu Christi, der der ganzen Gemeinde gilt, und den der Einzelne nur auszuführen berufen ist. Steht ein Christ in der Gemeinschaft der brüderlichen Beichte, so ist er nirgends mehr allein.

In der Beichte geschieht der Durchbruch zum Kreuz. Die Wurzel aller Sünde ist der Hochmut, die superbia. Ich will für mich sein, ich habe ein Recht auf mich selbst, auf meinen Haß und meine Begierde, auf mein Leben und auf meinen Tod. Geist und Fleisch des Menschen sind von Hochmut entzündet; denn der Mensch will gerade in seinem Bösen sein wie Gott. [96] Die Beichte vor dem Bruder ist tiefste Demütigung, sie tut weh, sie macht gering, sie schlägt den Hochmut furchtbar nieder. Vor dem Bruder als Sünder dazustehen, ist kaum zu ertragende Schmach. Im Bekenntnis konkreter Sünden stirbt der alte Mensch unter Schmerzen einen schmachvollen Tod vor den Augen des Bruders. Weil diese Demütigung so schwer ist, mei­nen wir immer wieder, der Beichte vor dem Bruder ausweichen zu können. Unsere Augen sind so verblendet, daß sie die Verheißung und die Herrlichkeit solcher Erniedrigung nicht mehr sehen. Es ist ja kein anderer als Jesus Christus selbst, der den Schandtod des Sünders an unserer Stelle in aller Öffentlichkeit erlitten hat, er schämte sich nicht, als Übeltäter für uns gekreuzigt zu werden, und es ist ja nichts anderes als unsere Gemeinschaft mit Jesus Christus, die uns in das schmachvolle Sterben der Beichte hineinführt, damit wir in Wahrheit teilhaben an seinem Kreuz. Das Kreuz Jesu Christi macht allen Hochmut zunichte. Wir können das Kreuz Jesu nicht finden, wenn wir uns scheuen dorthin zu gehen, wo er sich finden läßt, näm­lich zum öffentlichen Sterben des Sünders, und wir weigern uns, das Kreuz zu tragen, wenn wir uns schämen, den schmachvollen Tod des Sünders in der Beichte auf uns zu nehmen. In der Beichte brechen wir durch zur echten Gemeinschaft des Kreuzes Jesu Christi, in der Beich­te bejahen wir unser Kreuz. In dem tiefen geistlich-leiblichen Schmerz der Demütigung vor dem Bruder, das heißt ja: vor Gott, erfahren wir das Kreuz Jesu als unsere Rettung und Seligkeit. Der alte Mensch stirbt, aber über ihn hat Gott gesiegt. Nun haben wir teil an der Auferstehung Christi und am ewigen Leben.

In der Beichte geschieht der Durchbruch zum neuen Leben. Wo Sünde gehaßt, bekannt und vergeben ist, dort ist der Bruch mit der Vergangenheit vollzogen. „Das Alte ist vergangen.“ Wo aber mit der Sünde gebrochen ist, dort ist Bekehrung. Beichte ist Bekehrung. „Siehe, es ist alles neu geworden“ (2. Kor. 5, 17). Christus hat einen neuen Anfang mit uns gemacht. Wie die ersten Jünger auf Jesu Ruf alles hinter sich ließen und ihm nachfolgten, so gibt der Christ in der Beichte alles hin und folgt nach. Beichte ist Nachfolge. Das Leben mit Jesus Christus und seiner Gemeinde hat angefangen. „Wer seine Missetat leugnet, dem wird es nicht gelingen. Wer sie aber [97] bekennt und läßt, der wird Barmherzigkeit erlangen“ (Spr. 28, 13). In der Beichte fängt der Christ an, seine Sünde zu lassen. Ihre Herrschaft ist gebrochen. Von nun an erficht der Christ Sieg um Sieg. Was in der Taufe an uns geschah, das wird uns in der Beichte neu geschenkt. Wir sind errettet aus der Finsternis ins Reich Jesu Christi. Das ist Freudenbotschaft. Die Beichte ist die Erneuerung der Tauffreude. „Den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens ist Freude“ (Ps. 30, 6).

