»daß wir an ihm bleiben – dem treuen Heiland«! Martin Niemöllers Gedenkrede über Paul Schneider von 1964

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Grabstele für Paul Schneider (Wilhelm Groß, 1939, Evangelische Kirche Dickenschied)

Vor 80 Jahren, am 18. Juli 1939, wurde Pfarrer Paul Schneider im Konzentrationslager Buchenwald ermordert. 25 Jahre später hielt Martin Niemöller die Gedenkrede in Dickenschied:

»Wo kommen wir her? – Wo stehen wir? – Wohin gehen wir?«

Gedenkrede zum 25. Todestag von Pfarrer Paul Schneider (ermordet am 18. Juli 1939 im Konzentrationslager Buchenwald)

Von Martin Niemöller

Der Name Paul Schneider, ihr lieben Männer und Brüder, ist für uns, die wir heute zum Gedenktag hier in Dickenschied versammelt sind, etwas anderes als der Name eines verehrten Toten, der vor 25 Jahren von uns genommen wurde und der es verdient, nicht so bald von uns vergessen zu werden. Natürlich ist er das auch; und wehe uns, wenn wir’s nicht wüßten; wehe uns, wenn wir die Erinnerung an ihn vom Ge­strüpp des Vergessens überwuchern ließen. Denn das würde bedeu­ten, daß wir den Maßstab verloren hätten für das, was wahrhaft echt und wesentlich ist; denn dieser Name steht – mit einigen anderen Na­men – als ein Zeichen der Hoffnung inmitten einer Welt und Mensch­heit, in der so gut wie keine Hoffnung mehr lebt und wächst, als ein Zeichen der Zuversicht in einer Zeit, in der das Leben ohne Kompaß und Steuer dahintreibt und nicht ahnen läßt, wann und wo es stranden und untergehen wird. Wir, die wir Paul Schneider und sein Ringen miterlebt haben, werden ihn nicht vergessen; und wir würden’s auch [23] dann nicht können, wenn wir’s wollten, wenn uns auch die Erinnerung an ihn so tief an Herz, Seele und Gewissen greift, daß wir manchmal wirklich vergessen möch­ten. Es geht aber nicht, und es darf nicht sein! Die Frage ist nur die, wohin uns ein solches Erinnern bringt, ob es tat­sächlich nur das Gedenken an einen lieben Bruder, einen Weg- und Kampf- und Leidensgenossen einer vergangenen Epoche bleibt oder ob dieses Gedenken uns heute – wenn auch in abgewandelter Form – die Fragen von damals wieder lebendig werden läßt, so daß wir aufs neue Antwort geben müssen, wenn anders wir dem Freund und Bru­der offen ins Auge blicken wollen, ohne in Scham zu erröten, wie es wohl jedem unter uns Alten geht, wenn wir wieder einmal das Buch vornehmen und legen, in dem der »Prediger von Buchen­wald« vor uns hintritt. Wir sind es doch wohl den Jüngeren und vor allem der Jugend schul­dig, ihnen Rechenschaft darüber zu geben, was dies Ringen, Kämpfen und Leiden heute und morgen ihnen wie uns zu sagen hat.

