„Die Vielheit der Völker zeigt nicht nur die Mannigfaltigkeit der Schöpferkraft Gottes, sondern auch ein Gericht“ – Gerhard von Rad über den Turmbau zu Babel

Der Turmbau zu Babel (Französischer Meister im Stundenbuch des Herzogs von Bedford 1423)
Der Turmbau zu Babel (Französischer Meister im Stundenbuch des Herzogs von Bedford; 1423).

Am Pfingstensonntag ist die alttestamentliche Lesung die Turmbauerzählung in 1. Mose 11,1-9. Was dazu hat Gerhard von Rad in seinem Genesis-Kommentar 1948 geschrieben hatte, ist immer noch lesenswert:

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel und der Verwirrung der Sprachen (Genesis 11,1-9)

Von Gerhard von Rad

11,1 Nun hatte aber alle Welt einerlei Sprache und einerlei Worte. 2 Als sie nun vom Osten her[1] aufbrachen, fanden sie im Lande Sinear eine Ebene und ließen sich dort nieder. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlan, laßt uns Ziegel streichen und hart brennen. Und es diente ihnen der Ziegel als Stein und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. 4 Dann sprachen sie: Wohlan, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, und uns einen Namen machen, daß wir nicht über die ganze Erde verstreut werden. 6 Da fuhr Jahwe herab, um sich die Stadt und den Turm, den sich die Menschen gemacht hat­ten, zu besehen. 6 Und Jahwe sprach: Siehe, sie sind ein Volk und haben alle eine Sprache, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Nun wird ihnen nichts mehr unmöglich sein, was immer sie sich vornehmen. 7 Wohlan, laßt uns hinabfahren und daselbst, ihre Sprache ver­wirren, daß keiner mehr des anderen Sprache verstehe. 8 So zerstreute sie Jahwe von dort über die ganze Erde, und sie mußten aufhören, die Stadt zu bauen. 9 Darum heißt sie Babel, weil Jahwe da­selbst die Sprache der ganzen Erde verwirrt hat, und von dort hat sie Jahwe über die ganze Erde verstreut.

Dies ist die letzte der großen Erzählungen der jahwistischen Urgeschichte; so hat sie natürlich in dem großen Zusammenhang ihre besondere Bedeutung (s. darüber das Nachwort). Auch sie besteht stofflich aus einem älteren Material, das erst kräftig behauen und umgeformt werden mußte, und auch so fügt sie sich weniger in ihren Einzelheiten als ihrem Hauptgedanken nach in die jahwistische Urgeschichte ein. Hat man in der Völkertafel von der Verzweigung des Stammes Noahs in viele Völker gehört, so stimmt damit der Anfang von Kap. 11 nicht recht zusammen, weil er noch einmal die Einheit und Einsprachigkeit der Menschheit voraussetzt. Doch darf man aus derlei Unebenheiten schwerlich literarische Schlüsse ziehen (etwa auf das Vorhandensein einer Nebenquelle zu J); unser Erzähler hat einzelne überkommene Traditio­nen in großer Freiheit zu einer Urgeschichte zu-[113]sammengeschmiedet, wobei er viel mehr auf die innere theologische Ausrichtung des Ganzen bedacht war als auf eine genaue Abstim­mung der Einzelheiten aufeinander.