In der Beichte geschieht der Durchbruch zur Gewißheit. Woran liegt es, daß uns oft das Sün­denbekenntnis vor Gott leichter wird als vor dem Bruder? Gott ist heilig und ohne Sünde, er ist ein gerechter Richter des Bösen und ein Feind alles Ungehorsams. Der Bruder aber ist sün­dig wie wir, er kennt die Nacht der heimlichen Sünde aus eigner Erfahrung. Sollten wir nicht den Weg zum Bruder leichter finden als zum heiligen Gott? Steht es bei uns aber anders, so müssen wir uns fragen, ob wir uns mit unserm Sündenbekenntnis vor Gott nicht oftmals selbst getäuscht haben, ob wir nicht vielmehr uns selbst unsere Sünden bekannten und sie uns auch selbst vergaben? Und haben nicht die unzähligen Rückfälle, hat nicht die Kraftlosigkeit unse­res christlichen Gehorsams vielleicht eben darin ihren Grund, daß wir aus einer Selbstverge­bung und nicht aus der wirklichen Vergebung unserer Sünde leben? Selbstvergebung kann niemals zum Bruch mit der Sünde führen, das kann nur das richtende und begnadigende Wort Gottes selbst. Wer schafft uns hier Gewißheit, daß wir es im Bekenntnis und in der Verge­bung unserer Sünden nicht mit uns selbst zu tun haben, sondern mit dem lebendigen Gott? Diese Gewißheit schenkt uns Gott durch den Bruder. Der Bruder zerreißt den Kreis der Selbsttäuschung. Wer vor dem Bruder seine Sünden bekennt, der weiß, daß er hier nicht mehr bei sich selbst ist, der erfährt in der Wirklichkeit des Andern die Gegenwart Gottes. Solange ich im Bekenntnis meiner Sünden bei mir selbst bin, bleibt alles im Dunkeln, dem Bruder gegenüber muß die Sünde ans Tageslicht. Weil aber die Sünde einmal doch ans Licht muß, darum ist es besser, es geschieht heute zwischen mir und dem Bruder, als daß es am letzten Tag in der Helle des jüngsten Gerichtes [98] geschehen muß. Es ist Gnade, daß wir dem Bruder unsere Sünden bekennen dürfen. Es ist Verschonung vor den Schrecken des letzten Gerichtes. Dazu ist mir der Bruder gegeben, daß ich durch ihn schon hier der Wirklichkeit Gottes gewiß werde in seinem Gericht und in seiner Gnade. Wie das Bekenntnis meiner Sün­de dort dem Selbstbetrug entzogen wird, wo es vor dem Bruder geschieht, so ist auch die Zusage der Vergebung mir erst dort ganz gewiß, wo sie der Bruder mir im Auftrag und im Namen Gottes zuspricht. Um der Gewißheit der göttlichen Vergebung willen ist uns die brüderliche Beichte von Gott geschenkt.

Um eben dieser Gewißheit willen aber geht es in der Beichte um das Bekenntnis konkreter Sünden. Mit allgemeinen Sündenbekenntnissen pflegen sich die Menschen selbst zu rechtfer­tigen. Die völlige Verlorenheit und Verdorbenheit der menschlichen Natur erfahre ich an meinen bestimmten Sünden, sofern sie überhaupt in meine Erfahrung eingeht. Die Prüfung an allen zehn Geboten wird darum die rechte Vorbereitung für die Beichte sein. Es könnte sonst geschehen, daß ich auch in der brüderlichen Beichte noch zum Heuchler werde und daß mir der Trost fern bleibt. Jesus hatte es mit Menschen zu tun, deren Sünden offenbar waren, mit Zöllnern und mit Dirnen. Sie wußten, wofür sie Vergebung brauchten, und sie empfingen sie als Vergebung ihrer besonderen Sünde. Den Blinden Bartimäus fragt Jesus: was willst du, daß ich dir tun soll? Auf diese Frage müssen wir vor der Beichte klare Antwort wissen. Auch wir empfangen in der Beichte die Vergebung bestimmter Sünden, die hier ans Licht kommen, und eben darin die Vergebung aller unserer Sünde, der erkannten und der unerkannten.

Heißt das alles, daß die brüderliche Beichte ein göttliches Gesetz ist? Die Beichte ist kein Gesetz, sondern sie ist ein Angebot göttlicher Hilfe für den Sünder. Es kann sein, daß einer ohne die brüderliche Beichte zur Gewißheit, zum neuen Leben, zum Kreuz und zur Gemein­schaft durchbricht durch Gottes Gnade. Es könnte ja sein, daß einer den Zweifel an der Verge­bung und an seinem Sündenbekenntnis niemals kennen lernt, daß ihm in der einsamen Beichte vor Gott alles geschenkt [99] wird. Wir haben hier für die gesprochen, die das von sich nicht bekennen können. Luther selbst gehörte zu denen, die ihr christliches Leben ohne die brüder­liche Beichte nicht mehr denken konnten. Im Großen Katechismus hat er gesagt: „Darum, wenn ich zur Beichte vermahne, so vermahne ich dazu, ein Christ zu sein“. Denen, die trotz allen Suchens und Mühens die große Freude der Gemeinschaft, des Kreuzes, des neuen Le­bens und der Gewißheit nicht finden können, soll das göttliche Angebot gezeigt werden, das uns in der brüderlichen Beichte gemacht ist. Die Beichte steht in der Freiheit des Christen. Aber wer wird eine Hilfe, die Gott anzubieten für nötig gehalten hat, ohne Schaden ausschla­gen?