»Wo kommen wir her – wo stehen wir – wohin gehen wir?« Das war einmal das Thema eines Vortrages, den Heinrich Held, Paul Schnei­ders Amtsbruder und Mitstreiter, in jenen Jahren gehalten hat, um Klarheit über unsere Verantwortung zu gewinnen, über die Verant­wortung, die einer bekennenden Kirche auferlegt war und die ihren Weg begleitete und bestimmte. Wir werden gut und recht daran tun, wenn wir uns diesen Fragen aufs neue stellen; sie wollen unsere Ant­wort! Wo kommen wir her? Es ist wohl zu verstehen, daß wir das Ver­gangene am liebsten vergangen sein lassen; denn es spricht nur zu deutlich und zu erschreckend von dem, was inmitten unseres Volkes geschehen ist, wie hier alle Schutzdeiche brachen und eine un­vorstell­bare Sturmflut der Unmenschlichkeit sich über ein ganzes Volk ergoß, das sich seiner sittlichen Grundlagen sicher geglaubt hatte. Es war wahrhaftig eine Sturmflut, die mit einem Mal hereinbrach und so plötzlich und unerwartet, daß man es gar nicht recht begriff und erst gewahr wurde, als es bereits geschehen war. Dabei begann es so scheinbar harmlos und unter ausdrücklicher Anerkennung des – wie es hieß – »christlichen« Grundcharakters unserer Kul­tur und unseres Geisteslebens, daß nur ganz wenige wache Gemüter eine Vorah­nung empfan­den von dem, was kommen würde; und ihre Warnungen wur­den in den Wind geschlagen. Die Christenheit schlief und regte sich nicht; Menschen, die der politischen Ent­wicklung hem­mend oder hin-[24]dernd hätten den Weg sperren können, verschwanden hinter Mauern und Stacheldraht. Man sprach davon nicht; es waren ja keine Christen, man sorgte sich auch nicht um die Judenhetze, weil man in den Kirchen vollauf mit der Deich-Sicherung im eigenen Be­reich zu tun hatte, bis es dann zu spät war. Der Christus, den die Kirche verkün­digte, der Jude Jesus aus Nazareth, erwies sich als unbrauchbar für die nationalsoziali­stischen Zielsetzungen trotz aller Umdeutungsversuche, die die soge­nannten »Deutschen Christen« bis hin zur Auf­gabe des alttestamentlichen Zeugnisses vornahmen. Die Zeit des Bekennens oder Verleug­nens war gekommen; und so entstand denn die Bekennende Kirche, und in ihren Rei­hen fand auch Paul Schneider seinen Platz. So wan­derte er den Weg in der Nachfolge Jesu »hinauf gen Jeru­salem«; es war der Weg des Leidens, wo ihm zunächst in der eigenen Ge­meinde Hochelheim die Herberge versagt wurde wie seinem Meister in jenem samaritischen Dorf, wohingegen die neuen Gemeinden Dickenschied und Womrath ihn als Hirten und Pre­diger in Liebe aufnah­men und ihm bis zu seinem Golgatha die Treue hielten. In jenen Jah­ren lernte er, was die gesamte Bekennende Kirche damals lernen mußte, weil es in der ganzen Kirche in Vergessen­heit geraten war, daß nämlich der Haß der Welt und der weltli­chen Gewalten für die Gemein­de Jesu Christi das Normale ist: »Ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Na­mens willen« und »Man wird euch vor Fürsten und Könige führen um meinetwillen zum Zeugnis über sie!«

Und dies Zeugnis wurde in den Jahren von Paul Schneider und vie­len anderen Pastoren und christlichen Gemeindegliedern ausgerichtet ohne Rücksicht auf die unvermeidlichen Folgen, die ja schließlich 1937 mit der Verbringung ins KZ die letzte Station seines Leidenswe­ges erbrachten. »Zum Zeugnis über sie!« Und wie hat er dort in Buchenwald dies Zeugnis ausge­richtet, Sünde Sünde genannt und Mord Mord, und zugleich den Sünderheiland verkündigt, der spricht: »Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Fin­sternis!« Dann kam das Ende am 18. Juli 1939, das Kreuz und das Sterben in der Nach­folge und in der Gemeinschaft des Herrn Jesus Christus, in einer Zeit, in der Bekennermut selten wurde und in der das Zeugnis des Märtyrers den schwachen Glauben stärkte und am Leben hielt, daß wenigstens das Gebet des Glaubens die böse Stunde über­dauerte und die Herzen sich nicht verhärten konnten, sondern offen-[25]blieben für den Ruf: »Her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!«

