„Soll die Gegenwart Jesu uns wirklich Freude bedeuten, dann müssen wir uns an uns selbst, „an unsere Namen“ erinnern lassen“ – Hans Joachim Iwand über Lukas 10,17-20 (Michaelistag 1947)

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Satanssturz an der Predigtkanzel (Foto: Tina Widdecke)

Der Michaelistag fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Die Gelegenheit also, über dessen Evangelium Lukas 10,17-20 zu predigen. Dazu hatte Hans Joachim Iwand 1947 eine Predigtmeditation verfasst, worin er Folgendes schreibt:

Soll die Gegenwart Jesu uns wirklich Freude bedeuten, dann müssen wir uns an uns selbst, „an unsere Namen“ erinnern lassen, daran, daß „unsere Namen im Himmel eingeschrieben sind“ (vgl. Apk. 3,3; 13,8; 17,8 usw.; Ex. 32,32f.; Ps. 69,29; Dan.12,1). Die Gegenwart Jesu ist die Ge­wißheit der Gnadenwahl Gottes, die Gewißheit, daß unsre Namen im Buche seines Gnaden­bundes nicht fehlen, „Da Christus sich vorgenommen hat, die Seinen von der leeren Freude wegzuziehen, damit sie sich des ewigen Lebens rühmen, führt er sie selbst zu dessen Ursprung und Quelle: nämlich daß sie von Gott erwählt und zu Söh­nen angenommen sind.“ (Calvin) Es gibt also keine Erkenntnis dessen, was Jesus, was feine Gegenwart in der Welt bedeutet, ohne daß dabei von uns die Rede wäre. Gerade hier, wo wir nicht als Akteure, nicht mit irgendeiner verdienstlichen Leistung auftreten können, gerade dem Buch gegenüber, in das wir, sehr zum Unterschied zum Buch der Geschichte und der Kirchengeschichte, eben nicht eigenhändig unsre Namen, eintragen können, gerade in diesem Buch hat das, was sonst eine höchst zweideutige Sache ist, unser Name, unsre Person, mein Ich in seiner absoluten Unvertretbarkeit – um Jesu willen – seinen Platz und sein Recht, von hier aus ist das pro me des Glaubens nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu geboten, hier könnten wir begreifen, was es heißt, eine Person sein, hier könnten wir – allein um Jesu willen – verlernen, uns unseres „heillosen Namens“ zu schämen, hier wird offenbar, daß das „samt Christo in Gott [104] verborgene Leben“ (Kol. 3,3) unser Name ist, der Name, den man erst tragen kann, wenn man alle anderen abgeworfen hat (in der Taufe), wenn man weiß, daß in ihnen „kein Heil“ ist.

Wie aber, wenn gerade dies, die Überwindung der Anonymität, dieser schrecklichen und furchtbaren Krankheit, der die Menschheit heute nach vielen und furchtbaren Leiden in selte­ner clairvoyance auf die Spur zu kommen scheint – wie, wenn das gerade mit dem Sturz des Satans gemeint wäre, wenn das der eigentliche Anbruch der Gottesherrschaft wäre! Wenn damit gesagt sein sollte, daß, solange der Satan als Ankläger und Staatsanwalt vor Gott steht, unser Name dort keinen Klang, keine Geltung, der Name des Menschen im Buch des Lebens keinen Platz und kein Recht hat! Die Wiedergeburt des Menschen in seiner Personalität (man wird jetzt wissen, daß dies eine Sache der Verheißung, der Vergebung, der Begnadigung, kurzum eine eschatologische, eine auf das Unvergängliche ausgerichtete Bezeichnung ist) müßte also etwas sein, was jenseits aller Moral, alles Gesetzes (contra Idealismus), was aber auch jenseits alles „Existentialismus“ liegt, wozu dies alles sich verhält wie die Frage zur Antwort, wie der Schrei von unten (Ps. 42) zur Antwort von oben (Jes. 43,1).

Jesus sagt hier, daß diese Wiedergeburt Freude ist. „Ein Wohlgefall’n Gott an uns hat.“ Meint er damit, daß die Freude im Himmel (Lk. 15,10) durch ihn nun auch unsre Freude sein darf und soll? Meint er damit, daß Freude der Inbegriff dessen ist, sein darf und soll, was unser Personsein vor Gott, unser Sein im eschatologischen Sinne konstituiert (vgl. Phil. 4,4; Joh. 15,11)? Man könnte die Linien von hier weit ausziehen. Aber, wie dem auch sei, sicher ist, daß nicht der Erfolg in der Ausbreitung des Reiches Gottes Grund der Freude ist, sondern „die ewige Gnadenwahl, die außerhalb unserer Macht liegt.“ (Calvin) „Was, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“

Bleibt noch die Frage nach dem Aufbau der Predigt. Alle Frage nach dem Wie ist im Grunde genommen enthalten und gelöst mit der Frage nach dem Was. Was predigt uns eigentlich dieser Text? Er ist lebendig und wir sind die Toten, er ruft uns heraus aus unserer falschen Begeisterung zur wahren Freude, er ist beweglich und wir sind die Starren, er zeigt hin auf die bewegliche, offene, lebendige Mitte in unserem Leben, er setzt ein großes, unübersehbares Fragezeichen hinter die großen Namen der Weltgeschichte und ernüchtert damit die vielen kleinen, die in ihrem Schatten stehen möchten. Er weist uns den Meg zur wahren Freude, er warnt uns vor der falschen, weil eben natürlichen, weil gerade in der Reichsgottesarbeit besonders gefährlichen, den Satanssturz darin nicht in seiner letzten, in seiner „eigentlichen“ Bedeutung ermessenden Freude, und er erinnert uns an die wahre Freude, erinnert uns daran, was Jesus für uns bedeutet, erinnert uns, daß Jesu Name auf Erden kund gemacht ist, damit unsre Namen im Himmel ihren Platz und ihr Recht bekämen (bei Paulus heißt das: Glaubens­gerechtigkeit, bei Luther justitia passiva) und wir so das Bürgerrecht im Himmel bekämen.

Hier der vollständige Text von Iwands Predigtmeditation als pdf.

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