Wem sollen wir die Beichte ablegen? Jeder christliche Bruder darf nach der Verheißung Jesu dem andern zum Beichthörer werden. Wird er uns aber verstehen? Steht er nicht vielleicht in seinem christlichen Leben so hoch über uns, daß er sich gerade von unserer persönlichen Sünde nur verständnislos abwenden kann? Wer unter dem Kreuze Jesu lebt, wer im Kreuze Jesu die tiefste Gottlosigkeit aller Menschen und des eignen Herzens erkannt hat, dem ist keine Sünde mehr fremd; wer vor der Furchtbarkeit der eignen Sünde, die Jesus ans Kreuz schlug, einmal erschrocken ist, der erschrickt auch vor der schwersten Sünde des Bruders nicht mehr. Er kennt das menschliche Herz aus dem Kreuz Jesu. Er weiß, wie es gänzlich verloren ist in Sünde und Schwachheit, wie es sich verirrt auf den Wegen der Sünde, und er weiß auch, wie es angenommen ist in Gnade und Barmherzigkeit. Allein der Bruder unter dem Kreuz kann meine Beichte hören. Nicht Lebenserfahrung, sondern Kreuzeserfahrung macht den Beichthörer. Der erfahrenste Menschenkenner weiß unendlich viel weniger vom menschlichen Her-|zen als der schlichteste Christ, der unter dem Kreuz Jesu lebt. Die größte psychologische Einsicht, Begabung, Erfahrung vermag ja das eine nicht zu begreifen: was Sünde ist. Sie weiß von Not, von Schwachheit und Versagen, aber sie kennt die Gottlosigkeit des Menschen nicht. Darum weiß sie auch nicht, daß der Mensch allein an seiner Sünde zugrunde geht und allein [100] durch Vergebung heil werden kann. Das weiß nur der Christ. Vor dem Psychologen darf ich nur krank sein, vor dem christlichen Bruder darf ich Sünder sein. Der Psycholog muß mein Herz erst erforschen und findet doch nie den tiefsten Grund, der christliche Bruder weiß: da kommt ein Sünder wie ich, ein Gottloser, der beichten will und Gottes Vergebung begehrt. Der Psycholog sieht mich an, als wäre kein Gott, der Bruder sieht mich vor dem richtenden und barmherzigen Gott im Kreuz Jesu Christi. Es ist nicht Mangel an psychologischen Kenntnissen, sondern Mangel an Liebe zu dem gekreuzigten Jesus Christus, wenn wir so armselig und untauglich sind für die brüderliche Beichte. Im täg­lichen ernsten Umgang mit dem Kreuz Christi vergeht dem Christen der Geist menschlichen Richtens und schwächlicher Nachsicht, er empfängt den Geist des göttlichen Ernstes und der göttlichen Liebe. Der Tod des Sünders vor Gott und das Leben aus dem Tode durch Gnade wird ihm tägliche Wirklichkeit. So liebt er die Brüder mit der barmherzigen Liebe Gottes, die durch den Tod des Sünders zum Leben des Kindes Gottes führt. Wer kann unsere Beichte hören? Wer selbst unter dem Kreuz lebt. Wo das Wort vom Gekreuzigten lebendig ist, dort wird auch brüderliche Beichte sein.