Da kommen wir her: Aus einer Zeit, da alle Hoffnung und Zuver­sicht geschwunden war und in der die Sünderliebe Jesu Christi die ein­zige Zuflucht für eine Gemeinde geblieben war, die zum Bekennen nicht mehr den Mut aufbrachte und nur noch einen Trost wußte, den aber auch erfuhr: »Glauben wir nicht, so bleibt er treu; er kann sich selbst nicht verleugnen!« Als Paul Schneider am 21. Juli 1939 hier in Dickenschied beerdigt wurde, da ging noch einmal ein Geisteswehen durch die Kirche Jesu Christi: »Hier ist Geduld und Glaube der Heili­gen!« Doch bald danach folgte der Ausbruch des Krieges, der der grauenvollsten Unmenschlichkeit die Zügel schießen ließ und alle Schranken niederriß. Der Weltuntergang und das Jüngste Gericht schienen gekommen zu sein; damals wagte niemand mehr Antwort zu geben auf die Frage: »Wo stehen wir?« Wir standen ja nicht, sondern lagen am Boden und erwarteten das Ende, das vielen von uns damals als eine Erlösung vorkommen wollte. Gott hat es anders gefügt: Ein neuer Anfang wurde gemacht, Ruinen wurden wieder aufgebaut, der Hunger wur­de vertrieben, Wohlstand kehrte wieder ein, und das Got­tesgericht geriet in Vergessenheit. Und wir? Wo stehen wir, die christ­liche Kirche, die Gemeinde Jesu Christi? Nicht so übel; man wirbt um uns; von Verfolgung ist keine Rede, jedenfalls nicht in unserer »freien Welt«. Aber ob Paul Schneider sich in der heutigen Christenheit wohl und geborgen fühlen würde, ob er hier der Gegenwart und der freund­lichen Zustimmung seines Herrn und Meisters getrost und gewiß sein würde? Was ist denn übriggeblieben von der Gemeinde, die sich allein und ganz von ihm gehalten und geführt wußte? Ich denke, wir alle – liebe Freunde – sind nicht zufrieden und ruhig, wenn wir heute zu­rückdenken, woher wir gekommen sind?! Damals in den Jahren des Bekennens, des Kämpfens und des Leidens, da wußten wir, wohin wir uns zu wenden, woher wir unsere Kraft, unsere Liebe, unsere Zuver­sicht, unsere Hoffnung zu erwar­ten und zu erbitten hatten: Damals war er – Jesus – irgendwie der eine, auf den wir schauten. Ist er’s heute noch? Oder ist er wieder zu dem geworden, der er für den Nationalso­zialismus werden sollte, der Helfer und Beistand zur Erreichung unse­rer eigenen Wünsche und Ziele? Natürlich halten wir diese Ziele für gut und recht, ganz anders als wir über die Ziele Hitlers einmal gedacht [26] haben; aber im Grunde ist es doch das gleiche: Ist er der Herr, nach dessen Willen wir fragen? Oder ist er der Knecht, den wir unseren Wünschen dienstbar sehen möch­ten? Beten wir noch wie einst: »Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!?« Gewiß gibt es hier keine Hal­tung, die uns ein für allemal vor der Versuchung und Verführung si­chert; aber alle »Erfolge« haben nun mal die gefährliche Eigenschaft, unser eigenes Wollen und Planen als Gott wohlgefällig hinzustellen, wo wir doch niemals von der Frage befreit werden: »Herr – denn er ist und bleibt der Herr –, was willst du, daß ich tun soll?« – In der Zeit der Beken­nenden Kirche haben wir einmal – in der Barmer Erklärung vom 31. Mai 1934 – bekannt: »Jesus Christus, wie er uns in der Hl. Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.« Und eben dort sind wir fortgefahren mit dem Bekenntnis, daß dieser Jesus nicht allein Zuspruch Gottes für uns, sondern auch der Anspruch Gottes auf unser ganzes Leben ist.