11, 1-4 Ursprünglich hatte die ganze Menschheit eine Sprache und einen Wortschatz. Sie kam aber ins Wandern – von wo aus, ist nicht gesagt – da fand sie eine große Ebene, die zum Seß­haftwerden verlockte. Sinear für Babylon vgl. 1. Mose 10,10 u. bes. 14,1,9. Daß wir mit die­sem Anfang in einen ursprünglich selbständigen Erzählungskomplex eintreten, ist mit Händen zu greifen; es fehlt jeder äußere Zusammenhang mit der vorausgegangenen Völkertafel, die ja schon von Einzelvölkern gesprochen und gar das geschichtliche Babylon schon erwähnt hat (1. Mose 10,10). Dieser Eingang verrät nun eine scharfe geschichtliche Beobachtung: Aus großen Wanderungen pflegen die Volkstümer hervorzugehen. Große Verbände geraten rätsel­haft in Bewegung; mit einem Mal treten sie aus der Verborgenheit ihrer bisherigen geschichts­losen Existenz heraus ins Licht der Geschichte und steigen zu kultureller Mächtigkeit auf. Demgemäß nimmt das Seßhaftwerden besondere Formen an. Nicht ließen sie sich nieder, wie sie zuvor waren; sie waren vielmehr auf starken Zusammenschluß bedacht und – auf Ruhm. So begannen sie, mit dem Bau einer großen Stadt und eines Turmes ein Monumentalwerk der Baukunst aufzurichten. Ein großer Eifer, der vitale Optimismus junger Völker, beseelt sie bei diesem riesigen Kulturwerk (vgl. die zweimalige Selbstaufforderung in V. 3f.). So ersteht die Stadt als ein Zeichen ihrer wehrhaften Selbstsicherheit, der Turm aber als ein Zeichen ihres Willens zum Ruhm. Wie geschickt sie in ihrem Erfindertum sind, – sie verwenden Asphalt als Mörtel – zeigt der hebr. Text durch treffende Wortspiele. „Der Effekt ist glänzend, und die Sprache, die nur darauf gewartet zu haben scheint, bestätigt ihn“ (Benno Jacob, Das erste Buch der Tora, Genesis). Das Baumaterial, das sie verwenden, ist zwar das in Mesopotamien Gebräuchliche, ist aber von unserem Erzähler, dem die Verwendung von Stein für größere Bauten selbstverständlich war, doch zugleich mit einer besonderen Absicht erwähnt: So ver­gänglich und unzureichend war das Material, das die Menschen zu ihrem Riesenunternehmen verwendet haben! – Den Satz, daß der Turm an den Himmel reichen solle, darf man nicht pressen; es ist das nur ein Aus­druck für die besondere Höhe eines Bauwerkes (vgl. 5. Mose 1,28). Daß die Menschen den Himmel, die Wohnung Gottes, stürmen wollten (vgl. dagegen Jes. 14,13), ist nicht gesagt. Man wird eher eine Fein­heit der Erzählung darin sehen müssen, daß sie als Motiv dieser Bauten gerade nicht etwas Unerhörtes angibt, sondern vielmehr et­was, das immerhin im Be­reich menschlicher Möglich­keiten liegt, d. h. eben einerseits Zu­sammenfassung ihrer Ener­gien, andererseits die Gewin­nung von Ruhm, d.h. ein naives Groß­seinwollen. Jacob weist aber auch auf das zugrundelie­gen­de Motiv der Ängstlichkeit hin. Es sind also die Grundkräfte dessen, was wir Kultur nennen. Aber schon darin sieht das durch­dringende Urteil unseres Er­zählers eine Auflehnung gegen Gott, einen heimlichen Tita­nismus, oder doch wenigstens – wie V. 6 zeigen wird – den ersten Schritt dazu.

5-7 „Da stieg Jahwe herab!“ Man sollte diese höchst altertümliche Redeweise nicht apologe­tisch abschwächen, nachdem sie der Jahwist unbefangen hat stehen lassen. Es ist trotzdem der Gott der ganzen Welt und der Menschheit, von dem hier geredet wird. Für die Auslegung der Redensart innerhalb des jahwistischen Sinn-[114]zusammenhangs richtig Otto Proksch (Die Genesis): „Nicht weil er kurzsichtig ist, sondern weil er riesenhoch wohnt und ihr Werk so winzig ist, muß er sich nähern. Der Zug muß also als eine großartige Ironie auf das Tun des Menschen verstan­den werden.“ Gottes Auge sieht schon das Ende des Weges, den die Menschheit mit diesem Tun angetreten hat, die Möglichkeiten und Versuchungen alle, die eine solche Zusammenbal­lung aller Kräfte enthielt. Eine Menschheit, die sich nur noch in sich verbunden weiß, hat die Hände zu allem, d. h. zu jeder Maßlosigkeit frei. So ist es wohl ein strafendes, aber doch zu­gleich auch ein vorbeugendes Tun, zu dem sich Gott nunmehr ent­schließt, um bei der sicher immer weiter fortschreitenden Entartung nicht noch härter strafen zu müssen. Hieß es bei den Menschen „wohlan wir wollen“, so heißt es nun auch bei Gott „wohlan wir wollen“. Das „Wir“ im Munde Gottes setzte wohl einmal die Vorstellung eines Pantheons voraus, eines Götterrates. In Israel dachte man an die Ratsversammlung des himm­lischen Königs, jene viel­leicht volkstümlichste Vorstellung von Gott im Alten Testament (vgl. besonders 1. Kön. 22,19f.; Hiob 1,6).