Vor zwei Gefahren muß die christliche Gemeinschaft, die die Beichte übt, sich hüten. Die erste geht den Beichthörer an. Es ist nicht gut, wenn einer der Beichthörer für alle andern ist. Allzuleicht wird ein einzelner überlastet, wird ihm so die Beichte zur leeren Handlung und entsteht daraus der unheilvolle Mißbrauch der Beichte zur Ausübung geistlicher Gewaltherr­schaft über die Seelen. Um dieser unheimlichsten Gefahr der Beichte nicht zu erliegen, hüte sich jeder, die Beichte zu hören, der sie nicht selbst übt. Nur der Gedemütigte kann ohne Schaden für sich selbst die Beichte des Bruders hören. Die zweite Gefahr geht den Beichten­den an. Er bewahre seine Seele um ihres Heiles willen davor, daß seine Beichte jemals zu einem frommen Werk wird. Dann nämlich wird sie die letzte, abscheulichste, [101] heillo­seste, unkeuscheste Preisgabe des Herzens, sie wird zum wollüstigen Geschwätz. Die Beichte als frommes Werk ist ein Gedanke des Teufels. Ganz allein auf das Angebot der Gnade Got­tes, der Hilfe und Vergebung hin dürfen wir uns in den Abgrund der Beichte hineinwagen, allein um der Verheißung der Absolution willen dürfen wir beichten. Beichte als Werk ist der geistliche Tod, Beichte auf Verheißung hin ist Leben. Vergebung der Sünden allein ist Grund und Ziel der Beichte.

So gewiß die Beichte ein in sich geschlossenes Handeln im Namen Christi ist und in der Gemeinschaft so oft geübt wird, wie das Verlangen danach besteht, so dient die Beichte der christlichen Gemeinschaft besonders zur Vorbereitung des gemeinsamen Ganges zum heiligen Abendmahl. Versöhnt mit Gott und Menschen wollen die Christen Leib und Blut Jesu Christi empfangen. Es ist das Gebot Jesu, daß keiner mit unversöhntem Herzen gegen seinen Bruder zum Altar komme. Gilt dieses Gebot schon für jeden Gottesdienst, ja für jedes Gebet, so erst recht für den Gang zum Sakrament. Der Tag vor dem gemeinsamen Abendmahl wird die Brü­der einer christlichen Gemeinschaft beieinander finden, einer erbittet vom andern Vergebung für begangenes Unrecht. Keiner kann recht bereitet zum Tisch des Herrn gehen, der diesen Gang zum Bruder scheut. Aller Zorn, Streit, Neid, böses Geschwätz und unbrüderliches Han­deln muß abgetan sein, wenn die Brüder miteinander die Gnade Gottes im Sakrament empfan­gen wollen. Doch ist die Abbitte beim Bruder noch nicht Beichte, und nur jene steht unter dem ausdrücklichen Gebot Jesu. Die Bereitung zum Abendmahl wird aber beim Einzelnen auch das Verlangen wachrufen nach voller Gewißheit der Vergebung bestimmter Sünden, die ihn ängsten und quälen, und die nur Gott weiß. Diesem Verlangen wird das Angebot der brü­derlichen Beichte und Absolution verkündigt. Wo Angst und Not über die eigne Sünde groß geworden ist, wo Gewißheit der Vergebung gesucht wird, dort wird im Namen Jesu zur brü­derlichen Beichte eingeladen. Was Jesus den Vorwurf der Gotteslästerung eintrug, nämlich daß er Sünden vergab, das geschieht [102] nun in der christlichen Bruderschaft in der Kraft der Gegenwart Jesu Christi. Einer vergibt dem andern im Namen Jesu des dreieinigen Gottes alle seine Sünde, und bei den Engeln im Himmel ist Freude über den Sünder, der sich bekehrt. So wird die Vorbereitungszeit vor dem Abendmahl erfüllt sein von brüderlicher Ermahnung, Tröstung, von Gebeten, von Angst und von Freude.

Der Tag des Abendmahls ist für die christliche Gemeinschaft ein Freudentag. Im Herzen versöhnt mit Gott und den Brüdern empfängt die Gemeinde die Gabe des Leibes und Blutes Jesu Christi und in ihr Vergebung, neues Leben und Seligkeit. Neue Gemeinschaft mit Gott und Menschen ist ihr geschenkt. Die Gemeinschaft des heiligen Abendmahls ist die Erfüllung der christlichen Gemeinschaft überhaupt. So wie die Glieder der Gemeinde vereinigt sind in Leib und Blut am Tische des Herrn, so werden sie in Ewigkeit beieinander sein. Hier ist die Gemeinschaft am Ziel. Hier ist die Freude an Christus und seiner Gemeinde vollkommen. Das gemeinsame Leben der Christen unter dem Wort ist im Sakrament zu seiner Erfüllung gekom­men.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben (1938), Dietrich Bonhoeffer Werke Bd. 5, hrsg. v. Gerhard Ludwig Müller u. Albrecht Schönherr, München: Chr. Kaiser 1987,
S. 93-102.

Hier Bonhoeffers Text als pdf.

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