Wo stehen wir? Ganz gewiß ist dieser zweite Barmer Satz bei uns nicht zur allgemeinen Aner­kennung durchgedrungen; sonst müßten wir ja wohl fragen, ob er wirklich zustimmt und mit­macht bei dem, was wir – verführt durch eine lange gültig gewesene Tradition – in bezug auf Politik und Krieg denken und tun. Daß ein guter Christ auch ein guter Staatsbürger ist, gehört zu unseren Glaubenssätzen ebenso wie das andere Dogma, daß ein guter Christ ein guter Sol­dat sein muß. Niemand hat sich je die Mühe gemacht, das aus der Schrift im Geiste Jesu Chri­sti zu begründen. Hier stehen wir aber – heute! – vor dersel­ben Frage, vor der die Christenheit damals stand (d. h. zur Zeit Hit­lers), ob wir Menschen mehr gehorchen wollen als dem, den wir als un­seren Herrn bezeichnen; es ist die Frage, wer nun eigentlich wirklich Herr und Gott ist! Haben wir aus dem, was uns geschehen ist, unsere Lektion gelernt, oder meinen wir schon wieder, daß wir irgendwo und irgendwie selber den rechten Weg finden und gehen können ohne ihn, der von sich – und von sich allein – sagt: »Ich bin der Weg, die Wahr­heit und das Leben!«? Daran wird’s hängen, was wir auf die letzte und entscheidende Frage zu antworten haben: »Wohin gehen wir?« Es sieht so aus, als hätten wir uns – auch in der Christenheit wie­der – in jene Sicherheit hineingeträumt und hineingewiegt, aus der uns die Sturmflut der un­menschlichen Selbstüberhebung vor 30 Jahren auf-[27]schreckte, weil wir uns auf uns selbst verlassen und mit solchem Zu­sammenbruch nicht gerechnet hatten. Damals fanden wir – wie Paul Schneider – zu ihm zurück, der uns nicht nur liebhat, sondern dem auch alle Macht gege­ben ist im Himmel und auf Erden. Wir gründeten unsere Zuversicht nicht mehr auf unsere christlichen Grundsätze, son­dern auf den Christus Gottes, auf Jesus; wir vertrauten nicht mehr auf unsere Frömmigkeit, auf unsere Religion, sondern auf den Glauben, auf seine persönliche Verbindung mit uns; wir wußten, hier geht es um mehr als um unsere Überzeugung, hier ist er, der uns in seine Nach­folge ruft, weil wir nur bei ihm geborgen sind.

Freilich: Wohin er uns führt, das haben wir nicht zu bestimmen, und wir wissen’s auch nicht, sowenig Paul Schneider es wußte. Da ist ja nur eins not: daß er bei uns ist und wir bei ihm sind! Denn da sind wir auf dem rechten Wege, weil er uns am Ende zum Vater bringt, er, der Erstgeborene, seine vielen Brüder. Auf dem Weg aber dahin haben wir von ihm Zeugnis abzulegen an alle, die unseres Weges kommen, und zu zeigen, daß wir aus und in seiner Liebe dienend leben und damit unser Zeugnis glaubhaft machen, daß wir Gottes Kinder und darum Menschenbrüder sind. Wir wissen den Weg nicht; aber wir ziehen un­sere Straße fröhlich, weil er mit uns geht und wir mit ihm: »Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl!« Wir gehen den Weg nicht leichtfertig und gedankenlos, aber so, wie der heutige Lehrtext uns mit dem Apostelwort tröstend und stärkend sagt: »Gott hat uns nicht ge­geben den Geist der Furcht« – denn die Furcht verlangt nach Macht und steigert die Angst und das Unheil. Er hat uns gegeben »den Geist der Kraft und der Liebe und der Zucht«. Diese Liebe, die Gott an uns wendet und in uns weckt, weiß nichts von gefühliger Schwäche, aber von seiner Kraft: »Sie trägt alles, hofft alles, duldet alles.« Und das gleiche gilt von der Zucht und Disziplin, die Gottes Geist uns verleiht; da ist ruhige und gesammelte Kraft, aber keine Leidenschaft. Das alles gibt es in der Nachfolge Jesu nicht! »Wohin gehen wir?« Das einzige, worauf es an­kommt, Freunde und Brüder, ist das, was Paul Schneider uns als sein Vermächtnis hinterläßt – und es ist wert, tagtäglich neu ge­faßt und getan zu werden: »daß wir an ihm bleiben – dem treuen Hei­land«! Amen.

Gehalten am 5. Juli 1964 in Dickenschied/Hunsrück.

Quelle: Martin Niemöller, Reden, Predigten, Denkanstöße 1964-1976, Köln: Pahl-Rugenstein 1977, S. 22-27.

Hier der Text als pdf.

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