Michel Foucault über den Friedhof: „In der Epoche, in der die Zivilisation, wie man gemeinhin sagt, ‚atheistisch‘ gewor­den ist, hat die abendländische Kultur den Kult der Toten installiert.“

Eliasfriedhof_Postkarte
Eliasfriedhof in Dresden (alte Postkarte)

Lesenswert ist, was Michel Foucaul 1967 in seinem Aufsatz „Andere Räume“ über den Friedhof und den Tod geschrieben hat:

Der Friedhof ist sicherlich ein anderer Ort im Verhältnis zu den gewöhnlichen kulturellen Orten; gleich­wohl ist er ein Raum, der mit der Gesamtheit der Stätten der Stadt oder der Gesellschaft oder des Dorfes verbunden ist, da jedes Individuum, jede Familie auf dem Friedhof Verwandte hat. In der abendländischen Kultur hat der Friedhof praktisch immer existiert. Aber er hat wichtige Mutationen erfahren. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der Friedhof im Herzen der Stadt, neben der Kirche, angesiedelt. Da gab es eine ganze Hierar­chie von möglichen Gräbern. Da war der Karner [Beinhaus], in dem die Leichen jede Indi­vidualität verloren; es gab einige individuelle Gräber; und dann gab es innerhalb der Kirche die Grüfte, die wieder von zweierlei Art waren, entweder einfach Steinplatten mit Inschrift oder Mauso­leen mit Statuen usw.

Dieser Friedhof, der im geheiligten Raum der Kirche untergebracht war, hat in den modernen Zivilisationen eine ganz andere Richtung eingeschlagen; ausge­rechnet in der Epoche, in der die Zivilisation, wie man gemeinhin sagt, „atheistisch“ gewor­den ist, hat die abendländische Kultur den Kult der Toten installiert. Im Grunde war es natür­lich, daß man in der Zeit, da man tatsächlich an die Auferstehung der Leiber und an die Un­sterblichkeit der Seele glaubte, den sterblichen Überresten keine besondere Bedeutung zumaß. Sobald man jedoch nicht mehr ganz sicher ist, daß man eine Seele hat, daß der Leib auf­erstehen wird, muß man vielleicht dem sterblichen Rest viel mehr Aufmerksamkeit schenken, der schließlich die einzige Spur unserer Existenz inmitten der Welt und der Worte ist. Jeden­falls hat seit dem 19. Jahrhundert jedermann ein Recht auf seinen kleinen Kasten für seine kleine persönliche Verwesung; andererseits hat man erst seit dem 19. Jahrhundert be­gonnen, die Friedhöfe an den äußeren Rand der Städte zu legen.

Zusammen mit der Individua­lisierung des Todes und mit der bürgerlichen Aneignung des Friedhofs ist die Angst vor dem Tod als „Krankheit“ entstanden. Es sind die Toten, so unterstellt man, die den Lebenden die Krank­heiten bringen, und es ist die Gegenwart, die Nähe der Toten gleich neben den Häusern, gleich neben der Kirche, fast mitten auf der Straße, es ist diese Nähe, die den Tod selber verbreitet. Das große Thema der durch die Ansteckung der Friedhöfe verbreiteten Krankheit hat das Ende des 18. Jahrhunderts geprägt; und erst im Laufe des 19. Jahrhunderts hat man begonnen, die Verlegung der Friedhöfe in die Vorstädte vorzunehmen. Seither bilden die Friedhöfe nicht mehr den heiligen und unsterblichen Bauch der Stadt, sondern die „andere Stadt“, wo jede Familie ihre schwarze Bleibe besitzt.

Hier Foucaults Aufsatz „Andere Räume“ als pdf.

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