8-9 Nun zerschlägt Gott die Einheit der Menschheit; er verwirrt ihre Spra­che, so daß die Men­schen, die sich nun nicht mehr verstehen, auseinan­der­gehen müssen. So ist die Menschheit „zerstreut“, d. h. in eine Vielzahl einzelner Völker auf­geteilt worden. Aus dem Namen der Stadt hört man noch heute eine Erini1erm1g an jenes ur­geschichtliche Ge­richt Gottes heraus. Diese Deutung des Wortes Babel („Gemenge“ von bālal = umrühren, ver­mengen) ist natür­lich etymologisch unzutreffend, sie ist frei vom Volksmund erdacht, denn Babel heißt: Pforte Gottes.

Zum formalen ist zu bemerken, daß die Erzählung möglicherweise aus zwei einander sehr ähnlichen Varianten zusammengewoben ist, nämlich einer Turmbaurezension (die Menschheit baut einen Turm, um sich einen Namen zu machen) und einer Stadtbaurezension (baut eine Stadt, um sich nicht zu zerstreuen; dementsprechend verwirrt Gott ihre Sprache, – zerstreut sie über die Erde); – doch wird dies neuerdings wieder bestritten und Einheitlichkeit behauptet. Inhaltlich werden wir sie zunächst als eine ätiologische Sage bezeichnen; sie will erklären, wie es denn zu der Vielzahl der Völker und ihrer Sprachen kam; sie will aber auch den Namen Babel erklären. Diese doppelte ätiologische Zuspitzung zeigt, daß schon der Jahwist die Er­zählung in einer vergleichsweise späten und komplizierten Fassung übernommen hat. Von ihm stammen diese Ätiologien gewiß nicht (über seine Ätiologie s. S. 117f.). Wir werden in dem Nachwort zur Urgeschichte sehen, daß er der Geschichte diese innere Ausrichtung zwar nicht genommen, ihr aber doch im Zusammenhang des Ganzen der Urgeschichte einen beson­deren, umfassenderen Sinn gegeben hat.

Die Sage von der Sprachverwirrung beschäftigt sich mit einem geschichtlichen Phänomen, das sich ihr in der Weltstadt Babylon konkretisiert; aber sie stammt selbst gewiß nicht aus Babylon, sondern sie zeigt Gedanken, die sich Fremde über Babylon gemacht haben. Babylon war in alten Zeiten, besonders im 2. vorchristlichen Jahrtausend, das Herz und Machtzentrum der alten Welt (Hammurapi 1728-1686), und die Ausstrahlungen seiner Kultur gingen weit hinaus in die Nachbarländer. So hatte man auch in Palästina sagenhafte Kunde von seinen kul­turellen [115] Riesenleistungen, besonders von den mächtigen Stufentürmen, in denen sich der zusammengeballte Kulturwille dieses starken Volkes ein bleibendes Denkmal geschaffen hat. Sie waren (als stilisierte Götterberge?) Kultgebäude riesigen Ausmaßes; ihre Reste finden sich heute noch im Bezirk verschiedener Heiligtümer des Landes, und ihre ursprüngliche Ge­stalt läßt sich auf Grund akkadischer Angaben und eines Berichtes von Herodot (I 178ff.) mit leidlicher Sicherheit rekonstruieren. Ein (allerdings nicht unbestrittener) Versuch von E. Un­ger in: ZAW 1928, 162ff.; vgl. auch AOB Nr. 473. Auch in Babylon stand eine solche Zik­ku­rat (Etemenanki), ein Wunderwerk aus buntglasierten Ziegeln, 91,5 m hoch, mehrfach restau­riert (gegründet „an der Brust der Unterwelt“, „seine Spitze soll bis an den Himmel reichen“), und wahrscheinlich steht unsere biblische Erzählung mit ihr in fernem Zusammen­hang. Etwas anders verhielte es sich, wenn das migdāl (L: „Turm“) in V. 4f. gar nicht mit „Turm“, sondern mit „Burg“, „Akropolis“ zu übersetzen wäre[2], was aus dem Alten Testament auch mannigfach zu belegen ist (Ri 8,9; 9,46f.; Jes.2, 15; 2. Chron. 14,6 u.ö. Mesainschrift Zeile 22). Von Be­festigungen „bis in den Himmel“ 5. Mose 1,28; 9,1. Diese Deutung ist diskutabel, denn über den eigentlichen Zweck des Gebäudes (Profanbau? Sakralbau?) macht die Sage keinerlei An­gaben. Dann läge der Sinn mehr in einem Übergang der Menschheit zu einner kollektiven Wehrhaftigkeit. Indessen wäre auch dann anzunehmen, daß sich die Sage auf eine ferne Kun­de von einem Riesenbau in Babylon bezieht, und das war eben vornehmlich die Zikkurat Ete­menanki. Die Sage sieht jedenfalls in einer solchen Machtentfaltung etwas Widergöttliches, eine Auflehnung gegen den Höchsten; wie denn Babylon an manchen Stellen des Alten Testaments als der Inbegriff der sündlichen Überheblichkeit genannt ist (Jes. 13,19; 14,13; Jer. 51,6ff.). Ja, es scheint, als habe die Erzählung in ihrer ältesten Fassung den Bau des Turmes geradezu als eine Gefahr und Bedrohung der Götter dargestellt. Die jahwistische Bearbeitung hat diesen Zug getilgt. Im Gegenteil, es ist jetzt ein Zug überlegener göttlicher Ironie dem Ganzen beigemengt: „Der im Himmel thront, lacht ihrer“ (Ps.2,4). Allerdings hat diese Umprägung des alten Stoffes zur Folge, daß nunmehr in der Erzählung das, worin nun eigentlich die Sünde der Menschen bestand, doch nicht mit der letzten Deutlichkeit ausgespro­chen ist, und demgemäß hat das Eingreifen Jahwes mehr vorbeugenden Charakter. Die Ge­schichte ist in ihrer Jetztgestalt vor allem aus dem großen urgeschichtlichen Zusammenhang heraus zu verstehen, in den sie der Jahwist eingeordnet hat. Im Grunde handelt sie nämlich gar nicht mehr von Babylon und den Eindrücken, die diese Weltstadt auf Menschen gemacht hat. Wie bei der Sage von Kain (Keniter), so ist auch hier das Historische und zeitgeschichtlich Bedingte abgestreift und der alte Sagenstoff ist ins Universale und Urgeschichtliche ausge­wei­tet worden. Was die Erzählung darstellt, ist etwas Urmenschliches überhaupt; sie zeigt, wie die Menschen in ihrem Streben nach Ruhm, Zusammenschluß und eigener Kraftentfal­tung sich gegen Gott gestellt haben; aber es ist eine Strafe über sie gekommen: Sie, die so sehr auf Einheit und Zusammenschluß bedacht sind, leben nun zerstreut in einer Wirrnis, in der sie sich nicht mehr verstehen können. So wird hier wohl auch ein Stück menschlicher Kulturge­schichte gegeben, – Babylon wird hier als der Ursprungsort [116] aller Kultur angesehen – jedoch nicht um ihrer selbst willen, sondern eine Kulturgeschichte, in der die Auflehnung der Menschen gegen Gott sichtbar wird, und in der sich ein Gericht Gottes ereignet hat. – Wir sagten schon, daß der innere Anschluß dieser Erzählung an die vorausgehende Völkertafel locker ist. Diese Geschichte von der Zerstreuung der Menschheit in viele Völker beginnt eigentlich noch einmal bei dem Einsatzpunkt der Völkertafel und geht ihr gewissermaßen ein Stück parallel, denn auch sie will die Aufteilung der Menschheit in viele Völker erklären. Beide Abschnitte müssen nebeneinander gehört werden, weil sie gewiß mit Absicht trotz ihrer Gegensätzlichkeit nebeneinandergestellt sind. Die Vielheit der Völker zeigt nicht nur die Mannigfaltigkeit der Schöpferkraft Gottes, sondern auch ein Gericht; denn die Wirrnis in der Völkerwelt, die unsere Erzählung als das traurige Endergebnis hinstellt, war nicht gottgewollt, sondern sie ist eine Strafe für die sündliche Auflehnung gegen Gott. In diesem Endergeb­nis geht die Geschichte von der Sprachverwirrung natürlich weit über das von der Völkerta­fel gezeichnete Bild hinaus.

Quelle: Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose – Genesis übersetzt und erklärt, ATD 2/4, Göttingen 91972, S. 112-116.

[1] Oder „nach Osten“? (O.E. Ravn, in: Ztschr. d. Dt. Morgenländ. Gesellschaft 1937, S. 354; auch Benno Jacob, Das erste Buch der Tora, Genesis z.St.); vgl. 1. Mose 13,11.
[2] O.E. Ravn, a.a.O. S. 352ff.

Hier der Text als pdf.

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